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Cirque d'Hiver Bouglione 2023/24
www.cirquedhiver.com ; 192 Showfotos

Paris, 2. Dezember 2023: Natürlich lohnt sich der Besuch im Cirque d'Hiver immer. Und auch im Freundeskreis kann man die Shows uneingeschränkt empfehlen. Es ist stets ein einzigartiges Erlebnis, den Prachtbau mit seinen groß inszenierten Vorstellungen zu genießen. Bei den regelmäßigen Gästen im Circus der Familie Bouglione schwankt die Zufriedenheit – auf hohem Niveau freilich - von Jahr zu Jahr. Was vor allen Dingen am Programm liegt. Die Produktion 2023/24 ist dahingehend ein Volltreffer. „Délire“ ist grandios besetzt mit bekannten Manegenkünstlern und neuen Gesichtern.

Es gibt viel zu Lachen, man kann träumen, mit den Akteuren mitfiebern und die Gelehrigkeit der Tiere bewundern. Dazu läuft die Show sehr flott ab und spielt wunderbar die Klaviatur der Emotionen. Sie nimmt einen immer gefangen, es besteht keine Sekunde die Gefahr, sich zu langweilen. Die Standing Ovations beim Finale sind extrem energiegeladen, das Publikum hat das Spektakel deutlich hörbar genossen.


Szene aus dem Finale

Schon der Beginn gut zwei Stunden zuvor ist beeindruckend. Nach dem Warm up durch Clown Matute spielt das Orchester seine Ouvertüre. Es umfasst in dieser Saison zehn Musikerinnen und Musiker, die während der gesamten Vorstellung fantastisch spielen. Bei einzelnen Auftritten ist zudem eine Sängerin dabei. Das Ensemble steht unter der Leitung von Pierre Pichaud, der allerdings an diesem Abend nicht selbst dirigiert. Die Salto Dancers – sechs Damen und drei Herren – sehen nicht nur blendend aus, sondern tanzen ebenfalls grandios. Dies in fantastischen Kostümen. Das phänomenale Lichtdesign ist auch in dieser Spielzeit wieder ein Hochgenuss. „Place au Cirque“ lauten die magischen Worte, mit denen Michel Palmer den roten Ring freigibt. Der eloquente Monsieur Loyal im roten Frack ist immer wieder präsent, stellt zwischen den Nummern den Bezug zum Programmtitel her und fasst sich stets angenehm kurz. Zum groß zelebrierten Opening erscheint er mittels Hebebühne aus dem Boden unter der Manege. Zudem sind einzelne Artisten beim Auftakt dabei.


Regina Bouglione, Glenn Folco, Duo Rolling Wheel

Dann richten sich alle Blicke auf eine Frau mit langen schwarzen Haaren und ihr weißes Pferd. Wo gerade noch ein ausschweifendes Fest gefeiert wurde, reitet nun Regina Bouglione gewinnend eine Hohe Schule. Ein schönes Bild ganz in der Tradition des klassischen Circus. Voller Schwung geht es weiter mit Glenn Folco. Der jugendliche Jongleur hat sich auf Tennisschläger spezialisiert. Zunächst manipuliert er einen mit Devil Sticks, dann hält er bis zu fünf davon in der Luft. Dies auffallend lange ohne abzusetzen. In die Jonglage mit drei Rackets baut der italienische Sonnyboy einen Rückwärtssalto ein. Begleitet vom Ballett startet die Darbietung mit zwei Rhönrädern des Duos Rolling Wheel. Die Akrobaten aus Ungarn wagen nicht nur ausdrucksstark wilde Touren mit ihren Requisiten, sondern balancieren auch auf den ruhenden Rädern. Etwa im Kopfstand oder Zwei-Personen-Hoch. Matute ist den ganzen Abend über in verschiedenen Auftritten unser Begleiter. In seiner ersten eigenständigen Szene misst er sich mit einem Zuschauer in der Kunst des Karate. Schon die Vorbereitungen dazu sind höchst amüsant. Der Gast aus dem Publikum muss dem Clown verschiedene Aufwärmübungen nachmachen, die mit witzigen Geräuschen unterlegt werden. Dabei nimmt der verschmitzte Spaßmacher mit der gelben Kappe seinen Mitspieler immer gekonnt mit, stellt ihn nie bloß.


Cassie Audiffrin, Trio Three G

Die Nummer von Cassie Audiffrin gehört für mich zu den Highlights des Programms. Können, Ausstrahlung und Originalität kommen hier auf geniale Weise zusammen. An einem massiv aussehenden Kofferkuli begibt sie sich in der Rolle eines Hotelpagen in die Luft. Die verschiedenen Verstrebungen werden ähnlich wie Trapezstangen eingesetzt. Das erlaubt ganz neuartige Tricks. Zudem gibt es am oberen Ende eine Stange, an der die junge Französin unter anderem einen Zehenhang zeigt. Hinzu kommen das blendende Aussehen von Cassie Audiffrin. Gemeinsam mit Licht, Musik und den Salto Dancers in Hoteluniformen wird daraus ein Hochgenuss. Auf dem Boden zurück, zieht sich die Artistin ihr komplettes Pagenoutfit an, schnappt sich die herumliegenden Koffer und bringt sie heraus, als wäre das ihr eigentlicher Job. Partnerequilibristik und Handvoltigen sind das Metier des Trio Three G. Die Damen bilden gemeinsam filigrane Gebilde der Gleichgewichtskunst, die für die Zuschauer im Rund nicht annähernd erreichbar sind. So viel Gelenkigkeit, so viel wohldosiert eingesetzte Kraft beweisen die Damen. Eine davon wird zudem von den Partnerinnen kunstvoll in die Luft geworfen und sicher wieder aufgefangen.


Scott & Muriel

Auf diese Anmut, diese Ästhetik folgt vermeintliches Unvermögen. Scott und Muriel verstehen es auf unnachahmliche Weise, Komik und geniale Magie zu vereinen. Sie gibt die extrovertierte Assistentin, die immer mehrere Spuren zu schrill auftritt, er den vertrottelten Zauberer. Zunächst bringt Matute vier an zwei Seiten offene Würfel herein und stapelte sie auf einer auf einem Rollwagen liegenden Palette in der falschen Reihenfolge übereinander. Als dann eine weitere Seite geöffnet wird, hängt darin kopfüber Scott. Für die Aufführung der zersägten Jungfrau reicht ihm Matute eine lebensgroße Puppe, die immer wieder Teile verliert. Irgendwie schafft es Scott, sie in das Requisit zu legen. Während weitere Pannen passieren, wird die Puppe lebendig – Auftritt Muriel. Ausgelassen zelebriert sie diesen. Herrlich auch der zweite Trick, bei dem Muriel samt Quietscheente in einer Kiste vermeintlich zerdrückt wird, um kurz danach quicklebendig aus dem Mitteleingang wieder zu erscheinen. Unglaubliche Zauberei, grandioses Spiel!


Nirio Rodriguez, Professeur Ermakov

Die Formation Miami Flow besteht aus einer Dame und fünf Herren. Voller Lebensfreude begeistern sie mit Akrobatik am Schleuderbrett. Variantenreiche Sprünge werden auf einer Matte, auf mit einer Perchestange stabilisierten Menschentürmen oder einem Sessel in luftiger Höhe gelandet. Die Salto Dancers entlassen uns gemeinsam mit dem Orchester in die folgende Pause und begrüßen uns danach gemeinsam mit der Sängerin zum zweiten Teil. Mit Hand- und Kopfständen steht sodann Nirio Rodriguez im Scheinwerferlicht. Der kubanische Modellathlet weiß seine Muskeln gekonnt einzusetzen. Die meisten seiner abwechslungsreichen Handstände zelebriert er auf einem Arm. Auf einen freistehenden Kopfstand auf einer schon recht hohen Stange folgt ein Einarmer auf einer noch viel höheren. Sorgte Cassie Audiffrin im ersten Teil mit einer Novität im artistischen Bereich für Aufsehen, tut dies nun Lehrer beziehungsweise Professor Ermakov auf dem Gebiet der Dressur. Seine Hundenummer zieht er wie eine Schulstunde auf, bei der die Vierbeiner nahezu selbständig als Eleven agieren. Rechts und links der Tafel sind mehrere Schulbänke aufgebaut, an denen die Hunde verschiedener Rassen Platz nehmen. Sie lösen Rechenaufgaben und zeigen abgefragte Orte auf einem Globus. Der Clou sind aber die vermeintlichen Kleinigkeiten. Einer der Hunde kommt zu spät, ein anderer sagt vor und wird dann von einem „Mitschüler“ verpetzt. Dafür bekommt er wiederum „Prügel“. Verschiedene Sprünge und das Balancieren auf den Hinterbeinen beschließen diese einzigartige Vorführung.


Matute, Artur und Esmira, Miami Flow

Mit einer großen Trommel auf dem Rücken dirigiert Matute die Zuschauer auf drei von ihm definierten Abschnitten der Ränge. Zwei verursachen „no problems“, mit dem dritten muss der Clown viel Geduld beweisen. Dank der herrlichen Komik von Matute haben alle Gäste ordentlich zu Lachen. Allergrößte Heiterkeit produzieren Scott & Muriel auch in ihrem zweiten Auftritt. In schrillen 70er Jahre-Outfits lassen sie eine rotierende Kreissäge auf einen in einer zweiteiligen Kiste liegenden Zuschauer los. Zumindest ein wenig wird dieser „angesägt“ und die beiden Hälften des Requisits gehen leicht auseinander. Den „Freiwilligen“ hat Muriel höchstselbst ausgesucht, nachdem sie zuvor auf dem Orchesterpodium „I wanna be loved by you“ zum Besten gegeben hat. Pannen sind hier wiederum fest eingeplant und sorgen zusammen mit dem grandiosen Spiel des Duos für ausufernde Lachsalven im Rund. Aus dem Untergeschoss wird mittels der versenkbaren Mittelbühne Juliano Bouglione nach oben gefahren. Voller Enthusiasmus beweist der junge Sproß der Direktionsfamilie seine Fähigkeiten am Schlagzeug. „He lives in you“ aus dem „König der Löwen“ liefert den Soundtrack zur traumhaften Kür an den Strapaten von Artur und Esmira. Kraft und Gleichgewichtssinn vereinen sich hier mit Ästhetik sowie Leidenschaft. Es ist einfach herrlich, dem jungen Paar zuzusehen. Ein wahrer Rausch entsteht, bei dem das Risiko sicher nicht unerheblich ist. An dieser Stelle nochmals ein großes Lob an die fantastische Sängerin und das geniale Orchester. Die Schlussnummer gehört Miami Flow. Eingeleitet von den Salto Dancers beweist das Sextett jetzt seine Fähigkeiten am Russischen Barren. Ihre gewagten Salti landen die Artisten präzise auf der biegsamen Stange. Dabei versprühen sie viel positive Energie.

Zum Finale werden wie gewohnt noch einmal alle Register gezogen. Die Salto Dancers, das Orchester und alle weiteren Mitwirkenden sind dabei. Das Licht wird nochmals verschwenderisch eingesetzt. Es entstehen phänomenale Bilder, die sich einprägen. So schön kann Circus sein! Dazu kommt eben das außergewöhnliche Programm. Für mich das vielleicht stärkste der letzten Jahre im Cirque d'Hiver. Zu Ende ist es erst, wenn Scott & Muriel gemeinsam mit Matute die zuvor gequetschte Quietscheente wieder zu vollem Volumen gebracht haben.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch