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Der
Liebling des Friedrichsbau-Stammpublikums gibt wiederum den
Zeremonienmeister des Abends. Er ist Wort- und Sprachkünstler zwischen
Poesie und Provokation, Komiker und Sänger. Und passt damit perfekt in
diese Varietévorstellung, die Regisseur Ralph Sun in
ähnlicher Weise bereits 2009 auf die Bühne gebracht hat, damals unter
dem Titel „Nostalgia“. Ein offenes Küchenzelt links auf der Bühne, ein
Holzwohnwagen rechts schaffen das Ambiente eines Wandercircus.
 
Robert Best, Merlin
Johnson, Lisa Chudalla
Robert
Best (besser bekannt als Robert Choinka) gibt den strebsamen Handwerker,
der kurz nach Ende der Vorstellung bereits wieder arbeitet. Auf einem
Stapel Autoreifen drückt er seine Handstände und blättert dabei in der
Zeitung. Zunächst in Jeans und weißem Unterhemd, dann mit nacktem
Oberkörper zeigt er sein Können; in einer Handstandwaage hält er jeweils
einen der schweren Reifen mit ausgestrecktem Arm und ausgestrecktem
Bein. Die sinnlich-freche Note unterstreicht auch, wie er Reifen über
den Oberkörper rollen lässt und sich dabei Ölspuren einhandelt – oder
die Hose während Handständen aus- und wieder anzieht. Zum
Nostalgie-Circus gehört für Ralph Sun auch der Aspekt der „Freakshow“.
Und so erleben wir Lisa Chudalla, eine außergewöhnliche Erscheinung.
Ihre großflächigen Tattoos erinnern an schwarze Fetisch-Kleidung. Auf
einem Reifenstapel hämmert sie sich nacheinander acht Nägel in die Nase.
Auf eine geringere Zahl hat zuvor Merlin Johnson gewettet und muss zur
Einlösung der Wettschulden einen schweren Autoreifen wie einen Hula Hoop
um seine Hüften kreisen lassen. Nun bricht die Nacht über den Circus
herein, im Wohnwagen wünscht sich das Ensemble eine gute Nacht. Am
Morgen ist Coco Belle neu beim Circus eingetroffen – auf der Suche nach
einem Ort, an dem sie unterkommen kann. Direktor Merlin Johnson nimmt
voller Lakonie zur Kenntnis, dass die Circusfamilie eben wieder einmal
gewachsen ist. „Doch wir teilen alles, Freude, Leben und Essen“, sagt
er. Poetisch schildert er das Leben auf Rädern – sich mit einem Kanister
abzuduschen, das sei pure Freiheit, auch der Zeltaufbau bei Kälte mit
klammen Fingern gehört für ihn zum Faszinosum Circus. „Wir machen dies
alles, um auf Reisen zu sein“, fasst er zusammen und trifft damit den
Kern des Lebens in einem traditionellen Wandercircus.
  
Ofelia Grey, Lisa
Chudalla, Coco Belle
Eigene
Akzente setzt Ofelia Grey mit ihrer außergewöhnlichen Hula-Hoop-Nummer.
Dabei bewegt sie in ihrer tänzerischen Choreographie nur einen einzigen
Reifen, dies aber die ganze Darbietung hindurch, ohne das Requisit
einmal abzusetzen, und nutzt dabei den gesamten Platz bis einschließlich
der Vorbühne. Lisa Chudalla schluckt in ihrem zweiten Auftritt Schwerter
vollkommen ungerührt, als wäre dies ein Leichtes. Und fördert sie mit
einem sanften Lächeln wieder zu Tage. Ans Publikum gerichtet wirft
Merlin Johnson die Frage auf, ob man schon einmal mit dem Gedanken
gespielt habe, mit dem gewohnten Leben zu brechen und sich einem Circus
anzuschließen. „Egal ob in der Manege oder in der Küche, wer sich
engagieren möchte, der ist willkommen“, lautet seine Einladung – und auf
jeden Fall „etwas machen“ lasse sich aus dem aufregenden, burlesken
Fächertanz, den Neuankömmling Coco Belle nun zelebriert. Bei dieser
schönen Frau ist der Name zugleich Programm.
 
Jana Vogel, Merlin
Johnson und "Helmut" alias Collin Eschenburg
Merlin
Johnson macht deutlich, wie das Artistenvolk für den Moment lebt, an dem
die Show beginnt und an dem die Zeit stillzustehen scheint. Das Ticken
der Uhr versinnbildlicht der schwingende Luftring von Jana Vogel. Daran
präsentiert sie Überschläge vorwärts und rückwärts sowie dynamische
Bewegungen. Nach ihrer Ausbildung an der Berliner Artistenschule war sie
im vergangenen Sommer mit der Absolventenshow im Friedrichsbau zu Gast
und hat dabei offenbar so überzeugt, dass sie ein Engagement für diese
Produktion bekam. In seinen Betrachtungen zum Circus an sich berichtet
Merlin Johnson nun, dass die Magie sein Steckenpferd sei. Gemeinsam mit
seinem Assistenten „Helmut“ (Collin Eschenburg, bekannt von den
Collins-Bothers) möchte er die legendäre „zersägte Jungfrau“
präsentieren, was hier herrlich witzig mit zusammenstürzenden
Zauberkisten endet. Diesen entsteigt Helmut letztendlich unbeschadet.
  
Robert Best,
"Helmut" (Collin Eschenburg), Ofelia Grey
Nach
der Pause erleben wir eine frivole Bade-Szenerie, in der zunächst Robert
Best nur mit einem Handtuch bekleidet und mit Deo-Sprühdose in der Hand
seinen trainierten Körper präsentiert. „Helmut“ legt den Bademantel,
seine textilen Oberarm-Tattoos wie auch eine der zwei übereinander
getragenen Boxershorts ab, um dann auf offener Bühne eine Dusche zu
nehmen. Herrlich witzig ist, wie er hier mit allerlei Widrigkeiten zu
kämpfen hat, vom widerspenstigen Wasserschlauch bis zum ekligen
Haarbüschel im Abfluss. Letzterer landet mit einem gekonnten Wurf im
Publikum. Ganz ernsthaft hingegen jongliert Ofelia Grey mit bis zu vier
Stäben. In seinen Betrachtungen zur Welt des Circus lässt Merlin Johnson
auch den Aspekt der Tierdressur nicht aus, für ihn ein „schwieriges
Thema“. „Haben wir das Recht, Lebewesen zu unserer Unterhaltung
einzusperren?“, lautet seine Frage. Der zur Bildlichmachung eingesetzte
Sprung eines Plüschtieres durch einen Feuerreifen taugt jedenfalls nicht
zur Beantwortung, denn derartige Tricks gibt es schon lange nicht mehr –
wo noch Dressuren gezeigt werden, da steht längst die natürliche
Schönheit der (Wild-)Tiere im Vordergrund.
  
Lisa Chudalla, Aleksandr
und Vlad, Coco Belle
Andere
Lebewesen ließen sich nicht „an Ketten legen“, leitet er zur
Luftakrobatik von Lisa Chudalla über. Die Künstlerin arbeitet an langen
Ketten wie andere an Strapaten, dies ohne Handschuhe, mit bloßen
Händen. Allein dies beeindruckt. Wenn sie sich auf- und abwickelt, hören
wir die Ketten rascheln. Nun bricht allmählich wieder die Nacht herein,
die nächste Vorstellung muss vorbereitet werden. Zeit für die ikarischen
Spiele von Aleksandr und Vlad. Wie hier der etwas größere Partner den
anderen kraftvoll und variantenreich mit den Füßen jongliert, ist
absolut sehenswert und der akrobatische Höhepunkt des Programms, wenn
auch überraschenderweise nicht die Schlussnummer. So wird ein
Rückwärtssalto im Stand auf den Füßen des Partners beendet und die
Darbietung mit einer Serie von Überschlägen abgeschlossen. Nun steht der
Beginn der nächsten Vorstellung kurz bevor. „Bereiter als wir kann
keiner sein – doch der Erfolg reist nicht mit, also gebt euer Herz“,
lautet Merlin Johnsons Ratschlag ans Ensemble. Und das tut Coco Belle
bei ihrer erotischen Burlesque-Nummer im Charleston-Rhythmus. Kunstvoll
und ästhetisch ist die Art und Weise, wie sie die Hüllen fallen lässt –
einschließlich Spagat auf dem Laufsteg mitten im Publikum. Mit dem
wunderschönen, mitreißenden Filmsong „From now on“ aus dem
Greatest-Showman-Soundtrack – live gesungen von Merlin Johnson – geht
die Reise hinter die Kulissen dieses nostalgischen Wandercircus zu Ende,
den wir nun 24 Stunden lang begleiten durften. „We will come back home,
home again“, heißt es im Refrain. |