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Vielleicht macht Geld doch glücklich,
denn ohne die jährlichen Zuschüsse des Landes Berlin in zweistelliger
Millionenhöhe wären die gigantischen Produktionen auf der größten
Theaterbühne der Welt so nicht möglich. Beim Blick ins Programmheft kann
man nur staunen: Elf internationale Choreographen haben die Tanzszenen
für „BLINDED by DELIGHT“ geschaffen. Für das Design von Bühnenbild und
Video, Licht und Ton sowie für Komposition und Songtexte werden 15
weitere Verantwortliche benannt, ergänzt von einem Heer an Assistenten
und weiteren Kunstschaffenden. An der Spitze des Kreativteams stehen
darüber hinaus Intendant Dr. Berndt Schmidt, Kostüm-Stardesigner Jeremy
Scott sowie Oliver Hoppman als Autor und Regisseur. Hier wird ein großes
Rad gedreht.

Der Friedrichstadt-Palast in
Berlin
Auf der anderen Seite erzielt der
Palast einen wesentlich höheren Eigenfinanzierungsanteil als andere
öffentliche Theater und eilt beim Ticket-Absatz und der sensationellen
Auslastung von Rekord zu Rekord. Die durch die Produktionen angelockten
Gäste sorgen für so hohe Ausgaben in Hotellerie, Gastronomie und
Einzelhandel, dass die öffentliche Zuwendung als Investition in die
Strahlkraft Berlins betrachtet werden kann, die mehrfach in den
städtischen Haushalt zurückfließt. Fast 1900 Zuschauer finden im
Theatersaal mit seinen ansteigenden Rängen Platz. Er wurde 1984 als
letztes bauliches Prestigeprojekt der damaligen DDR eröffnet.
 
Schleuderbrett, "Life's Delights"
„BLINDED by DELIGHT“ erzählt von Luci,
gespielt von Musical-Sängerin Denise Lucia Aquino, die ihre Träume
bewusst erlebt und mit ihnen interagieren kann. Der graue Alltag lässt
ihre Träume jedoch zunächst seltener werden und verblassen. Und doch
entspringt ihrer Phantasie zu Beginn der Show der Traum als männliche
Figur, die zugleich ein charismatischer Entertainer ist. Wir haben an
diesem Abend das Vergnügen mit Marc Chardon in dieser Rolle. „Spürt ihr
das?“, ruft er im Lauf des ersten großen Bildes in den Saal und erntet
den Jubel des Publikums. Das große Ballett-Ensemble – 60 Frauen und
Männer gehören ihm an – zeigt in seinem ersten Auftritt Lucis
wunderschöne Traumwelt, die hier durch Kostüme mit bunten Farbfeldern
wie auf Rubiks Zauberwürfel symbolisiert werden. „Wovon träumst du?“,
lautet der Titel des mitreißenden Songs dazu. Gespielt wird er von der
großen Showband unter Daniel Behrens, die links und rechts der Bühne auf
mehreren Ebenen hinter Glasscheiben sitzt. Auch Fora Aracama und Nico
Busso vom Duo Rings wirken in dieser Szene mit, hier mit Luftakrobatik
an relativ kleinen Quadraten. Dass in Träumen alles möglich ist, auch
das Fliegen, wird in der Schleuderbrett-Nummer deutlich, welche Rafael
und Paco Olmos nach ihrem Engagement im Schweizer National-Circus Knie
exklusiv für den Palast geschaffen haben, gemeinsam mit Absolventen der
Berliner Artistenschule. Zwei große Boxen, die anstelle von klassischen
Sprungtürmen genutzt werden, und zwei Wippen sind die Requisiten, die
das Quintett für Salti und Pirouetten nutzt, begleitet von rockiger und
rasanter Musik. Damit wird schon ganz früh in der Show Stimmung gemacht,
die Begeisterung ist hörbar groß. Zurück auf den Boden der Tatsachen
gelangen wir im nächsten großen Bild, das Lucis von Tempo, Hektik und
Lärm bestimmten Alltag darstellt. Rastlos rennt Luci in einer Trommel,
quasi einem Hamsterrad, und rastlos hasten die Damen und Herren des
Balletts in ihren dunklen Kostümen inmitten von Quadraten aus weißem
Licht, die auf den Bühnenboden geworfen werden. Stampfender Sound
begleitet sie. Doch die positive Wendung folgt bald. Aus dem Bühnenboden
erscheint zunächst ein beleuchteter Würfel, der Luci in ihre Traumwelt
entführt. Dort begegnet sie nicht nur den personifizierten
Glückshormonen, Oxytocin, Dopamin und Endorphin – dargestellt von drei
Gesangssolistinnen und -solisten –, sondern auch dem Traum. Nun werden
von unten drei beleuchtete „Türen des Glücks“ auf die Bühne gefahren.
Durch diese gerät Luci an außergewöhnliche Orte ihrer Fantasie und ihrer
Erinnerung, beginnt ihre Träume wieder wahrzunehmen. Bald darauf wird es
in diesen Traumwelten kunterbunt. Unter dem Motto „Life’s Delights“
tanzen viele Ladys ganz in Pink.
 
"Happy
Hour", Viktoriia Dziuba
In der „Happy Hour“ versprühen die
singenden Glückshormone gute Laune und begleiten Luci auf ihrer Reise.
Und schon geht es zu einer romantischen Komödie in einen Kinosaal. Hier
werden ganz wundervolle Kostümschöpfungen präsentiert: eine Dame als
Torte mit herausnehmbarem Kuchenstück, zwei andere als Würfel und
Roulettetisch – und ein junger, attraktiver Mann, der außer einer
knappen Badehose nur ein Surfbrett trägt. Das alles ist herrlich bunt
und auf wunderbare Weise ein wenig Retro. Ein hübscher Kontrast zu
abstrakt-futuristischen Designerroben in früheren Shows des Palastes.
Langsam senkt sich die Abenddämmerung über die Bühne und vom Schnürboden
schwebt Viktoriia Dziuba in die Szenerie herab. Inmitten einer
stimmungsvollen Installation aus Glühlampen zelebriert sie im
Zeitlupentempo so noch nicht gesehene, unerhört schwierige und komplexe
Figuren der Handstand-Equilibristik. Die euphorischen Reaktionen des
Publikums auf dieses artistische Glanzlicht sind überwältigend.

"Poison"
Die Nacht breitet sich aus. Luci und
Traum verbringen gemeinsam sündige Stunden – dargestellt in dem
sinnlichen Bild "Poison", in dem das Ballett in rot-schwarzen Kostümen
tanzt. Auf Stühlen, auf einer Treppe im Hintergrund, in einem flachen
Wasserbecken. Eine der Szenen, in denen solche plastischen, klassischen
Bühnenelemente zum Einsatz kommen, während über weite Strecken der
Vorstellung eher darauf gesetzt wird, mit modernen LED-Wänden wechselnde
Stimmungen zu schaffen.

"Splendor"
Zu Beginn des zweiten Programmteils
schweben Luci und Traum quasi auf Wolke 7. Passend dazu gibt es ein
großes Bild unter dem Titel "Splendor" mit dem Ballett in golden
glänzenden und schwarzen Kostümen, die wiederum eher klassisches Flair
versprühen. Die Szene geht nahtlos über in einen artistischen Act mit
BMX-Rädern, der ebenfalls speziell für den Friedrichstadt-Palast kreiert
worden ist. Eine Halfpipe mit vier Rampen steht im Zentrum, ringsherum
gruppieren sich vier weitere Rampen. So können die sechs Artisten zu
Aktionen aus allen vier Raumrichtungen starten, bis hin zu Salti mitsamt
Rad. Auch diese Nummer erntet riesigen Jubel.
 
"Nightnare", "Blossoming"
Wiederum erscheinen die Türen, und so
gelangt Luci durch eine von ihnen in eine Kathedrale aus zerbrochenen
Spiegeln, die nun wieder in Form echter Requisiten erscheinen. Nightmare
– Albtraum – ist der Song tituliert, währenddessen die Protagonistin von
finsteren Figuren umtanzt wird. Doch sie stellt sich der Dunkelheit
entgegen und bringt durch ihr strahlendes Wesen die Traumwelt mit dem
passenden Song („Blossoming“) neu zum Aufblühen. Viele folgen ihr zurück
ans Licht, was durch einen Tanz der Compagnie in hautfarben schimmernden
Kostümen versinnbildlicht wird.
 
Cocktail-Kleider mit
Designer Jeremy Scott, Duo Rings
Nachdem die Fröhlichkeit
zurückgekehrt ist, erleben wir in einer weiteren „Happy Hour“ mehrere
Damen und einen Herrn des Balletts als unterschiedliche Cocktails
gewandet. Nochmals also herrliche Kostümkreationen im Retro-Stil. Flor
Aracama und Nico Busso alias Duo Rings haben für ihre Luftakrobatik ein
außergewöhnliches Requisit gewählt, zwei Strapatenbänder mit jeweils
einem Ring mit schmalem Durchmesser am Ende. Mal trägt sie den Partner,
der mit einer Hand an ihren Fuß greift; mal hält sich jeder von ihnen
nur mit einer Hand an einem Ring, während sie einander in kunstvollen
Figuren umkreisen. Luci spürt nun, dass der Moment naht, an dem sie sich
der Realität stellen muss. Kann Traum bei ihr bleiben? Dieser möchte
endlich Realität werden, möchte „All In“ gehen, wie es in einem weiteren
Lied heißt. Eine Explosion von LED-Lichtpunkten auf dem erneut
erscheinenden Riesen-Würfel beschreibt, wie er in das echte Leben
gelangt.

Kostüme der Girlreihe und
Designer Jeremy Scott
Die Rückkehr in die Realität, der
wahr gewordene Traum, kommt in der grandiosen Schlussnummer zum
Ausdruck. Aus dem Bühnenhintergrund kommt ein rotierendes Treppen-Podium
herangefahren, das 32 Ballettgirls Platz bietet. Kostbar silbern
glitzern die Kostüme, Kopfputze und Kopfbedeckungen der Tänzerinnen. In
einem mit mathematischer Genauigkeit choreographierten Meisterwerk,
geschaffen von Ballettdirektorin Alexandra Georgieva, bringen sie die
weltberühmte „Kickline“ des Palastes. Nicht einfach ein synchrones
Hochwerfen von Beinen, sondern eine in vielfach wechselnden Mustern und
Formationen ablaufende Präzisions-Maschinerie. Schönheit pur, Eleganz in
ihrer reinsten und berauschendsten Form. |