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45. Festival Mondial
du Cirque de Demain 2026

www.cirquededemain.com ; 176 Fotos Show A ; 186 Fotos Show B

Paris, 22.-25. Januar 2026: Seine 45. Ausgabe feiert das Festival Mondial du Cirque de Demain – das Weltfestival des Circus von Morgen – Ende Januar in Paris. Also eine Art kleines Jubiläum. Da überrascht es umso mehr, dass das Programm von den Besuchern weniger stark als in den Vorjahren empfunden wird. Zudem bewegt sich das Line-up nun wieder weg von der zuletzt gepflegten Massentauglichkeit in eine etwas weniger marktgängige Richtung. Auch wenn wir beide Entwicklungen bedauern, ist und bleibt der Cirque de Demain das größte und bedeutendste Nachwuchs-Circusfestival der Welt.

Gespielt wird seit vielen Jahren in den gewaltigen Zeltanlagen des Cirque Phénix auf der Pelouse de Reuilly. Hallenartig wirkt das quasi rechteckige Spielzelt mit außenliegenden Masten. An drei Seiten schmiegen sich Logen, Tribüne und Balkon um die erhöhte Bühne, auf der zweiten Längsseite ist das zehnköpfige, hervorragend aufspielende Orchester unter der Leitung von Francois Morel vor dem monumentalen Artisteneingang platziert.


Opening mit der Circusschule von Montréal

Zum 45. Mal findet das Festival statt, seit 45 Jahren besteht die Circusschule von Montréal. Anlass genug, dass diese das große Eröffnungstableau übernimmt. Zehn Schülerinnen und Schüler präsentieren unter der Chorographie von Howard Richard, ehemals artistischer Direktor der Schule, ein Potpourri artistischer Disziplinen zu elektronischer Musik. Flying Pole, Cyrrad, bemerkenswerte antipodistische Jonglagen mit fünf Bällen, Hula Hoop, Partnerakrobatik im Drei-Personen-Hoch und anderes mehr: Hier wird ein ganzes Circus- oder Varietéprogramm auf wenige Minuten komprimiert. Obwohl gar nicht Teil des Wettbewerbs, gibt es für das Charivari den Preis der Nationalen Circusschule von Rosny-sous-Bois, die bei früheren Festivals die Eröffnung beigesteuert hatte. Zudem arbeitet die mit zehn Frauen und Männern besetzte Festival-Jury diesmal unter dem Vorsitz der pädagogischen Direktorin der Circusschule Montréal, Marie Chapoullié.


Calixte de Nigremont, Flaggenparade, Grand Prix: Machine de Cirque

Selbst nach einigen Besuchen des Cirque de Demain ist die sich traditionell anschließende, rasante Flaggenparade zu druckvoller Livemusik immer wieder überwältigend. Bestens bekannt ist auch der Mr. Loyal Calixte de Nigremont, der wieder im barock inspirierten Outfit, in exaltierter Weise und ungeheuer wortreich durchs Programm führt. Nachdem das Duo „Comme Unique“ (Schweiz) nicht antritt, bleibt das Genre der Koreanischen Wippe weiterhin im Festivalprogramm vertreten. Dies dank der siebenköpfigen Formation aus dem Hause „Machine de Cirque“ (Kanada), die der Disziplin mit einer um 360 Grad drehbaren Variante des Schleuderbretts inmitten kreisrund ausgelegter Schutzmatten neue Seiten abgewinnt. Zu ruhiger musikalischer Begleitung zelebrieren die jungen Männer und eine Frau eine hochklassige Abfolge von Sprüngen, Pirouetten und Salti in verschiedensten Variationen und werden mit dem „Coup de Coeur de l'Orchestre“, vor allem aber – erwartungsgemäß - auch mit dem über Gold stehenden „Grand Prix“ geehrt. Sie waren bereits 2025 im Festivalprogramm, mussten aber verletzungsbedingt während der Auswahlvorstellungen aufgeben.


Gold: Yaya Diarrassouba; Silber: Hoops Désolé, Trio Rig'Humaine

Yaya Diarrassouba ist nicht nur der erste Artist aus der Elfenbeinküste, der jemals beim Cirque de Demain aufgetreten ist, er liefert auch ein grandioses Highlight dieser Festival-Edition. Mit seinen Kontorsionen, eingebettet in einen wilden Tanz mit Salto-Sprüngen, hebt er das Genre auf ein neues Level, zeigt eine wirklich extreme Beweglichkeit. Schier unglaublich, wie er gegen Ende mit Hilfe eines Assistenten seinen Kopf verdreht. Die ersten Standing Ovations der besuchten Auswahlvorstellung, die einzige Goldmedaille des Festivals sowie die Trophée du Cirque du Soleil sind der Lohn. Silber wird zwei Mal vergeben. Eine dieser Medaillen geht an die Formation „Hoops Desolé“ mit vier jungen Männern aus Kanada, der Schweiz und Argentinien, die in Québec ausgebildet wurden. Auf einer langen Mattenbahn zeigen sie akrobatische Sprünge und Salti durch einen einzigen Reifen. Einer von ihnen ist als Löwe verkleidet, die anderen tragen Kostüme im klassischen Circusstil. So wird vom Ende des Circus mit Tieren erzählt. Das ist so lange recht amüsant, bis einer der Akteure sich scheinbar empfindlich verletzt, dann aber im Rollstuhl weitermacht. Für unseren Geschmack zu makaber, für einen großen Teil der Zuschauer wohl nicht, denn das Quartett wird für den Publikumspreis gewählt. Konsens dürfte dagegen sein, dass das Trio Rig‘Humaine aus Kanada und Französisch-Guayana, ebenfalls Montréal-Absolventen, eine der faszinierendsten Darbietungen des Festivals beisteuert. Den Mann und seine beiden Partnerinnen erleben wir als eine Art menschliches Mobile. Ihre kunstvollen Figuren, dargeboten in vollkommener Ruhe, vebinden Elemente aus Strapaten- und Luftring-Akrobatik, aus Genick- und Zopfhang, kombiniert mit Kraft und kontorsionistischer Beweglichkeit. Staunen lässt beispielsweise der Trick, bei dem die eine Dame nur durch die eine Hand der Partnerin im Mund und die andere im Nacken gehalten wird. Zusätzlich zu Silber gibt es hier gleich drei weitere Preise (Trophée de l'École de Cirque Aérien Tout Fou To Fly and Co, Trophée BlackZ de l'innovation technique, Prix Talent Academy).


Bronze: Vitor Martinez Silva, Victoria et Ilia, Colin André-Heriaud

Auch unter den Hauptpreisträgern ist die Circusschule von Montréal vertreten, denn ihr Absolvent Vitor Martinez Silva (Brasilien) erhält – außer der Trophée Dragone – Bronze für seine Diabolonummer mit drei der Doppelkegel. Zunächst vom Gesang einer Frauenstimme im Walzerrhythmus, dann von Trommelsounds begleitet schickt er seine Requisiten auf die Reise durch die Luft, auch in Kombination mit einem Salto, lässt sie fliegen und fängt sie wieder. Von der erwähnten Circusschule Rosny-sous-Bois in Frankreich kommen Victoria und Ilia. Während sie ihre Kunst an den Strapaten zeigt, mit Überschlägen und Flügen im Kreis, musiziert er am Boden auf der elektrischen Bratsche, zusätzlich zum Spiel des Orchesters. Beide haben lange Dreadlock-Frisuren, tragen historisierende Kostüme, sind hell geschminkt – es entsteht ein einprägsamer Look, der fast schon etwas von Schwarz-Weiß-Fernsehen hat. Im Gedächtnis bleibt auch die Darbietung des dritten Bronze-Preisträgers Colin André-Heriaud (Frankreich/Kanada), der das traditionelle Genre der Stuhlbalance neu erfindet. Der Artist mit Schnauzbart stapelt zwei Kisten und darauf vier leichte Klappstühle zu einer äußerst fragilen Konstruktion. Obendrauf zeigt er Handstände, auch nachdem er seine Hose verloren hat und nur noch mit Boxerhort und Unterhemd bekleidet ist.


Spezialpreise der Jury: Troupe de Hangzhou, Matìas Muñiz Del Rio, Eline Guélat

Drei Spezialpreise werden von der Jury vergeben. Bei der ausgezeichneten Duo-Nummer der Troupe de Hangzhou aus China wird Handstand-Akrobatik vorwiegend durch das aufwendige Requisit neu interpretiert. Im Zentrum steht ein rotierender Tisch, auf dem die Partnerin beispielsweise eine Handstandwaage auf dem ausgestreckten Arm ihres Partners drückt, während dieser selbst im einarmigen Handstand balanciert. Im Verlauf der Nummer fährt ein L-förmig gebogener Arm aus dem Podium. Das ermöglicht es dem Herrn, oben im einarmen Handstand zu balancieren, während sie kopfüber an einer Schlaufe wirbelt, die er mit der anderen Hand hält. Sehr stark, aber auch sehr technisch geprägt ist dieser Act. Zusätzlich gibt es den Prix Ringling Bros. and Barnum & Bailey. Auch der zweite Spezialpreis-Träger Matìas Muñiz Del Rio (Argentinien) ringt einem sehr traditionellen Genre etwas Neues ab, in dem er die übliche Ausstattung variiert. In diesem Fall trägt er ein Kostüm aus Sakko und Umhang, aus dem ein dritter Arm herausragt. Wie er nun bei seinen Balljonglagen die echten Extremitäten und die künstliche Hand koordiniert, wie er den echten linken Arm mit großer Beweglichkeit hinter dem Kopf einsetzt, das ist schon sehr eindrucksvoll und lässt viele Besucher im Stehen applaudieren. Die Trophée Sun Wenyan gibt es obendrein. Gleich drei Sonderpreise – den Prix de la Ville de Paris, den Prix du Cirque Imagine und die Trophée Annie Fratellini – nimmt die Schweizerin Eline Guélat mit nach Hause, außerdem den dritten Spezialpreis der Jury. Bei ihr ist das Requisit, ein Chinese Pole, genau so, wie man das Genre kennt, doch die Nutzung im Rahmen ihrer humorvoll verkauften Nummer vollkommen außergewöhnlich. Mit geradezu bizarren Bewegungen, die die enorme Flexibilitä ihres Körpers beweisen, bewegt sie sich an der Stange auf und ab und erntet so manches Raunen aus dem Publikum. Beispielsweise, wenn sie sich einen Fuß hinter den Kopf klemmt und so den Masten erklimmt.


Gildo Gomes, Justin Lowack, Nathan Forcione-Lambert

Gespielt wird wie gesagt im Cirque Phénix, dessen Direktor Alain M. Pacherie ebenso der Festivalpräsident ist. Und so wird auch der Prix du Cirque Phénix gleich zwei Mal vergeben. Zum einen an Gildo Gomes, womit sein Heimatland Angola erstmals beim Cirque de Demain vertreten ist. Sowohl an den Strapaten in der Luft als auch bei spinnengleich dargebotenen Kontorsionen am Boden beweist er seine wahnwitzige Beweglichkeit, begleitet vom live gesungenen „Purple Rain“ und durch das Spiel mit den langen Haaren sinnlich verkauft. Zum anderen an den Deutsch-Amerikaner Justin Lowack. Seine mit Sprüngen und Pirouetten gespickte Drahtseilnummer leidet in der besuchten Auswahlvorstellung an mehreren Patzern. Zusätzlich am Requisit angebrachte Seile bleiben hier zudem bloße Dekoration ohne Funktion. Den Prix de la Barrière – den Preis der Requisiteure – erhält Nathan Forcione-Lambert (Kanada), und tatsächlich ist die Kombination aus einem Chinesischen Mast mit einem am oberen Ende in liegender Stellung angeschraubten Stuhl recht originell. Mal „steht“ der Artist so an der Stange, sich am Stuhl haltend, mal gerät er kopfüber in die Stuhllehne und muss sich wieder befreien.


Lucas und Natalia, Joana Lokachiuk, Casino Circus - Cie CPPP

Über den Prix du Club du Cirque sowie den Prix St John's International CircusFest dürfen sich Lucas und Natalia (Finnland/Spanien) freuen. Ihre Hand-auf-Hand-Akrobatik mit tollen Wurf-Elementen ist in eine humorvolle Geschichte verpackt, in der die Partnerin erst aufwacht und dann nach einigen Aktionen wieder leblos erscheint, sehr zum Schreck ihres Partners. Die musikalische Begleitung setzt erst spät im Laufe der Nummer ein. Zwischen manch eher experimenteller Darbietung hebt sich die zu Live-Gesang präsentierte Handstand-Akrobatik von Joana Lokachiuk auf einer sich drehenden Plattform als für jede Gelegenheit geeignete, Engagement-taugliche Nummer hervor. Das wird mit der Trophée Europa-Park gewürdigt. Die Deutsche wurde an der Berliner Artistenschule ausgebildet. Gänzlich ohne Preis verlässt eine vierköpfige Formation der Truppe „Casino Circus - Cie CPPP“ (Frankreich) das Festival, die nach der verletzungsbedingten Absage von Justin Philadelphia (Flying Pole) sowie der genannten Koreanischen Wippe als Ersatznummer ins Festivalprogramm nachgerückt ist. Die Kombination aus Schleuderbrett, einem erhöhten Podium mit zwei Ebenen sowie einem Mast mit Handstand-Stäben am Ende verspricht viel und hält wenig, denn die Handstand-Akrobatik steht beziehungslos neben den Schleuderbrett-Tricks. Zu allem Überfluss kommt Strapaten-Akrobatik ohne Bezug zum Rest hinzu.


Nathan Biggs-Penton, Thomas Rochelet, Vladyslav Holda

Wenn man das Beste versucht, aber nicht erfolgreich ist – mit dieser Einspielung aus dem Off zu Beginn seiner Nummer setzt Nathan Biggs-Penton (Kanada/USA) quasi selbst die Stimmung, die ihn ebenfalls ohne Auszeichnung bleiben lässt. Er jongliert auf einem Baumstamm stehend und am Boden mit vier Keulen, dies in einer tänzerischen Choreographie zu Live-Musik und Gesang. Dass eine ganz große Flugtrapez-Nummer mit kolossaler Inszenierung und zwölf Mitwirkenden, davon drei Fänger auf unterschiedlichen Ebenen, keinerlei Würdigung erhält, ist schon sehr außergewöhnlich. Ebenso außergewöhnlich jedoch auch die Zahl der Sprünge der „Poésie Tribale“, die ins Netz gehen. Ebenfalls aus Frankreich, ebenso mit einer Luftnummer im Programm und ebenso ohne Preis, das gilt für Thomas Rochelet. Das wahre Muskelgebirge kreiselt kraftvoll an den Strapaten und dreht sich rasant im Genickhangwirbel. Möglicherweise fehlt es der Jury hier an Innovation. Leer geht auch Vladyslav Holda (Ukraine) aus, der in einer tänzerischen Choreographie zu Vivaldi-Musik mit Bällen jongliert – eine jener Nummern, bei der man nie so recht weiß, ob es gerade Konzept oder Fehler ist, wenn immer wieder Bälle zu Boden gehen, in größerer Zahl dort eine Weile liegen bleiben und später wieder eingesetzt werden.


Bert & Fred

Außerhalb des Wettbewerbs agieren Bert und seine Partnerin Fred aus Belgien. Privat sind sie ein glückliches Ehepaar, auf der Bühne leben sie eine sehr spezielle Rollenverteilung vor. Sie ist absolut dominant und bestimmt das Geschehen, er hat zu folgen. Dies bei wagemutigen Experimenten. So lässt sie ein scharfes Messer an einem Seil aus großer Höhe gen Bühnenboden sausen und zwischen seinen Beinen landen. Später stößt sie mit einem schweren Hammer, der an einem Seil schwingt, einen Apfel von Berts Kopf. Mit einer Peitsche halbiert sie eine Salatgurke, die er vor seinen Hosenstall hält. Und schließlich zerschießt sie die an einem Schlappseil angebrachten Luftballons, während er auf dem Seil balanciert. Ein Spitzenact – stark, originell, herrlich witzig.

Insgesamt bietet das Festival Mondial du Cirque de Demain – den eingangs beschriebenen Einschränkungen zum Trotz – auch 2026 wieder ein beeindruckendes Kaleidoskop des Circus und Varieté unserer Zeit mit einigen spannenden Neuentdeckungen – mal ernsthaft und mal amüsant, mal etwas traditioneller und häufiger eher experimentell, mal mit kleineren Solo- und Duo-Nummern und mal in großer Formation. Von allem und für alle ist letztendlich etwas dabei, an das man sich lange erinnern wird.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll