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Vor 20
Jahren, im Sommer 2005, hat die Familie Grote an dieser Stelle ihr
damals viertes Varieté-Theater eröffnet. Heute betreibt sie sieben
Häuser dieser Art zwischen Bremen im Norden und München im Süden.
Überall gehört ein elegantes Restaurant mit zum Konzept, so auch in
Münster. Das umfassend sanierte Gebäude hat eine lange
Entertainment-Tradition, denn das 1920 eröffnete „Roland-Theater“ war
nicht nur ein Lichtspielhaus, sondern insbesondere später auch
Theaterbühne und trug zuletzt den Namen Roland-Frosch-Varieté.
  
Opening, Danilo
Marder, Andreas Wessels
Für
gute Unterhaltung sind wir hier also an der richtigen Stelle. „Right
here, right now“ liefert denn auch die musikalische Begleitung des
Openings, bei dem das Ensemble auf einem Podium aus großen, weißen
Quadern tanzt, umgeben von vier laternenartigen Leuchtobjekten. Diese
Bühnenelemente werden im Laufe der Show immer wieder anders angeordnet.
Von einem „Tempel der Akrobatik und Hot Spot des Varietés“ spricht
Andreas Wessels in seiner Eingangsmoderation. Bereits 2008 erlebten wir
Danilo Marder erstmals in einer Absolventenshow der Berliner
Artistenschule. Er gehört zu den staatlich geprüften Artisten aus der
Hauptstadt, die sich langfristig erfolgreich am Markt etabliert haben.
Sein Metier sind nach wie vor kunstvolle Handstände auf zwei langen
Stäben, dies auch auf nur einem Arm, in einer kraftvollen
Flaggen-Position oder in einer gekonnten Waage. Zu dynamischer,
mitreißender Musik zeigt Andreas Wessels sein hervorragendes Können als
Balljongleur. Er hält nicht nur fünf Fußbälle sicher in der Luft,
sondern lässt kurz auch noch einen sechsten auf seinem Kopf springen.
Ebenso gelingt ihm die Jonglage mit fünf Bällen, während er einen sechsten
auf dem rechten Fuß abgelegt hat und zugleich über ein Seil springt, das
zwei Artistenkollegen drehen lassen.
  
Mustache Brothers, Annika
Hakala, Andreas Wessels
Seit
wir die „Mustache Brothers“ vor vielen Jahren das erste Mal im
Schweizer Circus Nock erleben durften, haben wir die Brasilianer
Nelson Cavalcante und Bruno Fratani besonders in Herz geschlossen. Die
Sympathieträger beweisen als Kaskadeure auf und unter ihrem Tisch
nicht nur akrobatisches Geschick, sondern bauen inzwischen auch viele
Wortspiele in ihren Auftritt ein. Wenn Nelsons Hose herunterrutscht und
wir seine darunter getragene Damenwäsche erblicken, kommt ein wenig
schlüpfriger Humor dazu. Mit einem Zwischenspiel um seine große
„Rauchkanone“ leitet Andreas Wessels zum Auftritt von Annika Hakala
über. Die in Österreich lebende Finnin ist eine Könnerin beim Spiel mit
den Hula-Hoop-Reifen. Bis zu sieben von ihnen lässt sie um Arme, Beine
und Körper kreisen. Zusätzlich beeindruckt sie mit ihrer besonderen
Persönlichkeit. An einer Handschlaufe lässt sie sich schlussendlich in
die Luft ziehen, die Hula Hoops weiterhin um die Hüften bewegend. Für
Bar-Atmosphäre sorgt Andreas Wessels, wenn er sich auf besondere Weise
einen Whiskey bereitet. Den Eiswürfel wirft er ins Glas, das er auf dem
Kopf balanciert. Die hochgeworfene Cocktailkirsche fängt er auf einem
kleinen Holzspieß zwischen den Lippen, und den Löffel bugsiert er mit
gezieltem Schwung vom Fuß in das auf seinem Schädel stehende Glas. Im
Anschluss gelingen ihm weitere Kabinettstückchen mit Zigarette und
Feuerzeug.

Mustache Brothers
In
einer amüsanten Parodie stellen die Mustache Brothers gleich darauf die
Kunststücke mit der Zigarette nach. Dabei beginnt Nelson scheinbar
innerlich zu dampfen. Ernsthaft geht es erst wieder zu, wenn Jeka
Dehtiarov sich im Cyrrad über die Bühne dreht. Wer einen so
durchtrainierten und muskulösen Körper hat, darf beruhigt nur in
einer Badehose arbeiten. Zum Schlusstrick legt er noch eine Augenbinde
an und rotiert nun quasi „blind“. Mit der Präsentation der fünf
Buchstaben P, A, U, S, E schließt das Ensemble die erste Hälfte ab.
  
Andreas Wessels,
Jeka Dehtiarov, Skating Medini
Den
zweiten Teil der Vorstellung eröffnet Andreas Wessels mit einer
Horizontaljonglage: Von der Decke hängen fünf LED-Röhren an langen
Schnüren. Zunächst auf einem Stuhl sitzend, versetzt er die Röhren im
Halbdunkel in Bewegung, dies auch auf sich kreuzenden Bahnen, und geht
zwischen ihnen hindurch. Zusammen mit der atmosphärischen Musik ergibt
sich eine besonders stimmungsvolle Darbietung. Schwieriges ganz leicht
wirken lässt auch Jeka Dehtiarov in seinem zweiten Auftritt, nunmehr am
Flying Pole. Voller Kraft hält er sich bei seinen Posen an dem Requisit,
dies einmal nur mit dem angewinkelten Arm, den Oberkörper gegen die
Stange gedrückt. Mit einem Brief, der die meiste Zeit zwischen den
Zähnen gehalten und zwischendurch gelesen wird, ist noch eine
Mini-Geschichte, ein inhaltliches Motiv, in der Nummer inkludiert. Dann
wird es erneut heiter, zunächst mit einem kleinen Wettstreit zwischen
den brasilianischen Wahlverwandten Mustache Brothers und den leiblichen
Togni-Brüdern aus Italien, dann mit Andreas Wessels. Er kann nicht nur
mit Ping-Pong-Bällen, die er mit dem Mund bewegt, Klassik und Pop auf
dem Xylophon spielen. Nein, er trägt auch Gedichte vor, in denen er die
Namen von klassischen Komponisten und Popmusikern verarbeitet hat. Nun
ist wieder Tempo gefragt, und für dieses sorgen die sympathischen
Geschwister Asia und Dylan Medini. Als „Skating Medini“ drehen sie
rasante Touren auf Rollschuhen und überzeugen mit wesentlichen Tricks
des Genres bis hin zum Genickhangwirbel.
  
Mike Chao, Andreas
Wessels, Togni Brothers
Fernöstliches Flair bringt Mike Chao auf die Bühne. In einen eleganten
schwarzen Anzug mit Gehrock gekleidet, lässt er auf wundersame Weise
immer mehr Bälle und Spielkarten erscheinen. Die Fingerfertigkeit des
Taiwaners, der bereits mit dem Circus Roncalli auf Tournee war, ist
verblüffend. Auch bei dieser Darbietung schrecken die Mustache Brothers
nicht davor zurück, sie in einer frechen Parodie nachzuspielen. Eine
Reprise im eigentlichen Sinne des Wortes. Hier hilft ein Föhn, die
Karten fliegen zu lassen. Als Hommage an Rastelli zeigt Andreas Wessels
ein Kunststück, das Können und Humor verbindet. Und so muss ein
Zuschauer auf einem Stuhl Platz nehmen. Auf seinen Füßen, zwischen
seinen Knien, auf den Oberschenkeln, in den Ellenbogen sowie mithilfe
von Händen, Mundstab und Kopf hat er zwölf Bälle und Kugeln in
unterschiedlichsten Kugeln zu tragen. Die beiden Togni Brothers, Michael
und Dario, präsentieren uns klassische ikarische Spiele. Hier ist
besonders beeindruckend, dass zwei so groß gewachsene, kräftige junge
Männer diese Disziplin beherrschen. Grandios ist die Landung im
Fuß-auf-Fuß-stehend zum Abschluss einer Serie von vier
Rückwärts-Überschlägen. Dank einer Variante mit spektakulärem
Scheinsturz zuvor wird der Schwierigkeitsgrad auch dem letzten im
Theater deutlich gemacht. Es folgen als Höhepunkte ein Doppelsalto sowie
eine Serie von 15 federleichten Überschlägen. Bravo! |