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Immerhin haben die
Genannten die Bühne auf dem Stuttgarter Pragsattel noch nie gemeinsam
bespielt. Darüber hinaus gehören auch mehrere Künstler zum Cast, die
hier erstmals zu Gast sind. Ein komplett neues Ensemble wäre schon
deshalb eine besondere Herausforderung, weil der Friedrichsbau alle zwei
bis drei Jahre eine Illusionsshow zusammenstellt. Hier sei die Magie zu
Hause, heißt es in der Ankündigung. Besonders überzeugend wird „A Kind
of Magic“ dadurch, dass jeder Illusionist einen ganz eigenen Charakter
verkörpert. Zur gebotenen Abwechslung trägt darüber hinaus der Umstand
bei, dass dank des Duo Rose und eines jonglierenden Magiers auch tolle
artistisch-akrobatische Programmpunkte gezeigt werden.
  
Luke Dimon, Hannu Juntunen, Jaana Felicitas
Im Opening ist das
Ensemble auf der Bühne vereint, zunächst mit dem Rücken zu den
Zuschauerreihen. Wer aus dem Off aufgerufen wird, dreht sich zum
Publikum um. Im Mittelpunkt steht letztendlich Luke Dimon. Mit schwarzem
Anzug und schwarzem T-Shirt, Glatze und Dreitagebart ist er ein
markanter Typ, seine extrovertierte Art macht ihn zum Idealkandidaten,
um uns durch den Abend zu begleiten. Er lebt in Bochum, „dort wo andere
Urlaub machen“. Mit solch launigen Sprüchen hat er das Publikum schnell
auf seiner Seite. Bald sorgt er als „Falschspieler“ und der Frage, wo
denn nun gerade der weiße Ball ist – unter dem Becher oder etwa nicht? –
für beste Unterhaltung. Ganz anders wirkt der Finne Hannu Juntunen, der
seine Texte nach eigenem Bekunden extra für die Friedrichsbau-Show auf
Deutsch einstudiert hat. In seinem schwarzen Gehrock mit weißem Hemd,
mit ruhigem Auftreten und mit seinen charakterstarken, schmalen
Gesichtszügen vermittelt er einen edlen, eleganten Eindruck. Zunächst
überrascht er uns damit, wie er aus zahlreichen Papierschnipseln eine
unversehrte Zeitungsseite entstehen lässt. Die Stuttgarterin Jaana
Felicitas kommt ohne Materialschlachten und große Gesten aus, um mit
ihrer Kunst zu faszinieren. Ihre Geschichten sind grazil inszeniert,
setzen auf Leichtigkeit und Poesie. Aus Las Vegas hat sie die „letzte
Tasse von Harry Houdini“ mitgebracht. Als Hommage an den großen
Entfesselungskünstler verknotet sie den Henkelbecher in ein Seil und
befreit ihn, unter einem von zwei Zuschauern gehaltenen Sakko verborgen,
auf verblüffende Weise aus dieser Konstellation.
  
Andrew O’Ryon
und Lady V, Sylvie, Luke Dimon
Der Gegenentwurf
zu ihr ist Andrew O‘Ryon, dessen Bühnenfigur geradezu typisch für einen
Großillusionisten ist. Schwarze Lederjacke, lange Haare, rockige
Attitüde – damit ist eigentlich alles gesagt. Nicht fehlen darf
natürlich die schöne Assistentin, Lady V. Auf einem Bett, hinter weißen
Tüchern verborgen, verschwindet sie in einer unerhört kleinen, roten Box
und wird dem Anschein nach von langen Speeren durchbohrt.
Selbstverständlich entkommt sie diesem Setting unversehrt. Im weiteren
Verlauf der ersten Hälfte können wir beobachten, wie Lady V. hinter
einer Schattenwand vorübergehend unsichtbar wird. Auf so viel Aufregung
folgt erst Witz und Entspannung mit einem interaktiven Auftritt von Luke
Dimon, der mit den Gästen des Abends das Verknoten der eigenen Finger
übt. Und dann das große Staunen – diesmal nicht über Magie, sondern über
die Art und Weise, in der Sylvie vom Duo Rose ihren Körper auf alle
erdenklichen Weisen verbiegt. Die akrobatische Nummer zwischen all der
Magie wird mit Raunen und anerkennenden
Pfiffen quittiert. Scheinbar Unmögliches möglich macht Hannu Juntunen, wenn ein
speziell markiertes Taschentuch letztendlich in einer von ihm
aufgeschnittenen Pflaume wieder auftaucht. Die Frucht hat eine
Zuschauerin aus 15 angebotenen Snacks ausgewählt. Mit der Jonglage eines
Whiskeyglases in einem Reifen, den er wirft und wieder fängt, und zudem
mit Gesang erbringt Luke Dimon weitere Beweise seiner Vielseitigkeit.
Sein humoristisches Talent steht im Fokus, wenn wenig später ein
Zauberkunststück „zum Nachmachen“ aufgeführt wird. Im Zeitlupentempo
werden wir Zeuge, wie ein Glas verschwinden kann. Freilich bleibt es
letztendlich, entgegen der Ankündigung, doch ein Geheimnis, wie das
funktioniert. Jaana Felicitas lässt in einer weiteren Szene mit ihrer
geheimnisvollen Aura lange Eiszapfen aus einer Flasche Gin erscheinen
und sich wieder in Luft auflösen.
  
Winston
Fuenmayor,
Jaana Felicitas
Unter den
verschiedenen Typen im Programm sticht Winston Fuenmayor besonders
hervor. Der auffällig tätowierte Venezolaner in zerrissenen Jeans zeigt
eine ganz besondere Kartenmanipulation. Wie unter einem bösen Fluch
stehend, lässt er mit starker Mimik und Gestik immer weitere Karten
erscheinen. Obwohl er scheinbar aufhören möchte, quellen immer weitere
Karten hervor und bereiten ihm offenbar Qualen. Das Erscheinen der
zahllosen Karten ist angesichts des Kostüms mit ärmelloser Weste noch
bemerkenswerter. Mit dieser eindrucksvollen
Performance geht es in die Pause. Die zweite Hälfte eröffnet Jaana
Felicitas. An einem weißen Stuhl lässt sie, ohne irgendetwas hinter
einem Tuch oder ähnlichem zu verdecken, eine Strebe der Lehne
verschwinden und eine neue erscheinen. Und dann bringt sie den Stuhl zum
Schweben, lässt ihn kunstvoll über der Bühne fliegen. Wenig später
bezieht sie in ihren letzten Auftritt eine junge Frau aus dem Publikum
ein. Nach seinen humorvollen Szenen im ersten Teil macht Luke Dimon nun
nachdenklich. Während seines Vortrags über die schnell verrinnende Zeit
rieseln Unmengen von Sand aus seinen Händen, ohne dass wir erahnen
können, woher der Strom der Körner kommt. Eine Taschenuhr ist zunächst
verschwunden und dann doch wieder da. Ein Wiedersehen gibt es nun auch
mit Andrew O‘Ryon, der Rasierklingen verzehrt und an einer Schnur
aufgefädelt wieder ans Scheinwerferlicht rückt – ein Grusel-Effekt, auf
den mancher im Saal sicher gut verzichten könnte. Thematisch bleiben wir
bei Speis und Trank, wenn sich Hannu Juntunens Sektflasche wie von
Geisterhand selbst öffnet. Ähnlich hypnotisch wie seine
Spielkarten-Nummer ist auch Winston Fuenmayors intensiv zelebrierte
Jonglage mit sechs grünen Bällen. In einer weiteren, kurzen Performance
im Programmverlauf stülpt er sich in Windeseile ein Federkostüm aus
einem schwarzen Sack über – eine Art Quickchange ohne jeden Sichtschutz
während des Kleiderwechsels.
  
Andrew
O’Ryon und Lady V., Duo Rose,
Hannu
Juntunen
"Can’t live
without you“ ist das musikalische Motto des wunderbaren Bildes, in dem
Andrew O‘Ryon seine Partnerin zum Schweben bringt. Mit Magie, Comedy und
noch mehr Facettenreichtum, nunmehr als versierter Bauchredner,
unterhält uns Luke Dimon im Zusammenspiel mit einer Dame und einem Herrn
aus dem Publikum auf ganz wunderbare Weise. Hoch anspruchsvolle Figuren,
die der Dame ein hohes Maß an Risikofreude und Beweglichkeit
abverlangen, sowie viel Romantik kombinieren Sylvia Friedmann und Samuel
Sion alias Duo Rose am Trapez. Wirklich verblüffend ist Andrew O’Ryons
Version der „zersägten Jungfrau“, denn die Kisten, in die Lady V.
steigen muss, sind extrem flach und kompakt. Die zweite Programmhälfte
endet wie die erste, nämlich mit der wundersamen Vermehrung von
Spielkarten. Angesichts der Redundanz und der extrem starken Variante
vor der Pause eine diskutable Regie-Entscheidung des künstlerischen
Leiters Ralph Sun. Nachdem Winston Fuenmayor wie besessen erschien,
präsentiert uns Hannu Juntunen dieses Genre nun auf
elegant-zurückhaltende Art.

Epilog
Teil des Finales
ist ein stimmungsvoller Epilog, in dem Luke Dimon inmitten des Ensembles
an der vorderen Bühnenkante sitzt. „We come naked and we go naked“ ist
das Thema seines intensiven Vortrags, in dem er dazu auffordert, das
Beste aus der Zeit zu machen, die uns zwischen Geburt und Tod bleibt. |