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Circus Medrano Maximus - Tour 2023
www.circusmedrano.ch ; 84 Showfotos

Stein am Rhein, 12. März 2020: Seit Oktober 2020 tritt der Tessiner Davide Trentinti mit seiner Firma Dreamland Event als Circusunternehmer in der Schweiz auf. Mangels eigenem Zelt schickte er zunächst den italienischen Circo Citta di Roma der Familie Bizzarro als Circus Picard auf Tour. Als Sprechstallmeister, Büromitarbeiter und an der Kasse agierte der ehemalige Royal-Direktor Oliver Skreinig. Seit Juni 2021 wird der Name Circus Medrano genutzt. 2022 reiste Trentini mit dem italienischen Circo Nando Orfei, und zum Saisonstart 2023 gab es eine handfeste Überraschung.

Denn nun sollte erstmals ein deutsches Unternehmen das Material stellen, der Circus Maximus von Renaldo Weisheit. Beim Saisonauftakt in Stein am Rhein, unweit der deutschen Grenze, ist der schmucke, weiße Zweimaster mit blauen Applikationen und passendem Vorzelt auf dem Untertorplatz aufgeschlagen. Ein „Maximus“-Schriftzug prangt oben auf dem Chapiteau, dem vier zusätzliche Quaderpole seine attraktive Form geben. Auf den Plakaten steht „Circus Medrano MAXIMUS“, so dass „Maximus“ wahlweise als Namensbestandteil oder als Programmtitel gelesen werden kann. Direktor Davide Trentini sitzt persönlich an der Kasse und steht in der Pause auch selbst im Restaurationswagen. Letzteren hat er vom ehemaligen Circus Nock übernommen, ebenso wie einen Abteilwagen mit Nock-Schriftzug. So besitzt er zumindest teilweise auch eigenes Material. Von Oliver Skreinig hören wir nur die Stimme, in einer vom Band eingespielten Besucherinformation. So ansprechend wie das Äußere ist auch die Atmosphäre im Inneren des Spielzeltes, das mit Klapp- in den beiden vorderen und Schalensitzen in den vier hinteren Reihen ausgestattet ist.


Ayoub, Renaldo Weisheit, Emi Velkova

Stützen des Unternehmens sind in der aktuellen Saison Steven Carroli und seine Lebensgefährtin Emi Velkova, die nicht nur die Highlights des artistischen Programms liefern, sondern auch die Ablaufregie sowie die gelungene Gestaltung der Show übernommen haben. Dazu gehört ein schönes Charivari, in dessen Mittelpunkt Steven Carroli im roten Livree eines klassischen Sprechstallmeisters und Emi Velkova mit ihrer Arbeit an den Tüchern stehen. Zahlreiche elegante Posen gehören zum Repertoire. Ein Handicap am linken Fuß hält Ayoub nicht davon ab, Akrobat zu sein – denn er drückt Handstände auf dem Piedestal, im Glitzerkostüm und begleitet von sphärischer Musik. Sein Groß und Klein mit einem Friesen und einem schwarzen Pony führt Renaldo Weisheit sehr gekonnt vor. „Cotton Eye Joe“ liefert die musikalische Begleitung.


Steven Carroli, Emi Velkova, Alina Petrovska

Einzige komische Darbietung im Programm sind die humorvollen Zaubereien, die Steven Carroli im schwarzen Anzug zeigt. In klassischer Weise agiert er mit Seilen, die auf magische Weise geteilt und wieder zusammengefügt werden, oder mit Ringen, die sich wie von Geisterhand trennen und verbinden lassen. Über diesen Auftritt hinaus würde die Show freilich noch von einem echtem Clown profitieren. Auch der Spieldauer des kompakten Programms würde dies noch gut tun. Mit ganz viel Temperament und Ausstrahlung gefällt Emi Velkova bei ihrer Hula-Hoop-Kür. Zu dem begleitenden Latin-Titel singt sie einfach mit. Und schafft es trotzdem spielend, sechs Reifen um Körper, Arme und Beine kreisen zu lassen und sich dabei um sich selbst zu drehen. Zum Abschluss lässt sie ein großes Bündel Hula Hoops rotieren. Alina Petrovska präsentiert eine recht außergewöhnliche Luftnummer, denn als Requisit für ihre Arbeit hat sie eine Art Strickleiter mit mehreren Sprossen in größerem Abstand gewählt. Daran demonstriert sie unterschiedliche Haltefiguren. 30 Minuten währt diese erste Hälfte des Programms, dann ist Pause.


Youssef und Mohamed, Victoria Lisetska, Renaldo Weisheit

Zu Beginn der zweiten Hälfte stellt Renaldo Weisheit im eleganten blauen Anzug einen Viererzug Schimmel vor. In der hochwertigen Freiheitsdressur bleibt es nicht beim Gegenlauf, beide Pferdeduos wechseln beim Doppel-Changer gleichzeitig die Laufrichtung. Auf weitere anspruchsvolle Lauffiguren folgen Steiger aller Tiere gleichzeitig wie auch verschiedene Solo-Steiger. Youssef und Mohamed wagen gemeinsam akrobatische Tricks, Sprünge und Salti in der Manege – leider ist in dieser Phase des Programms der Spot an der Beleuchtung ausgefallen, so dass das Gebotene im Halbdunkel stattfindet. Victoria Lisetska überzeugt mit dynamischen Bewegungen an den weißen Tüchern. Außer Posen gehören auch ein Kreisel und Abfaller dazu.


Halid, Finale, Steven Carroli

Eher improvisiert und teils redundant denn einer ausgefeilten Choreographie folgend wirken Halids Tricks am Pole. Nach kurzen Passagen springt er immer wieder zum Boden. Eine kleine Geschichte erzählt dagegen Steven Carroli im Rahmen seiner Einradnummer. Als Koffer-Page wünscht er sich von seinem weiblichen Gast – natürlich Emi Velkova – einen Kuss und erhält diesen schlussendlich auch. Dazwischen beweist er sein vielfältiges Können, springt auf dem Einrad Seil und mit drei Keulen jonglierend über die Treppenstufen. Er auf dem Postament, die Partnerin am Boden lassen in Passings sechs Keulen fliegen. Schließlich wechselt er aufs Hochrad und befördert mit einem Fuß und gezieltem Schwung Untertassen und Tassen auf seinen Kopf und stapelt sie dort aufeinander. Zum Abschluss kickt er einen Teelöffel gekonnt in die oberste der drei Tassen. In einen nett gestalteten Finale verabschiedet sich das Ensemble zum Ende der kurzweiligen Vorstellung.

Etwa einen Monat nach der Premiere in Stein am Rhein trennten sich die Wege von Direktor Davide Trentini sowie Zeltverleiher und Tierlehrer Renaldo Weisheit unter gegenseitigen Vorwürfen. Weisheit kehrte nach Deutschland zurück und begann in Gundelfingen bei Freiburg eine eigene Tournee. Nach einer kurzen Unterbrechung reist Davide Trentini weiter mit seinem Circus Medrano, mit verändertem Programm, ohne Tiere, mit einem Clown und mit einem von Dominik Gasser jun. ("Der Circus") gemieteten Zelt. Nach Gastspielen im Tessin geht es ab Ende Juni in Graubünden weiter.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll