CHPITEAU.DE

Circus-Theater Roncalli - Tour 2025
www.roncalli.de ; 161 Showfotos

Frankfurt am Main, 8. Juni 2025: Anders als etwa Köln oder Wien hat Frankfurt am Main keinen festen Platz im Tourplan des Circus-Theater Roncalli. Das Unternehmen von Bernhard Paul gastiert immer dann in der hessischen Metropole, wenn sich eine passende Gelegenheit ergibt. Zuletzt war dies im Herbst 2022 der Fall. Umso schöner, dass Roncalli in diesem Jahr fast den gesamten Juni auf dem Festplatz am Ratsweg Station gemacht hat. Denn das aktuelle Programm ist ein wahrer Genuss.

Es wird im zweiten Jahr gespielt und trägt den Titel „ARTistART“. Wie schon beim Vorgänger „All for Art for All“ verschmelzen hier Circus und Bildende Kunst. Diese Symbiose bietet eine Fülle von Möglichkeiten, die jetzt noch konsequenter, noch kreativer umgesetzt werden als 2022 und 2023. Der Zuschauer wird mit traumhaften Bildern ebenso verwöhnt wie mit starker Artistik und origineller Clownerie.


Circus-Theater Roncalli in Frankfurt am Main

Hinzu kommt das unerreichte Ambiente. Der ganze Circus ist ein einziges Schmuckkästchen. Innen wie außen glänzt die reisende Stadt aus vergangenen Tagen. Jedes Detail wurde liebevoll erdacht und wird ständig bestens gepflegt. In Frankfurt sind gleich zwei Vorzelte aufgebaut. Hinzu kommen der einzigartige Wagenpark und das opulente Chapiteau. Hier herrscht bereits vor der Vorstellung eine Atmosphäre wie in einem königlichen Theater.


Szene aus dem Finale

Schon zu diesem Zeitpunkt ist der Innenraum stimmungsvoll ausgeleuchtet. Das traumhafte Lichtdesign verstärkt natürlich ebenso die Wirkung der ganzen Show. Die Technik ist inzwischen seitlich untergebracht, im Bereich über dem ebenerdigen Zuschauereingang sind nun zentrale Balkonlogen zu finden. Die Akustik steht der Optik in nichts nach. Zum einen dank der Sound-Experten, zum anderen dank dem famosen Orchester unter der Leitung von Georg Pommer. Das Ensemble begleitet das Geschehen in der Manege vortrefflich. Ein Hingucker sind die Auftritte des Balletts. Die Tänzerinnen sehen bezaubernd aus, tragen geschmackvolle Kostüme und erfreuen mit durchdachten Choreografien. Ein weiteres Lob gebührt den Requisiteuren, die die Umbauten ohne spürbare Pausen hinbekommen.


Opening mit den Clowns

Wie bei Roncalli üblich, erleben wir die Artistinnen und Artisten schon beim Einlass. In sehenswerten Kostümen sind sie präsent, bieten Bonbons an, malen rote Punkte auf die Nasen der Gäste oder begrüßen diese auf andere Weise. Im Opening zeigen sie dann erste Kostproben ihrer Kunst. Zum Eröffnungsbild schweben Matute und Canutito Jr. in einem Heißluftballon ein. Am Boden werden sie schon von Gensi erwartet. Der Weißclown komplettiert das Trio der Spaßmacher. Es gab bei Roncalli schon Jahre mit einer größeren Anzahl an Clowns. Die nun vorgenommene Begrenzung ist für meinen Geschmack sinnvoll. Sie gibt dem komischen Part eine klare Struktur, ermöglicht eher einen roten Faden. Nach erfolgreicher Landung füllt sich die Spielfläche mit dem ganzen Ensemble und es wird ausgelassen gefeiert.


Noel Aguilar, Gensi und Professor Wacko

Diese fröhliche, energiegeladene Stimmung nimmt Noel Aguilar auf. Der jugendliche Wirbelwind aus Mexiko jongliert im spanischen Stil. Unterstützt wird er dabei von zwei Mitgliedern des Balletts, die ihm seine Requisiten reichen. Dies sind Keulen, Tischtennisbälle und Hüte. Die Keulen wirft er mit den Händen in die Luft, die kleinen Ping Pong-Bälle katapultiert er mit dem Mund in die Höhe und beim Spiel mit den Hüten bindet er Zuschauer ein. Die gesamte Aufmachung erinnert an Manuel Alvarez, der vor zig Jahren an gleicher Stelle in diesem Genre brillierte. Wir bleiben noch kurz in Spanien. Professor Wacko kommt auf einem Stier hereingeritten, Gensi versucht sich nur anfänglich als Torero und dirigiert das Plüschtier – Roncalli ist „tierfrei“ – mit Hilfe von Karotten an einer Stange. Dann gibt es das erste Solo für Matute. Einen Herrn aus dem Publikum bittet er zum Boxkampf, wobei das Warm up den meisten Raum einnimmt. Der Clown aus Chile gibt die Übungen vor, sein Sportskumpel macht sie nach. Dabei entstehen lustige Szenen, die Matute mit dem Mund akustisch untermalt. Der eigentlich Fight ist schnell beendet, der Spaßmacher geht auf die Bretter.


Alisa Shehter, Canutito Jr., Lili Paul-Roncalli

In die farbenfrohe Welt von Frida Kahlo nehmen uns zunächst das Ballett und anschließend Alisa Shehter mit. Die mexikanische Vertreterin des Surrealismus stand Pate für die Ausgestaltung der Kostüme dieser Sequenzen mit Tanz und Akrobatik am Luftring. Bei letzterer begeistert Alisa Shehter mit viel Präsenz, besonders aber waghalsigen Tricks. So dürfen wir etwa bei Fersen-, Zehen- und Genickhang mitfiebern. Umso schöner, wenn die sympathische Künstlerin mit den langen schwarzen Haaren am Ende wieder wohlbehalten in der Manege steht. Der eine mag klassische, der andere moderne Musik. Darüber geraten sich Gensi und Canutito Jr. in die Haare. Die beiden kredenzen ihre ganz eigene Version von „Das Spielen ist hier verboten“, bei der der August aus Peru mit immer neuen Instrumenten auftrumpft. Das gefällt dem gestrengen Weißclown natürlich gar nicht. Lili Paul-Roncalli hat dem Circus ihrer Familie neue Schichten an Fans zugeführt. Dies dank des Gewinns der RTL-Sendung „Let's dance“ und der nachfolgenden TV-Präsenz. Während des Frankfurt-Gastspiels dürfen wir sie mit ihrer anmutigen Kür der Kontorsion im Roncalli-Chapiteau erleben. Diese ist im Stil des Malers Salvador Dali gestaltet. Seine „weichen Uhren“ („Die Beständigkeit der Erinnerung“) finden sich auf dem Podest, auf welchem Lili Paul-Roncalli ihren Körper sehr ästhetisch so verbiegt, wie es die Zuschauer nie schaffen würden. Eingerahmt wird die Artistik von hinreißenden Tanzszenen mit einem Partner.


Professor Wacko und das Ballett

Zu einem Museumsbesuch der besonderen Art lädt Gensi seine Schützlinge ein. Matute und Canutito Jr. sind dabei so neugierig, dass Gensi mehr als ein Auge auf sie haben muss. Bald verkündet eine Durchsage die Schließung der Skulpturensammlung, das Trio macht sich auf den Heimweg und ein Einbrecher verschafft sich Zugang zu den Statuen. Mittels einer roten Kugel erweckt er sie zum Leben. Charlie Chaplin, ein Pharao und ein Samurai zeigen, was in ihnen steckt. Sie verblüffen mit Klischnigg, Robotertanz und weiteren akrobatischen Elementen. Bei diesem Auftritt der Adem Crew entstehen neuartige Bilder, die für den Circus eine echte Innovation darstellen. Sogar der Eindringling erweist sich letztendlich als Artist. Vor der Pause nimmt uns das Ensemble mit an die Seine. Wir erleben wunderschöne Szenen aus den Straßen und Gassen des Montmartre. In diesem Pariser Viertel flanieren für uns adrette Damen, ein Koch ist auf dem Weg zur Arbeit, Polizisten sorgen für Ordnung und die hübschen Damen des hier beheimateten Moulin Rouge verzücken mit French Can Can. Sängerin Lina Posada gibt einen Chanson zum Besten. Natürlich erleben wir auch Künstler an ihrer Staffelei. Der berühmteste unter ihnen betritt sodann die Szenerie – Henri de Toulouse-Lautrec kommt herein und umgarnt sofort die Tänzerinnen. Verkörpert wird er von Professor Wacko. Dessen komische Nummer am Trampolin ist in das Bild integriert. Zunächst kämpft er mit den Tücken des zugehörigen Sprungturms, dann geht es auf die federnde Fläche. Neben witzigen Eskapaden hat er auch gekonnte Sprünge im Repertoire. Mit einem gemeinsamen Tanz im französischen Stil endet der erste Teil.


