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Und so erfreuen wir uns auch
in diesem Winter am Conelli-Ballett mit seinen sechs
vorzüglichen Tänzerinnen, Sängerin Maria Stukey und Sänger Evan
Andrews. Doch diesmal kommen diese in der ersten Programmhälfte
nur ein einziges Mal zum Einsatz. Nach der Pause haben sie
mehrere Auftritte, aber in gegenüber früheren Saisons
kompakteren Szenen. Auch insgesamt wurde die Vorstellungdauer
auf unter zweieinhalb Stunden einschließlich Pause verkürzt –
heutigen Sehgewohnheiten entsprechend.
  
Roli und Tonino, Sharyn
Monni, Jeremy Gasser
Und noch etwas ist anders: Die
großen Truppen, die die Conelli-Programme stets mit geprägt
haben, fehlen in dieser Saison. Dennoch werden wir im
artistischen Teil mit einer Premium-Selektion zirzensischer
Kostbarkeiten verwöhnt – mit Solisten, Duos und einem Quartett.
Wie schon im Vorjahr gibt es eine Rahmenhandlung. Sie greift das
Programmotto „The Joy of Life“ auf und wird mit den
außergewöhnlichen Kunstfiguren des Schweizer Puppenspielers
Dominic Ulli sowie der Stimme aus dem Off von Mélanie Adami
umgesetzt. Letztere spricht zu Beginn davon, wie schnell die
Zeit vergehe, aus Klein werde bald Groß, jeder Tag sei wichtig.
Teil des Prologs ist auch der erste Auftritt von Clown Roli
und seines derzeitigen Partners Tonino Ferreira, unter
Circusfreunden besser bekannt als Toni Manduca. Er vertritt den
nach wie vor erkrankten Gaston. In einer Weihnachts-Bescherung
gibt es als Geschenke eine zauberhafte „Rösti-Pfanne“, aus der
das „Nationalgericht“ auf wundersame Weise erscheint, wie auch
eine Kiste, der Dominic Ullis erste Puppe entsteigt – nur 80
Zentimeter groß, aus einem weißen Gittermaterial, zauberhaft von
innen beleuchtet. Jeder der Puppen, die wir im Programmverlauf
erleben, wird jeweils von mehreren schwarz gekleideten Helfern
im Hintergrund Beweglichkeit verliehen. Mélanie Adami
beschreibt, wie wir oft das ganze Gewicht der Welt auf den
Schultern spüren, doch lieber die Sorgen ziehen lassen sollen.
Anstelle der vorgesehenen Horizontaljonglage von Victor Moiseev
tritt in der besuchten Vorstellung Sharyn Monni mit einer
Darbietung an Strapaten auf. Genickhang, kraftvolle Überschläge
oder der Seitspagat sind nur Teile ihres Repertoires.

Fly Diggerz
Nun erst folgt das ganz große
Opening. Ballett, Sängerin und Sänger sowie Juniorchef Jeremy
Gasser an der Gitarre, alle in roten Kostümen, reißen uns in
einem temperamentvollen Auftritt mit. Dieser geht nahtlos über
in den Auftritt der Fly Diggerz, vier Jungs und ein Mädel aus
Japan, ebenfalls ganz in Rot. „Double Dutch“ nennt sich die von
ihnen beherrschte Seilspring-Technik, bei der zumeist zwei Seile
gegenläufig gedreht werden, während die übrigen Akteure hindurch
springen, tanzen und Salti schlagen. Im fliegenden Wechsel lösen
die Artisten sich beim Seildrehen und Springen ab. Der
fantastische Act bietet einen Rausch der Geschwindigkeit, coole
Musik und jugendliche Sorglosigkeit. Ruhiger wird es gleich im
Anschluss, wenn Roli am Beispiel von Tonino seine nicht ganz so
undurchschaubaren Fähigkeiten im Gedankenlesen demonstriert.
  
Sharyn Monni,
Konstantin Mouraviev, Zhang Fan
Sogleich gibt es ein
Wiedersehen mit Sharyn Monni, nunmehr mit ihrer bekannten
Hauptnummer. Von Erzählstimme Mélanie Adami wird ihr Requisit
als „Weihnachtsbaumkugel“ vorgestellt, von den Requisiteuren
wird es zunächst mit Tannenschmuck versehen in die Manege
gebracht. In luftiger Höhe beweist Sharyn Monni in der
Plexiglaskugel, die sich unten öffnen kann, ihre hohe
Beweglichkeit. Mit umsichtig und sorgfältig ausgeführten
Bewegungen vermeidet sie es, durch den Kugelspalt in die Tiefe
zu stürzen. Bestens bekannt aus dem Circus Roncalli ist
Konstantin Mouravievs Rhönrad-Komödie, bei der er zum Schein
seinen voluminösen Bauch wegtrainiert, bis dieser nach dem
beherzten Genuss einer Flasche Bier schnell wiederkehrt. Im
kleinen Chapiteau kommt die Nummer nochmal so gut zur Geltung –
inklusive kleinem Schreck für die Logengäste, wenn er direkt auf
sie zuhält. Mouraviev heizt die Stimmung im Publikum mächtig an.
Im Anschluss philosophiert die Stimme aus dem Hintergrund über
das Leben als Balanceakt, während eine deutlich größere der
leuchtenden Puppen ihren Auftritt hat. Damit wird auf den
Balanceakt von Zhang Fan eingestimmt. Sein Können auf dem
Schlappseil – mit Kopfüber-Fahrt auf dem Einrad oder Balancen
auf dem bedrohlich weit schwingenden Seil – ist unerreicht. Ganz
außergewöhnlich für einen chinesischen Künstler ist der
offensive, mitreißende Verkauf. In der Kombination entsteht eine
einzigartige Darbietung und würdige Pausennummer. Vor der
Unterbrechung stellt sich der komische Zauberer Domino Gasser
vor, dies im Zusammenspiel mit Tonino und Roli. Letzterer wird
ziemlich nass, als Tonino die zuvor von Domino gezeigte Illusion
nachmachen will.
  
Conelli Dancers mit Maria
Stukey, Li Dahzi, Duo Our Story
Ganz in weiß empfangen uns
Ballett, Sängerin und Sänger zum zweiten Teil. Viele Handys
werden gezückt, um Fotos von der leuchtenden Erscheinung der
großen Puppenfigur zu machen. Im gesprochenen Begleittext geht
es nun um das Erreichen großer Ziele aus eigener Kraft. Der
perfekte Kommentar zur nachfolgenden Nummer des Chinesen Li
Dahzi. Seine Stuhlpyramide bringt das Genre auf ein neues Level.
Außerordentlich hoch ist der Turm aus offenkundig sehr schweren
Stühlen, auf denen er arbeitet. Ehe die letzten Stühle
hinzukommen, zeigt er Handstände auf dem rotierenden Turm. An
der Spitze demonstriert er unter anderem einen einarmigen (!)
Klötzchen-Abfaller mit vier Klötzen und jongliert im Kopfstand,
sich dabei um sich selbst drehend – jeweils einen Ring lässt er
um die Beine kreisen, drei Ringe hält er gleichzeitig mit den
Händen in der Luft. Spannend auch sein Abgang kopfüber, in dem
er Stuhl für Stuhl nach unten in die Manege wirft, wo sie von
Helfern mit gespannten Tüchern gefangen werden. So geht es für
ihn, mit Longen-Unterstützung, in Handstandsprüngen Etage für
Etage nach unten, bis der Turm verschwunden ist. Der Applaus ist
riesig. Eine Art „Betriebsunfall“ führt dazu, dass keine hübsche
Dame aus dem Publikum, sondern Tonino von Rolis romantischem
Werben mit der „indischen Liebesblume“ verzaubert wird. Kurz,
knapp und rockig ist das Zwischenspiel der Conelli Dancers mit
dem Gesangsduo und Jeremy Gasser, ehe uns mit dem Duo „Our
Story“ das nächste Highlight erwartet. Hier vereint sich eine
leidenschaftlich erzählte Beziehungsgeschichte mit
hervorragender artistischer Leistung – wenn er sich den Mast
hinunterstürzt und sich kurz vor dem Boden fängt; wenn sie den
Mast kurz loslässt, um ihn an sich vorbeizurutschen lassen; wenn
sie auf seinem wie eine Flagge vom Mast weggedrückten Körper
steht. Oder wenn er den Mast erklimmt, die Partnerin Schulter
auf Schulter tragend.
  
Victor Krachinov, Domino Gasser,
Puppe von Dominic Ulli
Während Roli bei seiner
Gesangsdarbietung empfindlich von Tonino gestört wird, haben
Maria Stukey und Evan Andrews dieses Problem bei ihrer
Performance inmitten der Salto Dancers nicht. Victor Krachinov
setzt bei seinen exzentrisch-modern gestalteten Jonglagen einen
besonderen Akzent. In seiner vor Dynamik strotzenden Nummer hält
der junge Mann mit offenem Hemd und wilder Mähne jeweils bis zu
sieben Bälle und Keulen in der Luft. Einen etwas zwiespältigen
Eindruck hinterlässt bei uns Domino Gasser, der sich als großer
Zauberer im schwarzen Frack präsentiert. Ja, er ist witzig und
sympathisch, bringt dabei durchaus auch eigene Ideen ein, doch
die starke Anlehnung an die Comedy-Illusionen von Steve Eleky
sind sehr deutlich. Insgesamt kommt er freilich gut an. Nachdem
wir im großen Opening Hochgeschwindigkeits-Artistik erlebten,
geht es mit Partnerakrobatik im Zeitlupentempo in Richtung
Finale. Beim Auftritt des Duos A & A trägt Anton Makukhin seinen
Partner Adam Vazquez durch schwierigste Figuren – nicht nur die
Aufmachung mit weißen Hosen und freien, enorm muskelbepackten
Oberkörpern, sondern auch ihr Schlusstrick erinnert uns an die
legendären Alexis Brothers. Im Finale zieht Conelli nochmal alle
Register, dies mit der wundervollen Musik der 14-köpfigen
Bigband von Alex Maliszewski und Gesang, verschwenderischem
Licht, den Conelli Dancers in beleuchteten
Weihnachtsfrau-Kostümen – und natürlich einer persönlichen
Verabschiedung durch Direktor Roby Gasser, Ehefrau Cindy Gasser
Lee und Sohn Jeremy. Mit Standing Ovations auch am Nachmittag
feiert das Publikum das Ensemble. |