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2026 nun feiert
das Circus-Theater Roncalli den 50. Geburtstag. Noch immer ist
Bernhard Paul dessen Direktor. Die meisten der Circusunternehmen
aus der Startphase gibt es nicht mehr. Vielmehr ist Roncalli
heute einer der letzten Großcircusse klassischer Prägung, der
sich natürlich seinen ganz eigenen Stil bewahrt hat. Vielfach
kopiert und somit ein wichtiger Impulsgeber der Branche.

Szene aus
dem Finale
Aus den teilweise
durchaus improvisierten Anfängen ist ein breit aufgestelltes,
professionell geführtes Unterhaltungsunternehmen geworden. Im
Zentrum dabei steht weiterhin der Tourneecircus. Hinzu kommen
beispielsweise derzeit vier Weihnachtscircusse, mehrere
Weihnachtsmärkte, das Apollo Varieté in Düsseldorf und das
Eventgeschäft. Im Winter 2023 spielte Roncalli eine Show am
Lincoln Center in New York. Die Marke „Roncalli“ ist ein Wert,
der sich gut monetarisieren lässt. Nur mit dieser breiten
Aufstellung klug gemanagter Aktivitäten lässt sich ein
Reisecircus auf diesem Niveau realisieren.
 
Roncalli-Glocke,
Chapiteau auf dem Kölner Neumarkt
Schon von außen
ist Roncalli ein Hochgenuss. Die reisende Stadt, die da auf dem
Neumarkt im Herzen von Köln steht, strahlt in der
Frühlingssonne. Die prachtvollen Wagen, Zelte und Zäune sind vom
Feinsten sowie bestens gepflegt. Allein dafür sind zig Menschen
notwendig, die alle im Hintergrund arbeiten. Neu ist die
Roncalli-Glocke, die prominent in der Front platziert ist und
die Vorstellungen einläutet. Und die Show beginnt hier schon mit
dem Einlass. Die Besucher werden von Artisten begrüßt. Wer mag,
kann sich einen roten Punkt auf die Nase malen lassen oder sich
ein Bonbon aus einem gereichten Sektkühler nehmen. Das Orchester
spielt, im Vorzelt locken die Restauration und der
Souvenirstand. Beim Betreten des Chapiteaus wird durch das
passende Licht gleich Atmosphäre geschaffen. Die prächtige
Innenausstattung ist ohnehin ein Traum. Dass hier nach wie vor
Sturmstangen die Sicht beinträchtigen und Bankreihen nicht eben
für besten Sitzkomfort sorgen, polarisiert. Für die einen ist es
Nostalgie, für die anderen eine Einschränkung.

Roncalli
Royal Orchestra
Während des
Einlasses erlauben die großen Monitore eines Mobiles über der
Manege Rückblicke in die Geschichte. Das war es dann aber auch
schon mit Nostalgie. Das Jubiläum wird in der Vorstellung nur
sehr dezent aufgegriffen. Vielmehr wird vitaler, mitreißender
Circus gespielt. Die „Verpackung“ spielt eine tragende Rolle.
Immer wieder gibt es große Szenen mit dem hervorragenden Ballett
– bestehend aus vier Tänzerinnen und zwei Tänzern - sowie
weiteren Ensemblemitgliedern. Leerlauf kennt diese Produktion
nicht. Das Lichtdesign ist vom Feinsten und fördert den
Gesamteindruck immens. Gleiches gilt für die Livemusik des
Roncalli Royal Orchestra. Die Musikerinnen und Musiker spielen
zum Niederknien schön.
 
Gensi, Geraldine
Philadelphia
Das Intro macht
Housch-Ma-Housch. Clowns haben bei Roncalli schon immer eine
zentrale Rolle gespielt. Hier erleben wir einen der besten
Circuskomiker unserer Tage, zudem gibt es im Programm weitere
Vertreter des Genres. Sie sind im grandiosen Opening dabei, in
dem die Artisten in fantastischen Kostümen Kostproben ihres
Könnens geben. Canutito Jr. wird auf einer Torte durch die
Manege gefahren, Orchesterchef Georg Pommer radelt mit einem
Klavier durch die Szenerie, um nur zwei liebevoll umgesetzte
Einfälle zu nennen. Am Ende steht Gensi im Mittelpunkt, um uns
willkommen zu heißen. Auf dem Kostüm des Weißclowns prangt eine
große „50“. Mithilfe einer Kordel, deren Ende mit
Swarovski-Steinen besetzt ist, demonstriert uns Housch-Ma-Housch,
was hier „kaputt“ ist. Dank Starkstrom kommt er zu seiner
markanten Frisur mit den beiden abstehenden Haarsträngen. In
spiegelnden Kostümen bereitet das Ballett die Bühne für
Geraldine Philadelphia. Die Tochter von Geschäftsführer Patrick
Philadelphia ist zurück bei Roncalli. Erneut begeistert sie mit
ihrer eigenständigen Artistik mit Ringen unterschiedlicher
Größen, einer Melange aus Hula Hoop und Reifenjonglagen. Da
rotieren Reifen um verschiedene Körperteile, um kurz darauf
virtuos auf variantenreiche Touren durch die Luft geschickt zu
werden. Das alles wird überaus charmant präsentiert.
  
Duo Hair
Suspension, Kevinski, Alexandra Saabel
An den Haaren
Richtung Kuppel gezogen werden Ilena Pastorino und Julieta
Pachame, die das Duo Hair Suspension bilden. Auch sie bekommen
ein Intro durch Tänzerinnen und Tänzer. Diesmal in farbenfrohen
Kostümen. Danach erleben wir eine Kür über der Manege, die uns
mit neuartigen Bildern verwöhnt. Wie in einem gemeinsamen Tanz
schweben sie hoch oben und wechseln wieder auf den Boden. Dabei
zeigen sie akrobatische Posen und ein ungemein intensives
Miteinander. Gensi möchte uns mit seiner Musik verwöhnen. Doch
dabei hat er die Rechnung ohne Canutito Jr. und Kevinski
gemacht. Die beiden Clowns wollen auch musizieren, haben da aber
ganz andere Vorstellungen. Am Ende wird aus dem Gegeneinander
ein Miteinander. Dazwischen sorgen jede Menge Gags und das
ausgelassene Spiel des Trios für Spaß. Kevin Gorczynski, alias
Kevinski, ist auch in die nächste Nummer involviert. Darin
begeistern uns Alexandra Saabel und Partner Ilja Smyslov sowie
viele weitere magische Akteure mit komplett neuen
Großillusionen. Da erscheint ein Löwe in einer Box oder eine
Frau auf einem riesigen Schaukelpferd, das kurz in Nebel
verhüllt war. Alexandra Saabel wird vermeintlich mit einer
Kanone abgeschossen, steht aber kurz darauf unversehrt im
Haupteingang. Mindestens genauso wichtig wie die Tricks sind
Kostüme und Requisiten. Diese sind im Stil eines nostalgischen
Circus gestaltet. Es sind traumhafte Kreationen, die eine
einzigartige Stimmung erzeugen. Alexandra Saabel hat schon viele
grandiose Outfits für sich sowie Kolleginnen und Kollegen
erschaffen. Hier hat sie sich noch einmal selbst übertroffen.
Quasi als kleine Zugabe treiben Kevinski, Canutito Jr. und
Professor Wacko Schabernack.
  
Lili
Paul-Roncalli, Housch-Ma-Housch, Venice Carnival
Die Kontorsion von
Lili Paul-Roncalli konnten wir schon in verschiedenen
Choreographien erleben. In der neuesten startet die jüngste
Tochter von Bernhard Paul und Ehefrau Eliana am Trapez. Dann
geht es auf einem Podest weiter mit Tanz gemeinsam mit einem
Partner. Schließlich hat Lili 2020 die Fernsehshow „Let’s dance“
gewonnen. Wenn sie ästhetisch und mit viel Ausstrahlung ihre
Beweglichkeit demonstriert, sind mehrere Stühle involviert.
Ebenso das Ballett und weitere Artisten. Dann heißt es Solo für
Housch-Ma-Housch. Zunächst gibt es Gags rund um ein Mikrofon.
Dank verschiedenfarbiger Sonnenbrillen sorgt er für den Wechsel
des Lichts im Chapiteau. Bei der dunklen Brille ist dann wieder
alles „kaputt“. Statt der gereichten Gitarre nutzt der Comedian
das daran befestigte Klebeband zum Musizieren. Der Rhythmus, der
beim Ziehen daran entsteht, animiert das Publikum zum Mitmachen.
Der Requisiteur am anderen Ende des Bands zeigt sich schließlich
von oben bis unten darin eingewickelt. Vor der Pause werden wir
nach Venedig entführt. Zunächst durch die Damen des Balletts mit
passenden Masken, dann durch Venice Carnival. Die Formation rund
um Sportakrobat Nikolai Grushin kann an diesem Nachmittag
verletzungsbedingt nicht in voller Stärke auftreten. Dennoch
begeistert sie mit einer ungewöhnlichen Kombination aus Sprüngen
auf einem Trampolin, ikarischen Spielen und Akrobatik am Barren.
Letzterer wird durch zwei Stangen gebildet, die zwei Artisten
rücklinks auf Trinkas liegend auf ihren Füßen balancieren. So
erleben wir spannende Sprungkombinationen, die voller
Lebensfreude präsentiert werden. Bei aller Leichtigkeit darf
nicht vergessen werden, welch großes Können hier gefragt ist.
Die passenden Kostüme sind natürlich auf die italienische
Lagunenstadt abgestimmt. Ebenfalls mit von der Partie ist
Professor Wacko. Im letzten Roncalli-Programm war er mit seinem
komischen Trampolin vertreten. Jetzt verstärkt er mit einem
Augenzwinkern die Nummer seiner Kollegen.
  
Demian
Gritsko Team, Professor Wacko, Trio Reve
Auch der zweite
Teil beginnt mit einer größeren Formation. Nach einem Tanz des
Balletts in schwarz-weißen Kostümen gehören die Manege sowie der
Raum darüber dem Demian Gritsko Team. Die Russische Schaukel vor
dem Artisteneingang katapultiert die Mitglieder des Quartetts
steil nach oben. In weiten Sätzen geht es über und an eine
Reckstange in großer Höhe. Die Sprungkombinationen sind
ausgefeilt, auch hier sind wahre Meister am Werk, die vom Turnen
kommen, sich aber showgerecht verkaufen. Alte Kameraden gab es
schon vor vielen Jahren bei Roncalli. Jetzt erleben wir eine
Neuauflage mit Professor Wacko, Canutito Jr. und Kevisnki.
Letztendlich sollen die Kraftmenschen Kugeln fangen, die Gensi
mittels einer Kanone abschießen will. Doch diese spuckt nur
Kringel aus Rauch aus. Damit ist die Gefahr beseitigt, der Spaß
hingegen groß. Einen Augenblick später sehen wir die Clowns
bereits wieder. Jetzt als Teil eines Hofstaats in edelsten
Kostümen. Ein Rausch an Opulenz und fantasievollen Kreationen.
Sie bilden den traumhaften Auftakt für das Trio Reve. Die drei
hübschen jungen Damen bauen Menschengebilde, die großes
akrobatisches Geschick erfordern. Es sind temporäre Kunstwerke,
die sie dank Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit und gegenseitigem
Vertrauen meistern.
 
Justin
Philadelphia, Duo Vitalys
Der Oldtimer, mit
dem Gensi durch die Manege fährt, hat gleich mehrere Hupen, die
auch noch gut gestimmt sind. So spielt der Weißclown eine
Melodie von den Beatles. Solche bilden ebenfalls den Soundtrack
zur Akrobatik am Flying Pole von Justin Philadelphia. Die ist
nicht nur stark und durchaus riskant, sondern wird zudem äußerst
gewitzt präsentiert. Der 19-Jährige ist einfach ein durch und
durch charmanter Kerl, der große Freude daran hat, das Publikum
zu unterhalten. In seinem Repertoire deckt er so ziemlich alles
ab, was das Genre hergibt. Dazu die ein oder andere
Überraschung. Zwischendurch hat er immer wieder Zeit für einen
kleinen Flirt mit den Tänzerinnen in gepunkteten Kleidern. Eine
Zuschauerin und ein Zuschauer dürfen Housch-Ma-Housch bei seinem
letzten großen Auftritt begleiten. Sie muss einen Ton inbrünstig
singen, er zwei Becken schlagen. Der Spaßmacher dirigiert alles
und bezieht dabei auch die Gäste im Rund ein. Wenn hier nicht
alles so läuft, wie es laufen soll, ist das reines Kalkül.
Housch-Ma-Housch hat im Hintergrund natürlich seinen ganz
eigenen Plan, der auch an diesem Nachmittag genial aufgeht.
Wahre Lachsalven ziehen durch das Chapiteau. Gleich mehrere
Gesichter in Form von Masken trägt eine Dame am Kopf, wenn sie
sich in einem goldglänzenden Kostüm präsentiert. Während sie das
tut, wird in der Manegenmitte in Windeseile ein Podest mit
Treppe aufgebaut. Das übrigens ein weiterer grandioser Einsatz
der Requisiteure, die während der gesamten Vorstellung einen
glänzenden Job machen. Auf dem Podium erleben wir die
Partnerakrobatik des Duo Vitalys. Joel Yaicate Saavedra und
Pablo Nonato Panduro ziehen schon durch ihre bloße Anwesenheit
bewundernde Blicke auf sich. Die Peruaner haben bestens
trainierte Körper und ein smartes Lächeln auf den Lippen. Ihre
Muskeln setzen sie ein, um sich gegenseitig zu balancieren. Etwa
im einarmigen Handstand auf dem Kopf des Partners. Ihr
Spitzentrick ist aber das Laufen im Kopf-auf-Kopf. So geht es
die Stufen hinunter und nach einer Runde auf dem Boden wieder
hinauf. Das Publikum feiert die Modellathleten frenetisch.
Darauf kann nur noch das Finale folgen. Die Clowns zaubern
dafür, unterstützt vom Ballett, ein wahres Blumenmeer in die
Manege. Die weiteren Mitwirkenden kommen mit Luftballons in den
Händen hinzu. Der Abschied wird hier wahrlich zelebriert. Jeder
Artist darf sich seinen eigenen Applaus abholen, das Orchester
sowie die Technik werden gewürdigt und am Ende feiern die Gäste
im Zelt einfach den gesamten Circus. Die letzten Szenen gehören
den Clowns, die uns nebeneinander im Artisteneingang stehend
zuwinken. |