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Cirkus Brazil Jack - Tour 2022
www.braziljack.se ; 134 Showfotos

Stockholm, 16. Juli 2022: 2017 hatte ich den Cirkus Brazil Jack das letzte Mal besucht. Das Wiedersehen nach fünf Jahren bringt eine Fülle an Veränderungen. Das Unternehmen der Familie Rhodin ist kaum wiederzuerkennen und ist sich im Kern doch treu geblieben. In den vier Jahren dazwischen wurden zwei Saisons gespielt und zwei aufgrund von Corona ausgesetzt. Zunächst fällt natürlich das neue Spielzelt auf. Das in die Jahre gekommene rote wurde durch ein fabrikneues, größeres ersetzt. Es ist rot-gelb gestreift und wird von vier Hauptmasten sowie Sturmstangen getragen.

Das Chapiteau wird durch passende Vorzelte ergänzt. Sowohl für die kalte als auch für die warme Jahreszeit. Das größere der beiden in Stockholm aufgebauten Zelte im Eingangsbereich beinhaltet eine Fotowand, vor der man sich Celebrity-like ablichten kann. Die Fotos auf Facebook oder Instagram hochgeladen sorgen für authentische, kostenfreie Werbung.


Cirkus Brazil Jack in Stockholm

Eine Kasse ist nicht dabei. Die Zuschauer kaufen ihre Tickets zuvor online oder mobile. Die Kontrolle beim Einlass erfolgt dementsprechend elektronisch. Wer trotzdem ohne Eintrittskarte erscheint, kann eine solche am Restaurationswagen erwerben. Hier fallen die großen verglasten Kühlschränke vor der Rückwand besonders ins Auge. Der Verkauf erfolgt bargeldlos. Die Waren werden mittels Tablet erfasst, der Kunde legt seine Bankkarte oder sein Smartphone auf ein kleines, daran angeschlossenes Lesegerät. Das geht schnell, wird von allen Zuschauern akzeptiert und vermeidet das lästige Abzählen von Bargeld. Der Absatz brummt an diesem Samstagnachmittag mit zwei bestens besuchten Vorstellungen.


Blick in den Innenraum

Im Inneren des Chapiteaus erwartet die Gäste ein neuer Sitzkomfort. Die Holzbänke ohne Rückenlehne wurden durch ein Gradin mit Klappsitzen ersetzt. Es hat neun Reihen und wurde vom dänischen Cirkus Arena erworben, wo es nur sporadisch zum Einsatz kam. Ergänzend gibt es zwei Stuhlreihen in den Logen. Blickfang aber ist der neue Artisteneingang, der dem Roncalli-Stil nachempfunden ist. Rote Vorhänge und mit Glühbirnen besetzte Bögen bilden die Basis. Hinzu kommen die beiden bekannten Figuren in Gold sowie ein neues, üppig leuchtendes Logo des Cirkus Brazil Jack. Ein Orchester sitzt aktuell leider nicht über der Gardine, was dem Krieg gegen die Ukraine und den damit verbundenen Restriktionen geschuldet ist. Erweitert wurde das ohnehin schon fulminante Licht.


Trolle Rhodin und die Wolf Brothers

Begrüßung und Verabschiedung in der Manege übernimmt nun Trolle Rhodin. Vor fünf Jahren hatte diese Rolle noch seine Mutter Carmen inne. Überhaupt vertritt der Juniorchef das Unternehmen nun nach außen. Er ist auf Plakat sowie Homepage zu sehen und präsentiert sich eloquent in den Medien. Verabschiedet hat sich der Cirkus Brazil Jack von Tierdarbietungen, die vorher stets in hoher Qualität zu erleben waren. Denken wir etwa an Rosi Hochegger, die Saabels oder die Familie Donnert. Insbesondere die Vorgaben für die besuchten Plätze haben diesen Schritt notwendig gemacht. So liegt während der ganzen Vorstellung der Manegenteppich auf dem Rasen im roten Ring. Geblieben sind die zumeist hochwertigen artistischen Darbietungen sowie die ungemein stimmungsvolle Atmosphäre des Nummernprogramms. Der Ablauf wurde gestrafft. Auf ein Kompliment des gerade aufgetretenen Artisten folgt direkt der nächste Auftritt. So dauern die beiden Hälften des Programms jeweils rund 35 Minuten.


Wolf Brothers, Sage Macaggi, Susan Jasters

Das Warm up übernehmen die Wolf Brothers. Sie bestreiten ihre vierte Saison bei diesem schwedischen Circus. Schon beim Einlass sind sie in Livrees präsent. Vom Eingangsbereich begeben sie sich in die Manege und animieren die Gäste zum lautstarken Klatschen. Sodann betritt Trolle Rhodin das Scheinwerferlicht und begrüßt das Publikum. Der angekündigte Starartist am Trapez hat leider Pech mit der Technik. Sein Arbeitsgerät bleibt auf halber Höhe stecken. Hilfe naht in Form eines Requisiteurs. Aus der angekündigten Sensation wird eine turbulent-artistische Komödie, denn wir erleben die komische Trapeznummer der Wolf Brothers. Mit roten Hüten jongliert Sage Macaggi. Der jugendliche Italiener hat sich mit der Spezialisierung auf einen Gegenstand eine originelle Abgrenzung zu den meisten anderen Darbietungen des Genres geschaffen. Äußerst versiert lässt er die Kopfbedeckungen in immer anspruchsvoller werdenden Varianten durch die Luft fliegen. Dies stets mit einem verschmitzten Lächeln. Da sich Maxim, der Partner von Maria Shevchenko, verletzt hat, muss die gemeinsame Luftnummer an den Strapaten aktuell pausieren. Dafür springt Susan Jasters mit ihrer sinnlichen Kürn an Tüchern ein. An zwei weißen Stoffbahnen fliegt sie elegant unter der Kuppel. Hinzu kommen verschiedene Einwicklungen, dank derer sie immer wieder neu Richtung Boden gleitet.


Wolf Brothers, Senayt Assefa, Mesa Brothers

Als Torrero sucht Richard Wolf nach einer Flamencotänzerin. Das Kleid hat er dabei, die Dame fehlt noch. Im Publikum wird er nicht fündig, doch Bruder David hat genau die passenden Maße. So wird dieser zur Senorita. Doch das Kleid hat noch eine Innenseite. Mit dieser wird David auf allen Vieren zum Stier. So ergeben sich herrlich witzige Szenen. Die Black Diamonds verließen den Cirkus Brazil Jack während der laufenden Saison. So gibt es vor der Pause statt ihrer Partner-Equilibristik die Kontorsionsdarbietung von Senayt Assefa. Sie zeigt sehr ästhetisch, wie ungemein biegsam ihr Körper ist. Die junge Dame scheint wirklich keine Knochen zu haben. Schwierigste Figuren meistert Senayt Assefa mit einem Lächeln. Den zweiten Teil eröffnen Jordan Mesa und Partner auf dem Hochseil. Die beiden Artisten erklimmen die gegenüberliegenden Plattformen über das Schrägseil. Oben angekommen beweisen sie ihren außergewöhnlichen Gleichgewichtssinn. Das Balancieren auf Stühlen, das Überspringen des Partners und der Zwei-Mann-Hoch gehören zu ihrem Repertoire. Diese und weitere Aktionen sorgen für ordentlich Nervenkitzel beim Publikum.


Maria Shevchenko

Entspannung bringen sodann die Wolf Brothers mit ihrer eigenen Version der Schleuderbrett-Comedy. Hier muss sich kein Zuschauer auf den Sprungturm stellen, hier bricht kein Holzbrett entzwei. Die beiden rocken die Nummer ganz alleine. Da Richard zu leicht ist, um seinen Bruder in die Luft zu katapultieren, wird kurzerhand ein 100-Kilo-Boxsack zu Hilfe genommen. Und schon klappt es mit dem Salto von David. Schwungvoll geht es weiter mit den Skating Jasters. Susan Jasters und Dimerson Baeta Neves zeigen auf Rollschuhen rasante Tricks, die einen schon vom Zusehen schwindelig machen. Etwa wenn Dimerson Susan an jeweils einem Arm und Bein hält und sie im Kreis über die runde Plattform fliegen lässt. Der Nackenwirbel bildet das Finale. Wenn sich die Wolf Brothers als Kraftmenschen produziert haben, gehört die Aufmerksamkeit der Zuschauer Maria Shevchenko. Mit ihrer ganz in rot gehaltenen Luftakrobatik an Bändern zieht sie die Gäste vollkommen in ihren Bann. Es ist eine traumhafte Kür mit höchsten Schwierigkeitsgraden. Dazu gehören der freihändige Spagat zwischen zwei Schlaufen und der Nackenhang in einer. Wenn sie mit einem Fuß kopfüber an einer Schlaufe hängt, schafft es Maria Shevchenko noch, sich das andere Bein hinter den Kopf zu biegen. Dazwischen gibt es wunderbar ausgeleuchtete Flugszenen. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen beim diesjährigen European Youth Circus, wo Shevchenko beste Chancen auf einen der Hauptpreise haben dürfte. Im folgenden Finale versammeln sich alle Mitwirkenden in der Manege. Nachdem er eine Feuersäule Richtung Kuppel gespuckt hat, spricht Trolle Rhodin die Abschiedsworte. Im Epilog zündet die aus der Ukraine stammende Maria Shevchenko eine Kerze auf einem Tisch in der Mitte der Arena an, um danach mit dem weiteren Ensemble hinter dem Vorhang zu verschwinden. Bereits vor Shevchenkos Auftritt greift Trolle Rhodin in einer Moderation die aktuelle Situation in der Ukraine auf. Für meinen Geschmack an dieser Stelle etwas zu viel an Pathos, so wichtig die Sensibilisierung für diesen grausamen, unsinnigen Krieg bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch ist.

Alles in allem ist der Besuch beim Cirkus Brazil Jack nach fünf Jahren eine große Freude. Das Unternehmen der Familie Rhodin hat sich prächtig entwickelt. Die Show ist trotz einiger Wechsel während der Saison wunderbar besetzt und hat wie immer spannende Highlights zu bieten. Das Lichtdesign zaubert wieder eine ganz besondere Magie. Bei aller Freude an einer temporeichen Show könnte man den Artisten durchaus noch ein zweites oder drittes Kompliment zugestehen. Die Vorstellung wäre dadurch länger, ohne langatmig zu wirken. Das Publikum im an diesem Samstag zweimal bestens besetzten Rund jedenfalls feiert die Akteure lautstark und langanhaltend. Die Stockholmer sind begeistert.

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Text und Fotos: Stwfan Gierisch