Alexandra Saabel, Duo Cardio, Andrey Romanovski

Mit Hologrammen beginnt der zweite. Diese werden auf eine Leinwand projiziert, die rund um die Manege gespannt ist. Während diese wieder in den Manegenkästen verstaut wird, musizieren Gensi und Canutito Jr. – nun ganz harmonisch – auf dem Gradin. In ihr ganz eigenes Wunderland entführt uns Alexandra Saabel gemeinsam mit ihrer Crew. Ein junges Mädchen wartet an einer Bahnstation und schon dreht eine nostalgische Dampflok eine Runde. Lokführerin Alexandra Saabel setzt sich sodann mit auf die Bank und lässt die Wartende kurzerhand unter einem Tuch verschwinden. Es folgen weitere verblüffende Zaubereien mit immer mehr Akteuren. Sie tragen wunderschöne, fantasievolle Kostüme, die allesamt Kreationen von Alexandra Saabel sind. Die Ausstattung macht diese Großillusionen ganz besonders. Einen Wettstreit um einen blauen Hut liefern sich Solene Albores und Rodrigo Hernandez. Gewitzt versuchen sie, sich diesen gegenseitig abzunehmen. Doch in erster Linie begeistert das Duo Cardio mit seiner Perche-Akrobatik. Los geht es mit einer Ringperche. Mit dessen Hilfe balanciert Rodrigo seine Solene auf der Stirn. Mittels einer herkömmlichen Stirnpreche trägt er sie sogar über eine Leiter, während Solene oben einen Handstand zelebriert. Eine Schulterpeche kommt ebenfalls zum Einsatz. An deren Spitze darf die Dame rasante Runden drehen. Fast schon ein Roncalli-Klassiker ist Andrey Romanovski. Der hochgewachsene Mann versteht sich vortrefflich auf die Kunst des Klischnigg. Er bewegt sich im Spagat vorwärts und verbiegt seinen Körper auf außergewöhnliche Weise. Das Publikum staunt, wenn er sich in ein Ofenrohr zwängt und darin hinunterrutscht. Kostüm und Requisit sind im Stil von Keith Haring gestaltet.


Duo Turkeev, Matute, Zhenyu Li

Ein Mann verliebt sich unsterblich in die in einem Gemälde verewigte Schönheit. So beginnt die Akrobatik an den Strapaten des Duo Turkeev. Wir erleben eine sinnliche Lovestory in luftiger Höhe, bei der uns Julia und Dmytro mit traumhaften Bildern verwöhnen. Natürlich ist auch ein gewisses Quäntchen Nervenkitzel dabei, denn die starken Tricks sind nicht allesamt ungefährlich. Entspannung dann wieder mit Matute. In seinem letzten Auftritt darf der Clown im Matrosen-Outfit dann endgültig zeigen, was in ihm steckt. Mit großer Trommel und Becken auf dem Rücken dirigiert er die verschiedenen Zuschauerblöcke zu einem Klatschkonzert. Die eine Seite bereitet „Kein Problem“, die andere durchaus ein „Problem“. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die „Problem“-Gruppe keine Chance hat, ihre Sache bravourös zu meistern. Matute steuert die Aktion einfach genial und so haben am Ende alle größten Spaß. Mich begeistert diese Darbietung in der Version von Matute immer wieder, auch wenn ich ihre Grundform schon zig mal erlebt habe. Es spielt einfach eine entscheidende Rolle, wie sie umgesetzt wird. Den spektakulären Schlusspunkt setzt Zhenyu Li. In seiner Equilibristik-Kür steckt er immer mehr Handstäbe ineinander. So zeigt er seine gewagten Balancen in immer größerer Höhe und auf immer wackeligerer Basis. Auf zwei Beinen hält sich der Chinese genauso im Gleichgewicht wie auf einem Arm. Gewohnt ausführlich wird das Finale zelebriert, ein wahres Fest. Ganz am Ende werden die Clowns von einem Roncalli-Wagen abgeholt, der sie endgültig mit in die Welt des Circus nimmt. Bevor der letzte Vorhang fällt, öffnen sie ihren Koffer. Auf dessen Innenseite steht „We love Frankfurt“.

Diese Liebe gibt Frankfurt gerne zurück. Zu schön wäre es, wenn die Stadt einen festen Platz in Roncallis Tourschema bekäme. Mit der aktuellen Show „ARTistART“ demonstriert das Team um Bernhard Paul, welch ein wunderschönes Erlebnis ein Circusbesuch gerade in der heutigen Zeit sein kann. Vom Einlass bis zum Finale stimmt hier einfach alles. Es ist wirklich eine Traumwelt, die einen komplett aus dem Alltag reißt. Professionell, aber eben auch ungemein liebevoll in Szene gesetzt. Wie schon im vergangenen Jahr ziehen wir den Hut vor dieser Leistung – Chapeau!

________________________________________________________________________
Text und Fotos: Stefan Gierisch