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Es sind
nicht die ersten Standing Ovations an diesem Abend. Alle
Darbietungen werden mindestens mit einem riesigem Applaus
bedacht. Die Produzenten haben mithin alles richtig gemacht.
Es gibt hier nur starke Darbietungen und die passen auch noch
wunderbar zusammen. Der jeweilige Geschmack entscheidet
letztendlich über die persönlichen Highlights. Die Show hat
keine Durchhänger, bewegt sich ausschließlich auf sehr hohem
Niveau. Gab es früher für das Varieté eine Kooperation mit dem
Neuen Theater Höchst, werden die Shows seit einigen Jahren in
Eigenregie zusammengestellt.
 
Zuschauertribüne und Burg Hayn
Dafür
zeichnet in erster Linie Maria Ochs verantwortlich. Sie leitet
den Bereich Veranstaltungen bei den Bürgerhäusern Dreieich.
Diese kümmern sich seit 2007 auch um die Organisation der
Burgfestspiele im Stadtteil Dreieichenhain, welche insgesamt
eine lange Tradition haben. Dabei werden jeden Sommer sechs
Wochen lang Veranstaltungen aus den Bereichen „Theater, Oper,
Kabarett, Konzerte, Varieté und Lesungen“ angeboten, so die
Homepage. Als Spielstätte dient die Burg Hayn samt zugehöriger
Naturbühne. Besuchertribüne und Auftrittsfläche sind
überdacht, sodass auch bei Regen gespielt werden kann. Nur die
vorderen Stuhlreihen sind der Witterung ausgesetzt. Doch an
diesem Abend haben wir diesbezüglich Glück. Der kurzzeitige
Niederschlag beschränkt sich auf die Pause.
 
Felice & Cortes, Archie Clapp
Los geht
es aber bei wunderbarem Sonnenschein schon vor der
eigentlichen Show. Auf dem Vorplatz, wo auch die Gastronomie
zu finden ist, unterhalten uns Felice und Cortes. Felice singt
mit wunderbarer Stimme und begleitet sich dabei auf der
Gitarre. Cortes spielt Schlagzeug dazu und sorgt als Jongleur
für Entertainment. Zu Beginn des Programms steht Felice auf
der Bühne und eröffnet mit „A sky full of stars“ von Coldplay
den Varieté-Abend. In einem Charivari zeigen die Mitwirkenden
erste Kostproben ihres Könnens. Diese Choreographie sowie
weitere Intermezzi und das Finale hat Samira Wanitschek mit
dem Ensemble einstudiert. Dabei lernen wir auch den Mann
kennen, der uns durch die Show begleitet, Archie Clapp. Mit
hellem Anzug und rosa Strickmütze sorgt er gleich für
ordentlich Humor. Seine Gags sind wirklich originell, weil
original und nicht aus dem üblichen Witzefundus. Er erzählt
aus Berlin und von seiner Familie. Etwa über die
Eignungsuntersuchung für die Schule, welche seine Tochter
besteht, er selbst aber nicht. Was er vorträgt und wie er es
tut, ist schlichtweg genial. Ganz mein Humor und deutlich
hörbar auch der des gesamten Publikums.
 
Stefan Dvorak, Jaana Felicitas
Stefan
Dvorak sorgte beim European Youth Circus im vergangenen Jahr
für Aufsehen und gewann den Preis des Tigerpalastes. Was der
17-Jährige auf der Rola Rola zeigt, ist wirklich
atemberaubend. Er balanciert unter anderem mit einem Brett auf
einem Ball, stapelt sechs Bänke übereinander und hält sich zu
guter Letzt auf einem Turm aus zehn Walzen im Gleichgewicht.
Das alles tut er auf einem extrem hohen Podest. Outfit und
Verkauf sind professionell. „Aus dem wird mal ein ganz
Großer“, möchte man sagen, dabei ist er es schon jetzt. Ein Jahr
Schule sowie der Wehrdienst liegen noch vor dem jungen
Österreicher, bevor er sich ganz der Artistik widmen will. Das
Publikum spendiert mal eben eine Standing Ovations, dabei ist
die Show gerade mal 20 Minuten jung. Bei seinen Zaubertricks
lässt uns Archie Clapp staunen und lachen. Wenngleich auch er
„richtig“ zaubert, findet er in Jaana Felicitas seine
Meisterin. Die Stuttgarterin gewann 2022 die Deutsche
Meisterschaft der Zauberkunst. Es wirkt geheimnisvoll,
mystisch, wenn sie in ihrem ersten Auftritt mit den
Aggregatzuständen spielt. Flüssig wird zu fest oder zu
gasförmig. Sprich, wir erleben sie mit Wasser, Eiszapfen und
Dampf. Diese Fingerfertigkeiten demonstriert sie äußerst
versiert, das Publikum folgt ihrer Performance fasziniert. Mit
Hilfe von Anweisungen von einer CD versucht sich Archie Clapp
mit dem nächsten magischen Trick. Die Jacke eines Zuschauers
wird dank eines Missverständnisses vermeintlich in
Mitleidenschaft gezogen. Aber am Ende gibt es auch hier echte
Magie.
  
Mikail Karahan, Sebastian Stamm, Archie Clapp
Mit seinem
Requisit in den Händen macht sich Mikail Karahan auf dem Weg
durch den Zuschauerraum auf die Bühne. Da es sich dabei um ein
ausgewachsenes Roue Cyr handelt, ist das nicht eben ganz so
einfach. Die Darbietung des jungen Preisträgers vom Cirque de
demain 2019 und Gewinners von Young Stage Basel 2021 trägt den
Titel „It socks!“ und ist alles anderes als gewöhnlich. Nur zu
Klavierbegleitung und mit viel Witz präsentiert er seine Kür
am große Ring. Ausdrucksstark arbeitet er neben bekannten
Tricks des Genres originelle Sequenzen. Es geht dabei um das
Gefühl des „Zu spät Seins“. Wunderbar gestaltet ist der Aufbau
für die folgende Nummer. Männer in Warnwesten und mit
Bauarbeiterhelmen errichten einen Masten. Jonglierend versucht
Stefan Dvorak die Aufmerksamkeit seinen Kolleginnen Mona und
Laura zu erlangen. Mit mäßigem Erfolg. Der Chinese Pole wird
für Sebastian Stamm aufgebaut. Daran arbeitet der Absolvent
der Staatlichen Artistenschule Berlin kraftvoll Haltefiguren
und gewagte sowie einzigartige Abfaller. Die Muskeln, die er
dazu einsetzt, präsentiert er, wenn er sich mit den Füßen am
Mast hängend des Oberteils seines Kostüms entledigt. Das alles
in einer eigenwilligen Aufmachung, die die extrem starken
Tricks bestens zur Geltung bringen. Nach der folgenden Pause
begrüßen uns wiederum Felice und Cortes. Neben dem gemeinsamen
Musizieren geht es darum, dass Cortes früher im
Schlagzeugunterricht getriezt wurde, „richtig“ zu spielen,
obwohl er Linkshänder ist. Felice gibt dazu die gestrenge
Lehrerin von damals. „Scheiße, Schatz, die Kinder kommen nach
dir!“, heißt ein Erziehungsratgeber von Archie Clapp, aus dem
uns der Verfasser einige Passagen vorliest.
  
Emelie und Royer, monalaura, Zdenek Polach
Sie ist
Schwedin, er US-Amerikaner, beide sehen blendend aus und
begeistern uns mit einer außergewöhnlichen
Rollschuh-Darbietung. Emelie und Royer zeigen neben den
Klassikern ihrer Disziplin auch Neues. Immer wieder
faszinierend sind die Touren auf runder Fläche, bei denen Royer seine Partnerin parallel zu sich festhält: Beine oben
und Kopf unten. In Kürze geht es für die beiden wieder zum
Cirque du Soleil. Was passieren kann, wenn der für den
Kindergeburtstag gebuchte Clown kurzfristig ausfällt und Papa
einspringen muss, vermittelt uns höchst amüsant Archie Clapp.
Wieder so eine eigenständige Nummer, die irre komisch ist.
2016 gewann das Duo monalaura beim Europan Youth Circus
mehrere Preise. Für ihre Kür an den Strapaten ist neben der
Bühne eigens ein Metallgestell aufgebaut worden. An diesem
sind die roten Bänder befestigt, mit Hilfe derer die
Artistinnen ihre wunderbaren, eigenständigen Bewegungsabläufe
zelebrieren. Es sieht alles so harmonisch und leicht aus, doch
das Gezeigte ist höchst anspruchsvoll. Als untrainierter
Zuschauer bleibt einem da nur, die Akrobatik von Mona und
Laura zu bewundern. Einzig einen Stuhl braucht Jaana
Felicitas, um uns noch einmal träumen und verwundert die Augen
reiben zu lassen. Sie lässt das Sitzmöbel schweben und zaubert
mit einzelnen Elementen davon. Ein Herr aus dem Publikum darf
„Superman“ Archie Clapp bei seinen Leiterbalancen assistieren.
Zum Grand Finale gibt es die Jonglage mit drei elektronisch
beleuchteten Fackeln. Die Schlussnummer gehört einem weiteren
Gewinner beim European Youth Circus. 2018 holte Zdenek Polach
dort Gold. Bei seinen rasanten Jonglagen konzentriert er sich
auf weiße Bälle als Requisiten. Bis zu sieben davon hält er
gleichzeitig in der Luft. Die Zuschauer gehen enorm mit, wenn
Polach seine Bälle in immer wieder neuen Varianten jongliert.
Der Schwung überträgt sich auf das Finale, in dem sich alle
Mitwirkenden ausführlich verabschieden, kleine Zugaben geben
und gemeinsam mit dem Publikum den grandiosen Abend feiern.
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