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Für die
hauseigenen Exoten ist nun Beat Decker verantwortlich, der vor
einigen Jahren bereits mit seinen Seelöwen in der Pinder-Manege
zu erleben war. Decker hat die in den vergangenen Jahren von
Sacha Houcke trainierte Exotendressur umgestellt. Zunächst zeigt
er eine Freiheit mit sechs Kamelen. Danach kommen weitere Tiere
hinzu. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn zwei Lamas über drei an
der Piste abliegende Kamele springen, während in der Mitte drei
Kaltblüter im Kreis laufen. Dazwischen stehen auf Podesten drei
Esel und ein Zebra. Die beiden hauseigenen Elefanten sind
aktuell nicht mit auf Tournee und die wohl ursprünglich
vorgesehene Dickhäuter-Nummer von Joy Gärtner sitzt nach wie vor
in Marokko fest.
  
Beat Decker,
Frederic Edelstein, Christophe Traux
Somit ist es
derzeit an Beat Decker, insbesondere aber an Juniorchef Frederic
Edelstein, den Untertitel des Programms „Les animaux sont rois“
(„Die Tiere sind die Könige“) umzusetzen. Und das tut er sehr
eindrucksvoll. Nach wie vor versammelt er nicht weniger als 16
Raubtiere im Zentralkäfig, Die Gruppe aus Löwinnen, Löwen und
Tiger besticht nicht nur durch die Größe, sondern ebenso durch
ein beachtliches Trickrepertoire. Hochsitzer auf den Plätzen von
jeweils einer Hälfte der Gruppe, der Fächerlauf einer
Löwengruppe und das Überspringen des am Boden knienden
Tierlehrers durch eine der Löwinnen sind nur einige der
gezeigten Kunststücke. Edelstein ist der unbestrittene Star des
Programms. Die zahlreichen Autogrammwünsche seiner Fans nach der
Show erfüllt er mit sichtbarer Freude; ein Star ohne Allüren. Ob
wir ihn auch im kommenden Jahr in Frankreich erleben können, ist
noch nicht entschieden. Ringling sei in der Tat an ihm
interessiert. Eine Entscheidung oder gar einen unterschriebenen
Vertrag gebe es aber noch nicht, so Edelstein gegenüber
chapiteau.de. Zwar möge er Amerika sehr, andererseits hänge er
aber auch am Circus der Familie. Wir werden sehen, wie die
Entscheidung letztendlich ausfällt.
  
Kuba-Truppe, Shaolin Mönche
Die Mitwirkenden
im artistischen Teil decken nahezu die gesamte Spanne des
Erdballs von West nach Ost ab. Aus Kuba kommt einen vielköpfige
Akrobatentruppe, aus China fünf Shaolin-Mönche. Die Kubaner sind
mit drei Auftritten dabei. Zu acht eröffnen sie als Compagnie
Habana das Programm mit einer interessanten Kombination aus zwei
Reckstangen in der Mitte der Manege sowie zwei am Boden
montierten Fangstühlen auf den beiden Seiten. Am Reck zeigen sie
Sprünge und Umschwünge mit bis zu vier Personen gleichzeitig, an
den Fangstühlen gibt es Handvoltigen. Dabei tragen sie
Show-taugliche Jeans und schwarze Oberteile. In für dieses Genre
typischen Outfits erleben wir sie vor der Pause am Flugtrapez.
Im Repertoire haben sie u.a den Dreifachen und eine Passage. Die
Präsentation der vier Flieger (jeweils zwei Damen und Herren)
und des Fängers erscheint vergleichsweise zurückhaltend. Das
ändert sich wiederum bei der vorletzten Nummer des Programms.
Wie auch schon bei der Eröffnung, sorgen die Kubaner bei den
Flügen von der Russischen Schaukel für ordentlich Stimmung.
Diesmal zu zehnt in bunten, folkloristisch inspirierten
Kostümen. Noch einmal überzeugen sie mit ihrem artistischen
Können und ihrem Showtalent. Im Gegensatz dazu geht es bei den
Shaolin-Mönchen ruhig zu. Nur die Ausführung der Tricks selbst
wird oftmals von einem Schrei begleitet. Etwa wenn sich einer
der Akteure ein Metallteil auf dem Kopf zerschlägt. Bevor sich
die Chinesen mit Peitschenknallen verabschieden, balancieren
vier von ihnen den fünften auf Speeren.
  
Yurie Basiul, Mila
Decker, Georgio
Drei Solisten und
ein Duo komplettieren in der von uns besuchten Vorstellung die
Sparte Artistik. Die Equilibristin Gina Giovannis erleben wir
leider in der ersten von an diesem Tag insgesamt drei Shows
nicht. Den Diabolospieler Georgio sahen wir im vergangenen Jahr
beispielsweise im Circus Alberto Althoff. Zunächst in
Schottenrock und Karo-Kappe, dann als Punk, jagt er seine
Diabolos bis direkt unter die Kuppel. Effektvoll startet er mit
zwei leuchtenden Requisiten. Abschließend hält er drei Diabolos
gleichzeitig in der Luft. In die Luft geht es auch für Mila
Decker, die Tochter von Beat Decker. Wie
bei Pinder schon des öfteren gesehen, wird der Abbau des
Zentralkäfig mit einer Darbietung am Luftring überbrückt. Mila
löst diese Aufgabe wunderbar mit einem hohen Maß an Gelenkigkeit
sowie elegant dargebotenen Tricks, bei der sie ihr langes
schwarzes Haar effektvoll wehen lässt. Spätestens durch sein
letztjähriges Engagement beim Zirkus Charles Knie hierzulande
bekannt ist Equlibrist Yurie Basiul. Seine Darbietung ganz in
Weiß ist durch fließende Bewegungen gekennzeichnet, wodurch die
im Programmheft genannten „Momente außergewöhnlicher Poesie“
entstehen. Der Equilibristik hat sich ebenfalls das Duo Solys
verschrieben. Die Teilnehmer der französischen Version des
„Supertalents“ haben die übliche Rollenverteilung umgedreht. Das
heißt, wir erleben hier eine Unterfrau und einen Obermann. Das
Ganze wird sehr ästhetisch vorgetragen und ist in eine
wunderbare kleine Choreographie in Weiß eingebettet. Die Tricks
sind größtenteils außergewöhnlich und innovativ. Ihren
Schlusstrick gestalten sie unter Einbeziehung einer kleinen
Ausgabe des Eiffelturms und haben spätestens damit die Franzosen
auf ihrer Seite.

Das bei Pinder
obligatorische Clowns-Entree liegt in diesem Jahr in den Händen
der Cardinalis. Die beiden Auguste im gepflegten Kostüm liefern
sich unter Anleitung der gestrengen Dame im Trio ein Boxmatch.
Danach sorgen die Portugiesen mit Saxophon, Trompete und Gitarre
für die einzigen Sequenzen Livemusik im Programm. Ansonsten
kommt die Musik aus der Konserve und wird, ebenso wie das
einfach gehaltene, aber kräftige Licht, nur bedingt zur
Aufwertung der Show eingesetzt. Musikalisch dürfen es auch
durchaus mal Vokalstücke sein. Wie zum Finale, bei dem sich alle
Mitwirkenden zum WM-Hit 2010 „Waka Waka“ vom Publikum
verabschieden. |