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Neues Theater - Varieté-Herbst 2023
www.neues-theater.de - 130 Showfotos

Frankfurt-Höchst, 1. November 2023: Diese Premiere des Varieté-Herbst ist ein Abend der Neuerungen. Da präsentiert sich zum Finale der zukünftige Projektleiter für die Varieté-Produktionen des Neuen Theaters, da erleben wir eine Show ohne sprechenden Moderator und es gibt erstmals eine Aufführung, die wenigstens auf den ersten Blick fertig eingekauft und nicht extra für die Spielzeit zusammengestellt wurde. Und – auch das zumindest nicht selbstverständlich bei den Premieren – es gibt frenetische Standing Ovations des Publikums. Bei all diesen Themen landet man letztendlich bei einem Namen: Maik M. Paulsen.

Ab sofort wird er die beiden jährlichen Shows für das Kleinkunsttheater im Frankfurter Westen zusammenstellen. Er folgt damit auf Frank Rupprecht. Als Geschäftsführer seiner Agentur „Paulsen & Consorten“ ist er der Produzent der Show „Spin!“, welche wir jetzt in Höchst erleben. Der Anstoß dazu, diese hierher zu holen, kam aber noch von Frank Rupprecht, wie Pressesprecher Felix Schulz-Stahlbaum erzählt.


Finale mit dem Ensemble und Maik M. Paulsen (links)

„Spin!“ war die Abschlussproduktion 2019 der Staatlichen Artistenschule Berlin. Sie wurde bereits vor mehr als 30.000 Zuschauern gespielt, wie die Homepage verrät. Wenn man sich unsere Programmbesprechung aus dem Premierenjahr anschaut, sieht man, dass es seitdem größere Veränderungen gab. Die meisten der Artisten von damals sind nicht mehr dabei. Dafür eben viele neue. Auch die Inszenierung hat sich in Summe weiterentwickelt. Vor dem November-Engagement in Höchst wurde gemeinsam mit Regisseur Karl-Heinz Helmschrot nochmal intensiv daran gefeilt. Somit ist das Stück dann in gewisser Weise doch ein Neues Theater-Original geworden.


Leonie Koerner, Luzie Lou

Wir erleben starke Artistik von jungen Menschen, die vor nicht allzu langer Zeit ihre Ausbildung abgeschlossen haben und nun ins Berufsleben starten. Das alles in einer durchgehenden Inszenierung ohne Unterbrechungen. Deren Titel verspricht „drehen“, „wirbeln“ oder auch „kreiseln“. Und rund geht es gleich beim Opening. In der Mitte der Bühne spielt Michael Preise auf dem E-Cello. Die weiteren Ensemblemitglieder liegen im Kreis um ihn herum. Ebenso ein Cyr Wheel. Die Artisten stehen auf und erwachen in einer ersten Choreographie. Der Reifen wird hochgehoben, dann balanciert Johann Prinz darauf. Die wahre Könnerin an diesem Requisit aber ist Leonie Koerner. Im roten Oberteil sowie Rock wirbelt sie in den unterschiedlichsten Variationen über die Bühne. Es sieht alles so leicht, fließend aus. Aber nicht zuletzt der limitierte Raum dürfte eine Herausforderung darstellen. Ein großer durchsichtiger Plastiksack dient als Einleitung für die Darbietung am Luftring von Luzie Lou. In unterschiedlichen Höhen lässt sie Gleichgewichtssinn, die Biegsamkeit ihres Körpers und Ausstrahlung zu einer ganzheitlichen Kür verschmelzen.


Duo Kraoul, Duo One Line

Am Boden erwarten sie Künstlerkolleginnen und -kollegen mit aufgespannten Regenschirmen. Zusammengeklappt bilden diese wiederum das Entree für die Partnerakrobatik von Karim El Nakib und Raoul Rogula, kurz Duo Kraoul. Mit freien Oberkörpern zelebrieren sie eine unglaubliche Leichtigkeit. Ihre akrobatischen Sprünge wirken nahezu, als würden hier Federn durch die Luft fliegen. Zudem zeigen sie Handstände sowie Elemente aus der Disziplin Klischnigg. Wenn man trommeln will, aber nur die Sticks dazu hat, ist es praktisch, wenn ein Beatboxer in der Nähe ist. So beginnt das folgende Intermezzo. Florian Preise ist der zunächst Intrument-lose Drummer und Adrian Schulte-Zweckel vom Duo One Line der Mundakrobat. Dank der anderen Mitwirkenden kommen dann doch noch zwei Trommeln und ein Becken zusammen. Nicht nur das. Florians Bruder Michael steuert ein paar Keulen bei, sodass jongliert werden kann. Außerdem spielt Michael in einigen Sequenzen auf dem E-Cello. Bestens aufeinander eingespielt sind Adrian Schulte-Zweck und Jannis Nau. Als Duo One Line stehen sie schon seit frühester Kindheit gemeinsam auf der Bühne. Mit viel Witz spielen sie sich gegenseitig die Diabolos zu, schicken sie einzeln und gemeinsam auf atemberaubende Touren durch die Luft oder lassen sie auf den Schnüren zwischen den Stäben tanzen. Wenn Jannis drei Diabolos gleichzeitig jongliert, kreuzt Adrian deren Bahnen mit einer rotierenden Schnur, an der ebenfalls eine Doppelspule entlangläuft.


Johann Prinz, Luzie Lou, Leonie Koerner

Bevor Johann Prinz seine eigentliche Nummer arbeiten kann, wird er ordentlich um die eigene Achse gedreht. Gelbe, um die Hüfte gewickelte Schnüre machen es möglich. Auch in diese Szene sind mehre Artisten involviert, wird eine kleine Geschichte erzählt. Dabei hängt der gebürtige Hesse schon an den Strapaten. Für seine originelle, kraftvolle und leistungsstarke Darbietung an den Bändern gab es beim European Youth Circus 2022 „Silber“ in der jüngeren Kategorie. Umschwünge sind genauso dabei wie anspruchsvolle Haltefiguren. Nach der folgenden Pause geht es mit Trommeln auf Plastikfässern weiter. Dazu immer wieder akrobatische Einlagen. Mittendrin steht bereits das Requisit für den zweiten Soloauftritt von Luzie Lou. Diesmal erleben wir sie am Mast. Wiederum ganz in rot gekleidet beweist sie einmal mehr exzellente Körperbeherrschung. Diesmal eben nicht in der Luft, sondern an einer Stange, die auf einer runden Platte montiert ist. Genau dieser Sockel sorgt beim nächsten Umbau für mächtig Spaß. Zunächst symbolisiert er ein Schiff, Titanic-Szene inklusive, dann ein Flugzeug. Mit Rollkoffern in der Hand hetzen zwei junge Männer dem Flieger hinterher, verpassen ihn aber. Unser Glück, denn so können die beiden das Programm fortsetzen. Das Duo Kraoul stellt jetzt Hand-auf-Hand-Akrobatik in den Vordergrund. Dies mit teilweise neuartigen Figuren und viel Spielfreude sowie Dynamik. Eine Rarität ist der nächste Einsatz von Leonie Koerner, den sie nach einer Einlage des Duo One Line präsentiert. Denn sie kommt auf Inlineskatern hereingefahren und begibt sich dann mit diesen ans Tanztrapez. Die Rollschuhe machen ihre Kür sicher nicht einfacher. Doch das lässt sie sich nicht anmerken. Das ausführliche sowie anspruchsvolle Repertoire wirkt bei ihr ganz leicht, eben fast schwerelos.


Johann Prinz, Canaval Twins

Auf zwei rollbaren Podeste sind die Handstäbe montiert, auf denen sich Johann Prinz und Raoul Rogula in ihrer Kunst messen. Jeweils begleitet von einer der Damen zeigen sie sich gegenseitig, welche Handstandvarianten sie beherrschen und arbeiten diese dann gemeinsam. Für die musikalische Begleitung sorgt Michael Preise auf dem E-Cello. Er spielt genauso wie sein Bruder auch zu weiteren Darbietungen, bei wieder anderen erklingt die Originalmusik aus der Konserve. Die Tontechnik sorgt für einen wunderbaren Sound. Ein großes Lob ebenfalls an das Lichtdesign, welches den visuellen Genuss komplettiert. Seinen für mich witzigsten Auftritt hat das Duo One Line mit seinem Ausflug in ein asiatisches Restaurant. Jannis sitzt im Schneidersitz auf einem Podest und verspeist sein Essen. Eine Hälfte eines Diabolos bildet die Schüssel, die beiden Stöcke die Essstäbchen und die Schnur dazwischen wird wahlweise als Nudel oder Zahnseide eingesetzt. Die akustische Untermalung wird von Adrian mit dem Mund produziert. Die Schlussnummer gehört den Canaval Twins. Im Dunkeln jonglieren sie mit beleuchteten Keulen. Dies sowohl jeweils alleine als auch in Passings. Dabei stehen sie teilweise auf beleuchteten Würfeln. Es ergeben sich faszinierende Bilder. „Illuminate“ heißt dieser außergewöhnliche Act, bei der sich der eine fast schon blind auf den anderen verlassen können muss. Beim groß zelebrierten Finale geht es dann wieder im wahrsten Sinne des Wortes rund, bevor das Ensemble in einer Reihe nebeneinander den Applaus der Gäste im Saal entgegennimmt.

Wer sein Publikum so verwöhnt, darf sich gewiss sein, dass es wiederkommt. Die Verantwortlichen sind mit Geschick und Herzblut bei der Sache. Das ist auch in diesem November wieder ganz deutlich zu spüren. So bleibt man auch in schwierigen Zeiten erfolgreich, sind ausverkaufte Vorstellungen vor begeisterten Zuschauern der verdiente Lohn. Wir freuen uns auf den März 2024 und reservieren schonmal rechtzeitig den Tisch in der Wunderbar um die Ecke.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch