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Varieté unter Sternen - Dreieich 2023
www.burgfestspiele-dreieichenhain.de - 143 Showfotos

Dreieich, 23. Juli 2023: „Dann mal auf nach Dreieichenhain, wird schon ein netter Abend werden.“ Allzu große Erwartungen habe ich nicht, als ich mich auf den Weg zu den Burgfestspielen südlich von Frankfurt mache. Ein paar der Darbietungen der diesjährigen Ausgabe des „Varieté unter Sternen“ kenne ich. Das erste und bis dato einzige Mal hatte ich die Show 2016 gesehen. Das wars aber auch. Gleich zu Beginn ist klar, dass diese Produktion weitaus mehr als nur „nett“ ist, denn sie begeistert von Anfang an. Und zum Finale stehe ich mit allen anderen Zuschauern und spende frenetisch Beifall.

Es sind nicht die ersten Standing Ovations an diesem Abend. Alle Darbietungen werden mindestens mit einem riesigem Applaus bedacht. Die Produzenten haben mithin alles richtig gemacht. Es gibt hier nur starke Darbietungen und die passen auch noch wunderbar zusammen. Der jeweilige Geschmack entscheidet letztendlich über die persönlichen Highlights. Die Show hat keine Durchhänger, bewegt sich ausschließlich auf sehr hohem Niveau. Gab es früher für das Varieté eine Kooperation mit dem Neuen Theater Höchst, werden die Shows seit einigen Jahren in Eigenregie zusammengestellt.


Zuschauertribüne und Burg Hayn

Dafür zeichnet in erster Linie Maria Ochs verantwortlich. Sie leitet den Bereich Veranstaltungen bei den Bürgerhäusern Dreieich. Diese kümmern sich seit 2007 auch um die Organisation der Burgfestspiele im Stadtteil Dreieichenhain, welche insgesamt eine lange Tradition haben. Dabei werden jeden Sommer sechs Wochen lang Veranstaltungen aus den Bereichen „Theater, Oper, Kabarett, Konzerte, Varieté und Lesungen“ angeboten, so die Homepage. Als Spielstätte dient die Burg Hayn samt zugehöriger Naturbühne. Besuchertribüne und Auftrittsfläche sind überdacht, sodass auch bei Regen gespielt werden kann. Nur die vorderen Stuhlreihen sind der Witterung ausgesetzt. Doch an diesem Abend haben wir diesbezüglich Glück. Der kurzzeitige Niederschlag beschränkt sich auf die Pause.


Felice & Cortes, Archie Clapp

Los geht es aber bei wunderbarem Sonnenschein schon vor der eigentlichen Show. Auf dem Vorplatz, wo auch die Gastronomie zu finden ist, unterhalten uns Felice und Cortes. Felice singt mit wunderbarer Stimme und begleitet sich dabei auf der Gitarre. Cortes spielt Schlagzeug dazu und sorgt als Jongleur für Entertainment. Zu Beginn des Programms steht Felice auf der Bühne und eröffnet mit „A sky full of stars“ von Coldplay den Varieté-Abend. In einem Charivari zeigen die Mitwirkenden erste Kostproben ihres Könnens. Diese Choreographie sowie weitere Intermezzi und das Finale hat Samira Wanitschek mit dem Ensemble einstudiert. Dabei lernen wir auch den Mann kennen, der uns durch die Show begleitet, Archie Clapp. Mit hellem Anzug und rosa Strickmütze sorgt er gleich für ordentlich Humor. Seine Gags sind wirklich originell, weil original und nicht aus dem üblichen Witzefundus. Er erzählt aus Berlin und von seiner Familie. Etwa über die Eignungsuntersuchung für die Schule, welche seine Tochter besteht, er selbst aber nicht. Was er vorträgt und wie er es tut, ist schlichtweg genial. Ganz mein Humor und deutlich hörbar auch der des gesamten Publikums.


Stefan Dvorak, Jaana Felicitas

Stefan Dvorak sorgte beim European Youth Circus im vergangenen Jahr für Aufsehen und gewann den Preis des Tigerpalastes. Was der 17-Jährige auf der Rola Rola zeigt, ist wirklich atemberaubend. Er balanciert unter anderem mit einem Brett auf einem Ball, stapelt sechs Bänke übereinander und hält sich zu guter Letzt auf einem Turm aus zehn Walzen im Gleichgewicht. Das alles tut er auf einem extrem hohen Podest. Outfit und Verkauf sind professionell. „Aus dem wird mal ein ganz Großer“, möchte man sagen, dabei ist er es schon jetzt. Ein Jahr Schule sowie der Wehrdienst liegen noch vor dem jungen Österreicher, bevor er sich ganz der Artistik widmen will. Das Publikum spendiert mal eben eine Standing Ovations, dabei ist die Show gerade mal 20 Minuten jung. Bei seinen Zaubertricks lässt uns Archie Clapp staunen und lachen. Wenngleich auch er „richtig“ zaubert, findet er in Jaana Felicitas seine Meisterin. Die Stuttgarterin gewann 2022 die Deutsche Meisterschaft der Zauberkunst. Es wirkt geheimnisvoll, mystisch, wenn sie in ihrem ersten Auftritt mit den Aggregatzuständen spielt. Flüssig wird zu fest oder zu gasförmig. Sprich, wir erleben sie mit Wasser, Eiszapfen und Dampf. Diese Fingerfertigkeiten demonstriert sie äußerst versiert, das Publikum folgt ihrer Performance fasziniert. Mit Hilfe von Anweisungen von einer CD versucht sich Archie Clapp mit dem nächsten magischen Trick. Die Jacke eines Zuschauers wird dank eines Missverständnisses vermeintlich in Mitleidenschaft gezogen. Aber am Ende gibt es auch hier echte Magie.


Mikail Karahan, Sebastian Stamm, Archie Clapp

Mit seinem Requisit in den Händen macht sich Mikail Karahan auf dem Weg durch den Zuschauerraum auf die Bühne. Da es sich dabei um ein ausgewachsenes Roue Cyr handelt, ist das nicht eben ganz so einfach. Die Darbietung des jungen Preisträgers vom Cirque de demain 2019 und Gewinners von Young Stage Basel 2021 trägt den Titel „It socks!“ und ist alles anderes als gewöhnlich. Nur zu Klavierbegleitung und mit viel Witz präsentiert er seine Kür am große Ring. Ausdrucksstark arbeitet er neben bekannten Tricks des Genres originelle Sequenzen. Es geht dabei um das Gefühl des „Zu spät Seins“. Wunderbar gestaltet ist der Aufbau für die folgende Nummer. Männer in Warnwesten und mit Bauarbeiterhelmen errichten einen Masten. Jonglierend versucht Stefan Dvorak die Aufmerksamkeit seinen Kolleginnen Mona und Laura zu erlangen. Mit mäßigem Erfolg. Der Chinese Pole wird für Sebastian Stamm aufgebaut. Daran arbeitet der Absolvent der Staatlichen Artistenschule Berlin kraftvoll Haltefiguren und gewagte sowie einzigartige Abfaller. Die Muskeln, die er dazu einsetzt, präsentiert er, wenn er sich mit den Füßen am Mast hängend des Oberteils seines Kostüms entledigt. Das alles in einer eigenwilligen Aufmachung, die die extrem starken Tricks bestens zur Geltung bringen. Nach der folgenden Pause begrüßen uns wiederum Felice und Cortes. Neben dem gemeinsamen Musizieren geht es darum, dass Cortes früher im Schlagzeugunterricht getriezt wurde, „richtig“ zu spielen, obwohl er Linkshänder ist. Felice gibt dazu die gestrenge Lehrerin von damals. „Scheiße, Schatz, die Kinder kommen nach dir!“, heißt ein Erziehungsratgeber von Archie Clapp, aus dem uns der Verfasser einige Passagen vorliest.


Emelie und Royer, monalaura, Zdenek Polach

Sie ist Schwedin, er US-Amerikaner, beide sehen blendend aus und begeistern uns mit einer außergewöhnlichen Rollschuh-Darbietung. Emelie und Royer zeigen neben den Klassikern ihrer Disziplin auch Neues. Immer wieder faszinierend sind die Touren auf runder Fläche, bei denen Royer seine Partnerin parallel zu sich festhält: Beine oben und Kopf unten. In Kürze geht es für die beiden wieder zum Cirque du Soleil. Was passieren kann, wenn der für den Kindergeburtstag gebuchte Clown kurzfristig ausfällt und Papa einspringen muss, vermittelt uns höchst amüsant Archie Clapp. Wieder so eine eigenständige Nummer, die irre komisch ist. 2016 gewann das Duo monalaura beim Europan Youth Circus mehrere Preise. Für ihre Kür an den Strapaten ist neben der Bühne eigens ein Metallgestell aufgebaut worden. An diesem sind die roten Bänder befestigt, mit Hilfe derer die Artistinnen ihre wunderbaren, eigenständigen Bewegungsabläufe zelebrieren. Es sieht alles so harmonisch und leicht aus, doch das Gezeigte ist höchst anspruchsvoll. Als untrainierter Zuschauer bleibt einem da nur, die Akrobatik von Mona und Laura zu bewundern. Einzig einen Stuhl braucht Jaana Felicitas, um uns noch einmal träumen und verwundert die Augen reiben zu lassen. Sie lässt das Sitzmöbel schweben und zaubert mit einzelnen Elementen davon. Ein Herr aus dem Publikum darf „Superman“ Archie Clapp bei seinen Leiterbalancen assistieren. Zum Grand Finale gibt es die Jonglage mit drei elektronisch beleuchteten Fackeln. Die Schlussnummer gehört einem weiteren Gewinner beim European Youth Circus. 2018 holte Zdenek Polach dort Gold. Bei seinen rasanten Jonglagen konzentriert er sich auf weiße Bälle als Requisiten. Bis zu sieben davon hält er gleichzeitig in der Luft. Die Zuschauer gehen enorm mit, wenn Polach seine Bälle in immer wieder neuen Varianten jongliert. Der Schwung überträgt sich auf das Finale, in dem sich alle Mitwirkenden ausführlich verabschieden, kleine Zugaben geben und gemeinsam mit dem Publikum den grandiosen Abend feiern.

Dieses Varieté unter Sternen begeistert in seiner Auflage 2023 nicht nur, weil es sehr stark besetzt ist, sondern ebenfalls weil alle Darbietungen außergewöhnlich sind und sich wohltuend von dem abheben, was man schon zig Mal gesehen hat. Zudem stimmt die Mischung, die Auswahl der Mitwirkenden harmoniert einfach. Ich werde definitiv 2024 wieder nach Dreieichenhain kommen. Dann aber aufgrund der diesjährigen Show mit hohen Erwartungen. Ich bin sicher, diese werden wiederum erfüllt.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch