|
Alle
Mitglieder des Casts arbeiten mit Masken; selbst viele Besucherinnen und
Besucher der festlichen Premiere haben den Hinweis zum Dresscode in der
Einladung aufgegriffen und verbergen ihr Gesicht oder wenigstens die
Augenpartie. Die Bühne erleben wir in einen großen Spiegelsaal
verwandelt, wobei die angedeuteten Spiegel ringsherum auch als Türen
genutzt werden können und so vielfältige Möglichkeiten für Auf- und
Abgänge des Ensembles sowie zusätzliche Lichteffekte bieten. Dabei wird
diesmal wirklich die gesamte Größe der riesigen, hierdurch mitunter
etwas karg wirkenden Bühne als Spielfläche genutzt.
  
Vegas Showgirls, Kristina Kruttke, Marie Bitaroczky
In
geheimnisvollen Kutten umringen weitere Mitglieder des Casts zunächst
das Ballett der Formation Vegas Showgirls, das uns in einem ersten Tanz
empfängt, mit weiten Armbewegungen und in sündigen Kleidern aus
transparentem, schwarzem Stoff. Kristina Kruttke lädt uns ein, alle
gesellschaftlichen Grenzen zu sprengen, die Kontrolle abzugeben, beim
Maskenball eine Nacht ohne Ängste und Vorurteile zu verbringen – „because
you’re mine“, wie sie in ihrem ersten Song singt. Der italienische
Messerwerfer Bruno platziert seine Messer zielsicher rund um seine
Partnerin Fellon, während sich diese an einer rotierenden Scheibe dreht.
Marie Bitaroczky ist mit ihren langen, gelockten Haaren und im schwarzen
Netz-Kostüm nicht nur eine attraktive Erscheinung, sondern auch eine
Könnerin. Dies beweist sie uns in ihrer Kür an weißen Tüchern, in der
sie zwischen kraftvollen Posen sowie Abfallern wechselt. Großer Applaus
ist der Lohn.
  
Fabio Zimmermann,
Vegas Showgirls, Oleg Valko
Kristina Kruttke erzählt uns von den großen Maskenbällen in Venedig, bei
denen „der Page als König und der König als Hirte“ auftreten, bei den
die Rollen über alle Standes- und Geschlechtergrenzen hinweg getauscht
werden. „Zorro, Batman oder Don Juan de Marco: Wer bist du, wer willst
du sein“, lautet ihre Frage. Mit bis zu fünf im Halbdunkel leuchtenden,
dabei ihre Farben wechselnden Keulen jongliert Fabio Zimmermann in einer
tänzerischen Choreographie. Doch auch bei einem Maskenball ohne
Konventionen erscheint uns sein Kostüm aus weiter, weißer Hose mit
Kummerbund und freiem Oberkörper nicht ideal. Präzision und
Beweglichkeit beweist im Anschluss das Ballett zum Song „Je danse“ in
abermals sinnlichen Outfits. Oleg Valko balanciert auf einem Mundschwert
einen Stapel aus sechs Gläsern, zunächst auf Messers Schneide, dann auf
der Spitze. Es folgt die Balance eines langen Schwerts auf dem
Mundschwert, dies „Spitze aufs Spitze“, während er sich auf den Boden
legt und wieder aufsteht. Wirkungsvoll auch sein Schlusstrick, bei dem
er einen Ballon und einen Kerzenständer auf dem Mundschwert balanciert,
dann den Ballon zum Platzen bringt und den Kerzenständer mit dem Schwert
fängt.
 
Kristina Kruttke
und Vegas Showgirls
Gastgeberin Kristina Kruttke philosophiert darüber, wie wir einerseits
im übertragenen Sinne täglich Masken tragen – im Büro, vor Freunden –
und zugleich die eine Person suchen, die unser wahres Ich erkennt. „True
Colors“ ist der dazu passende Songtitel, den sie inmitten der andächtig
lauschenden Ballettgirls interpretiert. Auf diesen romantischen Moment
folgt die im dynamischen Tempo gearbeitete, recht kurze
Hand-auf-Hand-Performance von Fabio Zimmerman und Julia Wahl. Für den
gewagtesten Moment der Show sorgen die Vegas Showgirls bei ihrem
atemberaubend sexy Tanz in schwarzen Fetisch-Outfits.
  
Bruno und Fellon,
Oleg Valko, Vegas Showgirls
Damit
ist der Boden bereitet für die Armbrust-Nummer von Bruno und Fellon. Mal
zielt er mit zwei Armbrüsten gleichzeitig auf zwei von ihr gehaltene
Ballons, mal schießt er einen Pfeil über den Rücken auf einen von ihr
gehaltenen Ballon. Auch sie greift zur Waffe und trifft eine von ihm
gehaltene Blume. Zum Abschluss schießt sich Bruno über mehrere Stationen
und nacheinander ausgelöste Armbrüste einen Apfel selbst vom Kopf. Nach
der Pause empfängt uns Oleg Valko, der in seinem kompakten Auftritt an
den Strapaten in unterschiedlichen Figuren kraftvoll über der Bühne
kreiselt, dann das offene weiße Hemd ablegt und nicht nur mit dem
muskulösen Oberkörper, sondern auch mit seinem Auf- und Abwickeln an den
Stoffbändern beeindruckt. Zu den Klängen der „Bitter Sweet Symphony“
tanzt das Ballett in goldfarbenen Kleidern und mit Hirschgeweihen,
schafft so ein mystisches Bild. Auch in dieser Choreographie wird
zusätzlich der Laufsteg ins Publikum einbezogen, um Nähe zu schaffen,
den Raum voll auszunutzen.
  
Marie Bitaroczky,
Oleg Valko, Vegas Showgirls
Die
große Diva Kristina Kruttke hat nun ihr Kostüm gewechselt, von rot nach
grün, und geht gesanglich auf Männersuche. Obwohl ihr die Aussichten
zunächst gut erscheinen, kommt sie nicht zum Zuge, denn das Objekt der
Begierde hat ja „Wurstfinger“, wie ihr neuer Text auf den
James-Bond-Filmsong „Goldfinger“ lautet. Einfach nur eine hübsche
Erscheinung ist dagegen Julia Wahl, die ihre rasant, kräftezehrende,
aber auch nicht sehr ausführliche Poledance-Kür inmitten des sie
umringenden Ensembles zelebriert. Interaktiv und amüsant ist die
alternative Weihnachtsgeschichte, die uns Kristina Kruttke erzählt und
in der jeweils unterschiedliche Gruppen aus dem Publikum die Rollen von
Maria, Josef, Jesus und den Schafen im Stall übernehmen dürfen. Noch
einmal rätselhaft wird es mit den Vegas Showgirls und ihrem Tanz mit
goldfarbenen Vollmasken und goldenen Perücken. Bei ihrem Auftritt im
Luftnetz nutzt Marie Bitaroczky die Möglichkeiten, die dieses Requisit
bietet, hervorragend aus, beispielsweise mit einer Art Vorwärtsrolle,
Handstand und Kontorsionen sowie dem Genickhang. Die Schlussnummer
übernimmt Oleg Valko mit seiner Kubusjonglage. Unter anderem lässt er
seinen Metallwürfel auf der nach oben ausgestreckten Hand rotieren. Fürs
Finale werden nochmals alle Register gezogen, wenn das Ballett zu „I am
what I am“ in prächtigen Revuekostümen mit Federschmuck erscheint.
Kristina Kruttke schildert, wie uns (auch imaginäre) Masken manchmal
Kraft und Stärke verleihen, um die Person zu sein, die man sein möchte.
Doch es brauche keine Maske, um zu sich selbst zu stehen. |