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Apollo Varieté 2024 - "Sunset Strip"
www.apollo-variete.com - 163 Showfotos

Düsseldorf, 18. Januar 2024: Eben noch im der Manege eines Weihnachtscircus, jetzt schon auf der Bühne des Apollo Varietés. Für einige der Artisten ist es ein direkter Übergang. So war Viviana Rossi vier Tage vor der Premiere in Düsseldorf noch bei Flic Flac in Kassel zu erleben, Maverik Niemen beim Offenburger Weihnachtscircus. Eine Woche länger Pause hatte Melanie Chy, die zuvor in Köln engagiert war. Und mit dem reinen Ortswechsel ist es nicht getan. Denn im Apollo ist mehr gefordert, als einfach nur seine Nummer zu spielen. Hier sind die Artisten Teil einer gesamthaften Inszenierung.

Es sind also intensive Proben angesagt, damit das Premierenpublikum am 11. Januar eine runde Show genießen kann. Für die Regie ist einmal mehr Adrian Paul verantwortlich. „Sunset Strip – Die 80s Rockshow“ lautet der Titel des Programm, welches bis zum 1. April läuft. Es nimmt uns mit in die 1980er Jahre. Es gibt extravagante Outfits und die Rockmusik dieser Dekade. So etwa von Bon Jovi und Europe.


Szene aus dem Finale

Letztere wird dankenswerterweise wieder live gespielt, denn die Apollo Band ist mit von der Partie. Die vier Musiker um Adrian Paul an der Gitarre zeigen vollen Einsatz, es wird in der Tat zumeist harter Rock gespielt. Den Gesang übernimmt Ruben Claro. Der Interpret hat eine starke Stimme, die perfekt zu den Titeln des Abends passt. Große Freude auch darüber, dass das hauseigene Ballett die Show mit fetzigen Choreographien aufwertet. Die vier Tänzerinnen sehen blendend aus und tragen gewohnt fantastische, mit jedem Auftritt wechselnde Kostüme. Sich gekonnt bewegen können sie ohnehin. Als Bühnenbild dienen zwei beleuchtete Showtreppen, zwischen denen der Schlagzeuger sitzt und an deren oberen Enden eine Plattform Platz für Auftritte bietet. Rückwärtig befindet sich eine imposante Batterie an Boxen der Marke Marshall. Teile der eindrucksvollen Lichtanlage sind ebenfalls in den Aufbau integriert.


Kike Aguilera und Jon Young

Zum Einsatz kommt ferner die Seitenbühne. In der sich dort befindenden Bar „Sunset Strip“ erwarten uns unsere Gastgeber. Beide konnten wir vor nicht allzu langer Zeit bereits im Apollo Varieté sehen. Kike Aguilera war vor einem Jahr als Komiker in der Produktion „Rock'n'Roll Circus“, Jon Young als Akrobat am Mast im „Bavarieté“, welches im vergangenen Herbst gespielt wurde. Jetzt gibt Kike den vermeintlich abgezockten, coolen Typen im Anzug mit Leopardenfellmuster und weit geöffnetem Hemd. Er trägt auffälligen Schmuck und kokettiert gerne mit seinem Brusthaar. Jon kleidet sich ebenfalls mit Leopardenfell, allerdings als Weste. Er ist leicht vertrottelt, hat aber am Ende dann doch meist die Nase vor. Es ist ein wenig die moderne Variante des Spiels zwischen Weißclown und August. Angepasst an das rockige Motiv der Show. Da gibt es den ausgestreckten Mittelfinger, das Wort „Scheiße“ fällt mehr als einmal.


Trio Bokafi, Duo Chains, Melanie Chy

Zum Opening wird gleich eine rauschende Party gefeiert, mit allen Mitwirkenden und fetziger Musik. Diese Stimmung nimmt das Trio Bokafi für seine Akrobatik am Schleuderbrett auf. Zu Gabor Boros, dem Kopf der Formation, kommen Fliegerin Leona Mohacsi und Fänger Juan Esteban Mendez Valdes. Letzterer war einst Mitglied der Magic Compagnie von Sophie Edelstein. Nun katapultieren die beiden Herren ihre Partnerin durch die Luft, um sie nach variantenreichen Sprüngen sicher wieder aufzufangen. Nach getaner Arbeit gönnen sie sich einen Schluck an der Bar. Deren Betreiber Kike zaubert derweil auf der Bühne mit Flaschen und Gläsern, die in Röhren verschwinden und wieder auftauchen. Jon Young schaut zunächst verblüfft zu und macht sich dann seinen ganz eigenen Spaß. In edel glitzernden Outfits performen die Tänzerinnen zur Musik von Band und Sänger. Sebas und Sonia bilden das Duo Chains. Statt an Strapaten arbeiten sie an zwei Ketten, welche unten jeweils eine Handschlaufe aus Stoff haben. Daran zeigen sie eine intensive Liebesgeschichte voller Leidenschaft, die natürlich Raum für ihre Artistik lässt. So hält etwa der an den Ketten hängende Sebas seine Partnerin nur mit den Beinen fest. Nach einer Freddie-Mercury-Einlage von Kike sind Lack und Leder angesagt. In den entsprechenden Kostümen heizt das Ballett zusammen mit den Musikern die Stimmung für Melanie Chy weiter an. Mit Bierflasche in der Hand kommt sie im Bikerstyle auf einem schweren Motorrad hereingefahren. Vor 30 Jahren sah ich ihre Solonummer erstmalig im Kronebau, damals noch unter dem Künstlernamen „Miss Police“. Nun also mit Alkohol am Steuer. In ihrer aktuellen Aufmachung passt Melanie Chy perfekt in diese Show. Das Bike dient als Requisit für starke Handstände, die sie in den verschiedensten Formen zelebriert. Auf zwei Armen hält sie sich genauso souverän im Gleichgewicht wie auf einem.


Viviana Rossi, Jon Young, Maverik Niemen

Schon wieder stehen die Tänzerinnen im Scheinwerferlicht, diesmal in sündigen, neonfarbenen Kostümen. Korrespondierend zur ebenfalls lasziv gekleideten Viviana Rossi. Das alles passt wunderbar zu ihrem ersten Auftritt, denn diesen vollführt die Spanierin am Pole. Hier verschmelzen Tanz, Akrobatik und Sinnlichkeit. Viviana Rossi bezaubert mit vielen wunderbaren Tricks, die so viel Kraft kosten müssen und hier doch so leicht aussehen. Zusammen mit dem Ballett, welches die gesamte Darbietung begleitet hat, verabschiedet sie sich. Wunderbar die Szene vor der Pause. Jon Young versucht sich am Mast und bringt sich in eine prekäre Lage, aus der ihn auch Kike nicht befreien kann. Eine gute Gelegenheit also für eine Unterbrechung. In dieser können die Gäste im Saal einen weiteren Gang des extra für die Show kreierten Menüs genießen. Beispielsweise eine hervorragende Maispoularde mit Wurzelgemüse und Kartoffelgratin. Gut gestärkt geht es in den Wilden Westen. Aus den Tänzerinnen sind äußerst attraktive Cowgirls geworden. Ruben Claro hat sich mit Jeansweste, Halstuch und Cowboyhut ebenfalls auf das Motto eingelassen. Auf diese Szenerie trifft Maverik Niemen. Ganz cool bewegt er sich zu seinem bereits aufgebauten Podest. Darauf begeistert er mit gewagten Balancen auf wackeligem Unterbau. In seiner Rola-Rola-Darbietung bewegt er sich auf einem Brett, das auf Walzen oder auch mal einem Basketball liegt. Die zugehörigen Requisiten werden ihm von den Tänzerinnen gereicht. So etwa sieben Tischchen, die er nach und nach auf einem auf einer Walze liegenden Brett stapelt. Als „zersägte Jungfrau“ muss sodann Jon Young herhalten. Natürlich folgt bei diesem von Kike ausgeführten Zaubertrick Panne auf Panne. Hier steht wieder der Humor im Vordergrund, der durch die hinreißende Mitwirkung des Balletts enorm gewinnt. Beim Outfit schließt sich Jon Young den Damen an, inklusive hoher quietschgrüner Stiefel.


Uliana Khavrona, Viviana Rossi, Duo Marruffo

Nur wenige Augenblicke später tragen die Tänzerinnen sündige, glitzernde Kostümkreationen, um darin das nächste Stück der Musiker in Bewegung umzusetzen. Eine sechsjährige Tanzkarriere hat Uliana Khavrona absolviert. Die Erfahrungen daraus integriert sie in ihre Hula-Hoop-Show. Gekonnt lässt sie Reifen um die verschiedensten Körperteile rotieren. Immer mehr davon hält sie virtuos und in den verschiedensten Varianten in Bewegung. Nach den nächsten Zaubereien von Kike und Jon Young nimmt Viviana Rossi ein Bad in einer gläsernen Wanne. Doch das Behältnis dient nicht der Körperpflege oder Entspannung, sondern das Wasser sorgt bei ihrer Kür an den Strapaten für fantastische Effekte. Die perlenden Wassertropfen sind hier wirklich nur die optische Aufwertung, denn die starken Tricks überzeugen schon an sich. Viviana Rossi hat nicht nur einen eindrucksvoll trainierten Body, sondern weiß ihre Kraft auch äußerst geschickt einzusetzen. Eine enorme Körperbeherrschung erfordern insbesondere die zig Umschwünge. Nur ein paar kleinere Ablenkungsmanöver benötigen Kike und Jon Young für ihr Spiel mit einem Zuschauer. Der Herr darf zwischen zwei Fingern eine Rolle WC-Papier halten. Davon abgerissene Blätter verschwinden auf wundersame Weise. Partner-Equilibristik hat gerade Konjunktur. Mit dem Duo Marruffo hat das Apollo aber eine besondere Darbietung des Genres im Programm. Zum einen, weil es sich bei Juan und Gustavo um Vater und Sohn handelt. Zum anderen, weil der Höhepunkt ihres Auftritts alles andere als alltäglich ist. Im Kopf-auf-Kopf erklimmt Untermann Juan zwei freistehende Leitern zu beiden Seiten seines Körpers. Schon zuvor begeistern die beiden mit einer Vielfalt an akrobatischen Figuren, bei denen Sohn Gustavo den tragenden Part übernimmt. Das Finale wird zum Fest für Augen und Ohren. Natürlich gibt es auch hier fetzige Rockmusik, alle Mitwirkenden verabschieden sich in einer ausführlichen Choreographie mit vielen Ideen. Die kreativsten Momente des Abend erleben wir aber, wenn sich der Vorhang ein letztes Mal öffnet. Es gibt ein Acoustic Set, Kike verteilt Banknoten, Adrian Paul trägt Bikerin Melanie Chy auf der Schulter herein, die offenbar zwischenzeitlich die ein oder andere weitere Bierflasche geleert hat. Ein Happy End gibt es für Kike und Jon Young, die schlussendlich eng umschlungen tanzen.

Diese wunderschönen Szenen setzen geben dieser Show nochmal eine ganz individuelle Note. Denn im Kern ist „Sunset Strip“ weitgehend ein Nummernprogramm. Das freilich in einem fantastischen Setting. Band, Sänger und Ballett sind ein riesiger Gewinn, zumal allesamt von höchster Qualität. Dazu das grandiose Bühnenbild, das traumhafte Licht und bestens ausgewählte Darbietungen. Die Musik lässt ohnehin keinen Gast ruhig auf seinem Platz sitzenbleiben. Ein besonderer Genuss für jene Zuschauer, die die 1980er selbst miterlebt haben. Aber die meisten der Songs sind inzwischen ohnehin Klassiker und somit auch den nachfolgenden Generationen bestens vertraut. Die Show ist somit für alle Altersklassen ein elektrisierender Erlebnis, Standing Ovations bei der Pressepremiere unterstreichen dies.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch