|
Zu Beginn empfängt
uns das Ensemble mit einer Champagnerparty auf der Bühne. Mit den
Kronleuchtern im aufwendigen Bühnenbild und den Kleidern des Balletts im
Stil der 1920er Jahre ist für festliche Stimmung gesorgt. Erstmals seit
14 Jahren steht wieder die großartige Sängerin Evi Niessner im
Mittelpunkt einer Friedrichsbau-Produktion. Ausgebildet im Opernfach,
hat sie sich später auf Chansons spezialisiert. Mit ihrer starken
Stimme, ihrer großen Präsenz und viel frivolem Humor passt sie wunderbar
in diese Vorstellung. Die Rolle der Gastgeberin, der Grande Dame im
Varieté Größenwahn, ist ihr auf den Leib geschrieben. Vom Tanz auf dem
Vulkan in einer Welt, die beinahe auseinander fällt, handelt ihr erster
Song. „Love for Sale“ wird gleich im Anschluss besungen. Für die
Begleitung am Piano sorgt dabei Sascha Kommer. Der junge Mann aus dem
Großraum Stuttgart in seinem feinen Zwirn ist ein guter Bekannter im
Friedrichsbau. Und nachdem die fünf Tänzerinnen der
Vegas Showgirls die Beine in Reihe fliegen lassen, folgt Evi Niessners
Absage an Trübsal und Bescheidenheit und ihr Ja an die Lust am Leben. Im
Varieté Größenwahn werde das Unmögliche möglich.
 
Andriy Ruzhylo,
Ensemble
Erfreulicherweise
bietet dieses Programm neben Musik, Gesang und Tanz auch starke
artistische Darbietungen, legt auf diese tragende Säule eines
Varietéprogramms wieder mehr wert als die letzten Friedrichsbau-Shows.
Den Auftakt macht Andriy Ruzhylo. Der Ukrainer mit den tätowierten Armen
und Beinen beherrscht auf der Rola Rola absolut außergewöhnliche Tricks,
darunter Balancen im Kopfstand. Gleich darauf steht er mit dem linken
und mit dem rechten Fuß auf zwei unterschiedlichen Rollen, und unterhalb
dieser Ebene befindet sich nochmals ein variables Element. Höhepunkt
seiner Arbeit ist die Balance auf einem Turm aus fünf abwechselnd
stehenden und liegenden Rollen. 2023 war er bereits in einer
Friedrichsbau-Show vertreten. Neu ist aber der Striptease, den er in
seinen Auftritt integriert. So steht er am Ende in einem knappen roten
Slip auf besagtem Rollenturm. „Größenwahn“ ist das Motto einer
exzentrischen Tanz- und Gesangsnummer mit Tänzerinnen, Artistenensemble
und Evi Niessner im Zentrum.
  
Jana Vogel,
Manoela Wolfart, Georgina Sun
Nach einem Jahr
zum Friedrichsbau zurückgekehrt, dies allerdings mit komplett neuen
Darbietungen, ist Jana Vogel. Sie hat den Luftring gegen Tuchstrapaten
getauscht. Zu einem ruhigen Song beweist sie ihre Beweglichkeit und
beeindruckt beispielsweise mit einem Genickhang und Drehungen im Spagat
zwischen den Tüchern. Auf dem Klavier sitzend, umringt von Mitgliedern
des Ensemble, widmet sich Evi Niessner in weiteren Songs Themen von Sex
bis der Vorstellung, einmal reich zu sein. Starke Leistungen bringt
Manoela Wolfart bei ihren Antipodenspielen. Anspruchsvoll beispielsweise
der Trick, bei dem sie, auf dem Rücken liegend, eine lange Rolle mit
ihren Füßen bewegt, um deren Ende zwei Reifen kreisen. Und dies, während
sie zwei weitere Ringe um ihre Arme rotieren lässt. All dies zu koordinieren,
erfordert viel Geschick und Training. Auch ist sie in der Lage, mit
ihren Extremitäten vier Teppiche gleichzeitig in Bewegung zu versetzen –
sogar während sie in die Höhe gezogen wird! Nach den Einlassungen von
Evi Niessner über die Männer von heute, die an sich überflüssig seien,
serviert Georgina Sun uns einen zeitgenössischen Tanz. Ein großes Bild, das
sie betrachtet, zeigt sie selbst in dem roten Kleid, das sie auf der
Bühne trägt. Ihre dramatischen Bewegungen, in deren Verlauf sie sich
eine Drogenspritze setzt, erhalten wenig Applaus. Damit ist der Act vor
der Pause etwas unglücklich platziert. Nochmals mit Gesang von Evi
Niessner werden wir in die Unterbrechung verabschiedet.

The Shester‘s
Direkt mit dem
artistischen Glanzlicht der Show geht es weiter, als sich der Vorhang
zur zweiten Hälfte öffnet. The Shester’s alias die in Brasilien geborene
Manuela Wolfart und ihr spanischer Partner Rubén Burgos bleiben lange in
Erinnerung. Zum einen als attraktive, aber auch exzentrische Typen mit
Tattoos und Piercing-Schmuck. Auch seine langen Haare fallen auf. Zum
anderen und vor allem jedoch mit ihrer originellen und leistungsstarken
Messerwurf- und Kunstschützen-Nummer. Mal trifft sie beim Tell-Schuss
den Apfel auf seinem Kopf, mal wirft er mit Beilen gegen eine
Bretterwand, vor der sie steht. Später begibt sie sich hinter ein sich
drehendes Kreuz mit Tafeln an den Enden. Diese werden zum Ziel seiner
Messerwürfe. Am Ende ist eine große Scheibe, an der die Partnerin über
Kopf rotiert, das Ziel seiner Messerwürfe.
  
Evi Niessner,
Vegas Showgirls, Jana Vogel
Im eleganten
schwarzen Kleid mit Stola interpretiert Evi Niessner „All that Jazz“,
das Ballett präsentiert sich nach einem Kostümwechsel in schönen
Kreationen in schwarz und rot mit Röcken, Bustiers und Kopfbedeckungen.
Noch einmal erleben wir Jana Vogel, nunmehr am Pole. Die langen
Passagen, bei denen sie ohne Absetzen kraftvoll um das Requisit
kreiselt, lassen fortwährenden Zwischenapplaus schon während der Nummer
aufkommen.
  
Vegas
Showgirls, Georgina Sun, Santeri
Evi Niessner
erinnert daran, welche Bedeutung die Berliner Varietés im Nachtleben der
1920er Jahre hatten und beschwört das eigene Wohlbefinden. „Bei mir bist
du schön“ heißt es nun, und dazu passen nicht nur die nun gezeigten, paillettenbesetzten Kostüme der Vegas Showgirls, die sie tanzend auch
auf dem Laufsteg ins Publikum vorführen. Wesentlich mehr Anklang als
ihre Tanznummer findet Georgina Suns luftakrobatische Arbeit am
Vertikalseil. Kopfüber klettert sie das Seil hinauf und überzeugt dann
mit starken Abfallern, Drehungen und Wendungen. In ironischer Weise
erzählt Evi Niessner, dass das Berliner Nachtleben dazu führe, dass man
sich immer wieder umbringen wolle – aber einfach nicht dazu kommt.
Anstatt uns solch trüben Gedanken hinzugeben, bewundern wir lieber die
Kunst von Santeri. Der junge, muskulöse Mann in seinem schwarzen
Netz-Outfit kombiniert Handstand- und Luftakrobatik an einer
Stoffschlaufe mit tänzerischen Elementen.

Evi Niessner im
Zentrum des Schlussbildes
„Zu Asche, zu
Staub“ singt Evi Niessner und gibt uns die Botschaft mit auf den Weg, wir
sollten die Welt nicht denen überlassen, die sie an sich reißen möchten.
Vielleicht sei es „Größenwahn“, an das Unglaubliche und an das Gute im
Menschen selbst dann zu glauben, wenn es aussichtslos erscheint. Ganz im
Sinne Erich Kästners lautet ihr Rat: „Es gibt nichts Gutes, außer man
tut es.“ |