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Das
überaus gepflegte Material strahlt an diesem Nachmittag mit der
Sonne um die Wette. Der Circus-eigene Wagenpark ist weiß mit
blauer Umrandung und roter Schrift gehalten. Auf dem Kassenwagen
geben Fotos von Mitwirkenden einen Vorgeschmack auf die
Vorstellung. Gespielt wird in einem blau-rot gestreiften
Zweimaster, wobei die Streifen jeweils mit einer weißen Linie
abgesetzt sind. Markant ist die aus drei Spitzen bestehende
Kuppel.

Szene
aus dem Finale
Im Inneren
ist Platz für 480 Zuschauer. Direkt an die erhöhte,
vergleichsweise große Rundbühne schließen sich zwei Reihen Logen
mit Stühlen an. Nach einem Gang beginnt das Gradin mit sechs
Reihen Schalensitzen. Bereits die erste davon ist recht hoch,
was eine wunderbare Sicht garantiert. Blickfang ist der
prachtvolle, beleuchtete Artisteneingang mit drei roten
Vorhängen und dem Unternehmensnamen im Zentrum. Darüber sitzt
der Schlagzeuger, der die Musik aus der Konserve effektvoll
aufwertet.

Cirkus
Baldoni in Harlev
Bevor wir
die Vorstellung besuchen, werfen wir noch einen Blick in das
umfangreiche Programmheft. Dort werden neben Unternehmen und
aktueller Produktion auch die weiteren Aktivitäten des Cirkus
Baldoni vorgestellt. So die jährlichen Hallengastspiele auf den
Faröer Inseln, der Julecirkus (Weihnachtscircus) und die
Circusprojekte mit Kindern. Ein guter Teil des Magazins besteht
aus einem Kalender, in den die Gastspieldaten der aktuellen
Saison eingetragen sind. An den meisten Orten wird nur eine
Vorstellung gespielt. So wie an diesem Tag in Harlev, wo die
Show um 17 Uhr beginnt und bestens besucht ist. Vor allen Dingen
Familien mit Kindern haben den Weg ins Chapiteau gefunden. Und
auf dieses Publikum ist die Vorstellung ausgerichtet.
  
Mickey
Juel Prüssing
„Nostalgi
og nye eventyr 2024“ lautet der Titel, was übersetzt soviel wie
„Nostalgie und neue Abenteuer 2024“ bedeutet. Das Programm ist
geschickt zusammengestellt und liebevoll in traditioneller
Machart umgesetzt. Die modernen Akzente fügen sich bestens
hinein. René Baldoni und Peter Norgaard haben es
zusammengestellt, letzterer hat auch Regie geführt. Zentrale
Figur ist Mickey Juel Prüssing. Im Outfit des „Greatest Showman“
ist er als Ringmaster unser Begleiter durch den Abend. Der
hochgewachsene junge Däne moderiert, singt und liefert sich als
Bauchredner Schlagabtausche mit einem Plüschlöwen. Dies tut er
auf sehr sympathische, gewinnende Weise, ohne sich dabei zu sehr
selbst in den Vordergrund zu stellen. In einem eigenständigen
Auftritt bekommt der Musicaldarsteller Gelegenheit, weitere
seiner vielfältigen Talente zu präsentieren. Etwa als
Stepptänzer, Jongleur und Illusionist. Mit seinem ersten Lied
macht Mickey Juel Prüssing den Start. Kurz schwenkt er dabei
eine Fahne und es umkreisen ihn zeitweilig drei große,
aufblasbare Einhörner.
  
Diana
Boiachin, José Michel, Kelly Saabel
Deren
Reiter übernehmen zudem den artistischen Auftakt. Die Artists of
Dance sorgen mit ihrer flotten Kaskadeursnummer rund um einen
Tisch gleich ordentlich für Schwung. Das junge Trio aus Ungarn
hat sichtlich Spaß bei seinen akrobatischen Eskapaden, die mit
viel Witz serviert werden. Aus Moldawien kommt Diana Boiachin.
Sie fasziniert mit einer ästhetischen, trickreichen Kür am
Luftring. Ausdrucksstark arbeitet sie am ruhenden und sich
bewegenden Requisit. Für Nervenkitzel ist ebenfalls gesorgt,
etwa beim Zehenhang. José Michel versorgt zur Entspannung einige
der Zuschauer mehr oder weniger zuverlässig mit Popcorn. Nach
dem Soloauftritt von Mickey Juel Prüssing versucht sich der
Clown als Sänger zum Playback. Das geht so lange gut, bis im
eingespielten Duett die weibliche Stimme übernimmt. Die
Situation wird – Überraschung – mit dem unteren Teil eines
Wischmobs gelöst. Ein hölzernes Boot bildet die stimmungsvolle
Kulisse für die Handstandakrobatik von Kelly Saabel. In der
Aufmachung einer Elfe hält sie sich auf einer und zwei Händen
virtuos im Gleichgewicht. Dies in den unterschiedlichsten Posen.
Viel Kraft und Gleichgewichtssinn sind notwendig, um diese
Darbietung zu zeigen. Bei Kelly Saabel kommt noch ein äußerst
charmanter Verkauf hinzu.
  
Diana
Boiachin, Artists of Dance, Nandor Varadi
Die
folgende Pause wird von Mickey Juel Prüssing und Löwe
angekündigt. Das ungleiche Duo begrüßt uns auch zu Beginn des
zweiten Teils. Erneut gehört die Bühne Diana Boiachin. Diesmal
verzaubert sie mit Seifenblasen in den verschiedensten Formen
und Größen. In poetischen Szenen lässt sie immer neue dieser
temporären Kunstwerke entstehen. Ein kleiner Junge aus dem
Publikum findet sich plötzlich in einer großen Säule aus
Seifenlauge wieder. Die Artists of Dance haben ebenfalls einen
weiteren Auftritt. Direkt aus den „Straßen von Budapest“, wie es
im Programmheft plakativ heißt, bringen sie den Breakdance nach
Dänemark. Hier vermischen sich auf äußerst dynamische Weise Tanz
und Akrobatik. Das Trio ist dabei nicht nur sehr cool und
professionell, sondern vergisst auch nicht, die Moves mit dem
ein oder anderen Augenzwinkern zu servieren. Noch ein drittes
Mal steht Diana Boiachin im Scheinwerferlicht. Nun assistiert
sie ihrem Ehemann bei dessen starken Jonglagen. Diese
präsentiert Nandor Varadi im spanischen Stil. Keulen, Bälle und
Ringe lässt er in beachtlicher Anzahl genauso präzise durch die
Luft fliegen wie zum Finale fünf brennende Fackeln. Dazu gibt es
Tanzeinlagen mit seiner Partnerin, was zu einem überzeugend
stimmigen Gesamtauftritt führt.
 
Giulia
und José Michel, Ruslan Islamov
Wenn José
Michel zum Ensemble gehört, steht natürlich das Wasserentree auf
dem Spielplan. Als gestrenge Gegenspielerin agiert wie immer
souverän seine Gattin Giulia im prachtvollen Kostüm eines
Weißclowns. Eine zweiten August gibt es in dieser Saison nicht.
Doch mit vereinten Kräften bringen die Akteure den feuchten
Klassiker (fast) wie gewohnt über die Bühne. Selbst wenn man
diese Nummer schon zig Mal gesehen hat, fließen immer wieder die
Lachtränen. Einfach unerreicht. Zudem gibt es die Jonglage mit
Eiern und natürlich das hervorragende Musizieren der beiden
Vollblutartisten. Musik spielt auch bei der Schlussnummer eine
zentrale Rolle. Ruslan Islamov personifiziert Freddie Mercury.
Die Songs von dessen Band Queen begleiten die Akrobatik an den
Strapaten des aus Kiew stammenden Islamov. Es ist eine
durchinszenierte Performance, eine Hommage an den legendären
britischen Sänger. Darin erleben wir etwa Handstände an den
Bändern oder kraftvolle Umschwünge. Die Musik von Queen
untermalt auch das Finale, in dem sich die Mitwirkenden in einer
lebendigen Choreografie vom Publikum verabschieden.
Langanhaltender Taktapplaus ist der Dank von den Rängen. |