CHPITEAU.DE

Friedrichsbau - A Kind of Magic
www.friedrichsbau.de - 153 Showfotos

Stuttgart, 15. März 2026: „Die neue Generation der Magier“ möchte das Friedrichsbau-Varieté Stuttgart in seiner aktuellen Produktion „A Kind of Magic“ präsentieren. „Neu“ ist dabei relativ zu sehen, denn der italienische Großillusionist Andrew O’Ryon und seine Partnerin Lady V. sind zum dritten Mal in einer Show des Theaters prominent vertreten, auch die geheimnisvolle Jaana Felicitas war hier schon zu erleben. Und Luke Dimon, der als Multitalent durch den Abend führt, war 2014 im Friedrichsbau-Programm „Visionen“ engagiert, damals als der angeblich jüngste Berufszauberer Deutschlands.

Immerhin haben die Genannten die Bühne auf dem Stuttgarter Pragsattel noch nie gemeinsam bespielt. Darüber hinaus gehören auch mehrere Künstler zum Cast, die hier erstmals zu Gast sind. Ein komplett neues Ensemble wäre schon deshalb eine besondere Herausforderung, weil der Friedrichsbau alle zwei bis drei Jahre eine Illusionsshow zusammenstellt. Hier sei die Magie zu Hause, heißt es in der Ankündigung. Besonders überzeugend wird „A Kind of Magic“ dadurch, dass jeder Illusionist einen ganz eigenen Charakter verkörpert. Zur gebotenen Abwechslung trägt darüber hinaus der Umstand bei, dass dank des Duo Rose und eines jonglierenden Magiers auch tolle artistisch-akrobatische Programmpunkte gezeigt werden.


Luke Dimon, Hannu Juntunen,  Jaana Felicitas

Im Opening ist das Ensemble auf der Bühne vereint, zunächst mit dem Rücken zu den Zuschauerreihen. Wer aus dem Off aufgerufen wird, dreht sich zum Publikum um. Im Mittelpunkt steht letztendlich Luke Dimon. Mit schwarzem Anzug und schwarzem T-Shirt, Glatze und Dreitagebart ist er ein markanter Typ, seine extrovertierte Art macht ihn zum Idealkandidaten, um uns durch den Abend zu begleiten. Er lebt in Bochum, „dort wo andere Urlaub machen“. Mit solch launigen Sprüchen hat er das Publikum schnell auf seiner Seite. Bald sorgt er als „Falschspieler“ und der Frage, wo denn nun gerade der weiße Ball ist – unter dem Becher oder etwa nicht? – für beste Unterhaltung. Ganz anders wirkt der Finne Hannu Juntunen, der seine Texte nach eigenem Bekunden extra für die Friedrichsbau-Show auf Deutsch einstudiert hat. In seinem schwarzen Gehrock mit weißem Hemd, mit ruhigem Auftreten und mit seinen charakterstarken, schmalen Gesichtszügen vermittelt er einen edlen, eleganten Eindruck. Zunächst überrascht er uns damit, wie er aus zahlreichen Papierschnipseln eine unversehrte Zeitungsseite entstehen lässt. Die Stuttgarterin Jaana Felicitas kommt ohne Materialschlachten und große Gesten aus, um mit ihrer Kunst zu faszinieren. Ihre Geschichten sind grazil inszeniert, setzen auf Leichtigkeit und Poesie. Aus Las Vegas hat sie die „letzte Tasse von Harry Houdini“ mitgebracht. Als Hommage an den großen Entfesselungskünstler verknotet sie den Henkelbecher in ein Seil und befreit ihn, unter einem von zwei Zuschauern gehaltenen Sakko verborgen, auf verblüffende Weise aus dieser Konstellation.


Andrew O’Ryon und Lady V, Sylvie, Luke Dimon

Der Gegenentwurf zu ihr ist Andrew O‘Ryon, dessen Bühnenfigur geradezu typisch für einen Großillusionisten ist. Schwarze Lederjacke, lange Haare, rockige Attitüde – damit ist eigentlich alles gesagt. Nicht fehlen darf natürlich die schöne Assistentin, Lady V. Auf einem Bett, hinter weißen Tüchern verborgen, verschwindet sie in einer unerhört kleinen, roten Box und wird dem Anschein nach von langen Speeren durchbohrt. Selbstverständlich entkommt sie diesem Setting unversehrt. Im weiteren Verlauf der ersten Hälfte können wir beobachten, wie Lady V. hinter einer Schattenwand vorübergehend unsichtbar wird. Auf so viel Aufregung folgt erst Witz und Entspannung mit einem interaktiven Auftritt von Luke Dimon, der mit den Gästen des Abends das Verknoten der eigenen Finger übt. Und dann das große Staunen – diesmal nicht über Magie, sondern über die Art und Weise, in der Sylvie vom Duo Rose ihren Körper auf alle erdenklichen Weisen verbiegt. Die akrobatische Nummer zwischen all der Magie wird mit Raunen und anerkennenden Pfiffen quittiert. Scheinbar Unmögliches möglich macht Hannu Juntunen, wenn ein speziell markiertes Taschentuch letztendlich in einer von ihm aufgeschnittenen Pflaume wieder auftaucht. Die Frucht hat eine Zuschauerin aus 15 angebotenen Snacks ausgewählt. Mit der Jonglage eines Whiskeyglases in einem Reifen, den er wirft und wieder fängt, und zudem mit Gesang erbringt Luke Dimon weitere Beweise seiner Vielseitigkeit. Sein humoristisches Talent steht im Fokus, wenn wenig später ein Zauberkunststück „zum Nachmachen“ aufgeführt wird. Im Zeitlupentempo werden wir Zeuge, wie ein Glas verschwinden kann. Freilich bleibt es letztendlich, entgegen der Ankündigung, doch ein Geheimnis, wie das funktioniert. Jaana Felicitas lässt in einer weiteren Szene mit ihrer geheimnisvollen Aura lange Eiszapfen aus einer Flasche Gin erscheinen und sich wieder in Luft auflösen.


Winston Fuenmayor, Jaana Felicitas

Unter den verschiedenen Typen im Programm sticht Winston Fuenmayor besonders hervor. Der auffällig tätowierte Venezolaner in zerrissenen Jeans zeigt eine ganz besondere Kartenmanipulation. Wie unter einem bösen Fluch stehend, lässt er mit starker Mimik und Gestik immer weitere Karten erscheinen. Obwohl er scheinbar aufhören möchte, quellen immer weitere Karten hervor und bereiten ihm offenbar Qualen. Das Erscheinen der zahllosen Karten ist angesichts des Kostüms mit ärmelloser Weste noch bemerkenswerter. Mit dieser eindrucksvollen Performance geht es in die Pause. Die zweite Hälfte eröffnet Jaana Felicitas. An einem weißen Stuhl lässt sie, ohne irgendetwas hinter einem Tuch oder ähnlichem zu verdecken, eine Strebe der Lehne verschwinden und eine neue erscheinen. Und dann bringt sie den Stuhl zum Schweben, lässt ihn kunstvoll über der Bühne fliegen. Wenig später bezieht sie in ihren letzten Auftritt eine junge Frau aus dem Publikum ein. Nach seinen humorvollen Szenen im ersten Teil macht Luke Dimon nun nachdenklich. Während seines Vortrags über die schnell verrinnende Zeit rieseln Unmengen von Sand aus seinen Händen, ohne dass wir erahnen können, woher der Strom der Körner kommt. Eine Taschenuhr ist zunächst verschwunden und dann doch wieder da. Ein Wiedersehen gibt es nun auch mit Andrew O‘Ryon, der Rasierklingen verzehrt und an einer Schnur aufgefädelt wieder ans Scheinwerferlicht rückt – ein Grusel-Effekt, auf den mancher im Saal sicher gut verzichten könnte. Thematisch bleiben wir bei Speis und Trank, wenn sich Hannu Juntunens Sektflasche wie von Geisterhand selbst öffnet. Ähnlich hypnotisch wie seine Spielkarten-Nummer ist auch Winston Fuenmayors intensiv zelebrierte Jonglage mit sechs grünen Bällen. In einer weiteren, kurzen Performance im Programmverlauf stülpt er sich in Windeseile ein Federkostüm aus einem schwarzen Sack über – eine Art Quickchange ohne jeden Sichtschutz während des Kleiderwechsels.


Andrew O’Ryon und Lady V., Duo Rose, Hannu Juntunen

"Can’t live without you“ ist das musikalische Motto des wunderbaren Bildes, in dem Andrew O‘Ryon seine Partnerin zum Schweben bringt. Mit Magie, Comedy und noch mehr Facettenreichtum, nunmehr als versierter Bauchredner, unterhält uns Luke Dimon im Zusammenspiel mit einer Dame und einem Herrn aus dem Publikum auf ganz wunderbare Weise. Hoch anspruchsvolle Figuren, die der Dame ein hohes Maß an Risikofreude und Beweglichkeit abverlangen, sowie viel Romantik kombinieren Sylvia Friedmann und Samuel Sion alias Duo Rose am Trapez. Wirklich verblüffend ist Andrew O’Ryons Version der „zersägten Jungfrau“, denn die Kisten, in die Lady V. steigen muss, sind extrem flach und kompakt. Die zweite Programmhälfte endet wie die erste, nämlich mit der wundersamen Vermehrung von Spielkarten. Angesichts der Redundanz und der extrem starken Variante vor der Pause eine diskutable Regie-Entscheidung des künstlerischen Leiters Ralph Sun. Nachdem Winston Fuenmayor wie besessen erschien, präsentiert uns Hannu Juntunen dieses Genre nun auf elegant-zurückhaltende Art.


Epilog

Teil des Finales ist ein stimmungsvoller Epilog, in dem Luke Dimon inmitten des Ensembles an der vorderen Bühnenkante sitzt. „We come naked and we go naked“ ist das Thema seines intensiven Vortrags, in dem er dazu auffordert, das Beste aus der Zeit zu machen, die uns zwischen Geburt und Tod bleibt.

Eine packende Szene, die letztendlich einen großen Beitrag dazu leistet, das Publikum förmlich von den Sitzen zu heben. Stehend applaudieren die Besucherinnen und Besucher an diesem Abend im fast voll besetzten Saal, zwei Tage nach der offiziellen Premiere. Die Melange aus facettenreicher Magie und einer guten Prise Akrobatik, dargeboten von einem Ensemble grundverschiedener Künstler-Individuen, findet allergrößten Anklang. Und das ist sicherlich „A Kind of Magic“ der Marke Friedrichsbau.

_______________________________________________________________________
Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll