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Friedrichsbau - "Varieté Größenwahn"
www.friedrichsbau.de - 135 Showfotos

Stuttgart, 23. November 2025: Mit auf eine Reise durch Raum und Zeit nimmt uns das Friedrichsbau-Varieté in diesem Winter. Geographisch werden wir von Stuttgart nach Berlin versetzt, zeitlich um 100 Jahre zurück. In der Hauptstadt der 1920er Jahre lernen wir das „Varieté Größenwahn“ kennen – ein fiktives Theater, das stellvertretend für die vielen Amüsierbetriebe der Metropole zu Beginn dieser legendäre Dekade steht. Unsere Gastgeberin ist die mondäne Wiesbadener Chanson-Sängerin Evi Niessner.

Zu Beginn empfängt uns das Ensemble mit einer Champagnerparty auf der Bühne. Mit den Kronleuchtern im aufwendigen Bühnenbild und den Kleidern des Balletts im Stil der 1920er Jahre ist für festliche Stimmung gesorgt. Erstmals seit 14 Jahren steht wieder die großartige Sängerin Evi Niessner im Mittelpunkt einer Friedrichsbau-Produktion. Ausgebildet im Opernfach, hat sie sich später auf Chansons spezialisiert. Mit ihrer starken Stimme, ihrer großen Präsenz und viel frivolem Humor passt sie wunderbar in diese Vorstellung. Die Rolle der Gastgeberin, der Grande Dame im Varieté Größenwahn, ist ihr auf den Leib geschrieben. Vom Tanz auf dem Vulkan in einer Welt, die beinahe auseinander fällt, handelt ihr erster Song. „Love for Sale“ wird gleich im Anschluss besungen. Für die Begleitung am Piano sorgt dabei Sascha Kommer. Der junge Mann aus dem Großraum Stuttgart in seinem feinen Zwirn ist ein guter Bekannter im Friedrichsbau. Und nachdem die fünf Tänzerinnen der Vegas Showgirls die Beine in Reihe fliegen lassen, folgt Evi Niessners Absage an Trübsal und Bescheidenheit und ihr Ja an die Lust am Leben. Im Varieté Größenwahn werde das Unmögliche möglich.


Andriy Ruzhylo, Ensemble

Erfreulicherweise bietet dieses Programm neben Musik, Gesang und Tanz auch starke artistische Darbietungen, legt auf diese tragende Säule eines Varietéprogramms wieder mehr wert als die letzten Friedrichsbau-Shows. Den Auftakt macht Andriy Ruzhylo. Der Ukrainer mit den tätowierten Armen und Beinen beherrscht auf der Rola Rola absolut außergewöhnliche Tricks, darunter Balancen im Kopfstand. Gleich darauf steht er mit dem linken und mit dem rechten Fuß auf zwei unterschiedlichen Rollen, und unterhalb dieser Ebene befindet sich nochmals ein variables Element. Höhepunkt seiner Arbeit ist die Balance auf einem Turm aus fünf abwechselnd stehenden und liegenden Rollen. 2023 war er bereits in einer Friedrichsbau-Show vertreten. Neu ist aber der Striptease, den er in seinen Auftritt integriert. So steht er am Ende in einem knappen roten Slip auf besagtem Rollenturm. „Größenwahn“ ist das Motto einer exzentrischen Tanz- und Gesangsnummer mit Tänzerinnen, Artistenensemble und Evi Niessner im Zentrum.


Jana Vogel, Manoela Wolfart, Georgina Sun

Nach einem Jahr zum Friedrichsbau zurückgekehrt, dies allerdings mit komplett neuen Darbietungen, ist Jana Vogel. Sie hat den Luftring gegen Tuchstrapaten getauscht. Zu einem ruhigen Song beweist sie ihre Beweglichkeit und beeindruckt beispielsweise mit einem Genickhang und Drehungen im Spagat zwischen den Tüchern. Auf dem Klavier sitzend, umringt von Mitgliedern des Ensemble, widmet sich Evi Niessner in weiteren Songs Themen von Sex bis der Vorstellung, einmal reich zu sein. Starke Leistungen bringt Manoela Wolfart bei ihren Antipodenspielen. Anspruchsvoll beispielsweise der Trick, bei dem sie, auf dem Rücken liegend, eine lange Rolle mit ihren Füßen bewegt, um deren Ende zwei Reifen kreisen. Und dies, während sie zwei weitere Ringe um ihre Arme rotieren lässt. All dies zu koordinieren, erfordert viel Geschick und Training. Auch ist sie in der Lage, mit ihren Extremitäten vier Teppiche gleichzeitig in Bewegung zu versetzen – sogar während sie in die Höhe gezogen wird! Nach den Einlassungen von Evi Niessner über die Männer von heute, die an sich überflüssig seien, serviert Georgina Sun uns einen zeitgenössischen Tanz. Ein großes Bild, das sie betrachtet, zeigt sie selbst in dem roten Kleid, das sie auf der Bühne trägt. Ihre dramatischen Bewegungen, in deren Verlauf sie sich eine Drogenspritze setzt, erhalten wenig Applaus. Damit ist der Act vor der Pause etwas unglücklich platziert. Nochmals mit Gesang von Evi Niessner werden wir in die Unterbrechung verabschiedet.


The Shester‘s

Direkt mit dem artistischen Glanzlicht der Show geht es weiter, als sich der Vorhang zur zweiten Hälfte öffnet. The Shester’s alias die in Brasilien geborene Manuela Wolfart und ihr spanischer Partner Rubén Burgos bleiben lange in Erinnerung. Zum einen als attraktive, aber auch exzentrische Typen mit Tattoos und Piercing-Schmuck. Auch seine langen Haare fallen auf. Zum anderen und vor allem jedoch mit ihrer originellen und leistungsstarken Messerwurf- und Kunstschützen-Nummer. Mal trifft sie beim Tell-Schuss den Apfel auf seinem Kopf, mal wirft er mit Beilen gegen eine Bretterwand, vor der sie steht. Später begibt sie sich hinter ein sich drehendes Kreuz mit Tafeln an den Enden. Diese werden zum Ziel seiner Messerwürfe. Am Ende ist eine große Scheibe, an der die Partnerin über Kopf rotiert, das Ziel seiner Messerwürfe.


Evi Niessner, Vegas Showgirls, Jana Vogel

Im eleganten schwarzen Kleid mit Stola interpretiert Evi Niessner „All that Jazz“, das Ballett präsentiert sich nach einem Kostümwechsel in schönen Kreationen in schwarz und rot mit Röcken, Bustiers und Kopfbedeckungen. Noch einmal erleben wir Jana Vogel, nunmehr am Pole. Die langen Passagen, bei denen sie ohne Absetzen kraftvoll um das Requisit kreiselt, lassen fortwährenden Zwischenapplaus schon während der Nummer aufkommen.


Vegas Showgirls, Georgina Sun, Santeri

Evi Niessner erinnert daran, welche Bedeutung die Berliner Varietés im Nachtleben der 1920er Jahre hatten und beschwört das eigene Wohlbefinden. „Bei mir bist du schön“ heißt es nun, und dazu passen nicht nur die nun gezeigten, paillettenbesetzten Kostüme der Vegas Showgirls, die sie tanzend auch auf dem Laufsteg ins Publikum vorführen. Wesentlich mehr Anklang als ihre Tanznummer findet Georgina Suns luftakrobatische Arbeit am Vertikalseil. Kopfüber klettert sie das Seil hinauf und überzeugt dann mit starken Abfallern, Drehungen und Wendungen. In ironischer Weise erzählt Evi Niessner, dass das Berliner Nachtleben dazu führe, dass man sich immer wieder umbringen wolle – aber einfach nicht dazu kommt. Anstatt uns solch trüben Gedanken hinzugeben, bewundern wir lieber die Kunst von Santeri. Der junge, muskulöse Mann in seinem schwarzen Netz-Outfit kombiniert Handstand- und Luftakrobatik an einer Stoffschlaufe mit tänzerischen Elementen.


Evi Niessner im Zentrum des Schlussbildes

„Zu Asche, zu Staub“ singt Evi Niessner und gibt uns die Botschaft mit auf den Weg, wir sollten die Welt nicht denen überlassen, die sie an sich reißen möchten. Vielleicht sei es „Größenwahn“, an das Unglaubliche und an das Gute im Menschen selbst dann zu glauben, wenn es aussichtslos erscheint. Ganz im Sinne Erich Kästners lautet ihr Rat: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Starke artistische Acts, eine großartige Gastgeberin, live gespielte Musik am Klavier, ein Ballett mit wunderbaren Choreographien und Kostümen rund ums Thema der 1920er Jahre, dies alles eingebettet in pikante Paudereien vor dem Hintergrund eines aufwendigen Bühnenbildes: „Varieté Größenwahn“ ist eine der gelungensten Friedrichsbau-Produktionen der letzten Zeit. Sie wurde in Szene gesetzt von dem bekannten Team rund um den langjährigen Hausregisseur Ralph Sun und Geschäftsführer Timo Steinhauer.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll