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Gespielt wird
seit vielen Jahren in den gewaltigen Zeltanlagen des Cirque
Phénix auf der Pelouse de Reuilly. Hallenartig wirkt das quasi
rechteckige Spielzelt mit außenliegenden Masten. An drei
Seiten schmiegen sich Logen, Tribüne und Balkon um die erhöhte
Bühne, auf der zweiten Längsseite ist das zehnköpfige,
hervorragend aufspielende Orchester unter der Leitung von
Francois Morel vor dem monumentalen Artisteneingang platziert.
  
Opening mit der
Circusschule von Montréal
Zum 45. Mal
findet das Festival statt, seit 45 Jahren besteht die
Circusschule von Montréal. Anlass genug, dass diese das große
Eröffnungstableau übernimmt. Zehn Schülerinnen und Schüler
präsentieren unter der Chorographie von Howard Richard,
ehemals artistischer Direktor der Schule, ein Potpourri
artistischer Disziplinen zu elektronischer Musik. Flying Pole,
Cyrrad, bemerkenswerte antipodistische Jonglagen mit fünf
Bällen, Hula Hoop, Partnerakrobatik im Drei-Personen-Hoch und
anderes mehr: Hier wird ein ganzes Circus- oder
Varietéprogramm auf wenige Minuten komprimiert. Obwohl gar
nicht Teil des Wettbewerbs, gibt es für das Charivari den
Preis der Nationalen Circusschule von Rosny-sous-Bois, die bei
früheren Festivals die Eröffnung beigesteuert hatte. Zudem
arbeitet die mit zehn Frauen und Männern besetzte
Festival-Jury diesmal unter dem Vorsitz der pädagogischen
Direktorin der Circusschule Montréal, Marie Chapoullié.
  
Calixte
de Nigremont, Flaggenparade, Grand Prix: Machine de Cirque
Selbst nach
einigen Besuchen des Cirque de Demain ist die sich
traditionell anschließende, rasante Flaggenparade zu
druckvoller Livemusik immer wieder überwältigend. Bestens bekannt ist auch der
Mr. Loyal Calixte de Nigremont, der wieder im barock
inspirierten Outfit, in exaltierter Weise und ungeheuer
wortreich durchs Programm führt. Nachdem das Duo „Comme Unique“
(Schweiz) nicht antritt, bleibt das Genre der Koreanischen
Wippe weiterhin im Festivalprogramm vertreten. Dies dank der
siebenköpfigen Formation aus dem Hause „Machine de Cirque“
(Kanada), die der Disziplin mit einer um 360 Grad drehbaren
Variante des Schleuderbretts inmitten kreisrund ausgelegter
Schutzmatten neue Seiten abgewinnt. Zu ruhiger musikalischer
Begleitung zelebrieren die jungen Männer und eine Frau eine
hochklassige Abfolge von Sprüngen, Pirouetten und Salti in
verschiedensten Variationen und werden mit dem „Coup de Coeur
de l'Orchestre“, vor allem aber – erwartungsgemäß - auch mit
dem über Gold stehenden „Grand Prix“ geehrt. Sie waren bereits
2025 im Festivalprogramm, mussten aber verletzungsbedingt
während der Auswahlvorstellungen aufgeben.
  
Gold:
Yaya Diarrassouba; Silber: Hoops Désolé, Trio Rig'Humaine
Yaya
Diarrassouba ist nicht nur der erste Artist aus der
Elfenbeinküste, der jemals beim Cirque de Demain aufgetreten
ist, er liefert auch ein grandioses Highlight dieser
Festival-Edition. Mit seinen Kontorsionen, eingebettet in
einen wilden Tanz mit Salto-Sprüngen, hebt er das Genre auf
ein neues Level, zeigt eine wirklich extreme Beweglichkeit.
Schier unglaublich, wie er gegen Ende mit Hilfe eines
Assistenten seinen Kopf verdreht. Die ersten Standing Ovations
der besuchten Auswahlvorstellung, die einzige Goldmedaille des
Festivals sowie die Trophée du Cirque du Soleil sind der Lohn.
Silber wird zwei Mal vergeben. Eine dieser Medaillen geht an
die Formation „Hoops Desolé“ mit vier jungen Männern aus
Kanada, der Schweiz und Argentinien, die in Québec ausgebildet
wurden. Auf einer langen Mattenbahn zeigen sie akrobatische
Sprünge und Salti durch einen einzigen Reifen. Einer von ihnen
ist als Löwe verkleidet, die anderen tragen Kostüme im
klassischen Circusstil. So wird vom Ende des Circus mit Tieren
erzählt. Das ist so lange recht amüsant, bis einer der Akteure
sich scheinbar empfindlich verletzt, dann aber im Rollstuhl
weitermacht. Für unseren Geschmack zu makaber, für einen
großen Teil der Zuschauer wohl nicht, denn das Quartett wird
für den Publikumspreis gewählt. Konsens dürfte dagegen sein,
dass das Trio Rig‘Humaine aus Kanada und Französisch-Guayana,
ebenfalls Montréal-Absolventen, eine der faszinierendsten
Darbietungen des Festivals beisteuert. Den Mann und seine
beiden Partnerinnen erleben wir als eine Art menschliches
Mobile. Ihre kunstvollen Figuren, dargeboten in vollkommener
Ruhe, vebinden Elemente aus Strapaten- und
Luftring-Akrobatik, aus Genick- und Zopfhang, kombiniert mit
Kraft und kontorsionistischer Beweglichkeit. Staunen lässt
beispielsweise der Trick, bei dem die eine Dame nur durch die
eine Hand der Partnerin im Mund und die andere im Nacken
gehalten wird. Zusätzlich zu Silber gibt es hier gleich drei
weitere Preise (Trophée de l'École de Cirque Aérien Tout Fou
To Fly and Co, Trophée BlackZ de l'innovation technique, Prix
Talent Academy).
  
Bronze:
Vitor Martinez Silva, Victoria et Ilia, Colin André-Heriaud
Auch unter den
Hauptpreisträgern ist die Circusschule von Montréal vertreten,
denn ihr Absolvent Vitor Martinez Silva (Brasilien) erhält –
außer der Trophée Dragone – Bronze für seine Diabolonummer mit
drei der Doppelkegel. Zunächst vom Gesang einer Frauenstimme
im Walzerrhythmus, dann von Trommelsounds begleitet schickt er
seine Requisiten auf die Reise durch die Luft, auch in
Kombination mit einem Salto, lässt sie fliegen und fängt sie
wieder. Von der erwähnten Circusschule Rosny-sous-Bois in
Frankreich kommen Victoria und Ilia. Während sie ihre Kunst an
den Strapaten zeigt, mit Überschlägen und Flügen im Kreis,
musiziert er am Boden auf der elektrischen Bratsche,
zusätzlich zum Spiel des Orchesters. Beide haben lange
Dreadlock-Frisuren, tragen historisierende Kostüme, sind hell
geschminkt – es entsteht ein einprägsamer Look, der fast schon
etwas von Schwarz-Weiß-Fernsehen hat. Im Gedächtnis bleibt
auch die Darbietung des dritten Bronze-Preisträgers Colin
André-Heriaud (Frankreich/Kanada), der das traditionelle Genre
der Stuhlbalance neu erfindet. Der Artist mit Schnauzbart
stapelt zwei Kisten und darauf vier leichte Klappstühle zu
einer äußerst fragilen Konstruktion. Obendrauf zeigt er
Handstände, auch nachdem er seine Hose verloren hat und nur
noch mit Boxerhort und Unterhemd bekleidet ist.
  
Spezialpreise
der Jury:
Troupe de
Hangzhou, Matìas Muñiz Del Rio, Eline Guélat
Drei
Spezialpreise werden von der Jury vergeben. Bei der
ausgezeichneten Duo-Nummer der Troupe de Hangzhou aus China
wird Handstand-Akrobatik vorwiegend durch das aufwendige
Requisit neu interpretiert. Im Zentrum steht ein rotierender
Tisch, auf dem die Partnerin beispielsweise eine
Handstandwaage auf dem ausgestreckten Arm ihres Partners
drückt, während dieser selbst im einarmigen Handstand
balanciert. Im Verlauf der Nummer fährt ein L-förmig gebogener
Arm aus dem Podium. Das ermöglicht es dem Herrn, oben im
einarmen Handstand zu balancieren, während sie kopfüber an
einer Schlaufe wirbelt, die er mit der anderen Hand hält. Sehr
stark, aber auch sehr technisch geprägt ist dieser Act.
Zusätzlich gibt es den Prix Ringling Bros. and Barnum &
Bailey. Auch der zweite Spezialpreis-Träger Matìas Muñiz Del
Rio (Argentinien) ringt einem sehr traditionellen Genre etwas
Neues ab, in dem er die übliche Ausstattung variiert. In
diesem Fall trägt er ein Kostüm aus Sakko und Umhang, aus dem
ein dritter Arm herausragt. Wie er nun bei seinen
Balljonglagen die echten Extremitäten und die künstliche Hand
koordiniert, wie er den echten linken Arm mit großer
Beweglichkeit hinter dem Kopf einsetzt, das ist schon sehr
eindrucksvoll und lässt viele Besucher im Stehen applaudieren.
Die Trophée Sun Wenyan gibt es obendrein. Gleich drei
Sonderpreise – den Prix de la Ville de Paris, den Prix du
Cirque Imagine und die Trophée Annie Fratellini – nimmt die
Schweizerin Eline Guélat mit nach Hause, außerdem den dritten
Spezialpreis der Jury. Bei ihr ist das Requisit, ein Chinese
Pole, genau so, wie man das Genre kennt, doch die Nutzung im
Rahmen ihrer humorvoll verkauften Nummer vollkommen
außergewöhnlich. Mit geradezu bizarren Bewegungen, die die
enorme Flexibilitä ihres Körpers beweisen, bewegt sie sich an
der Stange auf und ab und erntet so manches Raunen aus dem
Publikum. Beispielsweise, wenn sie sich einen Fuß hinter den
Kopf klemmt und so den Masten erklimmt.
  
Gildo
Gomes, Justin Lowack, Nathan Forcione-Lambert
Gespielt wird
wie gesagt im Cirque Phénix, dessen Direktor Alain M. Pacherie
ebenso der Festivalpräsident ist. Und so wird auch der Prix du
Cirque Phénix gleich zwei Mal vergeben. Zum einen an Gildo
Gomes, womit sein Heimatland Angola erstmals beim Cirque de
Demain vertreten ist. Sowohl an den Strapaten in der Luft als
auch bei spinnengleich dargebotenen Kontorsionen am Boden
beweist er seine wahnwitzige Beweglichkeit, begleitet vom live
gesungenen „Purple Rain“ und durch das Spiel mit den langen
Haaren sinnlich verkauft. Zum anderen an den
Deutsch-Amerikaner Justin Lowack. Seine mit Sprüngen und
Pirouetten gespickte Drahtseilnummer leidet in der besuchten
Auswahlvorstellung an mehreren Patzern. Zusätzlich am Requisit
angebrachte Seile bleiben hier zudem bloße Dekoration ohne
Funktion. Den Prix de la Barrière – den Preis der Requisiteure
– erhält Nathan Forcione-Lambert (Kanada), und tatsächlich ist
die Kombination aus einem Chinesischen Mast mit einem am
oberen Ende in liegender Stellung angeschraubten Stuhl recht
originell. Mal „steht“ der Artist so an der Stange, sich am
Stuhl haltend, mal gerät er kopfüber in die Stuhllehne und
muss sich wieder befreien.
  
Lucas und
Natalia, Joana Lokachiuk, Casino Circus - Cie CPPP
Über den Prix du
Club du Cirque sowie den Prix St John's International
CircusFest dürfen sich Lucas und Natalia (Finnland/Spanien)
freuen. Ihre Hand-auf-Hand-Akrobatik mit tollen Wurf-Elementen
ist in eine humorvolle Geschichte verpackt, in der die
Partnerin erst aufwacht und dann nach einigen Aktionen wieder
leblos erscheint, sehr zum Schreck ihres Partners. Die
musikalische Begleitung setzt erst spät im Laufe der Nummer
ein. Zwischen manch eher experimenteller Darbietung hebt sich
die zu Live-Gesang präsentierte Handstand-Akrobatik von Joana
Lokachiuk auf einer sich drehenden Plattform als für jede
Gelegenheit geeignete, Engagement-taugliche Nummer hervor. Das
wird mit der Trophée Europa-Park gewürdigt. Die Deutsche wurde
an der Berliner Artistenschule ausgebildet. Gänzlich ohne
Preis verlässt eine vierköpfige Formation der Truppe „Casino
Circus - Cie CPPP“ (Frankreich) das Festival, die nach der
verletzungsbedingten Absage von Justin Philadelphia (Flying
Pole) sowie der genannten Koreanischen Wippe als Ersatznummer
ins Festivalprogramm nachgerückt ist. Die Kombination aus
Schleuderbrett, einem erhöhten Podium mit zwei Ebenen sowie
einem Mast mit Handstand-Stäben am Ende verspricht viel und
hält wenig, denn die Handstand-Akrobatik steht beziehungslos
neben den Schleuderbrett-Tricks. Zu allem Überfluss kommt
Strapaten-Akrobatik ohne Bezug zum Rest hinzu.
  
Nathan
Biggs-Penton, Thomas Rochelet, Vladyslav Holda
Wenn man das
Beste versucht, aber nicht erfolgreich ist – mit dieser
Einspielung aus dem Off zu Beginn seiner Nummer setzt Nathan
Biggs-Penton (Kanada/USA) quasi selbst die Stimmung, die ihn
ebenfalls ohne Auszeichnung bleiben lässt. Er jongliert auf
einem Baumstamm stehend und am Boden mit vier Keulen, dies in
einer tänzerischen Choreographie zu Live-Musik und Gesang.
Dass eine ganz große Flugtrapez-Nummer mit kolossaler
Inszenierung und zwölf Mitwirkenden, davon drei Fänger auf
unterschiedlichen Ebenen, keinerlei Würdigung erhält, ist
schon sehr außergewöhnlich. Ebenso außergewöhnlich jedoch auch
die Zahl der Sprünge der „Poésie Tribale“, die ins Netz gehen.
Ebenfalls aus Frankreich, ebenso mit einer Luftnummer im
Programm und ebenso ohne Preis, das gilt für Thomas Rochelet.
Das wahre Muskelgebirge kreiselt kraftvoll an den Strapaten
und dreht sich rasant im Genickhangwirbel. Möglicherweise
fehlt es der Jury hier an Innovation. Leer geht auch Vladyslav
Holda (Ukraine) aus, der in einer tänzerischen Choreographie
zu Vivaldi-Musik mit Bällen jongliert – eine jener Nummern,
bei der man nie so recht weiß, ob es gerade Konzept oder
Fehler ist, wenn immer wieder Bälle zu Boden gehen, in
größerer Zahl dort eine Weile liegen bleiben und später wieder
eingesetzt werden.

Bert &
Fred
Außerhalb des
Wettbewerbs agieren Bert und seine Partnerin Fred aus Belgien.
Privat sind sie ein glückliches Ehepaar, auf der Bühne leben
sie eine sehr spezielle Rollenverteilung vor. Sie ist absolut
dominant und bestimmt das Geschehen, er hat zu folgen. Dies
bei wagemutigen Experimenten. So lässt sie ein scharfes Messer
an einem Seil aus großer Höhe gen Bühnenboden sausen und
zwischen seinen Beinen landen. Später stößt sie mit einem
schweren Hammer, der an einem Seil schwingt, einen Apfel von
Berts Kopf. Mit einer Peitsche halbiert sie eine Salatgurke,
die er vor seinen Hosenstall hält. Und schließlich zerschießt
sie die an einem Schlappseil angebrachten Luftballons, während
er auf dem Seil balanciert. Ein Spitzenact – stark,
originell, herrlich witzig. |