|
Es wird im
zweiten Jahr gespielt und trägt den Titel „ARTistART“. Wie schon
beim Vorgänger „All for Art for All“ verschmelzen hier Circus
und Bildende Kunst. Diese Symbiose bietet eine Fülle von
Möglichkeiten, die jetzt noch konsequenter, noch kreativer
umgesetzt werden als 2022 und 2023. Der Zuschauer wird mit
traumhaften Bildern ebenso verwöhnt wie mit starker Artistik und
origineller Clownerie.

Circus-Theater Roncalli in Frankfurt am Main
Hinzu
kommt das unerreichte Ambiente. Der ganze Circus ist ein
einziges Schmuckkästchen. Innen wie außen glänzt die reisende
Stadt aus vergangenen Tagen. Jedes Detail wurde liebevoll
erdacht und wird ständig bestens gepflegt. In Frankfurt sind
gleich zwei Vorzelte aufgebaut. Hinzu kommen der einzigartige
Wagenpark und das opulente Chapiteau. Hier herrscht bereits vor
der Vorstellung eine Atmosphäre wie in einem königlichen
Theater.

Szene aus dem Finale
Schon zu
diesem Zeitpunkt ist der Innenraum stimmungsvoll ausgeleuchtet.
Das traumhafte Lichtdesign verstärkt natürlich ebenso die
Wirkung der ganzen Show. Die Technik ist inzwischen seitlich
untergebracht, im Bereich über dem ebenerdigen Zuschauereingang
sind nun zentrale Balkonlogen zu finden. Die Akustik steht der
Optik in nichts nach. Zum einen dank der Sound-Experten, zum
anderen dank dem famosen Orchester unter der Leitung von Georg
Pommer. Das Ensemble begleitet das Geschehen in der Manege
vortrefflich. Ein Hingucker sind die Auftritte des Balletts. Die
Tänzerinnen sehen bezaubernd aus, tragen geschmackvolle Kostüme
und erfreuen mit durchdachten Choreografien. Ein weiteres Lob
gebührt den Requisiteuren, die die Umbauten ohne spürbare Pausen
hinbekommen.
 
Opening
mit den Clowns
Wie bei
Roncalli üblich, erleben wir die Artistinnen und Artisten schon
beim Einlass. In sehenswerten Kostümen sind sie präsent, bieten
Bonbons an, malen rote Punkte auf die Nasen der Gäste oder
begrüßen diese auf andere Weise. Im Opening zeigen sie dann
erste Kostproben ihrer Kunst. Zum Eröffnungsbild schweben Matute
und Canutito Jr. in einem Heißluftballon ein. Am Boden werden
sie schon von Gensi erwartet. Der Weißclown komplettiert das
Trio der Spaßmacher. Es gab bei Roncalli schon Jahre mit einer
größeren Anzahl an Clowns. Die nun vorgenommene Begrenzung ist
für meinen Geschmack sinnvoll. Sie gibt dem komischen Part eine
klare Struktur, ermöglicht eher einen roten Faden. Nach
erfolgreicher Landung füllt sich die Spielfläche mit dem ganzen
Ensemble und es wird ausgelassen gefeiert.
 
Noel
Aguilar, Gensi und Professor Wacko
Diese
fröhliche, energiegeladene Stimmung nimmt Noel Aguilar auf. Der
jugendliche Wirbelwind aus Mexiko jongliert im spanischen Stil.
Unterstützt wird er dabei von zwei Mitgliedern des Balletts, die
ihm seine Requisiten reichen. Dies sind Keulen, Tischtennisbälle
und Hüte. Die Keulen wirft er mit den Händen in die Luft, die
kleinen Ping Pong-Bälle katapultiert er mit dem Mund in die Höhe
und beim Spiel mit den Hüten bindet er Zuschauer ein. Die
gesamte Aufmachung erinnert an Manuel Alvarez, der vor zig
Jahren an gleicher Stelle in diesem Genre brillierte. Wir
bleiben noch kurz in Spanien. Professor Wacko kommt auf einem
Stier hereingeritten, Gensi versucht sich nur anfänglich als
Torero und dirigiert das Plüschtier – Roncalli ist „tierfrei“ –
mit Hilfe von Karotten an einer Stange. Dann gibt es das erste
Solo für Matute. Einen Herrn aus dem Publikum bittet er zum
Boxkampf, wobei das Warm up den meisten Raum einnimmt. Der Clown
aus Chile gibt die Übungen vor, sein Sportskumpel macht sie
nach. Dabei entstehen lustige Szenen, die Matute mit dem Mund
akustisch untermalt. Der eigentlich Fight ist schnell beendet,
der Spaßmacher geht auf die Bretter.
  
Alisa
Shehter, Canutito Jr., Lili Paul-Roncalli
In die
farbenfrohe Welt von Frida Kahlo nehmen uns zunächst das Ballett
und anschließend Alisa Shehter mit. Die mexikanische Vertreterin
des Surrealismus stand Pate für die Ausgestaltung der Kostüme
dieser Sequenzen mit Tanz und Akrobatik am Luftring. Bei
letzterer begeistert Alisa Shehter mit viel Präsenz, besonders
aber waghalsigen Tricks. So dürfen wir etwa bei Fersen-, Zehen-
und Genickhang mitfiebern. Umso schöner, wenn die sympathische
Künstlerin mit den langen schwarzen Haaren am Ende wieder
wohlbehalten in der Manege steht. Der eine mag klassische, der
andere moderne Musik. Darüber geraten sich Gensi und Canutito
Jr. in die Haare. Die beiden kredenzen ihre ganz eigene Version
von „Das Spielen ist hier verboten“, bei der der August aus Peru
mit immer neuen Instrumenten auftrumpft. Das gefällt dem
gestrengen Weißclown natürlich gar nicht. Lili Paul-Roncalli hat
dem Circus ihrer Familie neue Schichten an Fans zugeführt. Dies
dank des Gewinns der RTL-Sendung „Let's dance“ und der
nachfolgenden TV-Präsenz. Während des Frankfurt-Gastspiels
dürfen wir sie mit ihrer anmutigen Kür der Kontorsion im
Roncalli-Chapiteau erleben. Diese ist im Stil des Malers
Salvador Dali gestaltet. Seine „weichen Uhren“ („Die
Beständigkeit der Erinnerung“) finden sich auf dem Podest, auf
welchem Lili Paul-Roncalli ihren Körper sehr ästhetisch so
verbiegt, wie es die Zuschauer nie schaffen würden. Eingerahmt
wird die Artistik von hinreißenden Tanzszenen mit einem Partner.

Professor Wacko und das Ballett
Zu einem
Museumsbesuch der besonderen Art lädt Gensi seine Schützlinge
ein. Matute und Canutito Jr. sind dabei so neugierig, dass Gensi
mehr als ein Auge auf sie haben muss. Bald verkündet eine
Durchsage die Schließung der Skulpturensammlung, das Trio macht
sich auf den Heimweg und ein Einbrecher verschafft sich Zugang
zu den Statuen. Mittels einer roten Kugel erweckt er sie zum
Leben. Charlie Chaplin, ein Pharao und ein Samurai zeigen, was
in ihnen steckt. Sie verblüffen mit Klischnigg, Robotertanz und
weiteren akrobatischen Elementen. Bei diesem Auftritt der Adem
Crew entstehen neuartige Bilder, die für den Circus eine echte
Innovation darstellen. Sogar der Eindringling erweist sich
letztendlich als Artist. Vor der Pause nimmt uns das Ensemble
mit an die Seine. Wir erleben wunderschöne Szenen aus den
Straßen und Gassen des Montmartre. In diesem Pariser Viertel
flanieren für uns adrette Damen, ein Koch ist auf dem Weg zur
Arbeit, Polizisten sorgen für Ordnung und die hübschen Damen des
hier beheimateten Moulin Rouge verzücken mit French Can Can.
Sängerin Lina Posada gibt einen Chanson zum Besten. Natürlich
erleben wir auch Künstler an ihrer Staffelei. Der berühmteste
unter ihnen betritt sodann die Szenerie – Henri de
Toulouse-Lautrec kommt herein und umgarnt sofort die
Tänzerinnen. Verkörpert wird er von Professor Wacko. Dessen
komische Nummer am Trampolin ist in das Bild integriert.
Zunächst kämpft er mit den Tücken des zugehörigen Sprungturms,
dann geht es auf die federnde Fläche. Neben witzigen Eskapaden
hat er auch gekonnte Sprünge im Repertoire. Mit einem
gemeinsamen Tanz im französischen Stil endet der erste Teil.
  
Alexandra Saabel, Duo Cardio, Andrey Romanovski
Mit
Hologrammen beginnt der zweite. Diese werden auf eine Leinwand
projiziert, die rund um die Manege gespannt ist. Während diese
wieder in den Manegenkästen verstaut wird, musizieren Gensi und
Canutito Jr. – nun ganz harmonisch – auf dem Gradin. In ihr ganz
eigenes Wunderland entführt uns Alexandra Saabel gemeinsam mit
ihrer Crew. Ein junges Mädchen wartet an einer Bahnstation und
schon dreht eine nostalgische Dampflok eine Runde. Lokführerin
Alexandra Saabel setzt sich sodann mit auf die Bank und lässt
die Wartende kurzerhand unter einem Tuch verschwinden. Es folgen
weitere verblüffende Zaubereien mit immer mehr Akteuren. Sie
tragen wunderschöne, fantasievolle Kostüme, die allesamt
Kreationen von Alexandra Saabel sind. Die Ausstattung macht
diese Großillusionen ganz besonders. Einen Wettstreit um einen
blauen Hut liefern sich Solene Albores und Rodrigo Hernandez.
Gewitzt versuchen sie, sich diesen gegenseitig abzunehmen. Doch
in erster Linie begeistert das Duo Cardio mit seiner
Perche-Akrobatik. Los geht es mit einer Ringperche. Mit dessen
Hilfe balanciert Rodrigo seine Solene auf der Stirn. Mittels
einer herkömmlichen Stirnpreche trägt er sie sogar über eine
Leiter, während Solene oben einen Handstand zelebriert. Eine
Schulterpeche kommt ebenfalls zum Einsatz. An deren Spitze darf
die Dame rasante Runden drehen. Fast schon ein
Roncalli-Klassiker ist Andrey Romanovski. Der hochgewachsene
Mann versteht sich vortrefflich auf die Kunst des Klischnigg. Er
bewegt sich im Spagat vorwärts und verbiegt seinen Körper auf
außergewöhnliche Weise. Das Publikum staunt, wenn er sich in ein
Ofenrohr zwängt und darin hinunterrutscht. Kostüm und Requisit
sind im Stil von Keith Haring gestaltet.
  
Duo
Turkeev, Matute, Zhenyu Li
Ein Mann
verliebt sich unsterblich in die in einem Gemälde verewigte
Schönheit. So beginnt die Akrobatik an den Strapaten des Duo
Turkeev. Wir erleben eine sinnliche Lovestory in luftiger Höhe,
bei der uns Julia und Dmytro mit traumhaften Bildern verwöhnen.
Natürlich ist auch ein gewisses Quäntchen Nervenkitzel dabei,
denn die starken Tricks sind nicht allesamt ungefährlich.
Entspannung dann wieder mit Matute. In seinem letzten Auftritt
darf der Clown im Matrosen-Outfit dann endgültig zeigen, was in
ihm steckt. Mit großer Trommel und Becken auf dem Rücken
dirigiert er die verschiedenen Zuschauerblöcke zu einem
Klatschkonzert. Die eine Seite bereitet „Kein Problem“, die
andere durchaus ein „Problem“. Aus eigener Erfahrung kann ich
sagen, dass die „Problem“-Gruppe keine Chance hat, ihre Sache
bravourös zu meistern. Matute steuert die Aktion einfach genial
und so haben am Ende alle größten Spaß. Mich begeistert diese
Darbietung in der Version von Matute immer wieder, auch wenn ich
ihre Grundform schon zig mal erlebt habe. Es spielt einfach eine
entscheidende Rolle, wie sie umgesetzt wird. Den spektakulären
Schlusspunkt setzt Zhenyu Li. In seiner Equilibristik-Kür steckt
er immer mehr Handstäbe ineinander. So zeigt er seine gewagten
Balancen in immer größerer Höhe und auf immer wackeligerer
Basis. Auf zwei Beinen hält sich der Chinese genauso im
Gleichgewicht wie auf einem Arm. Gewohnt ausführlich wird das
Finale zelebriert, ein wahres Fest. Ganz am Ende werden die
Clowns von einem Roncalli-Wagen abgeholt, der sie endgültig mit
in die Welt des Circus nimmt. Bevor der letzte Vorhang fällt,
öffnen sie ihren Koffer. Auf dessen Innenseite steht „We love
Frankfurt“. |