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Circus-Theater Roncalli - Tour 2024
www.roncalli.de ; 225 Showfotos

Köln, 21. April 2024: Von „All for art for all“ zu „ARTistART“ ist es gedanklich kein allzu weiter Weg. Es klingt mithin so, als habe sich durch den Programmwechsel bei Roncalli nicht viel getan. Geblieben ist in der Tat das übergeordnete Motto der Kunst. Ansonsten aber präsentiert das Circus-Theater von Bernhard Paul 2024 eine komplett neue Show. Mit neuen Darbietungen und vielen neuen Regieideen, insbesondere was Übergänge und die Gestaltung einzelner Darbietungen angeht. Neu sind sie zumindest für die Städte, in denen das Tourneegeschäft in diesem und dem kommenden Jahr gastieren wird. Denn einige davon wurden schon bei anderen Roncalli-Produktionen gezeigt, etwa in New York oder Berlin.

Das Publikum in Krefeld, Ludwigsburg oder Wien kennt sie somit aber noch nicht und profitiert sogar davon, dass die Szenen inzwischen bestens erprobt und optimiert sind. So ergibt sich eine Produktion aus einem Guss, die harmonisch, abwechslungsreich und kurzweilig daherkommt.


Circus-Theater Roncalli auf dem Kölner Neumarkt

Gewohnt traumhaft ist das gesamte Ambiente. Die nostalgische Circusstadt ist auf Hochglanz poliert. Vor dem Einlass lädt das rollende Café zum Besuch, nach der Ticketkontrolle nimmt einen die Roncalli-Magie dann vollends gefangen. Die Artisten sind zur Begrüßung gekommen, malen rote Punkte auf Nasen und bieten Bonbons an. Das Vorzelt hält kulinarische Genüsse sowie eine Fülle an Souvenirs bereit. Im prächtigen Chapiteau herrscht schon beim Einlass eine wunderbare Atmosphäre. Sturmstangen und gepolsterte Holzbänke sind für die einen Teil des historischen Konzepts, andere bemängeln den fehlenden Komfort.


Szene aus dem Finale

Über dem Artisteneingang thront wie immer das fantastische Orchester unter der Leitung von Georg Pommer. Dafür, dass der Sound optimal bei den Zuschauern ankommt, sorgt die Technikcrew. Ebenso für die Umsetzung des famosen Lichtdesigns. Die Idee zur Show stammt von Direktor Bernhard Paul. Einen großen Anteil an der Umsetzung hat wiederum Geschäftsführer Patrick Philadelphia. Für die Auswahl der Artisten zeichnet Vivi Paul-Roncalli verantwortlich, die im Programmmagazin als „Stellvertreterin des Direktors“ geführt wird. Das Heft wiederum ist wirklich eine Illustrierte, wie es auf dem Titel heißt. Neben der Vorstellung der Mitwirkenden enthält sie reich bebilderte Beiträge zur Geschichte des Unternehmens, den verschiedenen Geschäftszweigen und zum Motto des Programms.


Matute und Canutito Jr, Gensi, Noel Aguilar

Zu dessen Beginn schweben zwei der Begleiter durch den Nachmittag mit dem Heißluftballon ein. Es sind die Clowns Matute und Canutito Jr. samt Gepäck. In der Manege werden sie von Weißclown Gensi empfangen. Bei diesen drei Vertretern des Genres Clownerie bleibt es. Sie begegnen uns immer wieder gemeinsam oder im Solo sowie Duo. Für mich macht diese Reduktion und Konzentration gegenüber den Vorjahren – Zitat Bernhard Paul: „Ich sammle Clowns.“ - Sinn. Sie geben der Show einen gewissen roten Faden. Dann füllt sich das Rund. Das Ensemble kommt zu einem bunten, lebhaften Charivari herein. Sogar ein kleiner Circuswagen mit Zugmaschine davor ist dabei. Es wird getanzt, jongliert, Luftakrobatik zelebriert und einfach ausgelassen gefeiert. Den Schwung daraus darf Noel Aguilar direkt aufgreifen. Der junge Jongleur aus Mexiko arbeitet im spanischen Stil. Zwei Tänzerinnen assistieren ihm in von der iberischen Halbinsel inspirierten Kostümen. Erinnerungen an Manuel Alvarez werden wach, der hier vor etlichen Jahren jongliert hat. Aguilar macht seine Sache mit jugendlichem Charme ganz ausgezeichnet. Zunächst arbeitet er mit bis zu sechs Keulen, dann mit Tischtennisbällen, die er mit dem Mund in die Luft schnalzt und wieder auffängt. Bei der rasanten Jonglage von Strohhüten bezieht er einzelne Zuschauer ein. Fast schon hinter dem Vorhang, wird Noel Aguilar noch einmal ins Scheinwerferlicht getrieben. Ein Stier, auf dem Prof. Wacko reitet, stürmt durch die Manege. Mittels einer Karotte schafft es Gensi, das Tier zu beruhigen.


Ballett, Alisa Shehter, Andrey Romanovski

Zum Boxen geht es mit Matute. Er fordert einen Zuschauer heraus, sich mit ihm zu messen. Bevor der Kampf steigt, ist das Warm up angesagt. Matute macht die Übungen vor, der Gast muss sie wiederholen. Das Ganze wird mit Geräuschen unterlegt, die der Clown mit dem Mund produziert. Das eigentliche Duell ist kurz, der Sieger steht schnell fest. Definitiv auch ein Gewinn für das gesamte Publikum, denn hier gibt es viel zu Lachen. Die nächsten Minuten sind Frida Kahlo gewidmet. Die Kostüme des vierköpfigen Balletts sind bei diesem Auftritt im Stil der Werke der mexikanischen Malerin gehalten. Alisa Shehter verkörpert die Künstlerin sogar in Gänze, wenn sie ihre traumhafte Kür am Luftring zeigt. Bei dieser verzaubert sie uns mit Gleichgewichtskunst, der Biegsamkeit ihres Körpers und einer Portion Wagemut. Ein wahrer Genuss. „Das Spielen ist hier verboten“, muss sich sodann Canutito Jr. von Gensi sagen lassen. Wie schon seine Vorgänger, versucht der gebürtige Peruaner und Clown in dritter Generation auf verschiedenen Instrumenten zu musizieren. Der gestrenge Weißclown untersagt es immer wieder, doch am Ende sind die Bemühungen von Canutito Jr. natürlich von Erfolg gekrönt. Nach vielen Jahren ins Saisonprogramm von Roncalli zurückgekehrt ist Andrey Romanovski. Der hochgewachsene Klischnigger wird von den Damen des Balletts hereinbegleitet. Es ist witzig anzusehen, aber sicher alles andere als einfach auszuführen, bei jedem Schritt in den Querspagat zu gehen. Dann erklimmt Andrey Romanovski ein langes Ofenrohr, auf dessen Spitze er Handstände drückt. Mit zusammengefaltetem Körper rutscht er im Inneren nach unten. Zum Abschluss gibt es das Seilspringen auf den Händen, wobei die Beine über den Schultern abgelegt werden. Das Seil befindet sich an den Füßen. Die wohl originellste Darbietung des Genres.


Adem Crew, Prof. Wacko und Nathalie Bru

Als Kunstvermittler führt Gensi seine beiden Clownskollegen durch ein Museum. Diese folgen ihm mehr oder weniger aufmerksam. Zu besichtigen gibt es die Statuen von Charlie Chaplin, einem Samurai und einem Pharao. Nachdem die Gäste die Ausstellung verlassen haben, macht sich ein Einbrecher an den Exponaten zu schaffen, schießt etwa Selfies mit Charlie Chaplin. Die drei Figuren erwachen zum Leben und zeigen, so die Beschreibung im Programmheft, Robotertanz. 2022 hatte der dänische Cirkus Arena eine vergleichbare Nummer im Programm. Damals erschloss sich mir, wie jetzt bei Roncalli, die gezeigte Kunst nicht vollends. Originell und innovativ ist die Aufführung der Adem Crew aber ganz sicher. Eben mal etwas anderes. Ein Genuss ohne Grübeln stellt die grandiose Reise nach Paris dar, die wir vor der Pause antreten und in die der Großteil des Ensembles involviert ist. Die Tänzerinnen nehmen uns, durch Kleider und Choreographie umgesetzt, mit ins Moulin Rouge. Dieses liegt im Künstlerviertel Montmartre. In dessen Straßen finden wir uns sodann wieder. Maler stehen an ihren Staffeleien, Köche sind unterwegs, feine Damen flanieren durch die Szenerie und Gendarme sorgen für Ordnung. Sängerin Nathalie Bru interpretiert Chansons. Ebenfalls dabei ist Henri de Toulouse-Lautrec, dem diese Inszenierung gewidmet ist. Verkörpert wird der französische Maler von Prof. Wacko. Dieser wiederum ist Trampolin-Artist. Sein Requisit mit Sprungturm wird von den Requisiteuren in Windeseile aufgebaut. Und so erleben wir variantenreiche Sprünge und ordentlich Comedy. Wieder auf dem Boden angekommen, darf er inmitten der Tänzerinnen einen French Can Can wagen. Den gibt es schlussendlich von allen Mitwirkenden, bevor sie im Vorhang posierend die Pause ankündigen. So endet ein fulminantes Finale für die erste Programmhälfte.


Duo Cardio, Magic in Wonderland, Duo Turkeev

Teil zwei beginnt mit Hologrammen auf einer Rundleinwand um die Manege, wie wir sie in den letzten Jahren zu Beginn des Programms erleben konnten. Mit einem Charleston in blauen Kleidern kündigt das Ballett das Duo Cardio an. Solène Albores und Rodrigo Hernández verkaufen ihre Perche-Akrobatik mit einem Augenzwinkern. Insbesondere um den Hut von Rodrigo gibt es einen kleinen Zwist. Zum Einsatz kommen Ring-, Stirn- sowie Schulterperche. Sogar über ein Leitergestell lässt sich Solène von ihrem Partner balancieren. Ganz oben angekommen, drückt sie eine Handstand in luftiger Höhe und hat dabei den Hut auf einem Fuß. Waren Gensi und Canutito Jr. eben noch Gegenspieler, musizieren sie nun gemeinsam auf dem Gradin. Währenddessen wird die Manege zur Bahnstation. „Magic in Wonderland“ steht auf der Dampflok, mit der Alexandra Saabel hereinfährt. Das ist der Beginn für die zauberhaften Großillusionen, die Saabel gemeinsam mit ihrer Company präsentiert. Menschen verschwinden auf wundersame Weise und tauchen genauso überraschend wieder auf. Der Körper einer Akteurin wird zusammengestaucht. Natürlich sehen wir sie wenige Augenblicke wieder in voller Lebensgröße. Einzigartig werden diese Zaubereien durch die fantastischen Kostüme, allesamt Kreationen von Alexandra Saabel. Nach einer Einlage von Matute auf den Rängen sehen wir Dmytro Turkeiev, wie er die Frau in einem Gemälde begehrt. Kurzerhand wird sein Traum war, die Angebetete durchbricht die Leinwand und steht aus Fleisch und Blut vor ihm. Es handelt sich um Partnerin Julia Galenchyk. In reichlich Nebel gehüllt, erleben wir das Duo Turkeev mit traumhafter Akrobatik an den Strapaten. Sie zeigen gemeinsam ihre anspruchsvollen Tricks in der Luft oder Julia schwebt alleine über der Manege – etwa im Spagat oder bei Drehungen um die eigene Achse, bei der sie mit einem Fuß in einer Schlaufe hängt und dabei einen Glitterwirbel erzeugt. Schlussendlich posieren beide gemeinsam im Bilderrahmen.


Lili Paul-Roncalli, Matute, Zhenyu Li

Während Gensi und Canutito Jr. im Zuschauerraum musizieren, verwandelt sich die zentrale Spielfläche in einen exklusive Billardsalon. Die Damen des Balletts sind in schwarzen Anzügen und Hüten mit Queues dabei. Der Billardtisch aber gehört Lili Paul-Roncalli. Darauf demonstriert sie die faszinierende Biegsamkeit ihres Körpers. Bei ihrer anmutigen Kontorsion lässt sie zudem Teppiche auf Fuß und Hand rotieren. Als Clou beweist sie gemeinsam mit einem Tanzpartner, warum sie vollkommen zu Recht eine Staffel der RTL-Tanzshow „Let's dance“ gewonnen hat. Gemeinsam mit ihm zeigt Lili Paul-Roncalli in verschiedenen Sequenzen ungeheuer intensive Choreographien. Sie verschmelzen mit der Akrobatik zu einer ganzheitlichen Darbietung, die genial inszeniert ist. Seine besten Nummer hat sich Matute für den Schluss aufgehoben, obwohl das Klatschen mit dem Publikum anderswo gerne an den Beginn gesetzt wird. Der peruanische Clown im Matrosenkostüm trägt dabei eine große Trommel mit Becken darauf auf dem Rücken. Mit zwei Stäben dirigiert er das Publikum. Während eine Seite und die frontal sitzenden Zuschauer „kein Problem“ bereiten, erweist sich die andere Seite als „Problem“. Es ist herrlich, wie Matute die Gäste im Chapiteau im Griff hat und letztendlich allen riesig Spaß bereitet. Einige überraschende Momente inklusive. Bei der Schlussnummer gibt es ein Wiedersehen mit Zhenyu Li. Der sympathische Artist ist ein Meister der Handstandakrobatik. Dabei geht es für den Chinesen ganz hoch hinaus. „High Crutches“ nennen sich die ineinander gesteckten Handstäbe, die letztendlich einen schwankenden Turm ergeben. Darauf hält sich Zhenyu Li in den verschiedensten Varianten im Gleichgewicht, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Nach dieser Ausnahmeakrobatik dürfen wir das gewohnt ausführliche Finale genießen. Ein wahres Fest für alle Sinne. Im Epilog warten Matute und Canutito Jr. auf den Heißluftballon zurück nach Hause. Dieser kommt nicht. Stattdessen holt sie der Circuswagen ab. Sie sind endgültig in der Welt der Artisten angekommen. Nach einer Liebesbezeugung an Köln fällt der letzte Vorhang.

Mit dieser Show entfacht Roncalli einmal mehr seine ganze Magie. Für mich ist „ARTistART“ eine der stärksten Produktionen des Circus-Theaters von Bernhard Paul der letzten Jahre. Es gibt viele traumhafte Bilder, die einen ganz für sich einnehmen. Originelle Ideen werden überzeugend umgesetzt. Dazu ausgewählte Artisten, die vielfach Genres vertreten, welche in dieser Manege lange nicht mehr zu erleben waren. Die Reduktion auf drei Clownsfiguren gibt einen klaren roten Faden. Dazu der gewohnte Rahmen mit wunderbarem Licht, Livemusik, Ballett und unerreichtem Ambiente. Ein Circustraum, der die Zeit bis zum 50-jährigen Jubiläum 2026 nicht einfach nur überbrückt, sondern sie grandios ausfüllt. Chapeau!

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Text und Fotos: Stefan Gierisch