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Cirque Arlette Gruss - Tour 2025/26
www.cirque-gruss.com ; 135 Showfotos

Colmar, 25. April 2026: Ein Circus verkauft Emotionen. Wenn wir ein Ticket für diese Welt lösen, wollen wir staunen, lachen, träumen, mitfiebern und einiges mehr. Dass diese Erwartungen wahr werden, dafür sorgen die Darbietungen an sich, aber auch die Inszenierung, die Atmosphäre schafft. In der zweiten Kategorie spielt der Cirque Arlette Gruss in der Königsklasse. Das inzwischen von Gilbert Gruss geleitete Unternehmen versteht es vortrefflich, sein Publikum mit den jährlich wechselnden Produktionen in seine ganz eigene Welt zu entführen.

Das ist bei der aktuellen Show „Parenthèse“ nicht anders. Am 1. Oktober 2025 feierte sie in Aix-les-Bains  Premiere, am 24. Mai 2026 wird sie in La Fontaine-Saint-Martin letztmalig gespielt. Die tendenziell eher zuschauerärmere Sommerzeit wird durch diesen vor einigen Jahren eingeführten Tourneerhythmus ausgespart.


Blick ins Finale mit neuer Lichttechnik

Das Gegenteil von einer Aussparung ist ein Einschub. Genau dafür steht der Titel „Paranthèse“. Laut Definition handelt es sich dabei um ein rhetorisches Stilmittel, bei dem ein Satz durch einen Einschub unterbrochen wird. Die Übertragung auf den Circus findet sich im Vorwort zum Programmheft. Für den Genuss der Vorstellung ist sie aber nicht zwingend notwendig. Dieser stellt sich auch so von ganz alleine ein.


Chapiteau des Cirque Arlette Gruss in Colmar

Begeben wir uns lieber auf Entdeckungsreise zu den Dingen, die die ganz besondere Atmosphäre des Cirque Arlette Gruss ausmachen. Das riesige Chapiteau erstrahlt außen in weiß und bietet im integrierten Eingangsbereich ein großzügiges Entree mit Restauration sowie einer Boutique für Souvenirs. Der Innenraum wirkt fast schon intim, obwohl er über Platz für 1.300 Zuschauer verfügt. Schon beim Einlass ist er stilvoll ausgeleuchtet. Die Klappsitze sind komfortabel und dass keine Masten im Inneren die Sicht stören, ist hier schon seit vielen Jahren keine Neuigkeit mehr.


Orchester

Noch verhüllt ist vor dem Beginn der Show der Artisteneingang. Das dahinterliegende Orchesterpodium mit dem Logo des Unternehmens ist höhenverstellbar. Viel wichtiger sind aber die zehn Instrumentalisten, die darauf sitzen und unter der Leitung von Igor Nita genial musizieren. Ihr Arrangements sind grandios, sie beherrschen jede Tonart, jeden Rhythmus perfekt. Ein so engagiert spielendes Ensemble ist in einem Circus eine absolute Rarität. Dank der wunderbaren Tonanlage kommt der Sound auf allen Plätzen bestens an. Schade nur, dass der Gesang bei einigen Darbietungen aus der Konserve kommt. Wie das Plakatmotiv ahnen lässt, war hier wohl eine Sängerin vorgesehen. Bei der ohnehin starken Lichttechnik fallen zahlreiche Ringe über der Manege auf. Sie sind mit Leuchtkörpern bestückt, welche nicht nur schon selbst gut aussehen, sondern auch für eine außergewöhnliche Beleuchtung sorgen. Zudem wechseln sie immer wieder ihre Positionen, bilden neue Formationen.


Compania Havana, Sarah Houcke, Francesco Fratellini

Das Programm selbst wird sowohl von Mitgliedern der Direktionsfamilie als auch von engagierten Artisten bestritten. Oftmals in großen Inszenierungen mit Tänzerinnen und Tänzern in fantasievollen Kostümen. Der Spot vor dem Auftakt gehört aber Francesco Fratellini ganz alleine. Der Clown teilt uns auf amüsante Weise mit, was im Chapiteau erlaubt und was verboten ist. Zudem übt er mit dem Publikum, wie man effektvoll klatscht. Das Opening startet mit Arthur Vereano Huard ganz in weiß auf einer Plattform in der Manegenmitte. In einer lebhaften Choreographie in rot-weiß kommen die weiteren Ensemblemitglieder energiegeladen tanzend hinzu. Arthur Vereano Huard begleitet uns als Monsieur Loyal durch den Nachmittag. Wie schon seine Vorgänger in dieser Rolle versteht er es blendend, die Magie des Circus in eindringlichen Worten zu beschwören oder aber den seriösen Part bei den Clownsnummern zu geben. Nahtlos geht es vom Charivari weiter zu den Handvoltigen und Menschenpyramiden der Compania Havana. Ein fröhlicher artistischer Auftakt, der gleich für Stimmung sorgt. Alexis Gruss und Sarah Houcke bringen Hunde sowie Ponys in die mit Teppichboden ausgelegte Manege. Die Hunde springen genauso durch Reifen wie über ihre Partner. Auch das Balancieren auf den Hinterbeinen fällt ihnen spielend leicht. Quasi zur Belohnung dürfen sie ein paar Runden auf den Rücken der Ponys drehen. Die Szene des Clowns, der sich verletzt hat und die Blessuren an verschiedenen Körperteilen von einer Zuschauerin versorgen lässt, ist grundsätzlich bekannt. Varianten gib es dabei, wie die Verletzungen zustande kommen. Francesco Fratellini hat hier eine originelle Version gefunden. Geschützt von einem Superhelden-Cape, fängt er Pfeile mit Saugnapf an der Spitze mithilfe eines auf dem Kopf getragenen Helms. Und das führt eben zu Unfällen, deren Folgen eine Dame mittels Küssen lindert.


Darya Sharamet, Laura-Maria Gruss, Kevin Gruss und Julie Friedrich

Ihrer ohnehin schon starken Zopfhang-Kür fügt Darya Sharamet ein ungewöhnliches Element hinzu. Bei ihren Flügen unter der Kuppel hat sie zumeist einen großen Bilderrahmen dabei. Diesen hält sie in verschiedenen Positionen fest, wodurch sich neuartige Bilder ergeben. Aber auch rein artistisch überzeugt sie auf ganzer Linie. Etwa bei akrobatischen Posen oder schnellen Wirbeln. Die Pferdedressuren werden wie gewohnt von Linda Biasini-Gruss und Laura-Maria Gruss präsentiert. Mutter und Tochter starten mit einer Hohen Schule auf zwei stattlichen schwarzen Pferden. Francesco Fratellini gibt dazu auf dem nach oben gefahrenen Podium in der Manegenmitte den DJ. Ebenfalls dabei sind große weiße Blumen, die von Tänzerinnen in den passenden Kostümen dargestellt werden. Drei weiße Rösser führt Laura-Maria sodann in Freiheit vor. Ein gemeinsamer Steiger des Trios bildet den Abschluss. Ihre Mutter dirigiert sodann mit leichter Hand fünf Friesen. Auch hier sind teilweise die Blumen dabei, etwa wenn die Pferde um diese herumlaufen. Die abschließenden Da Capi leiten sie abwechselnd an. Eine aus mehreren Paketen bestehende Lieferung soll an Arthur Vereano Huard zugestellt werden. Da der Bote Francesco Fratellini heißt, wird das ganze zu einem großen Spaß mit viel Wortwitz. Nicht immer beim Circus seiner Familie ist Kevin Gruss, der älteste Sohn von Gilbert Gruss. So war er zu Beginn der laufenden Tournee noch gemeinsam mit seiner Partnerin Julie Friedrich beim Zirkus Charles Knie. Von dort kennen wir beider Akrobatik an roten Tüchern mit einem Bett in gleicher Farbe als Basis. Diente beim Unternehmen von Sascha Melnjak das Wasser als zusätzlicher Effekt, bringt jetzt die ungemein intensive Livemusik den zusätzlichen Kick. So wird die Liebesgeschichte in der Luft zu einem wahren Rausch. Dabei begeistert das intensive Spiel des Duos genauso wie die vielfältigen Tricks. Etwa, wenn sich Julie zum Finale aus der Kuppel an den Tüchern abrollt und dabei der Glitter fliegt.


Toa Hattori, Schaubild nach der Pause

Nach der Paketzustellung zweiter Episode hebt Toa Hattori das Seilspringen auf ein circensisches Level. Was er mit dem Seil zeigt, ist alles andere als ein Kinderspiel. Der Wirbelwind aus Osaka zelebriert fulminante Sprünge und versprüht jede Menge Esprit. Sechs in einer Reihe aufgestellte Kollegen animiert er ebenfalls, mit ihm zu springen. Dann ziehen Menschen durchs Publikum, die über ihren Kostümen durchsichtige Mäntel mit beleuchteten LED-Schläuchen an den Rändern ragen. Damit setzen sie den ersten Effekt für die große Nummer vor der Pause. Diese besteht im Kern aus Akrobatik an der koreanischen Wippe der Compania Havana und Flügen unter der Kuppel an Bungeeseilen von vier Artistinnen und Artisten. Dank der Mitwirkung von Tänzerinnen und Tänzern wird daraus ein fulminantes Schaubild. Mit einem solchen beginnt ebenfalls der zweite Teil. Vier Astronauten in mit Spiegeln besetzten Kostümen und Helm auf dem Kopf agieren in der Manege. Dank der Leuchtelemente in Kreisform werden sie perfekt in Szene gesetzt. Über ihnen erleben wir Akrobatik an der Luftspirale. Wunderbar gearbeitet von Elea Broger – Tochter des auch vom Cirque Arlette Gruss bekannten Clowns Andre – und Sarah Florees, der Partnerin des aktuellen Spaßmachers Francesco Fratellini. Dieser hat direkt danach seinen nächsten Einsatz. Als Jongleur mit Bällen läuft es für ihn bestens. Nur die musikalische Begleitung schwächelt. Denn die stammt von einem offensichtlich in die Jahre gekommenen Ghettoblaster. Ein Zuschauer muss einspringen und die Antennen halten sowie austarieren. Letztendlich wird er sogar Teil der Jonglage. Nämlich dann, wenn auf den beiden Metallstäben Teller rotieren.


Eros und Alexis Gruss, Arzuman Arutiunian, Globe of Speed

Die Geschwister Eros und Alexis Gruss haben sich in den vergangenen Jahren eine immer stärker werdende Ikarier-Nummer aufgebaut. Im aktuellen Programm sind sie hingegen mit Hand-auf-Hand-Akrobatik vertreten. Neben Balancen gehören auch Sprünge von Alexis zum Repertoire. Den Rahmen bilden drei Tänzerinnen und zwei Tänzer in schwarzer Garderoben. Mit den Händen bewegen sie schwarze Stöcke. Nach der nächsten witzigen Szene mit Francesco Fratellini und Arthur Vereano Huard sind sie schon wieder da. Jetzt agieren sie als Smartphone-süchtige Menschen, die Selfies von sich schießen. Den Kontrast dazu bildet Arzuman Arutiunian. Der Equilibrist ist analog unterwegs und liest lieber ein Buch. Dies tut er zum Song „Another Love“ auf einem kleinen Podest mit zwei zumeist in unterschiedliche Richtungen rotierenden Kreisen. Auf dem einen zeigt er seine anspruchsvollen Handstandvariationen, auf dem anderen liegt der Lesestoff. So entstehen faszinierende Effekte, die nicht groß sind, aber dafür im Kleinen umso mehr begeistern. Die großen Dimensionen gibt es dann wieder bei der Schlussnummer. Wie schon des öfteren, setzt Gilbert Gruss hier auf eine Motorradkugel. Deren Aufbau wird aufwendig zelebriert mit Menschen, die in Kutten und mit Fackeln durch das Chapiteau ziehen. Mit einer großen Glocke, unter der zwei Tänzer hervorkommen. Und mit zwei Männern, die den Globe vermeintlich an Seilen hereinziehen. Die eigentliche Nummer wird dankenswerterweise nicht unnötig in die Länge gezogen. In schneller Folge drehen immer mehr Fahrer im großen Stahlgitterkäfig ihre Runde. Am Ende sind es acht Biker gleichzeitig, die für Nervenkitzel sorgen. Insbesondere, wenn sie im Dunkeln mit beleuchteten Maschinen fahren. Kaum hat das mächtige Requisit die Manege verlassen, fängt Francesco Fratellini das Licht ein und erhellt damit das Finale. Darin verabschiedet sich das Ensemble in aufeinander abgestimmten blau-roten Kostümen ausführlich vom frenetisch applaudierenden Publikum.

Auf den Cirque Arlette Gruss ist einfach Verlass. Jahr für Jahr entführt er uns mit immer neuen Produktionen in seine eigene Welt. Mit Shows, die die unverkennbare Handschrift von Gilbert Gruss tragen und doch jedes Mal überraschende Akzente setzen. Mit ausgefallenen Darbietungen, technischen Innovationen, besonders aber neuen kreativen Einfällen. So lösen wir auch 2027 gerne wieder ein Ticket für diese einzigartige Welt der Emotionen auf höchstem Niveau.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch