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Es gibt viel zu Lachen, man
kann träumen, mit den Akteuren mitfiebern und die Gelehrigkeit
der Tiere bewundern. Dazu läuft die Show sehr flott ab und
spielt wunderbar die Klaviatur der Emotionen. Sie nimmt einen
immer gefangen, es besteht keine Sekunde die Gefahr, sich zu
langweilen. Die Standing Ovations beim Finale sind extrem
energiegeladen, das Publikum hat das Spektakel deutlich hörbar
genossen.

Szene aus dem Finale
Schon der Beginn gut zwei Stunden
zuvor ist beeindruckend. Nach dem Warm up durch Clown Matute
spielt das Orchester seine Ouvertüre. Es umfasst in dieser
Saison zehn Musikerinnen und Musiker, die während der gesamten
Vorstellung fantastisch spielen. Bei einzelnen Auftritten ist
zudem eine Sängerin dabei. Das Ensemble steht unter der Leitung
von Pierre Pichaud, der allerdings an diesem Abend nicht selbst
dirigiert. Die Salto Dancers – sechs Damen und drei Herren –
sehen nicht nur blendend aus, sondern tanzen ebenfalls grandios.
Dies in fantastischen Kostümen. Das phänomenale Lichtdesign ist
auch in dieser Spielzeit wieder ein Hochgenuss. „Place au Cirque“
lauten die magischen Worte, mit denen Michel Palmer den roten
Ring freigibt. Der eloquente Monsieur Loyal im roten Frack ist
immer wieder präsent, stellt zwischen den Nummern den Bezug zum
Programmtitel her und fasst sich stets angenehm kurz. Zum groß
zelebrierten Opening erscheint er mittels Hebebühne aus dem
Boden unter der Manege. Zudem sind einzelne Artisten beim
Auftakt dabei.
  
Regina Bouglione, Glenn
Folco, Duo Rolling Wheel
Dann richten sich alle Blicke auf
eine Frau mit langen schwarzen Haaren und ihr weißes Pferd. Wo
gerade noch ein ausschweifendes Fest gefeiert wurde, reitet nun
Regina Bouglione gewinnend eine Hohe Schule. Ein schönes Bild
ganz in der Tradition des klassischen Circus. Voller Schwung
geht es weiter mit Glenn Folco. Der jugendliche Jongleur hat
sich auf Tennisschläger spezialisiert. Zunächst manipuliert er
einen mit Devil Sticks, dann hält er bis zu fünf davon in der
Luft. Dies auffallend lange ohne abzusetzen. In die Jonglage mit
drei Rackets baut der italienische Sonnyboy einen Rückwärtssalto
ein. Begleitet vom Ballett startet die Darbietung mit zwei
Rhönrädern des Duos Rolling Wheel. Die Akrobaten aus Ungarn
wagen nicht nur ausdrucksstark wilde Touren mit ihren
Requisiten, sondern balancieren auch auf den ruhenden Rädern.
Etwa im Kopfstand oder Zwei-Personen-Hoch. Matute ist den ganzen
Abend über in verschiedenen Auftritten unser Begleiter. In
seiner ersten eigenständigen Szene misst er sich mit einem
Zuschauer in der Kunst des Karate. Schon die Vorbereitungen dazu
sind höchst amüsant. Der Gast aus dem Publikum muss dem Clown
verschiedene Aufwärmübungen nachmachen, die mit witzigen
Geräuschen unterlegt werden. Dabei nimmt der verschmitzte
Spaßmacher mit der gelben Kappe seinen Mitspieler immer gekonnt
mit, stellt ihn nie bloß.
 
Cassie Audiffrin, Trio
Three G
Die Nummer von Cassie Audiffrin
gehört für mich zu den Highlights des Programms. Können,
Ausstrahlung und Originalität kommen hier auf geniale Weise
zusammen. An einem massiv aussehenden Kofferkuli begibt sie sich
in der Rolle eines Hotelpagen in die Luft. Die verschiedenen
Verstrebungen werden ähnlich wie Trapezstangen eingesetzt. Das
erlaubt ganz neuartige Tricks. Zudem gibt es am oberen Ende eine
Stange, an der die junge Französin unter anderem einen Zehenhang
zeigt. Hinzu kommen das blendende Aussehen von Cassie Audiffrin.
Gemeinsam mit Licht, Musik und den Salto Dancers in
Hoteluniformen wird daraus ein Hochgenuss. Auf dem Boden zurück,
zieht sich die Artistin ihr komplettes Pagenoutfit an, schnappt
sich die herumliegenden Koffer und bringt sie heraus, als wäre
das ihr eigentlicher Job. Partnerequilibristik und Handvoltigen
sind das Metier des Trio Three G. Die Damen bilden gemeinsam
filigrane Gebilde der Gleichgewichtskunst, die für die Zuschauer
im Rund nicht annähernd erreichbar sind. So viel Gelenkigkeit,
so viel wohldosiert eingesetzte Kraft beweisen die Damen. Eine
davon wird zudem von den Partnerinnen kunstvoll in die Luft
geworfen und sicher wieder aufgefangen.

Scott & Muriel
Auf diese Anmut, diese Ästhetik
folgt vermeintliches Unvermögen. Scott und Muriel verstehen es
auf unnachahmliche Weise, Komik und geniale Magie zu vereinen.
Sie gibt die extrovertierte Assistentin, die immer mehrere
Spuren zu schrill auftritt, er den vertrottelten Zauberer.
Zunächst bringt Matute vier an zwei Seiten offene Würfel herein
und stapelte sie auf einer auf einem Rollwagen liegenden Palette
in der falschen Reihenfolge übereinander. Als dann eine weitere
Seite geöffnet wird, hängt darin kopfüber Scott. Für die
Aufführung der zersägten Jungfrau reicht ihm Matute eine
lebensgroße Puppe, die immer wieder Teile verliert. Irgendwie
schafft es Scott, sie in das Requisit zu legen. Während weitere
Pannen passieren, wird die Puppe lebendig – Auftritt Muriel.
Ausgelassen zelebriert sie diesen. Herrlich auch der zweite
Trick, bei dem Muriel samt Quietscheente in einer Kiste
vermeintlich zerdrückt wird, um kurz danach quicklebendig aus
dem Mitteleingang wieder zu erscheinen. Unglaubliche Zauberei,
grandioses Spiel!
 
Nirio Rodriguez,
Professeur Ermakov
Die Formation Miami Flow besteht
aus einer Dame und fünf Herren. Voller Lebensfreude begeistern
sie mit Akrobatik am Schleuderbrett. Variantenreiche Sprünge
werden auf einer Matte, auf mit einer Perchestange
stabilisierten Menschentürmen oder einem Sessel in luftiger Höhe
gelandet. Die Salto Dancers entlassen uns gemeinsam mit dem
Orchester in die folgende Pause und begrüßen uns danach
gemeinsam mit der Sängerin zum zweiten Teil. Mit Hand- und
Kopfständen steht sodann Nirio Rodriguez im Scheinwerferlicht.
Der kubanische Modellathlet weiß seine Muskeln gekonnt
einzusetzen. Die meisten seiner abwechslungsreichen Handstände
zelebriert er auf einem Arm. Auf einen freistehenden Kopfstand
auf einer schon recht hohen Stange folgt ein Einarmer auf einer
noch viel höheren. Sorgte Cassie Audiffrin im ersten Teil mit
einer Novität im artistischen Bereich für Aufsehen, tut dies nun
Lehrer beziehungsweise Professor Ermakov auf dem Gebiet der
Dressur. Seine Hundenummer zieht er wie eine Schulstunde auf,
bei der die Vierbeiner nahezu selbständig als Eleven agieren.
Rechts und links der Tafel sind mehrere Schulbänke aufgebaut, an
denen die Hunde verschiedener Rassen Platz nehmen. Sie lösen
Rechenaufgaben und zeigen abgefragte Orte auf einem Globus. Der
Clou sind aber die vermeintlichen Kleinigkeiten. Einer der Hunde
kommt zu spät, ein anderer sagt vor und wird dann von einem
„Mitschüler“ verpetzt. Dafür bekommt er wiederum „Prügel“.
Verschiedene Sprünge und das Balancieren auf den Hinterbeinen
beschließen diese einzigartige Vorführung.
  
Matute, Artur und Esmira,
Miami Flow
Mit einer großen Trommel auf dem
Rücken dirigiert Matute die Zuschauer auf drei von ihm
definierten Abschnitten der Ränge. Zwei verursachen „no problems“,
mit dem dritten muss der Clown viel Geduld beweisen. Dank der
herrlichen Komik von Matute haben alle Gäste ordentlich zu
Lachen. Allergrößte Heiterkeit produzieren Scott & Muriel auch
in ihrem zweiten Auftritt. In schrillen 70er Jahre-Outfits
lassen sie eine rotierende Kreissäge auf einen in einer
zweiteiligen Kiste liegenden Zuschauer los. Zumindest ein wenig
wird dieser „angesägt“ und die beiden Hälften des Requisits
gehen leicht auseinander. Den „Freiwilligen“ hat Muriel
höchstselbst ausgesucht, nachdem sie zuvor auf dem
Orchesterpodium „I wanna be loved by you“ zum Besten gegeben
hat. Pannen sind hier wiederum fest eingeplant und sorgen
zusammen mit dem grandiosen Spiel des Duos für ausufernde
Lachsalven im Rund. Aus dem Untergeschoss wird mittels der
versenkbaren Mittelbühne Juliano Bouglione nach oben gefahren.
Voller Enthusiasmus beweist der junge Sproß der
Direktionsfamilie seine Fähigkeiten am Schlagzeug. „He lives in
you“ aus dem „König der Löwen“ liefert den Soundtrack zur
traumhaften Kür an den Strapaten von Artur und Esmira. Kraft und
Gleichgewichtssinn vereinen sich hier mit Ästhetik sowie
Leidenschaft. Es ist einfach herrlich, dem jungen Paar
zuzusehen. Ein wahrer Rausch entsteht, bei dem das Risiko sicher
nicht unerheblich ist. An dieser Stelle nochmals ein großes Lob
an die fantastische Sängerin und das geniale Orchester. Die
Schlussnummer gehört Miami Flow. Eingeleitet von den Salto
Dancers beweist das Sextett jetzt seine Fähigkeiten am
Russischen Barren. Ihre gewagten Salti landen die Artisten
präzise auf der biegsamen Stange. Dabei versprühen sie viel
positive Energie. |