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Ein sexy
Circusprogramm, jeden Herbst komplett neu und immer hochwertig,
das gibt es auf diesem Globus wohl nur ein einziges Mal. Das ist
an sich schon eine großartige kreative Leistung. Als wir das
Vorzelt betreten, fällt unser Blick zuerst auf einen „OHLALA“-Schriftzug
in riesigen Lettern. Dahinter wartet düster-stilvolle
Nachtclub-Atmosphäre. Wer mag, darf sich in drei großen
„Schaukästen“ mit betörend schönen Damen aus dem Ensemble
fotografieren lassen. Nach Buchung vorab kann ein mehrgängiges
Menü in einem der Nebenzelte genossen werden. Aber auch spontan
steht an der zentralen Bar und an dem seitlichen Essensstand ein
enormes Angebot an kühlen Drinks, Snacks und warmen Speisen zur
Verfügung. Auch das gehört zu stilvollem
Erwachsenen-Entertainment einfach dazu.
  
Ambiente in
Vorzelt und Chapiteau
Waren die Themen
der vergangenen beiden Produktionen mit „Bubble Gum“ und „Milk
and Chocolate“ vergleichsweise konkret, hat sich das Kreativteam
rund um CEO Anja Walder, Artistic Director Scott Maidment und
Head of Artist Mariana Rodrigo diesmal für einen abstrakteren
Ansatz entschieden. Das Show-Motto „X – wie ein Schatten im
Licht, spürbar, aber nie greifbar – bis jetzt“ mag wohl eine
Leerstelle beschreiben. Es lässt sich verstehen als ein
Platzhalter für das, worauf sich Sehnsüchte richten und für das,
worauf Begierde und Verlangen abzielen. Als Zeichen einer
geheimnisvollen Welt der Sünde, die man normalerweise nur
erahnen, im innen mastenfreien Chapiteau von Gregory Knie aber
für einen Abend sehen und spüren kann.

Opening
Zu Beginn richtet
sich unser Blick auf eine junge Frau, die auf einem Stuhl sitzt
und Cello spielt. Bald schlüpft sie zu ihrem Partner in ein
großes Bett und hofft auf Zweisamkeit. Doch weit gefehlt: Zu
ihrem Entsetzen entschlüpft ein halbes Dutzend weiterer Damen
aus einer Öffnung in der Matratze und umgarnt den Mann. Eine
Szene, die haften bleibt. Ein flatterndes, weißes Tuch mit
großem „Ohlala“-Logo verdeckt nun Bühne und Logen, bis es
fortgezogen wird und die Sicht freigibt aufs große Opening. Auf
eine Live-Band wird erstmals verzichtet. Das ist angesichts der
perfekten Musik-Einspielungen und des gewohnt glasklaren Sounds
von Tonmeister Jaume Trobat einerseits verschmerzbar;
andererseits wirkt eine Circus-Bühne ohne Musiker schnell
steril. Dieser Gefahr wird hier mit zwei Ansätzen begegnet. Zum
einen werden die Leerstellen links und rechts der runden
Spielfläche mit heb- und senkbaren Podesten gefüllt. Auf ihnen
stehen Glaswürfel, die innen begangen und obendrauf als Emporen
genutzt werden können. Eine weitere Glasbox lässt sich als
flexibles Element auf die Bühne rollen. So entsteht ein neues
Setting. Zum anderen sorgt heuer ein Gesangs-Duo anstelle einer
Solistin für Live-Charakter. Leelou und Tony – das Paar aus dem
Bett – beeindruckt mit starken Stimmen und Performances,
zunächst mit einer Interpretation von „La Bohème“ zum Opening
mit dem gesamten Ensemble, das in verruchten Outfits auftritt.
  
Christopher
Togni, David Eriksson, Duo Since Moment
Bei aller Sexyness
ist und bleibt Ohlala im Kern immer ein Circusprogramm. Und so
verwundert es nicht, dass mit Christopher Togni ein junger
Spross der bekannten italienischen Circusdynastie die Spielfolge
eröffnet. Seinen muskelbepackten Traumkörper setzt er bei
Equilibristik auf vier Handständen so in Szene, dass ihm
fortwährender Zwischenapplaus gewiss ist, einem deutlichen
Patzer zum Trotz. Begleitet von ruhigem, energetischem Gesang
gipfelt seine Arbeit im Klötzchen-Abfaller und erntet
Riesenbeifall. Dass Ohlala nicht nur „sexy“ und „artistic“,
sondern eben auch „crazy“ sein möchte, drückt sich häufig in der
Wahl der Comedians aus. Diesmal wurde der Schwede David Eriksson
verpflichtet, der in Deutschland dank seiner
Flic-Flac-Engagements zu Bekanntheit gelangt ist. Mit Glatze und
Tattoos, zunächst in pinkem Rock und mit ebensolchen Stiefeln
sowie mit gecropptem Motörhead-Tanktop gibt er uns in seinem
ersten Auftritt gleich Kostproben seines erstaunlichen Könnens.
Dazu gehört es beispielsweise, erst fünf Pingpong-Bälle auf
einmal im Mund zu verstauen und diese dann mit dem Mund zu
jonglieren. Eine Szene des Balletts – der Sänger führt die Damen
in Fetisch-Outfits an langen Leinen – leitet über zum ersten
artistischen Höhepunkt. Ein Höhepunkt im Wortsinne, denn beim
Duo „Since Moment“ hält sich Alexander zunächst mit den Händen
an Strapaten und trägt mit den Zähnen ein Band, an dem Mariia
bei verschiedenen Figuren ihre enorme Beweglichkeit zeigt.
Ungeheuer eindrucksvoll ist der Part, in dem sie die tragende
Rolle übernimmt und sich nur mit einer Hand an den Strapaten
hält, während sie in einer kontorsionistischen Pose hängt und er
sich an ihren Füßen fasst. Bravo! Weiter geht es mit einem
doppelten Zahnhang, bei dem sie ihn trägt, und nach einem
weiteren Rollenwechsel mit ihrem Zopfhang und einem
blitzschnellen Wirbel, bei dem er die Partnerin wiederum nur mit
der Kraft des Gebisses sichert. Tosender Applaus ist der Lohn.
Entspannung gibt es mit David Eriksson, der uns demonstriert,
was man mit Ping-Pong-Bällen noch so anstellen kann:
beispielsweise eine Art „Bouncing-Jonglage“ mit dem Mund gegen
das Glas einer Taucherbrille, die ein Zuschauer trägt. Die sechs
Damen des Balletts tanzen nun um den Glaswürfel, der in die
Mitte der Bühne gerollt ist. Darin steht Sänger Tony. Natürlich
dauert es nicht lange, bis sie sich zu dem Herrn mit
Waschbrettbauch in die Box begeben.
  
Oleg Valko,
Duo Soma, Truppe Gypsy
Oleg Valko
balanciert auf einem Mundschwert einen Stapel aus sechs Gläsern,
zunächst auf Messers Schneide, dann auf der Spitze. Es folgt die
Balance eines langen Schwerts auf dem Mundschwert, dies „Spitze
auf Spitze“, während er sich auf den Boden legt und wieder
aufsteht. Wirkungsvoll auch sein Schlusstrick, bei dem er einen
Ballon und einen Kerzenständer auf dem Mundschwert balanciert,
dann den Ballon zum Platzen bringt und den Kerzenständer mit dem
Schwert fängt. Auf einen Aufmarsch der Ballettdamen in goldenen
Outfits folgt ein weiteres Highlight, der Perche-Act des Duos
Soma. Zu den wesentlichen Elementen der Trickfolge gehört
zunächst, wie Tobias Wolfgang eine Leiter übersteigt, während er
auf einer hohen Stirnperche seine Partnerin Vanessa Martinez
trägt, die hoch oben im Handstand balanciert. Dann begeistert
das attraktive Paar mit ihrem Zopfhangwirbel am oberen Ende
einer Perchestange, die in seinem Beckengurt ruht. Ein
Flitterregen zum Abschluss darf nicht fehlen. Während einer Art
kecker Polonaise zwischen Loge und Tribüne, zu der ein Teil des
Ensembles aufbricht, bleibt Zeit, um das Requisit für die
Pausennummer zu errichten. Am Quadratreck beeindrucken die vier
Herren der Formation „Gypsy“ mit Umschwüngen und spektakulären
Sprüngen von Stange zu Stange, mal in Einzelaktionen und mal
synchron.
 
Ballett,
White Gothic
Hälfte zwei
beginnt mit der größten Szene des Balletts. Auch hier haben sich
die Macher für etwas entschieden, was es bei Ohlala noch nicht
gab: Die Compagnie ist diesmal rein weiblich besetzt. Das ist
schade, denn es fehlen der reizvolle Kontrast von schönen Frauen
und muskelbepackten Herren und die Interaktion zwischen ihnen.
Dass manche der männlichen Artisten während der Show immer
wieder als Figuranten mitwirken, ist kein Ersatz. Zweifellos
sind die Tänzerinnen außerordentlich attraktiv, dank
unterschiedlicher Typen jede auf ihre eigene Weise. Doch während
wir im letzten Jahr von noch ausgefeilteren und hochwertigeren
Choreographien geschwärmt hatten, erscheinen uns selbige diesmal
etwas simpler, weniger anspruchsvoll. Die meisten Szenen lassen
uns an aufreizende Go-Go-Tänzerinnen in einem Club denken – was
sich positiv so interpretieren lässt, dass die gesamte Show ein
durchgängiges Gepräge, einen bestimmten tänzerischen Look hat.
Er spiegelt sich in den exzellent gearbeiteten Kostümen in Rot,
Gold und Schwarz von Stela Verebceanu, die jeweils auch ein "X"
beinhalten, beispielsweise in Form leuchtender Kopfschmucke.
Besagte Szene zu Beginn der zweiten Hälfte zeigt eine erotische
Modenschau, bei der sich die Ladys äußerst lasziv in Szene
setzen. Zwei der Artisten sorgen mit Kameras fürs
Blitzlichtgewitter, und Star-Choreograph Fidel Buika wirkt in
der Rolle des Designers erstmals selbst auf der Bühne mit. Der
prominenteste Act in diesem Cast ist sicherlich die Formation
„White Gothic“. Da die vier Herren hier in schwarzen Hosen
arbeiten, ist der Name diesmal nicht Programm. Das ändert
natürlich nichts an dem bärenstarken Repertoire auf dem Gebiet
der Partnerequilibristik, welches das Publikum vor Begeisterung
spätestens beim Schlusstrick nach Pellegrini-Manier regelrecht
ausflippen lässt. Darüber hinaus ist die Darbietung exzellent in
Szene gesetzt – mit dem gewohnt meisterhaften Licht
einschließlich Laserstrahlen von Diego Diaz, dem großartigen
Gesang („Sound of Silence“) von Tony und dem Bühnensetting im
Hintergrund, auf dem mehrere Akteure das Geschehen wie
menschliche Skulpturen beobachten.
  
Jimmy Jean, Inna
Zobenko, Jenny
Unter Wert
verkauft wird dagegen der Auftritt von Inna Zobenko. Dabei kniet
die Artistin auf einer Drehscheibe und dreht sich in
aberwitzigem Tempo und mit unglaublicher Ausdauer um sich
selbst. Später richtet sie sich sogar noch auf und steht auf der
rotierenden Scheibe. Ihr Gleichgewicht ist mehr als ausgeprägt,
ein Schwindelgefühl scheinbar nicht vorhanden. Nur: Da sie das
alles in der gläsernen Box in der Bühnenmitte tut, wird es kaum
wahrgenommen. Das gilt umso mehr, als im Verlauf ihrer Nummer
Head Spinner Jimmy Jean vor der Box im Kopfstand auf dem Boden
kreiselt, während Artistenkollegen ihn anfeuern. Der Blick auf
die parallele Arbeit seiner Kollegin ist quasi versperrt.
Nochmal rücken das Ballett und das große Bett ins Zentrum des
Geschehens. Das Schlafmöbel wird zum Ausgangspunkt für Jenny und
deren Ver- und Entwicklungen in ihrer Kür am Vertikalseil. Eine
wunderbar feminine, aber doch kraftvolle Arbeit.
 
Alan J.
Silva, Yanil Altagracia
Tanz in
verschiedenen Facetten nimmt in den Produktionen von Gregory
Knie immer besonderen Raum ein. Diesmal wurde zusätzlich zum
Ballett Yanil Altagracia verpflichtet, die 2018 den Meistertitel
bei der erstmals ausgetragenen Europameisterschaft im Twerking
holte. Die in der dominikanischen Republik geborene Schweizerin
beherrscht diesen Tanzstil perfekt. Er ist charakterisiert durch
kreisende, ruckartige Hüft- und Beckenbewegungen mit Fokus auf
dem Gesäß, das zum Schwingen und Zucken gebracht wird. Bei ihrem
Auftritt wird die Tänzerin vom Ballett umringt und vom Publikum
mit euphorischer Begeisterung bejubelt. Nochmals sorgt David
Eriksson mit einem seiner skurrilen Auftritte für Heiterkeit.
Wiederum darf der gleiche Zuschauer mitwirken. Diesmal gilt es
Äpfel zu werfen, die Eriksson fängt – erst auf einer Gabel, dann
mit einem Stachelhut und schließlich mit metallenen Stacheln
dort, wo sich üblicherweise der Hosenladen befindet. Alan J.
Silva kann stolz sein auf einen Bronzenen Clown in Monte Carlo
sowie ein langjähriges Engagement beim Cirque du Soleil. Der
enorm muskulöse Mann zeigt eine klassische Luftnummer an weißen
Tüchern, mit Spagat zwischen den Stoffbahnen und Flügen über die
Rundbühne. Von all dem hält ihn seine Kleinwüchsigkeit nicht ab.

Truppe
Aruba
Die Schlussnummer
übernimmt – nach einer weiteren Einlage des Balletts – die
Truppe Aruba. Fünf Herren und eine Dame (als Statistin) sorgen
mit zwei Koreanischen Wippen nochmals für große Bilder. Mit
Sprüngen von Brett zu Brett, aber auch von einem Mattenstapel
katapultieren sich die Männer gegenseitig in immer größere
Höhen, kombinieren dies mit Salti und Pirouetten. Atemberaubend
nochmals der Schlusstrick, bei dem ein Artist in die Luft
befördert wird, mit verbundenen Augen eine in Flammen stehenden
Metallraute durchquert und auf der anderen Seite der Bühne auf
einer Matte landet. |