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Das
Publikum in Krefeld, Ludwigsburg oder Wien kennt sie somit aber
noch nicht und profitiert sogar davon, dass die Szenen
inzwischen bestens erprobt und optimiert sind. So ergibt sich
eine Produktion aus einem Guss, die harmonisch,
abwechslungsreich und kurzweilig daherkommt.

Circus-Theater Roncalli auf dem Kölner Neumarkt
Gewohnt
traumhaft ist das gesamte Ambiente. Die nostalgische Circusstadt
ist auf Hochglanz poliert. Vor dem Einlass lädt das rollende
Café zum Besuch, nach der Ticketkontrolle nimmt einen die
Roncalli-Magie dann vollends gefangen. Die Artisten sind zur
Begrüßung gekommen, malen rote Punkte auf Nasen und bieten
Bonbons an. Das Vorzelt hält kulinarische Genüsse sowie eine
Fülle an Souvenirs bereit. Im prächtigen Chapiteau herrscht
schon beim Einlass eine wunderbare Atmosphäre. Sturmstangen und
gepolsterte Holzbänke sind für die einen Teil des historischen
Konzepts, andere bemängeln den fehlenden Komfort.

Szene
aus dem Finale
Über dem
Artisteneingang thront wie immer das fantastische Orchester
unter der Leitung von Georg Pommer. Dafür, dass der Sound
optimal bei den Zuschauern ankommt, sorgt die Technikcrew.
Ebenso für die Umsetzung des famosen Lichtdesigns. Die Idee zur
Show stammt von Direktor Bernhard Paul. Einen großen Anteil an
der Umsetzung hat wiederum Geschäftsführer Patrick Philadelphia.
Für die Auswahl der Artisten zeichnet Vivi Paul-Roncalli
verantwortlich, die im Programmmagazin als „Stellvertreterin des
Direktors“ geführt wird. Das Heft wiederum ist wirklich eine
Illustrierte, wie es auf dem Titel heißt. Neben der Vorstellung
der Mitwirkenden enthält sie reich bebilderte Beiträge zur
Geschichte des Unternehmens, den verschiedenen Geschäftszweigen
und zum Motto des Programms.
  
Matute
und Canutito Jr, Gensi, Noel Aguilar
Zu dessen
Beginn schweben zwei der Begleiter durch den Nachmittag mit dem
Heißluftballon ein. Es sind die Clowns Matute und Canutito Jr.
samt Gepäck. In der Manege werden sie von Weißclown Gensi
empfangen. Bei diesen drei Vertretern des Genres Clownerie
bleibt es. Sie begegnen uns immer wieder gemeinsam oder im Solo
sowie Duo. Für mich macht diese Reduktion und Konzentration
gegenüber den Vorjahren – Zitat Bernhard Paul: „Ich sammle
Clowns.“ - Sinn. Sie geben der Show einen gewissen roten Faden.
Dann füllt sich das Rund. Das Ensemble kommt zu einem bunten,
lebhaften Charivari herein. Sogar ein kleiner Circuswagen mit
Zugmaschine davor ist dabei. Es wird getanzt, jongliert,
Luftakrobatik zelebriert und einfach ausgelassen gefeiert. Den
Schwung daraus darf Noel Aguilar direkt aufgreifen. Der junge
Jongleur aus Mexiko arbeitet im spanischen Stil. Zwei
Tänzerinnen assistieren ihm in von der iberischen Halbinsel
inspirierten Kostümen. Erinnerungen an Manuel Alvarez werden
wach, der hier vor etlichen Jahren jongliert hat. Aguilar macht
seine Sache mit jugendlichem Charme ganz ausgezeichnet. Zunächst
arbeitet er mit bis zu sechs Keulen, dann mit Tischtennisbällen,
die er mit dem Mund in die Luft schnalzt und wieder auffängt.
Bei der rasanten Jonglage von Strohhüten bezieht er einzelne
Zuschauer ein. Fast schon hinter dem Vorhang, wird Noel Aguilar
noch einmal ins Scheinwerferlicht getrieben. Ein Stier, auf dem
Prof. Wacko reitet, stürmt durch die Manege. Mittels einer
Karotte schafft es Gensi, das Tier zu beruhigen.
  
Ballett, Alisa Shehter, Andrey Romanovski
Zum Boxen
geht es mit Matute. Er fordert einen Zuschauer heraus, sich mit
ihm zu messen. Bevor der Kampf steigt, ist das Warm up angesagt.
Matute macht die Übungen vor, der Gast muss sie wiederholen. Das
Ganze wird mit Geräuschen unterlegt, die der Clown mit dem Mund
produziert. Das eigentliche Duell ist kurz, der Sieger steht
schnell fest. Definitiv auch ein Gewinn für das gesamte
Publikum, denn hier gibt es viel zu Lachen. Die nächsten Minuten
sind Frida Kahlo gewidmet. Die Kostüme des vierköpfigen Balletts
sind bei diesem Auftritt im Stil der Werke der mexikanischen
Malerin gehalten. Alisa Shehter verkörpert die Künstlerin sogar
in Gänze, wenn sie ihre traumhafte Kür am Luftring zeigt. Bei
dieser verzaubert sie uns mit Gleichgewichtskunst, der
Biegsamkeit ihres Körpers und einer Portion Wagemut. Ein wahrer
Genuss. „Das Spielen ist hier verboten“, muss sich sodann
Canutito Jr. von Gensi sagen lassen. Wie schon seine Vorgänger,
versucht der gebürtige Peruaner und Clown in dritter Generation
auf verschiedenen Instrumenten zu musizieren. Der gestrenge
Weißclown untersagt es immer wieder, doch am Ende sind die
Bemühungen von Canutito Jr. natürlich von Erfolg gekrönt. Nach
vielen Jahren ins Saisonprogramm von Roncalli zurückgekehrt ist
Andrey Romanovski. Der hochgewachsene Klischnigger wird von den
Damen des Balletts hereinbegleitet. Es ist witzig anzusehen,
aber sicher alles andere als einfach auszuführen, bei jedem
Schritt in den Querspagat zu gehen. Dann erklimmt Andrey
Romanovski ein langes Ofenrohr, auf dessen Spitze er Handstände
drückt. Mit zusammengefaltetem Körper rutscht er im Inneren nach
unten. Zum Abschluss gibt es das Seilspringen auf den Händen,
wobei die Beine über den Schultern abgelegt werden. Das Seil
befindet sich an den Füßen. Die wohl originellste Darbietung des
Genres.
 
Adem
Crew, Prof. Wacko und Nathalie Bru
Als
Kunstvermittler führt Gensi seine beiden Clownskollegen durch
ein Museum. Diese folgen ihm mehr oder weniger aufmerksam. Zu
besichtigen gibt es die Statuen von Charlie Chaplin, einem
Samurai und einem Pharao. Nachdem die Gäste die Ausstellung
verlassen haben, macht sich ein Einbrecher an den Exponaten zu
schaffen, schießt etwa Selfies mit Charlie Chaplin. Die drei
Figuren erwachen zum Leben und zeigen, so die Beschreibung im
Programmheft, Robotertanz. 2022 hatte der dänische Cirkus Arena
eine vergleichbare Nummer im Programm. Damals erschloss sich
mir, wie jetzt bei Roncalli, die gezeigte Kunst nicht vollends.
Originell und innovativ ist die Aufführung der Adem Crew aber
ganz sicher. Eben mal etwas anderes. Ein Genuss ohne Grübeln
stellt die grandiose Reise nach Paris dar, die wir vor der Pause
antreten und in die der Großteil des Ensembles involviert ist.
Die Tänzerinnen nehmen uns, durch Kleider und Choreographie
umgesetzt, mit ins Moulin Rouge. Dieses liegt im Künstlerviertel
Montmartre. In dessen Straßen finden wir uns sodann wieder.
Maler stehen an ihren Staffeleien, Köche sind unterwegs, feine
Damen flanieren durch die Szenerie und Gendarme sorgen für
Ordnung. Sängerin Nathalie Bru interpretiert Chansons. Ebenfalls
dabei ist Henri de Toulouse-Lautrec, dem diese Inszenierung
gewidmet ist. Verkörpert wird der französische Maler von Prof.
Wacko. Dieser wiederum ist Trampolin-Artist. Sein Requisit mit
Sprungturm wird von den Requisiteuren in Windeseile aufgebaut.
Und so erleben wir variantenreiche Sprünge und ordentlich Comedy.
Wieder auf dem Boden angekommen, darf er inmitten der
Tänzerinnen einen French Can Can wagen. Den gibt es
schlussendlich von allen Mitwirkenden, bevor sie im Vorhang
posierend die Pause ankündigen. So endet ein fulminantes Finale
für die erste Programmhälfte.
  
Duo
Cardio, Magic in Wonderland, Duo Turkeev
Teil zwei
beginnt mit Hologrammen auf einer Rundleinwand um die Manege,
wie wir sie in den letzten Jahren zu Beginn des Programms
erleben konnten. Mit einem Charleston in blauen Kleidern kündigt
das Ballett das Duo Cardio an. Solène Albores und Rodrigo
Hernández verkaufen ihre Perche-Akrobatik mit einem
Augenzwinkern. Insbesondere um den Hut von Rodrigo gibt es einen
kleinen Zwist. Zum Einsatz kommen Ring-, Stirn- sowie
Schulterperche. Sogar über ein Leitergestell lässt sich Solène
von ihrem Partner balancieren. Ganz oben angekommen, drückt sie
eine Handstand in luftiger Höhe und hat dabei den Hut auf einem
Fuß. Waren Gensi und Canutito Jr. eben noch Gegenspieler,
musizieren sie nun gemeinsam auf dem Gradin. Währenddessen wird
die Manege zur Bahnstation. „Magic in Wonderland“ steht auf der
Dampflok, mit der Alexandra Saabel hereinfährt. Das ist der
Beginn für die zauberhaften Großillusionen, die Saabel gemeinsam
mit ihrer Company präsentiert. Menschen verschwinden auf
wundersame Weise und tauchen genauso überraschend wieder auf.
Der Körper einer Akteurin wird zusammengestaucht. Natürlich
sehen wir sie wenige Augenblicke wieder in voller Lebensgröße.
Einzigartig werden diese Zaubereien durch die fantastischen
Kostüme, allesamt Kreationen von Alexandra Saabel. Nach einer
Einlage von Matute auf den Rängen sehen wir Dmytro Turkeiev, wie
er die Frau in einem Gemälde begehrt. Kurzerhand wird sein Traum
war, die Angebetete durchbricht die Leinwand und steht aus
Fleisch und Blut vor ihm. Es handelt sich um Partnerin Julia
Galenchyk. In reichlich Nebel gehüllt, erleben wir das Duo
Turkeev mit traumhafter Akrobatik an den Strapaten. Sie zeigen
gemeinsam ihre anspruchsvollen Tricks in der Luft oder Julia
schwebt alleine über der Manege – etwa im Spagat oder bei
Drehungen um die eigene Achse, bei der sie mit einem Fuß in
einer Schlaufe hängt und dabei einen Glitterwirbel erzeugt.
Schlussendlich posieren beide gemeinsam im Bilderrahmen.
  
Lili
Paul-Roncalli, Matute, Zhenyu Li
Während
Gensi und Canutito Jr. im Zuschauerraum musizieren, verwandelt
sich die zentrale Spielfläche in einen exklusive Billardsalon.
Die Damen des Balletts sind in schwarzen Anzügen und Hüten mit
Queues dabei. Der Billardtisch aber gehört Lili Paul-Roncalli.
Darauf demonstriert sie die faszinierende Biegsamkeit ihres
Körpers. Bei ihrer anmutigen Kontorsion lässt sie zudem Teppiche
auf Fuß und Hand rotieren. Als Clou beweist sie gemeinsam mit
einem Tanzpartner, warum sie vollkommen zu Recht eine Staffel
der RTL-Tanzshow „Let's dance“ gewonnen hat. Gemeinsam mit ihm
zeigt Lili Paul-Roncalli in verschiedenen Sequenzen ungeheuer
intensive Choreographien. Sie verschmelzen mit der Akrobatik zu
einer ganzheitlichen Darbietung, die genial inszeniert ist.
Seine besten Nummer hat sich Matute für den Schluss aufgehoben,
obwohl das Klatschen mit dem Publikum anderswo gerne an den
Beginn gesetzt wird. Der peruanische Clown im Matrosenkostüm
trägt dabei eine große Trommel mit Becken darauf auf dem Rücken.
Mit zwei Stäben dirigiert er das Publikum. Während eine Seite
und die frontal sitzenden Zuschauer „kein Problem“ bereiten,
erweist sich die andere Seite als „Problem“. Es ist herrlich,
wie Matute die Gäste im Chapiteau im Griff hat und letztendlich
allen riesig Spaß bereitet. Einige überraschende Momente
inklusive. Bei der Schlussnummer gibt es ein Wiedersehen mit
Zhenyu Li. Der sympathische Artist ist ein Meister der
Handstandakrobatik. Dabei geht es für den Chinesen ganz hoch
hinaus. „High Crutches“ nennen sich die ineinander gesteckten
Handstäbe, die letztendlich einen schwankenden Turm ergeben.
Darauf hält sich Zhenyu Li in den verschiedensten Varianten im
Gleichgewicht, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Nach
dieser Ausnahmeakrobatik dürfen wir das gewohnt ausführliche
Finale genießen. Ein wahres Fest für alle Sinne. Im Epilog
warten Matute und Canutito Jr. auf den Heißluftballon zurück
nach Hause. Dieser kommt nicht. Stattdessen holt sie der
Circuswagen ab. Sie sind endgültig in der Welt der Artisten
angekommen. Nach einer Liebesbezeugung an Köln fällt der letzte
Vorhang. |