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Circus-Theater Roncalli - Tour 2026
www.roncalli.de ; 220 Showfotos

Köln, 18. April 2026: Es gab Zeiten, da wurde Roncalli von den etablierten Unternehmen nicht als „richtiger Circus“ akzeptiert. Stattdessen versuchten die traditionellen Circusse ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Von Anfang an ging Bernhard Paul seinen ganz eigenen Weg, machte so Circus, wie er ihn sich erträumte. Am 18. Mai 1976 hatte Roncalli beim Bonner Sommer Weltpremiere. Im Juni 1980 gelang in Köln mit der „Reise zum Regenbogen“ der Neustart. Letztendlich bildete diese Produktion den Grundstein für den bis heute andauernden Erfolg.

2026 nun feiert das Circus-Theater Roncalli den 50. Geburtstag. Noch immer ist Bernhard Paul dessen Direktor. Die meisten der Circusunternehmen aus der Startphase gibt es nicht mehr. Vielmehr ist Roncalli heute einer der letzten Großcircusse klassischer Prägung, der sich natürlich seinen ganz eigenen Stil bewahrt hat. Vielfach kopiert und somit ein wichtiger Impulsgeber der Branche.


Szene aus dem Finale

Aus den teilweise durchaus improvisierten Anfängen ist ein breit aufgestelltes, professionell geführtes Unterhaltungsunternehmen geworden. Im Zentrum dabei steht weiterhin der Tourneecircus. Hinzu kommen beispielsweise derzeit vier Weihnachtscircusse, mehrere Weihnachtsmärkte, das Apollo Varieté in Düsseldorf und das Eventgeschäft. Im Winter 2023 spielte Roncalli eine Show am Lincoln Center in New York. Die Marke „Roncalli“ ist ein Wert, der sich gut monetarisieren lässt. Nur mit dieser breiten Aufstellung klug gemanagter Aktivitäten lässt sich ein Reisecircus auf diesem Niveau realisieren.


Roncalli-Glocke, Chapiteau auf dem Kölner Neumarkt

Schon von außen ist Roncalli ein Hochgenuss. Die reisende Stadt, die da auf dem Neumarkt im Herzen von Köln steht, strahlt in der Frühlingssonne. Die prachtvollen Wagen, Zelte und Zäune sind vom Feinsten sowie bestens gepflegt. Allein dafür sind zig Menschen notwendig, die alle im Hintergrund arbeiten. Neu ist die Roncalli-Glocke, die prominent in der Front platziert ist und die Vorstellungen einläutet. Und die Show beginnt hier schon mit dem Einlass. Die Besucher werden von Artisten begrüßt. Wer mag, kann sich einen roten Punkt auf die Nase malen lassen oder sich ein Bonbon aus einem gereichten Sektkühler nehmen. Das Orchester spielt, im Vorzelt locken die Restauration und der Souvenirstand. Beim Betreten des Chapiteaus wird durch das passende Licht gleich Atmosphäre geschaffen. Die prächtige Innenausstattung ist ohnehin ein Traum. Dass hier nach wie vor Sturmstangen die Sicht beinträchtigen und Bankreihen nicht eben für besten Sitzkomfort sorgen, polarisiert. Für die einen ist es Nostalgie, für die anderen eine Einschränkung.


Roncalli Royal Orchestra

Während des Einlasses erlauben die großen Monitore eines Mobiles über der Manege Rückblicke in die Geschichte. Das war es dann aber auch schon mit Nostalgie. Das Jubiläum wird in der Vorstellung nur sehr dezent aufgegriffen. Vielmehr wird vitaler, mitreißender Circus gespielt. Die „Verpackung“ spielt eine tragende Rolle. Immer wieder gibt es große Szenen mit dem hervorragenden Ballett – bestehend aus vier Tänzerinnen und zwei Tänzern - sowie weiteren Ensemblemitgliedern. Leerlauf kennt diese Produktion nicht. Das Lichtdesign ist vom Feinsten und fördert den Gesamteindruck immens. Gleiches gilt für die Livemusik des Roncalli Royal Orchestra. Die Musikerinnen und Musiker spielen zum Niederknien schön.


Gensi, Geraldine Philadelphia

Das Intro macht Housch-Ma-Housch. Clowns haben bei Roncalli schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Hier erleben wir einen der besten Circuskomiker unserer Tage, zudem gibt es im Programm weitere Vertreter des Genres. Sie sind im grandiosen Opening dabei, in dem die Artisten in fantastischen Kostümen Kostproben ihres Könnens geben. Canutito Jr. wird auf einer Torte durch die Manege gefahren, Orchesterchef Georg Pommer radelt mit einem Klavier durch die Szenerie, um nur zwei liebevoll umgesetzte Einfälle zu nennen. Am Ende steht Gensi im Mittelpunkt, um uns willkommen zu heißen. Auf dem Kostüm des Weißclowns prangt eine große „50“. Mithilfe einer Kordel, deren Ende mit Swarovski-Steinen besetzt ist, demonstriert uns Housch-Ma-Housch, was hier „kaputt“ ist. Dank Starkstrom kommt er zu seiner markanten Frisur mit den beiden abstehenden Haarsträngen. In spiegelnden Kostümen bereitet das Ballett die Bühne für Geraldine Philadelphia. Die Tochter von Geschäftsführer Patrick Philadelphia ist zurück bei Roncalli. Erneut begeistert sie mit ihrer eigenständigen Artistik mit Ringen unterschiedlicher Größen, einer Melange aus Hula Hoop und Reifenjonglagen. Da rotieren Reifen um verschiedene Körperteile, um kurz darauf virtuos auf variantenreiche Touren durch die Luft geschickt zu werden. Das alles wird überaus charmant präsentiert.


Duo Hair Suspension, Kevinski, Alexandra Saabel

An den Haaren Richtung Kuppel gezogen werden Ilena Pastorino und Julieta Pachame, die das Duo Hair Suspension bilden. Auch sie bekommen ein Intro durch Tänzerinnen und Tänzer. Diesmal in farbenfrohen Kostümen. Danach erleben wir eine Kür über der Manege, die uns mit neuartigen Bildern verwöhnt. Wie in einem gemeinsamen Tanz schweben sie hoch oben und wechseln wieder auf den Boden. Dabei zeigen sie akrobatische Posen und ein ungemein intensives Miteinander. Gensi möchte uns mit seiner Musik verwöhnen. Doch dabei hat er die Rechnung ohne Canutito Jr. und Kevinski gemacht. Die beiden Clowns wollen auch musizieren, haben da aber ganz andere Vorstellungen. Am Ende wird aus dem Gegeneinander ein Miteinander. Dazwischen sorgen jede Menge Gags und das ausgelassene Spiel des Trios für Spaß. Kevin Gorczynski, alias Kevinski, ist auch in die nächste Nummer involviert. Darin begeistern uns Alexandra Saabel und Partner Ilja Smyslov sowie viele weitere magische Akteure mit komplett neuen Großillusionen. Da erscheint ein Löwe in einer Box oder eine Frau auf einem riesigen Schaukelpferd, das kurz in Nebel verhüllt war. Alexandra Saabel wird vermeintlich mit einer Kanone abgeschossen, steht aber kurz darauf unversehrt im Haupteingang. Mindestens genauso wichtig wie die Tricks sind Kostüme und Requisiten. Diese sind im Stil eines nostalgischen Circus gestaltet. Es sind traumhafte Kreationen, die eine einzigartige Stimmung erzeugen. Alexandra Saabel hat schon viele grandiose Outfits für sich sowie Kolleginnen und Kollegen erschaffen. Hier hat sie sich noch einmal selbst übertroffen. Quasi als kleine Zugabe treiben Kevinski, Canutito Jr. und Professor Wacko Schabernack.


Lili Paul-Roncalli, Housch-Ma-Housch, Venice Carnival

Die Kontorsion von Lili Paul-Roncalli konnten wir schon in verschiedenen Choreographien erleben. In der neuesten startet die jüngste Tochter von Bernhard Paul und Ehefrau Eliana am Trapez. Dann geht es auf einem Podest weiter mit Tanz gemeinsam mit einem Partner. Schließlich hat Lili 2020 die Fernsehshow „Let’s dance“ gewonnen. Wenn sie ästhetisch und mit viel Ausstrahlung ihre Beweglichkeit demonstriert, sind mehrere Stühle involviert. Ebenso das Ballett und weitere Artisten. Dann heißt es Solo für Housch-Ma-Housch. Zunächst gibt es Gags rund um ein Mikrofon. Dank verschiedenfarbiger Sonnenbrillen sorgt er für den Wechsel des Lichts im Chapiteau. Bei der dunklen Brille ist dann wieder alles „kaputt“. Statt der gereichten Gitarre nutzt der Comedian das daran befestigte Klebeband zum Musizieren. Der Rhythmus, der beim Ziehen daran entsteht, animiert das Publikum zum Mitmachen. Der Requisiteur am anderen Ende des Bands zeigt sich schließlich von oben bis unten darin eingewickelt. Vor der Pause werden wir nach Venedig entführt. Zunächst durch die Damen des Balletts mit passenden Masken, dann durch Venice Carnival. Die Formation rund um Sportakrobat Nikolai Grushin kann an diesem Nachmittag verletzungsbedingt nicht in voller Stärke auftreten. Dennoch begeistert sie mit einer ungewöhnlichen Kombination aus Sprüngen auf einem Trampolin, ikarischen Spielen und Akrobatik am Barren. Letzterer wird durch zwei Stangen gebildet, die zwei Artisten rücklinks auf Trinkas liegend auf ihren Füßen balancieren. So erleben wir spannende Sprungkombinationen, die voller Lebensfreude präsentiert werden. Bei aller Leichtigkeit darf nicht vergessen werden, welch großes Können hier gefragt ist. Die passenden Kostüme sind natürlich auf die italienische Lagunenstadt abgestimmt. Ebenfalls mit von der Partie ist Professor Wacko. Im letzten Roncalli-Programm war er mit seinem komischen Trampolin vertreten. Jetzt verstärkt er mit einem Augenzwinkern die Nummer seiner Kollegen.

 

Demian Gritsko Team, Professor Wacko, Trio Reve

Auch der zweite Teil beginnt mit einer größeren Formation. Nach einem Tanz des Balletts in schwarz-weißen Kostümen gehören die Manege sowie der Raum darüber dem Demian Gritsko Team. Die Russische Schaukel vor dem Artisteneingang katapultiert die Mitglieder des Quartetts steil nach oben. In weiten Sätzen geht es über und an eine Reckstange in großer Höhe. Die Sprungkombinationen sind ausgefeilt, auch hier sind wahre Meister am Werk, die vom Turnen kommen, sich aber showgerecht verkaufen. Alte Kameraden gab es schon vor vielen Jahren bei Roncalli. Jetzt erleben wir eine Neuauflage mit Professor Wacko, Canutito Jr. und Kevisnki. Letztendlich sollen die Kraftmenschen Kugeln fangen, die Gensi mittels einer Kanone abschießen will. Doch diese spuckt nur Kringel aus Rauch aus. Damit ist die Gefahr beseitigt, der Spaß hingegen groß. Einen Augenblick später sehen wir die Clowns bereits wieder. Jetzt als Teil eines Hofstaats in edelsten Kostümen. Ein Rausch an Opulenz und fantasievollen Kreationen. Sie bilden den traumhaften Auftakt für das Trio Reve. Die drei hübschen jungen Damen bauen Menschengebilde, die großes akrobatisches Geschick erfordern. Es sind temporäre Kunstwerke, die sie dank Gleichgewichtssinn, Beweglichkeit und gegenseitigem Vertrauen meistern.


Justin Philadelphia, Duo Vitalys

Der Oldtimer, mit dem Gensi durch die Manege fährt, hat gleich mehrere Hupen, die auch noch gut gestimmt sind. So spielt der Weißclown eine Melodie von den Beatles. Solche bilden ebenfalls den Soundtrack zur Akrobatik am Flying Pole von Justin Philadelphia. Die ist nicht nur stark und durchaus riskant, sondern wird zudem äußerst gewitzt präsentiert. Der 19-Jährige ist einfach ein durch und durch charmanter Kerl, der große Freude daran hat, das Publikum zu unterhalten. In seinem Repertoire deckt er so ziemlich alles ab, was das Genre hergibt. Dazu die ein oder andere Überraschung. Zwischendurch hat er immer wieder Zeit für einen kleinen Flirt mit den Tänzerinnen in gepunkteten Kleidern. Eine Zuschauerin und ein Zuschauer dürfen Housch-Ma-Housch bei seinem letzten großen Auftritt begleiten. Sie muss einen Ton inbrünstig singen, er zwei Becken schlagen. Der Spaßmacher dirigiert alles und bezieht dabei auch die Gäste im Rund ein. Wenn hier nicht alles so läuft, wie es laufen soll, ist das reines Kalkül. Housch-Ma-Housch hat im Hintergrund natürlich seinen ganz eigenen Plan, der auch an diesem Nachmittag genial aufgeht. Wahre Lachsalven ziehen durch das Chapiteau. Gleich mehrere Gesichter in Form von Masken trägt eine Dame am Kopf, wenn sie sich in einem goldglänzenden Kostüm präsentiert. Während sie das tut, wird in der Manegenmitte in Windeseile ein Podest mit Treppe aufgebaut. Das übrigens ein weiterer grandioser Einsatz der Requisiteure, die während der gesamten Vorstellung einen glänzenden Job machen. Auf dem Podium erleben wir die Partnerakrobatik des Duo Vitalys. Joel Yaicate Saavedra und Pablo Nonato Panduro ziehen schon durch ihre bloße Anwesenheit bewundernde Blicke auf sich. Die Peruaner haben bestens trainierte Körper und ein smartes Lächeln auf den Lippen. Ihre Muskeln setzen sie ein, um sich gegenseitig zu balancieren. Etwa im einarmigen Handstand auf dem Kopf des Partners. Ihr Spitzentrick ist aber das Laufen im Kopf-auf-Kopf. So geht es die Stufen hinunter und nach einer Runde auf dem Boden wieder hinauf. Das Publikum feiert die Modellathleten frenetisch. Darauf kann nur noch das Finale folgen. Die Clowns zaubern dafür, unterstützt vom Ballett, ein wahres Blumenmeer in die Manege. Die weiteren Mitwirkenden kommen mit Luftballons in den Händen hinzu. Der Abschied wird hier wahrlich zelebriert. Jeder Artist darf sich seinen eigenen Applaus abholen, das Orchester sowie die Technik werden gewürdigt und am Ende feiern die Gäste im Zelt einfach den gesamten Circus. Die letzten Szenen gehören den Clowns, die uns nebeneinander im Artisteneingang stehend zuwinken.

Wenngleich die Vorstellung an diesem Nachmittag in leicht angepasster Form abläuft, insbesondere weil Einradartist Pavel Valla Bertini verletzungsbedingt nicht dabei ist, überzeugt sie auf ganzer Linie. Der runde Geburtstag ist überraschend sparsam präsent. Stattdessen macht man einfach mit einem neuen Programm im bewährten Stil weiter. Das zeigt Kontinuität und sendet das Signal, dass noch viele weitere Tourneen folgen werden. Die nächste Generation der Direktionsfamilie ist bereits in verschiedenen Positionen im Unternehmen aktiv. Doch Gründer und Direktor Bernhard Paul ist nach wie vor der Kopf seines Circus Roncalli. Herzlichen Glückwunsch zu einem halben Jahrhundert eindrucksvoller Circusgeschichte und herzlichen Dank für die starke Jubiläumsshow in bester Roncalli-Manier. Schöner kann man sein Publikum kaum beschenken.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch