CHPITEAU.DE

31. Festival International du Cirque
de Monte Carlo 2007
www.montecarlofestivals.com ; www.festivaldemontecarlo.info ; Preisträgerliste ; 60 Showfotos

Monte Carlo, 18. - 28. Januar 2007: Die Cote Azur: Das sind Cannes, Nizza und Monte Carlo. Monte Carlo: Das sind Casinos, Promis und Formel 1. Und einmal jährlich wird Monte Carlo zur Circus-Hauptstadt. Immer dann, wenn die Fürstenfamilie zum Internationalen Circusfestival einlädt. Heuer war der Stadtstaat vom 18. – 28. Januar 2007 Schauplatz des Festivals. Monte-Carlo scheint in diesen zehn Tagen Circus zu leben. Wie sonst wäre es denkbar, dass in der ganzen Stadt die Schaufenster der Geschäfte im Zeichen des Circusfestivals geschmückt sind, die Festival-Plakate Stadtbusse zieren und man immer und überall Menschen mit Festival-Schals begegnet. Und das Organisationskomitee um Prinzessin Stefanie und Urs Pilz an der Spitze setzt auch alles daran, dass die „Mutter“ aller Circusfestivals das Highlight des Circusjahres bleibt.

Nachdem sich im letzten Jahr anlässlich des 30. Jubiläums eine Circusparade mit Artisten und Tieren des Festivals ihren Weg durch die Stadt bis zum fürstlichen Palast  bahnte, wurde den Monegassen und den angereisten Circusfreunde dieses Jahr ein Open-Air-Circus im Hafen von Monte-Carlo geboten. Das große Circusorchester unter der Leitung von Reto Parolari sorgte für die musikalische Untermalung und unter den Augen von Fürst Albert II, Prinzessin Stefanie und unzähligen Zuschauern wurden artistische Kostproben dargeboten – als krönenden Abschluss die „lebende Kanonkugel“ Robin Valencia. Doch mit diesem Open-Air-Circus war das Rahmenprogramm noch lange nicht erschöpft. Im Théâtre Princesse Grace fand eine Circusmodellausstellung statt, bei der man in den verschiedensten Maßstäben Circus in Miniatur bestaunen konnte. Traditionell fand auch wieder ein Fußballspiel zwischen einer Circusfestival-Mannschaft und einer Mannschaft von Fürst Albert II statt. Der Gottesdienst im Grand-Chapiteau erfreut sich immer mehr Zuspruchs und bereits zum zweiten Male sorgten die Fanfare de la Compagnie des Carabiniers (Das Orchester der Garde des Fürsten) für die musikalische Umrahmung und gaben de ganzen einen noch festlicheren Rahmen.

Aber der Höhepunkte des Festivals sind natürlich die Circusvorstellungen. Die anwesenden Artisten haben jeweils zweimal die Möglichkeit sich in Auswahlvorstellungen der Jury und dem Publikum zu stellen. Aus den Preisträgern bildet sich dann das Programm für die festliche Gala, das dann als „Winner Show“ noch sechs mal zu sehen ist. Wir besuchten die Auswahlvorstellungen am Samstag, 20.01.2007 und Sonntag, 21.01.2007. Im Gegensatz zu früheren Festivals, fiel es dieses Jahr schwer, eine „Voraussage“ der preisträger zu machen – für mein Empfinden waren dieses Jahr viele „starke“ Nummern am Start.

Am Samstag machte Robin Valencia mit ihrem Kanonenschuss den Auftakt, gefolgt von den Artistinnen der „Troupe Acrobatique de Guangzhou“ mit ihren Antipodenspielen „Tableau en Or“. Mal solo, mal mit mehreren synchron, wurden immer wieder in neuen Figuren Bälle mit Füssen jongliert. Die fröhliche Art der Artistinnen war auch außerhalb der Manege zu erkennen. Der verdiente Lohn: ein Silberner Clown. Mit Jonglage ging es auch weiter. Pierre Marchand hatte das Publikum mit seinen Diabolos sofort fest im Griff; seine Diabolos leider nicht. Ob die Patzer Schuld daran waren, dass es kein Clown für Pierre Marchand wurde (wie die FAZ resümierte)?Für die Voladas am Reck (Sonderpreis der GCD beim European Youth Circus 2004) sowie den Equilibristen Ernest Palchikov gab es in Monte-Carlo nur einen der zahlreichen Sonderpreise.


Troupe Acrobatique de Guangzhou


Ernest Palchikov, White Crow, Freres Taquin

Ebenso nur mit Sonderpreisen bedacht wurden das Duo Milany, das in der besuchten Vorstellung bei ihrer Fangstuhlnummer die Longe nicht nur zur Sicherheit, sondern auch zur Unterstützung von einzelnen Tricks benutzte, und die Jongleure Vicotria & Victor Kosnyrov. Abgesehen von der Truppe Believe in Swing, die mit ihrer Rock and Roll Akrobatik wohl eher zu Beginn der Vorstellung und nicht als Schlussnummer hätten platziert werden sollen, und den Clowns Mikos, Francesco und Lorenzo waren in der Samstags’ Vorstellung sonst nur noch künftige „Clown-Preisträger“ zu sehen. Die „White Crow“ auf dem russischen Barren etwa –  faszinierend, wie Carole Demers immer in die Lüfte steigt und dabei die tollsten Saltis schlägt; in einer Vorstellung alleine dreimal den „Dreifachen“. Und auch wenn sie in ihrer Nummer nicht ganz fehlerfrei blieb, ist der Silberne Clown meiner Meinung nach mehr als gerechtfertigt. Wenn auch nicht für ihren Aérial Tango (Mix aus Trapez und Strapaten), sondern für ihren Auftritt als Show Girls erhielt die Troupe Cirneanum Platinium du Cirque Globus Bucarest einen Bronzenen Clown. Ebenso wie die, nicht zu letzt von Roncalli bekannten, Frères Taquin. Tom Dieck jun. erhielt für seine gemischte Raubtiergruppe (jetzt mit einigen „wilden“ Momenten) einen Bronzenen Clown. Für die Truppe Dosov auf dem Schleuderbrett (zuletzt bei Stuttgarter Weltweihnachtscircus) gab’s einen Silbernen Clown.


Familie Casartelli - "Tziganes"

Der Preisträger des einzigen Goldenes Clowns, die Familie Casartelli, war in dieser Auswahlvorstellung mit dem Pferdeschaubild „Tziganes“ (u. a. mit Pferdefreiheit) und dem Pas de Deux zu Pferd (Brian und Ingrid Casartelli) nebst Livegesang mit eigenwilliger Interpretation von „Strangers in the Night“ vertreten. Publikumswirksam wurde beim Schlusstrick des Pas de Daux (einbeiniger Stand von Ingrid auf Brian’s Kopf) auf die Longe verzichtet.


Chiens en Peluche d’lzhevsk, Elisabeth Axt, Ruslan Sadoev, Truppe Domchyn

Die Auswahlvorstellung am Sonntag startet mit einer Hundenummer der besonderen Art. Bei den Chiens en Peluche d’lzhevsk vom Nikulin Circus entpuppten sich die Hunde als kleinere und größere Akrobaten in bunten Hundekostümen aus Plüsch. Genauso wie im letzten Jahr das Duo Nikulin konnten auch die Chiens en Peluche d’lzhevsk mit ihrer fröhlichen Nummer das Publikum begeistern. Für die „Tierlehrerin“ gab’s als jüngste Teilnehmerin des Festivals den Spezialpreis der Prinzessin Antoinette – und für die gesamte Nummer den Sonderpreis der monegassischen Circusfreunde. Mit Elisabeth Axt (letzten Winter im Krone-Bau in München) auf dem Washington Trapez ging es ohne Longe – dafür aber mit jede Menger waghalsiger Tricks – hoch unter die Circuskuppel. Zwei Sonderpreise gab es dafür – meiner Meinung nach hätte es auch etwas mehr sein dürfen. Der Ukrainer Ruslan Sadoev vom Rosgoscirk zeigte auf dem Rücken seines Pferdes gekonnte Jonglagen (Bälle und Keulen) und unzählige, sicher gesprungene Salti; als Schlusstrick ein Salto mit Schraube. Seine Jonglagen wechselten sich mit der Hula-Hoop-Nummer seiner Schwester Ilona ab, die ebenfalls gekonnt auf dem Rücken des Pferdes gezeigt wurde. Für Ruslan gab es einen Bronzenen Clown – nach meinem Geschmack hätte ruhig auch ein Silberner Clown sein dürfen. Ebenfalls waghalsige Sprünge und Salti zeigte die Truppe Domchyn mit ihrer doppelten Russischen Schaukel. Für die Sprünge vom Schaukel zu Schaukel bzw. von der Schaukel auf die Matte gab’s verdientermaßen ebenfalls einen Silbernen Clown.


Familie Casartelli - "Aladin"

Bevor die Casartellis ihr große Exotenschaubild „Aladin“ aufführten (mit Kamelfreiheit, Lamas, Kängeruh, Stieren, Straußen, 2 Giraffen und 3 Elefanten nebst Ballettdamen) ging es mit dem Duo Bobrovi am Vertikalseil in die Luft. Vitaly Bobrov und Oxana (ehemals Mitglied der Hochseiltruppe Voljanski), ebenfalls vom Rosgoscirk, zeigten eine ansprechende Leistung, die mit einem Bronzenen Clown belohnt wurde. Nach der Pause sahen wir noch einmal Tom Dieck jun. und seine Raubtiere. Danach ging es ans Fliegende Trapez mit der Truppe der Circusschule Shanghai, die im Vorjahr Gold beim 18. Premiere Rampe Festival in Monte-Carlo gewann. Aber auch die Bezeichnung „Ecole du Cirque“ (Circusschule) dürfte keine Rechtfertigung dafür sein, das kleine Kinder als FliegerInnen fungierten. Zwar gab es auch für diese Nummer Standing Ovations – aber nur ein Teil des Publikums erhob sich von seinen Plätzen. Und vielleicht wollte die Jury ja auch ein Zeichen setzten, in dem sie dieser Nummer eben keinen Clown zusprach. Hoffen wir, dass man so langsam zu einem Umdenken kommt und solche Kinderarbeit nicht mehr in den Mangen zu finden ist. Für dieses Festival war es jedenfalls der letzte Auftritt der Truppe aus Shanghai – bereits am nächsten Tag war das Trapez aus der Circuskuppel verschwunden.


Some like it hot, Brian Casartelli & Duo Guerrero

Die Handvoltigen von „Some like it hot“ wussten das Publikum nicht zu überzeugen. Mit einem Sonderpreis (Prix de l’ Unesco) durften auch sie den Heimweg antreten. Pompös dann der Auftakt zu Robin Valencias Kanonschuss – zu dem es aber leider nicht kam. Nach publikumswirksamen Countdown ein Knall; aber keine fliegende Robin Valencia. Nach bangen Minuten, die weder Petit Gougou noch das Circusorchester unter Reto Parolari zu überbrücken wussten, wurde Robin von ihrem Mann aus der misslichen Situation (ihrer Kanone) befreit. Sichtlich mitgenommen, aber unverletzt verabschiedete sie sich vom geschockten Publikum. Vom Publikum gefeiert wurde der Handstandequilibrist Encho Keriasov. Noch vor seinem Schlusstrick hielt es das Publikum nicht mehr auf den Stühlen und es gab Standing Ovations. Für Nervenkitzel sorgte dann das Duo Guerrero. Zu Live-Gesang von Aura folgte die Hochseil-Nummer der Guerreros. Nach den Silbernen Clowns 1990 und 1993 gab es diese Jahr mit der besonderen Erwähnung der Jury, den nach den Clowns wichtigsten Preis des Festivals. Mit ihrer Pferdefreiheit, oder besser gesagt dem Pferdeschaubild, „Vive Monaco“ gewannen die Cassartellis noch einmal die Herzen der Monegassen, spätestens als der Monte-Carlo-Marsch erklang und die Geschirre der Pferde zu leuchten anfingen, hatte Brian Cassartelli das Publikum in seiner Hand.


BonBon

Mit dieser Nummer endete die 2. Auswahlvorstellung, in der, neben den schon vom Vortag bekannten Mikos, Bonbon und Tina für die Reprisen sorgten. Mit lustigen Ideen (seine „Schildkröten-Dressur“ die zum Steeldrum-Konzert wird, der missglückte Kanonenschuß, das Bobbon-Balett oder das bekannte Badminton-Match mit Tina) erfreuten das kleine und auch große Publikum und immerhin gab es für die beiden sympatischen Spaßmacher einen Sonderpreis. Für den guten Ton sorgte, wie bereits seit vielen Jahren, das große Circus-Orchester unter Reto Parolari, dass trotz der verhältnismäßig vielen Nummern mit Bandmusik „echte“ Circusmusik präsentieren konnte. Als Sprechstallmeister glänzte wieder Petit Gougou  - wenn auch dieses Jahr nicht ganz so redselig.

Meinem Empfinden nach ist es nicht vermessen zu behaupten, dass dieses Jahr ein starkes und ansprechendes Programm in Monte-Carlo geboten wurde. Über die Vergabe der Clowns lässt sich, wie wohl nach jedem Festival, vortrefflich streiten. Die Familie Casartelli zeigte durchweg sehr schön inszenierte Nummern – und besonders bei den beiden Pferdeschaubildern  solide Dressurarbeit. Auch wenn Pferdedressuren beispielsweise von Fredy Knie jun. oder Alexis Gruss noch eine Klasse besser sind. Auf Grund der vielen guten Nummer war es vielleicht am „fairsten“, einen Goldenen Clown an die Familie Casartelli zu verleihen (die Verantwortlichen des Festivals werden sicher ihren Grund dafür gehabt haben) und mit jeweils 5 Silbernen und Bronzenen Clowns zehn weitere Nummern auszeichnen zu können (für Details siehe Preisträgerliste).


Encho Keriasov

Mit einer kleinen Einschränkung: die Handstandnummer von Encho Keriasov. Als dem Bulgaren bei der Preisträgergala „nur“ der Silberne Clown verliehen wurde, waren einige Unmutsbekundungen aus dem Publikum zu hören. Ich denke, es ist nicht übertrieben, Encho’s Nummer als das Non plus ultra der Handstandequilibristik zu bezeichnen. Ich wüsste nicht, was an dieser Nummer noch zu verbessern wäre; Encho beginnt mit Tricks mit denen andere ihre Nummer beenden. Unter dem Gesichtspunkt, dass diese Nummer wohl nicht mehr zu „toppen“ ist, schlage ich mich auf die Seite der Unmut bekundeten Zuschauer und sage: für Encho hätte es eigentlich einen Goldenen Clown geben müssen.

__________________________________________________________________________
Text und Fotos: Stefan Nolte