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Doch zurück zum
Magyar Nemzeti Cirkusz. Mit diesem bestreitet die Familie Richter noch eine klassische
Tournee, die von März bis November 19 Stationen umfasst.
Start und Ziel ist in der Hauptstadt, im Frühjahr steht jeweils
zunächst der Osten des Landes an. Im Sommer wird zwei Monate
lang für die Urlauber im Ferienort Balatonlelle am Plattensee
gespielt, danach geht es in den Westen und damit an die
österreichische Grenze. Wir besuchen den Circus in Sopron, von
Wien aus mit dem Regionalexpress ohne Umstieg in gut einer
Stunde erreichbar. Der Circus steht auf einer großen Wiese am
Stadtausgang beim Unternehmen Huncargo. Das vertraute Bild
bieten das Chapiteau in den Landesfarben weiß, rot und grün mit
Vorzelt sowie Kassenwagen und Eingangsportal mit ihren
attraktiven Leuchtschriften. Neuwertig ist das erst in der
vergangenen Saison in Betrieb gegangene Gradin, das quasi die
gleiche Form aufweist wie das im Zirkus Charles Knie, mit
ansteigenden Reihen bereits in den Logen.
  
Orchester mit
Sängerin Imola Szabó, Ludmilla Valla Bertini, Réz Tamás
Zum Beginn
spielt das Orchester unter der
Leitung von György
Villás das Flintstones-Thema,
ehe die eigentliche Ouvertüre folgt - nun begleitet von der
neuen Sängerin Imola Szabó und außerdem von bunten Lichtspielen.
Für die Jubiläumssaison wurde ein großes Eröffnungsbild
gestaltet, in dem uns die Damen des Ensembles im Stil der Truppe
Bingo als Tänzerinnen empfangen. Artistin Ludmilla Valla Bertini
trägt an ihrem Kostüm lange Stoffbahnen in weiß, grün und rot,
die mit ihr unter die Circuskuppel gezogen werden und kurz eine
Art Baldachin bilden. Die attraktive junge Frau überzeugt mit
Luftakrobatik an den Strapaten, einschließlich Spagat und
Genickhangwirbel. Dazwischen sorgen die Dame und ihre fünf
männlichen Kollegen der kubanischen Truppe Miami Flow mit
quirligen Seilspring-Sequenzen für gute Laune. Die Begrüßungsworte
spricht der langjährige Moderator Réz Tamás.
  
Jozsef Richter
jun., Ludmilla Valla Bertini, Alessio Fochesato
Die eigentliche
Spielfolge eröffnet Jozsef Richter jun. mit seinem herrlichen,
schwarz-weißen Achterzug Freiheitspferde, den wir bereits aus
den Vorsaisons kennen. Neu ist jedoch der Auftakt mit den
“Korbpferden”. Die vier Schimmel laufen also durch vier große
Ringe in der Manege und stoppen auf Kommando abrupt in den
“Körben”. Immer wieder ein besonders effektvoller,
unterhaltsamer Aspekt der Freiheitsdressur, der von einem
vierfachen Steiger gekrönt wird. Es folgen umfangreiche
Lauffiguren, die der Tierlehrer traumwandlerisch sicher, elegant
und zugleich temperamentvoll präsentiert. Ein Groß und Klein mit
jeweils gepunktetem Pferd und Pony sowie ein Potpourri an
Steigern in jeweils unterschiedlicher Formation bildet den
Abschluss. Den Reigen der artistischen Darbietungen eröffnet
Ludmilla Valla Bertini, die rücklings auf ihrer Trinka liegend
bis zu vier Tücher auf ihren Armen und Beinen rotieren lässt. Im
zweiten Teil ihrer Antipodenspiele bewegt sie eine lange Stange
mit zwei brennenden Rädern an den Enden mit ihren Füßen. Der
etablierteste Künstler in dieser Produktion, abgesehen natürlich
von der Direktion selbst, ist Alessio Fochesato. Er lässt seine
farbenprächtigen Papageien durch von kleinen Besuchern gehaltene
Reifen fliegen, auf Kinderhänden landen oder frei über den
Köpfen der Zuschauer kreisen. Zwei der Tiere lässt er nochmal
losfliegen und nach einer Runde durchs Chapiteau synchron auf
seinen ausgestreckten Armen landen. In ähnlicher Weise flattert
der weiße Kakadu zum Abschluss der Nummer zielgenau auf seine
Schulter.
 
Christian Folco
und Mitspieler, Miami Flow
Der Clown in der
Show heißt Folco und kommt aus Italien, doch sein Vorname lautet
nicht Jimmy, sondern Christian. In seinem ersten Auftritt leitet
er einen Besucher aus der Loge zu “Geschicklichkeitsspielen” mit
Porzellantellern an. Scherben gibt es reichlich, und da der
“Freiwillige” überaus motiviert bei der Sache ist, macht die
Angelegenheit gleich doppelt Spaß. Am Ende werfen eine Dame und
drei Herren aus dem Publikum die Teller im Viereck, immer mehr
und immer schneller. Temporeich geht es auch bei der
Pausennummer weiter. Die Truppe Miami Flow zeigt am
Schleuderbrett ein breites Repertoire. Sprünge hoch hinaus auf
die Schultern des Partners (mit Stange) und in einen Sessel
gehören dazu, ebenso wie Mehrfachsalti zur Matte, in
herkömmlicher Weise und gestreckt. Südamerikanisches Temperament
hat die Musikbegleitung, südamerikanisches Temperament beweisen
auch die Artisten.
  
Kevin
Martinez, Alessio Fochesato, Romy und Alexandro Jostmann
Eigentlich hatte
die Familie Richter als besondere Highlights die Truppe
Tightrope Walkers Antik auf dem Hochseil sowie den
Todesrad-Hasardeur Andrei Pogorelov angekündigt, sie sind auch
auf dem Plakatmotiv und im Programmheft zu sehen. Pogorolev
zeigt in seiner Sensationsnummer den Vorwärts- und den
Rückwärtssalto sowie einen Salto mit Pirouette. Leider kamen die
Engagements dann doch nicht zustande. Als Ersatz für die beiden
Nummern wurden kurzfristig Maicol Perez und Kevin Martinez
verpflichtet, die mit ihrer Darbietung auf dem Todesrad – nach
einer Einleitung mit Orchester und Sängerin – den zweiten
Programmteil eröffnen. Seilspringen, der Lauf über die Achse des
Rades, Blindlauf und Sprünge bilden die wesentlichen
Bestandteile des Repertoires. In der nachfolgenden Umbaupause
demonstriert Alessio im Dialog mit Moderator Réz Tamás das
erstaunliche Sprachtalent von Gelbbauchamazone Tortuga. Der
Papagei kann Tiergeräusche und Instrumente imitieren, zum
Geburtstag gratulieren und sich vom Publikum verabschieden.
Tierisch geht es weiter, wenn Alexandro Jostmann und Ehefrau
Romy ihre vier schwarzen und weißen Pudel zu Sprüngen in allen
Variationen oder einem Tonnenlauf anleiten. Voller Rasanz läuft
die Nummer ab.
  
Elisa Cussadié,
Christian Folco, Miami Flow
Sinnliche Momente
schafft dagegen Elisa Cussadié mit der musikalischen Begleitung
von „Welcome to Burlesqe“. Ihr Metier ist nicht Kontorsion,
sondern Klischnigg, also das Verbiegen des Körpers nach vorne.
Eindrucksvoll ist insbesondere, wie sie sich in eine kompakte
Glaskiste hineinfaltet und einige Momente darin verharrt. Auch
im zweiten Programmteil hat Clown Christian Folco nur einen
einzigen Auftritt. In einer „Safari“-Szene wagt er sich zu dem
„Dangerous African Animal“, vor dem die Aufschrift auf einer
riesigen Holzkiste warnt. Der wilde Löwe, gegen den er bis zum
Zerreißen seines Kostüms kämpft, erweist sich als kleiner Hund
mit Mähne. Ähnlichkeit zu echten Raubkatzen durchaus gegeben!
Nochmals erleben wir die Truppe Miami Flow, nunmehr mit
eleganten Flügen auf dem Russischen Barren. Von dem Requisit,
das jeweils auf den Schultern zweier Untermänner getragen wird,
wird zu anspruchsvollen Tricks gestartet und gelandet. So
springt die Dame einen doppelten Rückwärtssalto, ihre männlichen
Kollegen glänzen beispielsweise mit Rückwärtssalto mit Schraube
oder dem „Dreifachen“.
  
Schlussnummer mit
Dschigiten- und Jockeyreiten in Kombination
Die Reiterei nimmt
im Magyar Nemzeti Cirkusz seit Jahren einen besonderen Platz
ein. Vor diesem Hintergrund hatte es zum Jubiläum eine
mongolische Dshigitenreiter-Formation zum Programmbeginn wie
auch das hauseigene Jockeyreiten vor dem Finale geben sollen.
Tatsächlich werden in der besuchten Vorstellung die beiden
verwandten Disziplinen in der großen Schlussnummer
zusammengefasst. Zum Auftakt empfängt uns Jozsef Richter jun.
mit einer temperamentvollen Reiterei auf einem braunen Pferd –
Rückwärtslauf, Pirouette und mehr werden geboten. Weiterhin zu
Pferd kommandiert er mit der Peitsche in der Hand die jeweils
drei Rösser und Reiter beim Dschigiten-Part. Die Akrobaten aus
der Mongolei schießen im vollen Galopp mit Pfeil und Bogen auf
ein Ziel in der Manegenmitte, lassen kopfüber im Sattel hängend
die Hände durchs Sägemehl streifen oder umrunden den Bauch eines
Tieres. Beim Jockey-Part wirken auch Jozsef Richter jun., sein
langjähriges Truppenmitglied Marius Marton und dessen Sohn
Dominik mit. Hier reiten vier Mann auf einem Pferd – mal alle
stehend, mal drei sitzend und dabei den vierten auf Händen
tragend. Zum Abschluss schwenkt Jozsef Richter jun. die
ungarische Flagge übers Publikum. Die folkloristischen
Tanzszenen, die viele Jahre die Jockeynummer prägten, entfallen
in dieser Version. |