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Berliner Artistenschule - SENSEation
Absolventenshow auf Facebook ; 168 Showfotos

Stuttgart, 14. Juli 2023: Es ist ein Einschnitt in der Geschichte der Absolventenshow der Berliner Artistenschule. Im Jahr 2005 stand Maik M. Paulsen selbst als staatlich geprüfter Artist mit seinen Jonglagen auf der Bühne, seitdem organisierte er die jährlichen Tourneen über zahlreiche Bühnen im deutschsprachigen Raum. Dort konnten sich die Absolventen der Fachwelt und einem breiten Publikum bekannt machen – stets verbunden mit der Hoffnung auf eine erfolgreiche Karriere. Viele haben es geschafft. Die Tournee 2023 ist nun die erste nach 17 Jahren, die nicht von Paulsen organisiert wird.

Stattdessen wird die aktuelle Show von den Machern von „The Pending“ – einer Social Network App für Artisten und Künstler – und der Agentur „Berlin Event“ produziert. Hinter „The Pending“ steht als treibende Kraft Berlin-Absolvent Tim Kriegler. Auch ohne Kenntnis der näheren Umstände wird man davon ausgehen dürfen, dass der Abschied von Maik M. Paulsen nicht eben harmonisch war. Jedenfalls wird die bisherige Website absolventenshow.de samt zugehöriger Facebook-Seite noch von ihm verwaltet; die neuen Macher haben eine neue Facebook-Seite eingerichtet – und eine Website bisher leider nur angekündigt.


Finale

Bei unserem letzten Besuch der Absolventenshow 2019 gab es sowohl ein hochwertiges Programmheft als auch eine ansprechende Website. Darauf wurden alle Künstler vorgestellt, und zwar mit Links zu ihren jeweils eigenen Internetauftritten. Und ausnahmslos alle Nachwuchskünstler verfügten über eine solche Seite, jeweils mit aktuellen Fotos und Videos, Biografien, Kontaktdaten und anderem mehr. Man kann nur hoffen, dass dieses Niveau bei der Kommunikation bald wieder erreicht wird, denn ohne solche Möglichkeiten zur schnellen Kontaktaufnahme wird das gesamte Konzept der Absolventenshow ad absurdum geführt. Schließlich geht es vorwiegend darum, den Einstieg in den Künstler-Arbeitsmarkt zu finden.


Fiona Rother, Romy Haupt und Lukas Grabowski, Charlotte Fischer

Rundum gelungen ist dagegen auch im neuen Setting die Show selbst. Als Regisseur wurde zum dritten Mal nach 2016 und 2019 Karl-Heinz Helmschrot verpflichtet. Bereits vor Beginn der eigentlichen Vorstellung kommen die Artisten auf die mit Requisiten vollgestellte Bühne, tasten sich mit verbundenen Augen voran, hören offenkundig bewusst in sich hinein. Am Übergang des Prologs zur eigentlichen Show nehmen sie die Augenbinden ab, schauen sich um. Und erkunden die Möglichkeiten, die sich bieten – ein Gymnastikball wird über eine Art improvisierte Kugelbahn rollen gelassen; sie besteht unter anderem aus zwei Pole-Stangen. Das Brett der Koreanischen Wippe wird – durch menschliche Gewichte beschwert – zur schrägen Absprungrampe für diverse Salti. Die einheitlich sandfarbenen Outfits mit schwarzen Absetzungen tragen zum Bild eines geschlossenen Ensembles bei. Den akrobatischen Auftakt macht Fiona Rother auf ihrem Gymnastikball, ein äußerst selten genutztes Requisit auf der Varietébühne. So startet sie zu einem Rückwärtssalto mit dem Ball in den Händen und landet bäuchlings auf diesem. In ebenso liegender Position hüpft sie auf dem Ball, gefolgt von Drehungen und Wendungen. Bemerkenswert ist der Schlusstrick, bei dem sie vom freien Stand auf dem Ball in eine Brückenposition wechselt. Charlotte Fischer dreht sich in kraftvollen Posen und ausdauernden Passagen um ihren Flying Pole, begleitet von einschmeichelnden Streicherklängen. Eine Stimme aus dem Off geht auf das Thema der Show „SENSEation“ ein – sie widmet sich nicht nur den fünf bekannten Sinnen, sondern insbesondere dem 6. Sinn, der Tiefenwahrnehmung oder Propriozeption. Wie in einer Vorlesung legt die Stimme dar, dass es sich hierbei um die Wahrnehmung des eigenen Körpers nach dessen Lage im Raum handelt. Auch geht es dabei um die Stellungen von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen zueinander sowie deren Veränderungen als Bewegungen mitsamt dem Empfinden für Schwere, Spannung Kraft und Geschwindigkeit. Und so ist der 6. Sinn einer, ohne den Akrobatik gar nicht möglich wäre. Dass sie ihn besitzen, beweisen sodann Romy Haupt und Lukas Grabowski bei ihrer Partnerakrobatik. Hebefiguren, aber auch tänzerische Elemente und Sprünge prägen die Darbietung.


Joana Lokaichuk, Nils Jansen, Jana Vogel

Auf ihrem hohen Requisit kreiselt Joana Lokaichuk zunächst rasant auf einer drehbaren Platte und wechselt dann zu klassischer Equilibristik auf langen Handstäben. Auch diese drehen sich bald im Kreis, was zusätzliche Effekte kreiert. Als besonders markanter Typ sticht Nils Jansen mit seinem Vollbart und der behaarten Brist aus dem Ensemble hervor. Er jongliert mit Keulen. Immer wieder werden die einzelnen artistischen Darbietungen durch Zwischenspiele des Ensembles miteinander verbunden, so wie wir es aus den bisherigen Absolventenshows kennen. Beispielsweise wenn die Turnmatten zum „Wohnzimmersofa“ werden, auf der gemeinsam durch imaginäre Fernsehprogramme gezappt wird – diese lösen dann jeweils unterschiedliche Emotionen bei den Zuschauern auf der Bühne aus. Sowohl ruhige als auch rockige Momente kennzeichnen die Arbeit von Jana Vogel am Luftring, die unter anderem Überschläge und weitere dynamische Bewegungen umfasst. Damit geht es in die Pause.


Jana Vogel, Ole Böhm, Charlotte Fischer und Marlene Ziechmann

Sinn und Sinnlichkeit stehen im Mittelpunkt der Eröffnungsszene zum zweiten Teil, in der sich Sebastiaan Schlichter selbstbewusst nur im roten Tütü präsentiert – die anderen tragen bunte, sexy Outfits. In Partylaune wird übergeleitet zur Zweitnummer von Jana Vogel, einer recht kompakten Kontaktjonglage mit einem langen Stab, den die Artistin kunstvoll kreisen lässt. Ole Böhms Touren im kreisenden Cyrrad, seine geschickten Drehungen und Wendungen führen direkt zur folgenden Darbietung – denn sein Rad wird für kurze Zeit mit dem Seil verbunden, an dem der Luftring von Charlotte Fischer und Marlene Ziechmann hängt. Daran zeigen die Artistinnen zum einen gemeinsame Haltefiguren, zum anderen synchron gearbeitete Einzeltricks.


Romy Haupt, Joana Lokaichuk und Vincenz Lang, Paula Kade und Sebastiaan Schlichter

Nach dem Flying Pole im ersten Teil hat sich Romy Haupt für eine Polestange mit Bodenhaftung entschieden. Kraftvoll, zugleich aber beweglich und dynamisch kreist sie darum, hält sich daran auch ohne Nutzung der Hände. Joana Lokaichuk und Vincenz Lang kombinieren ihre Partnerakrobatik mit Wurfelementen und Tanz. Und noch ein Duo hat diese Produktion zu bieten. Paula Kade und Sebastiaan Schlichter wagen sich ans Trapez, wo sie mit klassischen Voltigen und unterschiedlichen Hand-Fuß-Wechseln überzeugen.


Marlene Ziechmann; Vincenz Lang, Ole Böhm, Lukas Grabwoski und Nils Jansen

Nochmal kommt ein Cyrrad zum Einsatz. Nun ist es Marlene Ziechmann, die darin ausdauernd über die Bühne rotiert, dies auch kopfüber und im Übrigen auf engem Raum. Während die Berliner Artistenschule vorwiegend Solokünstler, gelegentlich auch Duos hervorbringt, hat sich diesmal – wirklich überraschend – gar ein Quartett zusammengefunden. Vincenz Lang, Ole Böhm, Lukas Grabwoski und Nils Jansen nutzen die Koreanische Wippe – auch bekannt als Schleuderbrett -, um sich gegenseitig zu Salti, Sprüngen und Schrauben in die Luft zu katapultieren. Auch Handvoltigen werden ins Geschehen integriert. Es wäre wirklich ein Gewinn, wenn sich diese nicht nur an Personen starke Darbietung erfolgreich am Markt etablieren könnte.

Das Stuttgarter Friedrichsbau-Varieté ist, seit es die jährliche Absolventenshow gibt, fast immer eine Station der Tour. Offenbar besitzt das Format in der Landeshauptstadt auch über eine gewisse Fanbase, denn hier wird an zwei Abenden in Folge gespielt – bereits am ersten Abend vor sehr gut gefülltem Haus. Und das Publikum spendet im Finale reichlich Applaus für diese Show mit interessanten artistischen Genres, tollen Leistungen und einer facettenreichen Gesamtchoreographie. Ein starker Abschlussjahrgang aus Berlin!

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll