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Friedrichsbau-Varieté - "Cirque"
www.friedrichsbau.de - 130 Showfotos

Stuttgart, 17. März 2024: Applaus brandet aus dem Off auf, der Direktor verabschiedet das Circuspublikum. „Was für eine Show!“, lobt er sein Ensemble, „das war wirklich eine unserer allerbesten Vorstellungen!“. So beginnt „Cirque – Theater der Freigeister“, die neue Show im Friedrichsbau-Varieté Stuttgart. In den folgenden zwei Stunden erleben wir im Zeitraffer einen Tag hinter den Kulissen in einem amerikanischen Wandercircus der 1950er Jahre. Merlin Johnson gibt den Circuschef. Kein anderer hat seit dem Umzug des Theaters aus der City auf den Pragsattel durch so viele Produktionen geführt wie er.

Der Liebling des Friedrichsbau-Stammpublikums gibt wiederum den Zeremonienmeister des Abends. Er ist Wort- und Sprachkünstler zwischen Poesie und Provokation, Komiker und Sänger. Und passt damit perfekt in diese Varietévorstellung, die Regisseur Ralph Sun in ähnlicher Weise bereits 2009 auf die Bühne gebracht hat, damals unter dem Titel „Nostalgia“. Ein offenes Küchenzelt links auf der Bühne, ein Holzwohnwagen rechts schaffen das Ambiente eines Wandercircus.


Robert Best, Merlin Johnson, Lisa Chudalla

Robert Best (besser bekannt als Robert Choinka) gibt den strebsamen Handwerker, der kurz nach Ende der Vorstellung bereits wieder arbeitet. Auf einem Stapel Autoreifen drückt er seine Handstände und blättert dabei in der Zeitung. Zunächst in Jeans und weißem Unterhemd, dann mit nacktem Oberkörper zeigt er sein Können; in einer Handstandwaage hält er jeweils einen der schweren Reifen mit ausgestrecktem Arm und ausgestrecktem Bein. Die sinnlich-freche Note unterstreicht auch, wie er Reifen über den Oberkörper rollen lässt und sich dabei Ölspuren einhandelt – oder die Hose während Handständen aus- und wieder anzieht. Zum Nostalgie-Circus gehört für Ralph Sun auch der Aspekt der „Freakshow“. Und so erleben wir Lisa Chudalla, eine außergewöhnliche Erscheinung. Ihre großflächigen Tattoos erinnern an schwarze Fetisch-Kleidung. Auf einem Reifenstapel hämmert sie sich nacheinander acht Nägel in die Nase. Auf eine geringere Zahl hat zuvor Merlin Johnson gewettet und muss zur Einlösung der Wettschulden einen schweren Autoreifen wie einen Hula Hoop um seine Hüften kreisen lassen. Nun bricht die Nacht über den Circus herein, im Wohnwagen wünscht sich das Ensemble eine gute Nacht. Am Morgen ist Coco Belle neu beim Circus eingetroffen – auf der Suche nach einem Ort, an dem sie unterkommen kann. Direktor Merlin Johnson nimmt voller Lakonie zur Kenntnis, dass die Circusfamilie eben wieder einmal gewachsen ist. „Doch wir teilen alles, Freude, Leben und Essen“, sagt er. Poetisch schildert er das Leben auf Rädern – sich mit einem Kanister abzuduschen, das sei pure Freiheit, auch der Zeltaufbau bei Kälte mit klammen Fingern gehört für ihn zum Faszinosum Circus. „Wir machen dies alles, um auf Reisen zu sein“, fasst er zusammen und trifft damit den Kern des Lebens in einem traditionellen Wandercircus.


Ofelia Grey, Lisa Chudalla, Coco Belle

Eigene Akzente setzt Ofelia Grey mit ihrer außergewöhnlichen Hula-Hoop-Nummer. Dabei bewegt sie in ihrer tänzerischen Choreographie nur einen einzigen Reifen, dies aber die ganze Darbietung hindurch, ohne das Requisit einmal abzusetzen, und nutzt dabei den gesamten Platz bis einschließlich der Vorbühne. Lisa Chudalla schluckt in ihrem zweiten Auftritt Schwerter vollkommen ungerührt, als wäre dies ein Leichtes. Und fördert sie mit einem sanften Lächeln wieder zu Tage. Ans Publikum gerichtet wirft Merlin Johnson die Frage auf, ob man schon einmal mit dem Gedanken gespielt habe, mit dem gewohnten Leben zu brechen und sich einem Circus anzuschließen. „Egal ob in der Manege oder in der Küche, wer sich engagieren möchte, der ist willkommen“, lautet seine Einladung – und auf jeden Fall „etwas machen“ lasse sich aus dem aufregenden, burlesken Fächertanz, den Neuankömmling Coco Belle nun zelebriert. Bei dieser schönen Frau ist der Name zugleich Programm.


Jana Vogel, Merlin Johnson und "Helmut" alias Collin Eschenburg

Merlin Johnson macht deutlich, wie das Artistenvolk für den Moment lebt, an dem die Show beginnt und an dem die Zeit stillzustehen scheint. Das Ticken der Uhr versinnbildlicht der schwingende Luftring von Jana Vogel. Daran präsentiert sie Überschläge vorwärts und rückwärts sowie dynamische Bewegungen. Nach ihrer Ausbildung an der Berliner Artistenschule war sie im vergangenen Sommer mit der Absolventenshow im Friedrichsbau zu Gast und hat dabei offenbar so überzeugt, dass sie ein Engagement für diese Produktion bekam. In seinen Betrachtungen zum Circus an sich berichtet Merlin Johnson nun, dass die Magie sein Steckenpferd sei. Gemeinsam mit seinem Assistenten „Helmut“ (Collin Eschenburg, bekannt von den Collins-Bothers) möchte er die legendäre „zersägte Jungfrau“ präsentieren, was hier herrlich witzig mit zusammenstürzenden Zauberkisten endet. Diesen entsteigt Helmut letztendlich unbeschadet.


Robert Best, "Helmut" (Collin Eschenburg), Ofelia Grey

Nach der Pause erleben wir eine frivole Bade-Szenerie, in der zunächst Robert Best nur mit einem Handtuch bekleidet und mit Deo-Sprühdose in der Hand seinen trainierten Körper präsentiert. „Helmut“ legt den Bademantel, seine textilen Oberarm-Tattoos wie auch eine der zwei übereinander getragenen Boxershorts ab, um dann auf offener Bühne eine Dusche zu nehmen. Herrlich witzig ist, wie er hier mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen hat, vom widerspenstigen Wasserschlauch bis zum ekligen Haarbüschel im Abfluss. Letzterer landet mit einem gekonnten Wurf im Publikum. Ganz ernsthaft hingegen jongliert Ofelia Grey mit bis zu vier Stäben. In seinen Betrachtungen zur Welt des Circus lässt Merlin Johnson auch den Aspekt der Tierdressur nicht aus, für ihn ein „schwieriges Thema“. „Haben wir das Recht, Lebewesen zu unserer Unterhaltung einzusperren?“, lautet seine Frage. Der zur Bildlichmachung eingesetzte Sprung eines Plüschtieres durch einen Feuerreifen taugt jedenfalls nicht zur Beantwortung, denn derartige Tricks gibt es schon lange nicht mehr – wo noch Dressuren gezeigt werden, da steht längst die natürliche Schönheit der (Wild-)Tiere im Vordergrund.


Lisa Chudalla, Aleksandr und Vlad, Coco Belle

Andere Lebewesen ließen sich nicht „an Ketten legen“, leitet er zur Luftakrobatik von Lisa Chudalla über. Die Künstlerin arbeitet an langen Ketten wie andere an Strapaten, dies ohne Handschuhe, mit bloßen Händen. Allein dies beeindruckt. Wenn sie sich auf- und abwickelt, hören wir die Ketten rascheln. Nun bricht allmählich wieder die Nacht herein, die nächste Vorstellung muss vorbereitet werden. Zeit für die ikarischen Spiele von Aleksandr und Vlad. Wie hier der etwas größere Partner den anderen kraftvoll und variantenreich mit den Füßen jongliert, ist absolut sehenswert und der akrobatische Höhepunkt des Programms, wenn auch überraschenderweise nicht die Schlussnummer. So wird ein Rückwärtssalto im Stand auf den Füßen des Partners beendet und die Darbietung mit einer Serie von Überschlägen abgeschlossen. Nun steht der Beginn der nächsten Vorstellung kurz bevor. „Bereiter als wir kann keiner sein – doch der Erfolg reist nicht mit, also gebt euer Herz“, lautet Merlin Johnsons Ratschlag ans Ensemble. Und das tut Coco Belle bei ihrer erotischen Burlesque-Nummer im Charleston-Rhythmus. Kunstvoll und ästhetisch ist die Art und Weise, wie sie die Hüllen fallen lässt – einschließlich Spagat auf dem Laufsteg mitten im Publikum. Mit dem wunderschönen, mitreißenden Filmsong „From now on“ aus dem Greatest-Showman-Soundtrack – live gesungen von Merlin Johnson – geht die Reise hinter die Kulissen dieses nostalgischen Wandercircus zu Ende, den wir nun 24 Stunden lang begleiten durften. „We will come back home, home again“, heißt es im Refrain.

Die neueste Produktion von Ralph Sun bietet einen wunderbaren Einblick in die Welt auf Reisen, wie sie vor sieben Jahrzehnten gewesen sein könnte und vielleicht heute noch ist. Auch dank seiner eigenen Circus-Erfahrung – insbesondere der Tournee 2013 mit dem Cirque Starlight durch die Schweiz – kann der Protagonist Merlin Johnson aus eigenem Erleben auf diesen besonderen Mikrokosmos blicken und seine Beobachtungen in treffende, emotionale Beschreibungen packen.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll