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Zirkus des Horrors - Tour 2024
www.zirkusdeshorrors.de ; 81 Showfotos

Würzburg, 14. April 2024: Schon der Weg ins Vorzelt ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Wo man anderswo freundlich begrüßt wird, muss man sich hier auf den Weg durch ein Labyrinth machen und dabei auf Überraschungen gefasst sein. Denn immer wieder lauern Erschrecker in der Dunkelheit, bereit, den Puls der Gäste in die Höhe schnellen zu lassen. In der Restauration angekommen, stellt sich dann fast so etwas wie Entspannung ein.

Der seit 2013 reisende Zirkus des Horrors der Familie von Joachim und Rosemarie Sperlich ist in der Tat nichts für zartbesaitete Gemüter. Auch hier wird in einem Chapiteau gespielt, gibt es Artistik und Clownerie; aber das waren dann schon die wesentlichen Gemeinsamkeiten mit einem familientauglichen Circus. Das Ambiente und die Inszenierung richten sich an eine Zielgruppe, die den Horror liebt, einen hohen Gruselfaktor schätzt. Der zugehörige Aufwand ist beachtlich. Der Raum für die Gastronomie ist schauerlich-schön dekoriert, die ersten Reihen im Zuschauerraum heißen hier Gruften statt Logen. Und die Show selbst bietet spektakuläre Effekte, einzigartige Kostüme sowie eine durchgehende Story als roten Faden.


Szene aus dem Finale

In dieser Rahmenhandlung, „Infernum - Das Höllenfeuer“ lautet ihr Titel, geht es um die Jagd nach einem Amulett, das aus jeweils einem Teil der neun Höllenkreise gearbeitet wurde. Wer es besitzt und eine reine Seele opfert, dem winkt die Herrschaft über das Reich Gottes. So jedenfalls besagt es die Legende. Den beiden Dämonen, die das Amulett gearbeitet haben, entgleitet es und es gelangt in die Hände des Engels Eloa. Dadurch kommt sie in Berührung mit dem Bösen und stürzt in die Hölle. Um eine Flucht zu verhindern, werden ihr die Flügel abgerissen. Trotzdem versucht sie immer wieder zu entkommen, wodurch sich eine wilde Jagd durch die Höllenkreise entspinnt. Die beiden Dämonen sind hinter ihr her. Am Ende wird Eloa geschnappt und der Teufel erhält das Amulett.


Engel Eloa, Teufel Sonny Quaiser mit Ballett, The Gents

Die Eröffnung gehört dem Engel im strahlend weißen Kleid mit weiten Stoffbahnen, das Amulett zunächst in den Händen und kurz darauf um den Hals. Das lässt Bewegungsfreiheit für die folgende Akrobatik an Tüchern. Die ist an diesem Nachmittag leider schnell beendet, denn die Artistin fällt aus mittlerer Höhe auf die Bühne. Die Vorstellung wird unterbrochen, die Verletzte medizinisch versorgt. Als der Rettungsdienst sie ins Krankenhaus bringt, winkt sie schon wieder ins Publikum. Ihre Rolle übernimmt kurzerhand eine Kollegin. Damit können die Dämonen, verkörpert von Giovanni Biasini und Johnny Cognetti, wieder auf die Jagd nach dem Amulett gehen. Dabei sind die beiden meist leicht vertrottelt und sorgen somit für komische Momente. Wahrlich furchteinflößend ist hingegen der riesig erscheinende Teufel, der uns von seinem Thron grüßt. Sonny Quaiser übernimmt diesen Part. Sein Hofstaat besteht aus mehreren Frauen, die zu seinen Füßen sitzen und dann auf der Bühne tanzen. Am Ende rund um eine Plattform in der Mitte, mit der der Teufel heraufgefahren wird. Schleuderbrettakrobatik im Trio ist die Disziplin der Gents. Zwei kräftige Gestalten katapultieren den Flieger im zerrissenen Hemd immer wieder in die Höhe, um ihn nach variantenreichen Sprüngen sicher aufzufangen. Am Ende legen sie ihn gar in Ketten. Nichtsdestotrotz erleben wir eine sehenswerte Darbietung mit spannenden Tricks. Beim ebenfalls von der Familie Sperlich produzierten Karlsruher Weihnachtscircus 2022/23 durften wir uns davon überzeugen, wie sympathisch die drei Herren der Gents auch daherkommen können.


Kurt Späth, Michael Betrian, Gino Kaselowsky

Mit dem Auftritt von Kurt Späth werden die Nerven des Publikums dann maximal strapaziert. Was der tätowierte Aktionskünstler zeigt, muss man schon mögen, sofern das überhaupt irgendwie möglich ist. Erst steckt er sich die Kanülen von Spritzen durch die Gesichtshaut, dann schlägt er sich einen langen Nagel in die Nase. Das runde Ende eines Kleiderbügels aus Metall steckt er sich durch die Zunge, an der langen Seite befestigt er eine Kette, um daran einen Zuschauer auf einem Gestell mit Rollen über die Bühne zu ziehen. Zwei Gäste aus dem Publikum schiebt er auf einem anderen Wagen, diesmal mit der spitzen Seite eines Speers am Hals. Schlussendlich schneidet sich Kurt Späth mit einem Messer in den Unterarm. Entspannen dürfen wir dann wieder beim Auftritt von Michael Betrian. 2012 gewann der Niederländer beim European Youth Circus in der jüngeren Kategorie Gold. Inzwischen hat der Diaboloartist verschiedene Aufmachungen für seine Performances entwickelt. Eine davon passt perfekt in diesen mystischen Rahmen. So erleben wir rasante Jonglagen mit immer mehr Diabolos. Schon mit einem dieser Requisiten zeigt Michael Betrian faszinierende Tricks. Voller Energie lässt er die Doppelspulen auf immer neuen Bahnen durch die Luft fliegen und über die Schnur tanzen. Dabei ist er immer versiert im Kontakt mit dem Publikum. Ein Pärchen daraus bittet Richter Gino Kaselowsky zur Gerichtsverhandlung. Die Sitzung unter Leitung des Clowns verläuft witzig bis schlüpfrig. Am Ende wird der junge Herr verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet.


Viktoria Yudina, Maik und Siegfried Sperlich, René Sperlich

Viel Erotik ist im Spiel, wenn Viktoria Yudina auf der leicht nach oben gefahrenen Plattform in der Bühnenmitte ihre Performance am Pole arbeitet. Nebel wabert, während die Artistin im knappen schwarzen Kostüm Tanz und Akrobatik vereint. Anspruchsvolle Haltefiguren sind in den fließenden Bewegungsablauf integriert, es entsteht ein harmonisches Ganzes. Hoch hinaus geht es mit Maik und Siegfried Sperlich. Die Cousins präsentieren waghalsige Akrobatik auf dem Todesrad. In zerfetzten Jeans und Karohemden jagen sie über das sich schnell drehende Rad. Abgefahrene Sprünge und der Blindlauf gehören zu ihrem Repertoire. Bevor es in die Pause geht, erleben wir die beiden Dämonen auf der Jagd und beim Posieren mit einem abgetrennten Kopf. Der zweite Teil wird von Maiks Bruder René eröffnet. Mit Unterstützung der Tänzerinnen stapelt er immer mehr gläserne Stühle übereinander, die auf vier Sektflasche ruhen. Auf dem jeweils obersten zelebriert er Handstände in verschiedenen Varianten. Nur noch drei Flaschen stehen unter dem letzten Stuhl, wenn er auf dessen Rückenlehne einen Einarmer zeigt. Dämonen-Darsteller Johnny Cognetti hat am Roue Cyr seinen Soloauftritt als Artist. In weiten Schwüngen geht es über die Bühne. Mal mit allen vier Gliedmaßen am großen Reifen, mal nur mit den Händen. Nachdem Gino Kaselowsky vor der Pause noch den gnadenlosen Richter gegeben hat, ist er jetzt als Engel der Liebe unterwegs. Mit Unterstützung der Dämonen sowie Pfeil und Bogen schießt der Clown verschiedenen Zuschauern attraktive junge Damen. Nur der letzte Schuss erreicht ein anderes Ziel als vorgesehen.


Skating Rebels, Feuershow

Als die Skating Rebels 2021/22 im Karlsruher Weihnachtscircus zu sehen waren, waren sie perfekt frisiert und trugen blütenweise Kostüme. Nun erleben wir Gergö Török nicht nur mit neuer Partnerin, sondern auch in zerrissenen Jeans sowie mit zerzauster Frisur. In rasantem Tempo fegen die beiden über eine runde Plattform und begeistern mit einem umfangreichen Repertoire. Einige riskante Tricks inklusive, die das Duo souverän meistert. So etwa Fahrten, bei denen Gergö sein Pendant nur an einem Bein festhält. Die Story geht ihrem Ende entgegen, Engel Eloa ist gefangen und wird dem Teufel vorgeführt. Ausführlich wird das im Programmtitel versprochene Höllenfeuer zelebriert. Dunkle Typen fahren auf schweren Motorrädern herein. Es wird Feuer gespuckt und mit Feuerschnüren jongliert. Auf dem Bühnenboden lodern Flammen und ein Akteur dreht ein Feuerrad. Direkt im Anschluss verneigen sich alle Akteure vor dem Teufel und verabschieden sich im Finale vom Publikum.

Ich persönlich werde mich mit dieser Form der Show wohl nie wirklich anfreunden. Eine Zielgruppe scheint aber vorhanden, ist der Zirkus des Horrors nun schon seit über zehn Jahren auf Tournee. Und neben jeder Menge Furchterregendem gibt es eben richtig gute artistische Darbietungen, eine durchdachte Inszenierung und beeindruckende Effekte mit einem Auge für die Details. Mithin also eine durchaus hochwertige Show, deren Besuch sich lohnt. Umso mehr, wenn man Spaß am Gruseligen hat.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch