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Stattdessen wird die aktuelle Show
von den Machern von „The Pending“ – einer Social Network App für Artisten und
Künstler – und der Agentur „Berlin Event“ produziert. Hinter „The
Pending“ steht als treibende Kraft Berlin-Absolvent Tim Kriegler. Auch ohne Kenntnis der näheren Umstände wird man davon
ausgehen dürfen, dass der Abschied von Maik M. Paulsen nicht eben
harmonisch war. Jedenfalls wird die bisherige Website absolventenshow.de
samt zugehöriger Facebook-Seite noch von ihm verwaltet; die neuen Macher
haben eine neue Facebook-Seite eingerichtet – und eine Website bisher
leider nur angekündigt.

Finale
Bei unserem letzten Besuch der
Absolventenshow 2019 gab es sowohl ein hochwertiges Programmheft als
auch eine ansprechende Website. Darauf wurden alle Künstler vorgestellt,
und zwar mit Links zu ihren jeweils eigenen Internetauftritten. Und
ausnahmslos alle Nachwuchskünstler verfügten über eine solche Seite,
jeweils mit aktuellen Fotos und Videos, Biografien, Kontaktdaten und
anderem mehr. Man kann nur hoffen, dass dieses Niveau bei der
Kommunikation bald wieder erreicht wird, denn ohne solche Möglichkeiten
zur schnellen Kontaktaufnahme wird das gesamte Konzept der
Absolventenshow ad absurdum geführt. Schließlich geht es vorwiegend
darum, den Einstieg in den Künstler-Arbeitsmarkt zu finden.
  
Fiona Rother, Romy Haupt und Lukas
Grabowski, Charlotte Fischer
Rundum gelungen ist dagegen auch im neuen
Setting die Show selbst. Als Regisseur wurde zum dritten Mal nach 2016
und 2019 Karl-Heinz Helmschrot verpflichtet. Bereits vor Beginn der
eigentlichen Vorstellung kommen die Artisten auf die mit Requisiten
vollgestellte Bühne, tasten sich mit verbundenen Augen voran, hören
offenkundig bewusst in sich hinein. Am Übergang des Prologs zur
eigentlichen Show nehmen sie die Augenbinden ab, schauen sich um. Und
erkunden die Möglichkeiten, die sich bieten – ein Gymnastikball wird
über eine Art improvisierte Kugelbahn rollen gelassen; sie besteht unter
anderem aus zwei Pole-Stangen. Das Brett der Koreanischen Wippe wird –
durch menschliche Gewichte beschwert – zur schrägen Absprungrampe für
diverse Salti. Die einheitlich sandfarbenen Outfits mit schwarzen
Absetzungen tragen zum Bild eines geschlossenen Ensembles bei. Den
akrobatischen Auftakt macht Fiona Rother auf ihrem Gymnastikball, ein
äußerst selten genutztes Requisit auf der Varietébühne. So startet sie
zu einem Rückwärtssalto mit dem Ball in den Händen und landet bäuchlings
auf diesem. In ebenso liegender Position hüpft sie auf dem Ball, gefolgt
von Drehungen und Wendungen. Bemerkenswert ist der Schlusstrick, bei dem
sie vom freien Stand auf dem Ball in eine Brückenposition wechselt.
Charlotte Fischer dreht sich in kraftvollen Posen und ausdauernden
Passagen um ihren Flying Pole, begleitet von einschmeichelnden
Streicherklängen. Eine Stimme aus dem Off geht auf das Thema der Show „SENSEation“
ein – sie widmet sich nicht nur den fünf bekannten Sinnen, sondern
insbesondere dem 6. Sinn, der Tiefenwahrnehmung oder Propriozeption. Wie
in einer Vorlesung legt die Stimme dar, dass es sich hierbei um die
Wahrnehmung des eigenen Körpers nach dessen Lage im Raum handelt. Auch
geht es dabei um die Stellungen von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen
zueinander sowie deren Veränderungen als Bewegungen mitsamt dem
Empfinden für Schwere, Spannung Kraft und Geschwindigkeit. Und so ist
der 6. Sinn einer, ohne den Akrobatik gar nicht möglich wäre. Dass sie
ihn besitzen, beweisen sodann Romy Haupt und Lukas Grabowski bei ihrer
Partnerakrobatik. Hebefiguren, aber auch tänzerische Elemente und
Sprünge prägen die Darbietung.
  
Joana Lokaichuk, Nils Jansen, Jana
Vogel
Auf ihrem hohen Requisit kreiselt Joana
Lokaichuk zunächst rasant auf einer drehbaren Platte und wechselt dann
zu klassischer Equilibristik auf langen Handstäben. Auch diese drehen
sich bald im Kreis, was zusätzliche Effekte kreiert. Als besonders
markanter Typ sticht Nils Jansen mit seinem Vollbart und der behaarten
Brist aus dem Ensemble hervor. Er jongliert mit Keulen. Immer wieder
werden die einzelnen artistischen Darbietungen durch Zwischenspiele des
Ensembles miteinander verbunden, so wie wir es aus den bisherigen
Absolventenshows kennen. Beispielsweise wenn die Turnmatten zum
„Wohnzimmersofa“ werden, auf der gemeinsam durch imaginäre
Fernsehprogramme gezappt wird – diese lösen dann jeweils
unterschiedliche Emotionen bei den Zuschauern auf der Bühne aus. Sowohl
ruhige als auch rockige Momente kennzeichnen die Arbeit von Jana Vogel
am Luftring, die unter anderem Überschläge und weitere dynamische
Bewegungen umfasst. Damit geht es in die Pause.
  
Jana Vogel, Ole Böhm, Charlotte
Fischer und Marlene Ziechmann
Sinn und Sinnlichkeit stehen im
Mittelpunkt der Eröffnungsszene zum zweiten Teil, in der sich Sebastiaan
Schlichter selbstbewusst nur im roten Tütü präsentiert – die anderen
tragen bunte, sexy Outfits. In Partylaune wird übergeleitet zur
Zweitnummer von Jana Vogel, einer recht kompakten Kontaktjonglage mit
einem langen Stab, den die Artistin kunstvoll kreisen lässt. Ole Böhms
Touren im kreisenden Cyrrad, seine geschickten Drehungen und Wendungen
führen direkt zur folgenden Darbietung
– denn sein Rad wird für kurze Zeit mit dem Seil verbunden, an dem der
Luftring von Charlotte Fischer und Marlene Ziechmann hängt. Daran zeigen
die Artistinnen zum einen gemeinsame Haltefiguren, zum anderen synchron
gearbeitete Einzeltricks.
  
Romy Haupt, Joana Lokaichuk und
Vincenz Lang, Paula Kade und Sebastiaan Schlichter
Nach dem Flying Pole im ersten Teil hat
sich Romy Haupt für eine Polestange mit Bodenhaftung entschieden.
Kraftvoll, zugleich aber beweglich und dynamisch kreist sie darum, hält
sich daran auch ohne Nutzung der Hände. Joana Lokaichuk und Vincenz Lang
kombinieren ihre Partnerakrobatik mit Wurfelementen und Tanz. Und noch
ein Duo hat diese Produktion zu bieten. Paula Kade und Sebastiaan
Schlichter wagen sich ans Trapez, wo sie mit klassischen Voltigen und
unterschiedlichen Hand-Fuß-Wechseln überzeugen.
  
Marlene Ziechmann; Vincenz Lang, Ole Böhm, Lukas Grabwoski und Nils
Jansen
Nochmal kommt ein Cyrrad zum Einsatz. Nun
ist es Marlene Ziechmann, die darin ausdauernd über die Bühne rotiert,
dies auch kopfüber und im Übrigen auf engem Raum. Während die Berliner
Artistenschule vorwiegend Solokünstler, gelegentlich auch Duos
hervorbringt, hat sich diesmal – wirklich überraschend – gar ein
Quartett zusammengefunden. Vincenz Lang, Ole Böhm, Lukas Grabwoski und
Nils Jansen nutzen die Koreanische Wippe – auch bekannt als
Schleuderbrett -, um sich gegenseitig zu Salti, Sprüngen und Schrauben
in die Luft zu katapultieren. Auch Handvoltigen werden ins Geschehen
integriert. Es wäre wirklich ein Gewinn, wenn sich diese nicht nur an
Personen starke Darbietung erfolgreich am Markt etablieren könnte. |