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Circus Conelli 2023
www.circusconelli.ch ; 176 Showfotos

Zürich, 2. Dezember 2023: Auf einem behutsamen Modernisierungskurs befindet sich der Circus Conelli, Zürichs traditionsreicher Weihnachtscircus auf dem Bauschänzli. 1982 fand die erste Ausgabe auf der Sechseläutenwiese statt, zehn Jahre später wurde erstmals auf der Insel in der Limmat gespielt. Diese beherbergt das Unternehmen bis heute jeden Winter. Inzwischen ist mit Jeremy und Tyron Gasser die dritte Generation der Direktionsfamilie ins Management involviert. Es ist klar, dass über einen solch langen Zeitraum immer wieder Anpassungen an den veränderten Publikumsgeschmack notwendig sind.

Und so erfreuen wir uns auch in diesem Winter am Conelli-Ballett mit seinen sechs vorzüglichen Tänzerinnen, Sängerin Maria Stukey und Sänger Evan Andrews. Doch diesmal kommen diese in der ersten Programmhälfte nur ein einziges Mal zum Einsatz. Nach der Pause haben sie mehrere Auftritte, aber in gegenüber früheren Saisons kompakteren Szenen. Auch insgesamt wurde die Vorstellungdauer auf unter zweieinhalb Stunden einschließlich Pause verkürzt – heutigen Sehgewohnheiten entsprechend.


Roli und Tonino, Sharyn Monni, Jeremy Gasser

Und noch etwas ist anders: Die großen Truppen, die die Conelli-Programme stets mit geprägt haben, fehlen in dieser Saison. Dennoch werden wir im artistischen Teil mit einer Premium-Selektion zirzensischer Kostbarkeiten verwöhnt – mit Solisten, Duos und einem Quartett. Wie schon im Vorjahr gibt es eine Rahmenhandlung. Sie greift das Programmotto „The Joy of Life“ auf und wird mit den außergewöhnlichen Kunstfiguren des Schweizer Puppenspielers Dominic Ulli sowie der Stimme aus dem Off von Mélanie Adami umgesetzt. Letztere spricht zu Beginn davon, wie schnell die Zeit vergehe, aus Klein werde bald Groß, jeder Tag sei wichtig. Teil des Prologs ist auch der erste Auftritt von Clown Roli und seines derzeitigen Partners Tonino Ferreira, unter Circusfreunden besser bekannt als Toni Manduca. Er vertritt den nach wie vor erkrankten Gaston. In einer Weihnachts-Bescherung gibt es als Geschenke eine zauberhafte „Rösti-Pfanne“, aus der das „Nationalgericht“ auf wundersame Weise erscheint, wie auch eine Kiste, der Dominic Ullis erste Puppe entsteigt – nur 80 Zentimeter groß, aus einem weißen Gittermaterial, zauberhaft von innen beleuchtet. Jeder der Puppen, die wir im Programmverlauf erleben, wird jeweils von mehreren schwarz gekleideten Helfern im Hintergrund Beweglichkeit verliehen. Mélanie Adami beschreibt, wie wir oft das ganze Gewicht der Welt auf den Schultern spüren, doch lieber die Sorgen ziehen lassen sollen. Anstelle der vorgesehenen Horizontaljonglage von Victor Moiseev tritt in der besuchten Vorstellung Sharyn Monni mit einer Darbietung an Strapaten auf. Genickhang, kraftvolle Überschläge oder der Seitspagat sind nur Teile ihres Repertoires.


Fly Diggerz

Nun erst folgt das ganz große Opening. Ballett, Sängerin und Sänger sowie Juniorchef Jeremy Gasser an der Gitarre, alle in roten Kostümen, reißen uns in einem temperamentvollen Auftritt mit. Dieser geht nahtlos über in den Auftritt der Fly Diggerz, vier Jungs und ein Mädel aus Japan, ebenfalls ganz in Rot. „Double Dutch“ nennt sich die von ihnen beherrschte Seilspring-Technik, bei der zumeist zwei Seile gegenläufig gedreht werden, während die übrigen Akteure hindurch springen, tanzen und Salti schlagen. Im fliegenden Wechsel lösen die Artisten sich beim Seildrehen und Springen ab. Der fantastische Act bietet einen Rausch der Geschwindigkeit, coole Musik und jugendliche Sorglosigkeit. Ruhiger wird es gleich im Anschluss, wenn Roli am Beispiel von Tonino seine nicht ganz so undurchschaubaren Fähigkeiten im Gedankenlesen demonstriert.


Sharyn Monni, Konstantin Mouraviev, Zhang Fan

Sogleich gibt es ein Wiedersehen mit Sharyn Monni, nunmehr mit ihrer bekannten Hauptnummer. Von Erzählstimme Mélanie Adami wird ihr Requisit als „Weihnachtsbaumkugel“ vorgestellt, von den Requisiteuren wird es zunächst mit Tannenschmuck versehen in die Manege gebracht. In luftiger Höhe beweist Sharyn Monni in der Plexiglaskugel, die sich unten öffnen kann, ihre hohe Beweglichkeit. Mit umsichtig und sorgfältig ausgeführten Bewegungen vermeidet sie es, durch den Kugelspalt in die Tiefe zu stürzen. Bestens bekannt aus dem Circus Roncalli ist Konstantin Mouravievs Rhönrad-Komödie, bei der er zum Schein seinen voluminösen Bauch wegtrainiert, bis dieser nach dem beherzten Genuss einer Flasche Bier schnell wiederkehrt. Im kleinen Chapiteau kommt die Nummer nochmal so gut zur Geltung – inklusive kleinem Schreck für die Logengäste, wenn er direkt auf sie zuhält. Mouraviev heizt die Stimmung im Publikum mächtig an. Im Anschluss philosophiert die Stimme aus dem Hintergrund über das Leben als Balanceakt, während eine deutlich größere der leuchtenden Puppen ihren Auftritt hat. Damit wird auf den Balanceakt von Zhang Fan eingestimmt. Sein Können auf dem Schlappseil – mit Kopfüber-Fahrt auf dem Einrad oder Balancen auf dem bedrohlich weit schwingenden Seil – ist unerreicht. Ganz außergewöhnlich für einen chinesischen Künstler ist der offensive, mitreißende Verkauf. In der Kombination entsteht eine einzigartige Darbietung und würdige Pausennummer. Vor der Unterbrechung stellt sich der komische Zauberer Domino Gasser vor, dies im Zusammenspiel mit Tonino und Roli. Letzterer wird ziemlich nass, als Tonino die zuvor von Domino gezeigte Illusion nachmachen will.


Conelli Dancers mit Maria Stukey, Li Dahzi, Duo Our Story

Ganz in weiß empfangen uns Ballett, Sängerin und Sänger zum zweiten Teil. Viele Handys werden gezückt, um Fotos von der leuchtenden Erscheinung der großen Puppenfigur zu machen. Im gesprochenen Begleittext geht es nun um das Erreichen großer Ziele aus eigener Kraft. Der perfekte Kommentar zur nachfolgenden Nummer des Chinesen Li Dahzi. Seine Stuhlpyramide bringt das Genre auf ein neues Level. Außerordentlich hoch ist der Turm aus offenkundig sehr schweren Stühlen, auf denen er arbeitet. Ehe die letzten Stühle hinzukommen, zeigt er Handstände auf dem rotierenden Turm. An der Spitze demonstriert er unter anderem einen einarmigen (!) Klötzchen-Abfaller mit vier Klötzen und jongliert im Kopfstand, sich dabei um sich selbst drehend – jeweils einen Ring lässt er um die Beine kreisen, drei Ringe hält er gleichzeitig mit den Händen in der Luft. Spannend auch sein Abgang kopfüber, in dem er Stuhl für Stuhl nach unten in die Manege wirft, wo sie von Helfern mit gespannten Tüchern gefangen werden. So geht es für ihn, mit Longen-Unterstützung, in Handstandsprüngen Etage für Etage nach unten, bis der Turm verschwunden ist. Der Applaus ist riesig. Eine Art „Betriebsunfall“ führt dazu, dass keine hübsche Dame aus dem Publikum, sondern Tonino von Rolis romantischem Werben mit der „indischen Liebesblume“ verzaubert wird. Kurz, knapp und rockig ist das Zwischenspiel der Conelli Dancers mit dem Gesangsduo und Jeremy Gasser, ehe uns mit dem Duo „Our Story“ das nächste Highlight erwartet. Hier vereint sich eine leidenschaftlich erzählte Beziehungsgeschichte mit hervorragender artistischer Leistung – wenn er sich den Mast hinunterstürzt und sich kurz vor dem Boden fängt; wenn sie den Mast kurz loslässt, um ihn an sich vorbeizurutschen lassen; wenn sie auf seinem wie eine Flagge vom Mast weggedrückten Körper steht. Oder wenn er den Mast erklimmt, die Partnerin Schulter auf Schulter tragend.


Victor Krachinov, Domino Gasser, Puppe von Dominic Ulli

Während Roli bei seiner Gesangsdarbietung empfindlich von Tonino gestört wird, haben Maria Stukey und Evan Andrews dieses Problem bei ihrer Performance inmitten der Salto Dancers nicht. Victor Krachinov setzt bei seinen exzentrisch-modern gestalteten Jonglagen einen besonderen Akzent. In seiner vor Dynamik strotzenden Nummer hält der junge Mann mit offenem Hemd und wilder Mähne jeweils bis zu sieben Bälle und Keulen in der Luft. Einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlässt bei uns Domino Gasser, der sich als großer Zauberer im schwarzen Frack präsentiert. Ja, er ist witzig und sympathisch, bringt dabei durchaus auch eigene Ideen ein, doch die starke Anlehnung an die Comedy-Illusionen von Steve Eleky sind sehr deutlich. Insgesamt kommt er freilich gut an. Nachdem wir im großen Opening Hochgeschwindigkeits-Artistik erlebten, geht es mit Partnerakrobatik im Zeitlupentempo in Richtung Finale. Beim Auftritt des Duos A & A trägt Anton Makukhin seinen Partner Adam Vazquez durch schwierigste Figuren – nicht nur die Aufmachung mit weißen Hosen und freien, enorm muskelbepackten Oberkörpern, sondern auch ihr Schlusstrick erinnert uns an die legendären Alexis Brothers. Im Finale zieht Conelli nochmal alle Register, dies mit der wundervollen Musik der 14-köpfigen Bigband von Alex Maliszewski und Gesang, verschwenderischem Licht, den Conelli Dancers in beleuchteten Weihnachtsfrau-Kostümen – und natürlich einer persönlichen Verabschiedung durch Direktor Roby Gasser, Ehefrau Cindy Gasser Lee und Sohn Jeremy. Mit Standing Ovations auch am Nachmittag feiert das Publikum das Ensemble.

In einem romantischen Epilog erscheint die letzte, mehr als fünf Meter hohe Puppe von Dominic Ulli. Und die Stimme aus dem Off mahnt uns, das Tempo aus der Welt zu nehmen, uns mehr um unsere Liebsten zu kümmern. Allzu schnell würden die Kleinen groß. Stattdessen sollen wir den Wert des Lebens sehen, eben „The Joy of Life“ genießen. Und jeder Besuch bei Conelli ist sicher ein wertvoller Beitrag dazu, den hektischen Alltag einmal hinter uns zu lassen und voll und ganz in eine zirzensische Traumwelt abzutauchen, die uns für einen Nachmittag voll und ganz verzaubert.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll (15), Markus Moll (1)