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Cirkus Brazil Jack - Tour 2026
www.braziljack.se ; 136 Showfotos

Göteborg, 1. Mai 2026: Kurz vor dem Ende der Pause. Eine ältere Dame redet mit leuchtenden Augen auf Trolle Rodin ein. Ich spreche kein Schwedisch, merke aber, dass sie offensichtlich äußerst erfreut, fast schon berührt ist. Kurz darauf bestätigt der junge Direktor meine Vermutung. Die Frau hat sich überschwänglich für die bislang gesehene Vorstellung bedankt, die sie so an ihre Kindheit erinnert. Genau darum geht es dem Circuschef: den klassischen Circus zu pflegen und ihn in zeitgemäßer Aufmachung zu feiern. Inzwischen hat er den Cirkus Brazil Jack von seinen Eltern übernommen und ihn nach seinen Vorstellungen weiterentwickelt. Ein neues Viermast-Chapiteau wurde bereits vor einigen Jahren angeschafft.

Im Inneren gibt es ein Gradin mit Schalensitzen, in den Logen stehen Einzelstühle. Der Artisteneingang ist wunderbar nostalgisch gestaltet. Über der Gardine hängt das beleuchtete Logo des Unternehmens. Lichterketten gehen von der Kuppel hinunter zur Rundleinwand.


Cirkus Brazil Jack in Göteborg

Überhaupt spielt das Licht eine große Rolle. Das umfangreiche Equipment wird sehr professionell eingesetzt, um eine traumhafte Atmosphäre zu schaffen. Die Verpackung der Show ist hier sehr aufwendig. Auch hinter den Kulisse gab es Optimierungen. Ein Küchenwagen inklusive Bereich mit Tischen und Stühlen wurde angeschafft. An sechs Tagen die Woche versorgt ein Koch das gesamte Team mit Mahlzeiten, am siebten Tag wird gegrillt, wie Trolle Rhodin erzählt. Da in Schweden vieles online oder mobile passiert, gibt es keinen Kassenwagen. Die Tickets werden vorab gekauft. In der Restauration wird jede Packung Popcorn, jedes Getränk mit Karte oder Smartphone bezahlt. Da die Stadt Göteborg Außenwerbung sehr restriktiv handhabt, wird darauf verzichtet. Die beiden Vorstellungen am Maifeiertag um 13 und 16 Uhr sind dennoch erfreulich gut besucht. Auch hier wird stark auf Internet, Social Media und E-Mail-Marketing gesetzt.


Trolle Rhodin, Robert Muraine

Die Show wird in kurzweiligen rund 105 Minuten inklusive Pause gespielt. Trolle Rhodin begrüßt das Publikum und übernimmt sehr versiert die Moderation. Dies im klassischen Ringmasterkostüm mit modischen Finessen. Unser zweiter Begleiter durch den Nachmittag ist Robert Muraine. Den Comedian und Artist aus Los Angeles hatte ich zuletzt im Winter 2012/13 bei Flic Flac in Kassel gesehen. Damals zeigte er coole Körperverrenkungen mit Kurzhaarschnitt, Jeans, glänzender Trainingsjacke und Sonnenbrille. Bei Brazil Jack trägt er verschiedene Anzüge, wahlweise mit Krawatte oder Fliege. Die Schminke im Gesicht ist auf zwei weiße Streifen unter den Augen reduziert. Die Hinweise vor der Show delegiert er an einen Zuschauer. Der bekommt dafür einfach ein Mikrofon und eine Moderationskarte mit dem Text in die Hände gedrückt. Im zweiten Teil wiederholt er das Spiel und pirscht sich ganz unschuldig mit einer Packung Popcorn an. Für den dann ausgewählten Herrn sowie einen weiteren Gast geht es gleich darauf in die Manege. Gemeinsam mit dem Comedian dürfen die beiden coole Tanzmoves zeigen. Sie schlagen sich überraschend gut. Noch mehr Körperbeherrschung beweist Robert Muraine im Solo. Auf einem Monowheel kommt er im Trenchcoat hereingefahren, ein Blinklicht auf dem Kopf. So überrascht er mit aberwitzigen Körperverrenkungen und cooler Mimik. Wenn er den Mantel abgelegt hat, begibt er sich in noch abgefahrenere Positionen, wird fast zum Kontorsionist. Last not least treibt der sympathische Zeitgenosse Späße mit einem Laubbläser und mehreren Rollen WC-Papier.


Susan Jasters, Willy Colombaioni, Brandon Jasters

Den artistischen Auftakt macht Susan Jasters mit einer schönen Kür an einem opulenten Kronleuchter. Daran bezaubert sie mit verschiedenen Tricks der Luftakrobatik. Am Ende rotiert sie mittels einer am Requisit hängenden Halsschlaufe um die eigene Achse, während ein Glitterregen aus der Kuppel für zusätzliche Effekte sorgt. Willy Colombaioni konnten wir 2015 beim Zirkus Stey in der Schweiz erleben, wo er im damaligen Programm die Schlussnummer bildete. Der Italiener ist nach wie vor ein grandioser Jongleur. Er startet mit Keulen. Damit präsentiert er variantenreiche, anspruchsvolle Touren. Weiter geht es mit Ringen. Bis zu neun Stück hält er gleichzeitig in der Luft. Für das Finale seiner Darbietung kehrt er zu den Keulen zurück. Am Ende bugsiert er sie in ein Gestell, das er auf der Stirn balanciert. Das alles präsentiert er äußerst lebhaft und sympathisch. Dann darf der Nachwuchs zeigen, was er kann. Und das ist eine ganze Menge, wie Brandon Jasters an den Strapaten beweist. Der Sohn von Susan legt einen selbstbewussten Auftritt hin. Er zeigt unter anderem kraftvolle Umschwünge und den Handstand in luftiger Höhe an den Bändern. Auch das Spiel mit dem Publikum hat der Youngster schon bestens drauf.


Richter Airtrack, Duo Trapecios, Perla

Unter dem Titel „Richter Airtrack“ läuft die Pausennummer. Vier muskulöse Herren aus dem Team von Kevin Richter springen in Jeans und Jeansweste rasant über ein langes, eher dünnes Luftkissen. Die Sprungkombinationen sind richtig stark und werden vom Quartett hinreißend dargeboten. Mal sind die Akteure im Solo auf dem federnden Untergrund unterwegs, mal zu mehreren. Musikalisch werden die Artisten vom Lied „Bella Ciao“ angetrieben. Der zweite Teil startet unter der Kuppel des Chapiteaus mit dem Duo Trapecios. Zwei Personen am Trapez sind erstmal nicht ungewöhnlich. Doch hier kommen zwei Trapeze zum Einsatz, die nebeneinander hängen. Daran zeigen die Akrobaten, eine Deutsche und ein Argentinier, zumeist synchron, aber auch abwechselnd waghalsige Kunststücke. Los geht es im Zehenhang, es folgen schwungvolle Sprünge und Abfaller, bei denen sie dankenswerterweise longiert sind. So ergeben sich einzigartige Bilder. Was der Vater mit den Händen beherrscht, kann die Tochter mit den Füßen – jonglieren. Perla Colombaioni hat sich den Antipodenspielen verschrieben. Gleich zu Beginn lässt sie ein Kreuz mit brennenden Enden auf ihre Füßen tanzen. Es folgen Jonglagen mit Walzen und Basketbällen. Originell ist der Trick, bei dem sie drei Walzen aufeinander auf jedem ihrer Füßen balanciert, die Türme in die Höhe kickt und dann jeweils eine Walze wieder auffängt. Den Abschluss dieser durch und durch sympathisch verkauften Darbietung bildet das Bugsieren eines Balls in einem Korb, der am oberen Ende einer Stange mit mehreren Plattformen daran montiert ist.


Juma, Diorios

Mit Körperverrenkungen der extrem Art verblüfft Juma. Der junge Artist sprüht vor Fröhlichkeit und steckt dabei seine Gliedmaßen in die ungewöhnlichsten Positionen. Er scheint wirklich keine Knochen zu haben. Während das Publikum noch rätselt, wie eine Figur überhaupt möglich sein kann, hat er schon die nächste eingenommen. Dank farbiger Kontaktlinsen bekommen seine intensiven Blicke Richtung Zuschauer etwas mystisches. Als Schlussnummer präsentiert der Cirkus Brazil Jack einmal mehr eine Motorradkugel. Bis zu fünf Fahrer aus dem Hause Diorio jagen gemeinsam durch den Globe of Speed, der sich am Ende sogar öffnet. Für Nervenkitzel ist also gesorgt, wie schon zuvor bei der Fahrt im Dunkeln mit beleuchteten Maschinen. Zurück auf dem Boden der Manege, lassen sich die Biker ausgiebig feiern.


Finale

Regelrecht zelebriert wird auch das Finale. Alle Mitwirkenden strömen herein und versammeln sich in der Mitte der Manege. Trolle Rhodin spuckt Feuer, dann versprühen Feuerfontänen an der Piste ihre Funken. Das Publikum applaudiert dem Ensemble frenetisch. Der Direktor sprich die Abschiedsworte, bevor alle wieder durch die Gardine verschwinden. Vor dem Vorhang gibt es noch kleine Zugaben. Ein paar Augenblicke später stehen die Artisten vor einem Fotohintergrund im Eingangsbereich. Gelegenheit für ein Selfie, ein kurzes Gespräch oder eine persönlich Verabschiedung. Das schafft Nähe und bringt Sympathie. Die in sozialen Netzwerken veröffentlichten Fotos wiederum sind eine gute Werbung.

Mit diesem klassischen Circus in moderner Verpackung scheint Trolle Rhodin einen Weg gefunden zu haben, ein breites Publikum zu erreichen. Sprich, sowohl Menschen, die die Tradition lieben als auch solche, die eine aktuelle Form der Unterhaltung suchen. Vielleicht ist das eine zukunftsfähige Variante des Circus, die langfristig Erfolg hat. Zu wünschen ist es dem jungen Direktor und seinem Team allemal. Hoffen wir also auf viele weitere Besuche im Cirkus Brazil Jack, die sicher genauso viel Spaß machen werden wie jener 2026 in Göteborg.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch