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Cirkus Baldoni - Tour 2024
www.baldoni.dk ; 100 Showfotos

Harlev, 28. Mai 2024: Beim Cirkus Baldoni geht es persönlich, ja familiär zu. Direktor René Baldoni verkauft in der Kasse die Tickets, Direktorin Camilla Frimann versorgt die Gäste in der Restauration. Die Kartenkontrolle am Eingang des Chapiteaus übernehmen Ringmaster und Clown. Nach dem Finale bilden alle Mitwirkenden ein Spalier, um das Publikum zu verabschieden. Die Show, die die Zuschauer zuvor erlebt haben, ist hingegen international besetzt. Sozusagen die große Circuswelt im sympathischen, überschaubaren Rahmen.

Das überaus gepflegte Material strahlt an diesem Nachmittag mit der Sonne um die Wette. Der Circus-eigene Wagenpark ist weiß mit blauer Umrandung und roter Schrift gehalten. Auf dem Kassenwagen geben Fotos von Mitwirkenden einen Vorgeschmack auf die Vorstellung. Gespielt wird in einem blau-rot gestreiften Zweimaster, wobei die Streifen jeweils mit einer weißen Linie abgesetzt sind. Markant ist die aus drei Spitzen bestehende Kuppel.


Szene aus dem Finale

Im Inneren ist Platz für 480 Zuschauer. Direkt an die erhöhte, vergleichsweise große Rundbühne schließen sich zwei Reihen Logen mit Stühlen an. Nach einem Gang beginnt das Gradin mit sechs Reihen Schalensitzen. Bereits die erste davon ist recht hoch, was eine wunderbare Sicht garantiert. Blickfang ist der prachtvolle, beleuchtete Artisteneingang mit drei roten Vorhängen und dem Unternehmensnamen im Zentrum. Darüber sitzt der Schlagzeuger, der die Musik aus der Konserve effektvoll aufwertet.


Cirkus Baldoni in Harlev

Bevor wir die Vorstellung besuchen, werfen wir noch einen Blick in das umfangreiche Programmheft. Dort werden neben Unternehmen und aktueller Produktion auch die weiteren Aktivitäten des Cirkus Baldoni vorgestellt. So die jährlichen Hallengastspiele auf den Faröer Inseln, der Julecirkus (Weihnachtscircus) und die Circusprojekte mit Kindern. Ein guter Teil des Magazins besteht aus einem Kalender, in den die Gastspieldaten der aktuellen Saison eingetragen sind. An den meisten Orten wird nur eine Vorstellung gespielt. So wie an diesem Tag in Harlev, wo die Show um 17 Uhr beginnt und bestens besucht ist. Vor allen Dingen Familien mit Kindern haben den Weg ins Chapiteau gefunden. Und auf dieses Publikum ist die Vorstellung ausgerichtet.


Mickey Juel Prüssing

„Nostalgi og nye eventyr 2024“ lautet der Titel, was übersetzt soviel wie „Nostalgie und neue Abenteuer 2024“ bedeutet. Das Programm ist geschickt zusammengestellt und liebevoll in traditioneller Machart umgesetzt. Die modernen Akzente fügen sich bestens hinein. René Baldoni und Peter Norgaard haben es zusammengestellt, letzterer hat auch Regie geführt. Zentrale Figur ist Mickey Juel Prüssing. Im Outfit des „Greatest Showman“ ist er als Ringmaster unser Begleiter durch den Abend. Der hochgewachsene junge Däne moderiert, singt und liefert sich als Bauchredner Schlagabtausche mit einem Plüschlöwen. Dies tut er auf sehr sympathische, gewinnende Weise, ohne sich dabei zu sehr selbst in den Vordergrund zu stellen. In einem eigenständigen Auftritt bekommt der Musicaldarsteller Gelegenheit, weitere seiner vielfältigen Talente zu präsentieren. Etwa als Stepptänzer, Jongleur und Illusionist. Mit seinem ersten Lied macht Mickey Juel Prüssing den Start. Kurz schwenkt er dabei eine Fahne und es umkreisen ihn zeitweilig drei große, aufblasbare Einhörner.


Diana Boiachin, José Michel, Kelly Saabel

Deren Reiter übernehmen zudem den artistischen Auftakt. Die Artists of Dance sorgen mit ihrer flotten Kaskadeursnummer rund um einen Tisch gleich ordentlich für Schwung. Das junge Trio aus Ungarn hat sichtlich Spaß bei seinen akrobatischen Eskapaden, die mit viel Witz serviert werden. Aus Moldawien kommt Diana Boiachin. Sie fasziniert mit einer ästhetischen, trickreichen Kür am Luftring. Ausdrucksstark arbeitet sie am ruhenden und sich bewegenden Requisit. Für Nervenkitzel ist ebenfalls gesorgt, etwa beim Zehenhang. José Michel versorgt zur Entspannung einige der Zuschauer mehr oder weniger zuverlässig mit Popcorn. Nach dem Soloauftritt von Mickey Juel Prüssing versucht sich der Clown als Sänger zum Playback. Das geht so lange gut, bis im eingespielten Duett die weibliche Stimme übernimmt. Die Situation wird – Überraschung – mit dem unteren Teil eines Wischmobs gelöst. Ein hölzernes Boot bildet die stimmungsvolle Kulisse für die Handstandakrobatik von Kelly Saabel. In der Aufmachung einer Elfe hält sie sich auf einer und zwei Händen virtuos im Gleichgewicht. Dies in den unterschiedlichsten Posen. Viel Kraft und Gleichgewichtssinn sind notwendig, um diese Darbietung zu zeigen. Bei Kelly Saabel kommt noch ein äußerst charmanter Verkauf hinzu.


Diana Boiachin, Artists of Dance, Nandor Varadi

Die folgende Pause wird von Mickey Juel Prüssing und Löwe angekündigt. Das ungleiche Duo begrüßt uns auch zu Beginn des zweiten Teils. Erneut gehört die Bühne Diana Boiachin. Diesmal verzaubert sie mit Seifenblasen in den verschiedensten Formen und Größen. In poetischen Szenen lässt sie immer neue dieser temporären Kunstwerke entstehen. Ein kleiner Junge aus dem Publikum findet sich plötzlich in einer großen Säule aus Seifenlauge wieder. Die Artists of Dance haben ebenfalls einen weiteren Auftritt. Direkt aus den „Straßen von Budapest“, wie es im Programmheft plakativ heißt, bringen sie den Breakdance nach Dänemark. Hier vermischen sich auf äußerst dynamische Weise Tanz und Akrobatik. Das Trio ist dabei nicht nur sehr cool und professionell, sondern vergisst auch nicht, die Moves mit dem ein oder anderen Augenzwinkern zu servieren. Noch ein drittes Mal steht Diana Boiachin im Scheinwerferlicht. Nun assistiert sie ihrem Ehemann bei dessen starken Jonglagen. Diese präsentiert Nandor Varadi im spanischen Stil. Keulen, Bälle und Ringe lässt er in beachtlicher Anzahl genauso präzise durch die Luft fliegen wie zum Finale fünf brennende Fackeln. Dazu gibt es Tanzeinlagen mit seiner Partnerin, was zu einem überzeugend stimmigen Gesamtauftritt führt.


Giulia und José Michel, Ruslan Islamov

Wenn José Michel zum Ensemble gehört, steht natürlich das Wasserentree auf dem Spielplan. Als gestrenge Gegenspielerin agiert wie immer souverän seine Gattin Giulia im prachtvollen Kostüm eines Weißclowns. Eine zweiten August gibt es in dieser Saison nicht. Doch mit vereinten Kräften bringen die Akteure den feuchten Klassiker (fast) wie gewohnt über die Bühne. Selbst wenn man diese Nummer schon zig Mal gesehen hat, fließen immer wieder die Lachtränen. Einfach unerreicht. Zudem gibt es die Jonglage mit Eiern und natürlich das hervorragende Musizieren der beiden Vollblutartisten. Musik spielt auch bei der Schlussnummer eine zentrale Rolle. Ruslan Islamov personifiziert Freddie Mercury. Die Songs von dessen Band Queen begleiten die Akrobatik an den Strapaten des aus Kiew stammenden Islamov. Es ist eine durchinszenierte Performance, eine Hommage an den legendären britischen Sänger. Darin erleben wir etwa Handstände an den Bändern oder kraftvolle Umschwünge. Die Musik von Queen untermalt auch das Finale, in dem sich die Mitwirkenden in einer lebendigen Choreografie vom Publikum verabschieden. Langanhaltender Taktapplaus ist der Dank von den Rängen.

Mit rund 90 Minuten – Pause abgezogen – hat die Vorstellung genau die richtige Länge für die Zielgruppe. Diese anderthalb Stunden sind vollgepackt mit wunderbarer Artistik und Clownerie. Es gibt internationales Flair und persönliche Atmosphäre im äußerst gepflegten Rahmen. Dank der jährlich wechselnden Shows hat das Publikum allen Grund, den Cirkus Baldoni regelmäßig zu besuchen. Der Erfolg ist diesem sympathischen Unternehmen einfach zu gönnen. Für mich war der erste und ganz sicher nicht letzte Besuch bei Baldoni ein wunderbares Erlebnis!

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Text und Fotos: Stefan Gierisch