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Magyar Nemzeti Cirkusz - Tour 2024
www.magyarnemzeticirkusz.hu ; 183 Showfotos

Sopron, 27. September 2024: Es gibt ihn noch, den großen, international besetzten Reisecircus im traditionellen Stil. Zum Beispiel den Magyar Nemzeti Cirkusz, den Ungarischen Nationalcircus der Familie Richter. Sein 30-jähriges Bestehen feiert das Unternehmen in diesem Jahr. Gegründet wurde das Unternehmen von Jozsef Richter sen. und seiner Ehefrau Carola (geb. Renz). Das prägende Gesicht ist inzwischen Juniorchef Jozsef Richter. Als zweites Standbein ist vor einigen Jahren ein Safaripark etwa 90 Kilometer südöstlich von Budapest hinzugekommen.

Doch zurück zum Magyar Nemzeti Cirkusz. Mit diesem bestreitet die Familie Richter noch eine klassische Tournee, die von März bis November 19 Stationen umfasst. Start und Ziel ist in der Hauptstadt, im Frühjahr steht jeweils zunächst der Osten des Landes an. Im Sommer wird zwei Monate lang für die Urlauber im Ferienort Balatonlelle am Plattensee gespielt, danach geht es in den Westen und damit an die österreichische Grenze. Wir besuchen den Circus in Sopron, von Wien aus mit dem Regionalexpress ohne Umstieg in gut einer Stunde erreichbar. Der Circus steht auf einer großen Wiese am Stadtausgang beim Unternehmen Huncargo. Das vertraute Bild bieten das Chapiteau in den Landesfarben weiß, rot und grün mit Vorzelt sowie Kassenwagen und Eingangsportal mit ihren attraktiven Leuchtschriften. Neuwertig ist das erst in der vergangenen Saison in Betrieb gegangene Gradin, das quasi die gleiche Form aufweist wie das im Zirkus Charles Knie, mit ansteigenden Reihen bereits in den Logen.


Orchester mit Sängerin Imola Szabó, Ludmilla Valla Bertini, Réz Tamás

Zum Beginn spielt das Orchester unter der Leitung von György Villás das Flintstones-Thema, ehe die eigentliche Ouvertüre folgt - nun begleitet von der neuen Sängerin Imola Szabó und außerdem von bunten Lichtspielen. Für die Jubiläumssaison wurde ein großes Eröffnungsbild gestaltet, in dem uns die Damen des Ensembles im Stil der Truppe Bingo als Tänzerinnen empfangen. Artistin Ludmilla Valla Bertini trägt an ihrem Kostüm lange Stoffbahnen in weiß, grün und rot, die mit ihr unter die Circuskuppel gezogen werden und kurz eine Art Baldachin bilden. Die attraktive junge Frau überzeugt mit Luftakrobatik an den Strapaten, einschließlich Spagat und Genickhangwirbel. Dazwischen sorgen die Dame und ihre fünf männlichen Kollegen der kubanischen Truppe Miami Flow mit quirligen Seilspring-Sequenzen für gute Laune. Die Begrüßungsworte spricht der langjährige Moderator Réz Tamás.


Jozsef Richter jun., Ludmilla Valla Bertini, Alessio Fochesato

Die eigentliche Spielfolge eröffnet Jozsef Richter jun. mit seinem herrlichen, schwarz-weißen Achterzug Freiheitspferde, den wir bereits aus den Vorsaisons kennen. Neu ist jedoch der Auftakt mit den “Korbpferden”. Die vier Schimmel laufen also durch vier große Ringe in der Manege und stoppen auf Kommando abrupt in den “Körben”. Immer wieder ein besonders effektvoller, unterhaltsamer Aspekt der Freiheitsdressur, der von einem vierfachen Steiger gekrönt wird. Es folgen umfangreiche Lauffiguren, die der Tierlehrer traumwandlerisch sicher, elegant und zugleich temperamentvoll präsentiert. Ein Groß und Klein mit jeweils gepunktetem Pferd und Pony sowie ein Potpourri an Steigern in jeweils unterschiedlicher Formation bildet den Abschluss. Den Reigen der artistischen Darbietungen eröffnet Ludmilla Valla Bertini, die rücklings auf ihrer Trinka liegend bis zu vier Tücher auf ihren Armen und Beinen rotieren lässt. Im zweiten Teil ihrer Antipodenspiele bewegt sie eine lange Stange mit zwei brennenden Rädern an den Enden mit ihren Füßen. Der etablierteste Künstler in dieser Produktion, abgesehen natürlich von der Direktion selbst, ist Alessio Fochesato. Er lässt seine farbenprächtigen Papageien durch von kleinen Besuchern gehaltene Reifen fliegen, auf Kinderhänden landen oder frei über den Köpfen der Zuschauer kreisen. Zwei der Tiere lässt er nochmal losfliegen und nach einer Runde durchs Chapiteau synchron auf seinen ausgestreckten Armen landen. In ähnlicher Weise flattert der weiße Kakadu zum Abschluss der Nummer zielgenau auf seine Schulter.


Christian Folco und Mitspieler, Miami Flow

Der Clown in der Show heißt Folco und kommt aus Italien, doch sein Vorname lautet nicht Jimmy, sondern Christian. In seinem ersten Auftritt leitet er einen Besucher aus der Loge zu “Geschicklichkeitsspielen” mit Porzellantellern an. Scherben gibt es reichlich, und da der “Freiwillige” überaus motiviert bei der Sache ist, macht die Angelegenheit gleich doppelt Spaß. Am Ende werfen eine Dame und drei Herren aus dem Publikum die Teller im Viereck, immer mehr und immer schneller. Temporeich geht es auch bei der Pausennummer weiter. Die Truppe Miami Flow zeigt am Schleuderbrett ein breites Repertoire. Sprünge hoch hinaus auf die Schultern des Partners (mit Stange) und in einen Sessel gehören dazu, ebenso wie Mehrfachsalti zur Matte, in herkömmlicher Weise und gestreckt. Südamerikanisches Temperament hat die Musikbegleitung, südamerikanisches Temperament beweisen auch die Artisten.


Kevin Martinez, Alessio Fochesato, Romy und Alexandro Jostmann

Eigentlich hatte die Familie Richter als besondere Highlights die Truppe Tightrope Walkers Antik auf dem Hochseil sowie den Todesrad-Hasardeur Andrei Pogorelov angekündigt, sie sind auch auf dem Plakatmotiv und im Programmheft zu sehen. Pogorolev zeigt in seiner Sensationsnummer den Vorwärts- und den Rückwärtssalto sowie einen Salto mit Pirouette. Leider kamen die Engagements dann doch nicht zustande. Als Ersatz für die beiden Nummern wurden kurzfristig Maicol Perez und Kevin Martinez verpflichtet, die mit ihrer Darbietung auf dem Todesrad – nach einer Einleitung mit Orchester und Sängerin – den zweiten Programmteil eröffnen. Seilspringen, der Lauf über die Achse des Rades, Blindlauf und Sprünge bilden die wesentlichen Bestandteile des Repertoires. In der nachfolgenden Umbaupause demonstriert Alessio im Dialog mit Moderator Réz Tamás das erstaunliche Sprachtalent von Gelbbauchamazone Tortuga. Der Papagei kann Tiergeräusche und Instrumente imitieren, zum Geburtstag gratulieren und sich vom Publikum verabschieden. Tierisch geht es weiter, wenn Alexandro Jostmann und Ehefrau Romy ihre vier schwarzen und weißen Pudel zu Sprüngen in allen Variationen oder einem Tonnenlauf anleiten. Voller Rasanz läuft die Nummer ab.


Elisa Cussadié, Christian Folco, Miami Flow

Sinnliche Momente schafft dagegen Elisa Cussadié mit der musikalischen Begleitung von „Welcome to Burlesqe“. Ihr Metier ist nicht Kontorsion, sondern Klischnigg, also das Verbiegen des Körpers nach vorne. Eindrucksvoll ist insbesondere, wie sie sich in eine kompakte Glaskiste hineinfaltet und einige Momente darin verharrt. Auch im zweiten Programmteil hat Clown Christian Folco nur einen einzigen Auftritt. In einer „Safari“-Szene wagt er sich zu dem „Dangerous African Animal“, vor dem die Aufschrift auf einer riesigen Holzkiste warnt. Der wilde Löwe, gegen den er bis zum Zerreißen seines Kostüms kämpft, erweist sich als kleiner Hund mit Mähne. Ähnlichkeit zu echten Raubkatzen durchaus gegeben! Nochmals erleben wir die Truppe Miami Flow, nunmehr mit eleganten Flügen auf dem Russischen Barren. Von dem Requisit, das jeweils auf den Schultern zweier Untermänner getragen wird, wird zu anspruchsvollen Tricks gestartet und gelandet. So springt die Dame einen doppelten Rückwärtssalto, ihre männlichen Kollegen glänzen beispielsweise mit Rückwärtssalto mit Schraube oder dem „Dreifachen“.


Schlussnummer mit Dschigiten- und Jockeyreiten in Kombination

Die Reiterei nimmt im Magyar Nemzeti Cirkusz seit Jahren einen besonderen Platz ein. Vor diesem Hintergrund hatte es zum Jubiläum eine mongolische Dshigitenreiter-Formation zum Programmbeginn wie auch das hauseigene Jockeyreiten vor dem Finale geben sollen. Tatsächlich werden in der besuchten Vorstellung die beiden verwandten Disziplinen in der großen Schlussnummer zusammengefasst. Zum Auftakt empfängt uns Jozsef Richter jun. mit einer temperamentvollen Reiterei auf einem braunen Pferd – Rückwärtslauf, Pirouette und mehr werden geboten. Weiterhin zu Pferd kommandiert er mit der Peitsche in der Hand die jeweils drei Rösser und Reiter beim Dschigiten-Part. Die Akrobaten aus der Mongolei schießen im vollen Galopp mit Pfeil und Bogen auf ein Ziel in der Manegenmitte, lassen kopfüber im Sattel hängend die Hände durchs Sägemehl streifen oder umrunden den Bauch eines Tieres. Beim Jockey-Part wirken auch Jozsef Richter jun., sein langjähriges Truppenmitglied Marius Marton und dessen Sohn Dominik mit. Hier reiten vier Mann auf einem Pferd – mal alle stehend, mal drei sitzend und dabei den vierten auf Händen tragend. Zum Abschluss schwenkt Jozsef Richter jun. die ungarische Flagge übers Publikum. Die folkloristischen Tanzszenen, die viele Jahre die Jockeynummer prägten, entfallen in dieser Version.

Im Finale verabschiedet sich das Ensemble nach zwei Stunden Spielzeit, einschließlich Pause. Die Abschiedsworte teilen sich Jozsef Richter jun. und Vater Jozsef Richter sen., auch eine überdimensionale Jubiläumstorte kommt zum Einsatz – und schließlich singt der junge Direktor gemeinsam mit Imola Szabó einen ungarischen Charthit, bei dem das ganze Publikum einstimmt. Auf die nächsten 30 Jahre Ungarischer Nationalcircus. Möge das Unternehmen der Familie Richter weiterhin ein Hort des großen, reisenden Circus bleiben.

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Text: Markus Moll, Fotos: Tobias Moll