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Viele Jahre lang
kamen die Zelte für den Heilbronner Weihnachtscircus von Alfred
Nock bzw. als Nachfolgeunternehmen dem Circus Monti aus der
Schweiz. In diesem Jahr hat Direktor Sascha Melnjak in eigenes
Material investiert, zu dem ein 47-Meter-Chapiteau mit passendem
Vorzelt gehört. Das Design lehnt sich stark an das von Spielzelt
und Ausstattung seines Zirkus Charles Knie an, so dass das
gesamte Material des Unternehmens wie aus einem Guss erscheint.
Zugleich wurden für Heilbronn weitere Raffinessen konzipiert und
umgesetzt.
 
Eingangsbereich und Interieur des neuen Zeltpalastes
Damit bietet der
fantastische neue Zeltpalast edelstes Ambiente – die Plane außen
rot-weiß, die Einrichtung rot-gold. Das vergrößerte Vorzelt bei
gleichzeitig etwas reduzierter Sitzplatzkapazität im Chapiteau (1960
Personen) sorgt dafür, dass im herrlich dekorierten Foyer mit
Gastronomie weniger Gedränge herrscht. Die Toiletten befinden
sich nun in einem separaten Zelt, das direkt angeschlossen ist.
So ist kein Gang ins Freie mehr erforderlich, sobald man den
goldenen Zaun samt seinen illuminierten Tafeln mit Aufschrift
„Heilbronner Weihnachtscircus“ sowie das Portal mit der
Leuchtschrift „Eingang“ passiert hat. Im Zuschauerraum erwarten
uns nun ansteigende Reihen bereits in den Parkettlogen,
Klappsessel der neuesten Generation – in den Logen gepolstert –
mit darin eingelassenen Sitzplatznummern und stilvolle
Balkonlogen mit Panoramablick. Der Rundgang unter dem Balkon
bietet einen Boden aus maßgefertigten Platten. Blickfang ist der
neue Artisteneingang mit elegant geschwungenen, in wechselnden
Farben leuchtenden Showtreppen links und rechts sowie einem
goldenen Schriftzug mit dem Unternehmensnamen in der Mitte.
Darüber findet das Orchester Platz. Hier wurde ein wahrer
Traum-Circus geschaffen.
  
Dezhou
Acrobatic Troupe, Duo Ebenezer, Duo Lugo
Im großen Opening
empfangen uns die singende Moderatorin Rebecca Siemoneit-Barum
sowie die sechs „La Bouche Showgirls“ mit Federschmuck. Mit
ihnen steht ein erstklassiges Ballett zur Verfügung – präzise
tanzende, bildhübsche, einheitlich große Damen mit viel Präsenz
und Ausstrahlung in kostbaren Kostümen und bestechenden
Choreographien. Erstmals seit 2017/18 ist wieder eine große
Truppe aus China zu Gast im Heilbronner Weihnachtscircus. Gleich
vier Damen und neun Herren der Dezhou Acrobatic Troupe
erscheinen aus einer Art „Aquarium“ mit darüber springenden
Fischen, das aus Tüchern gebildet wird. Wellenbewegungen in
großer Formation, die an den rauschenden Ozean erinnern, sind
Teil der Choreographie; die blauen Kostüme der Herren lassen uns
an geschuppte Meeresbewohner denken. Bei all der aufwendigen
Gestaltung kommen die hervorragenden Leistungen beim
Reifenspringen, dies auch in beeindruckend großer Höhe, nicht zu
kurz. Erstmals erleben wir das kubanische Duo Ebenezer, Nardelys
Jimenez Aguila und ihren Partner Rey Vela Pérez. Bei ihrer
Partner-Equilibristik im tänzerischen Stil arbeitet sie als
Ballerina mit Spitzenschuhen und steht damit schließlich auf
einem Fuß auf seiner Stirn (mit Vorteil), das andere Bein
kerzengerade in die Höhe gestreckt. Dabei dreht sich der
Untermann einmal um die eigene Achse. Was so gar nicht zur
Nummer passen mag, ist die musikalische Begleitung mit Calumn
Scotts „You are the reason“ – der Song in seinem eintönigen
Dreiviertel-Walzertakt steht vollkommen beziehungslos neben dem
akrobatischen Geschehen. Auf diese romantischen Momente folgt
eine ordentliche Ladung Coolness. „Enter the digital domain and
chose your avatar“, ertönt als Ansage aus dem Off. Luis Lugo,
seine Partnerin und zusätzliche Figurantinnen in
LED-beleuchteten Kostümen zaubern nun ein wahres Lasergewitter,
fluten das Chapiteau mit Licht. Neu gegenüber dem Saisonprogramm
des Zirkus Charles Knie, dem die Darbietung entnommen wurde,
sind leuchtende Drohnen, die in exakter Formation fliegen und
für zusätzliche Effekte sorgen.
  
Quincy
Azzario, Merrylu Casselly, Truppe Robles
Ebenfalls aus der
Tourneeproduktion bekannt sind die eleganten Handstände, die
Quincy Azzario strahlend schön zelebriert. Während die Nummer
auf Saison durch einen Kranz aus tanzenden Fontänen um sie herum
zu einem fulminanten Gesamtkunstwerk veredelt wird, profitiert
sie hier besonders von der Begleitung durch Live-Musik, die
einfach durch nichts zu ersetzen ist. Der Klötzchen-Trick bildet
den Abschluss, wobei Quincy Azzario sich anschließend nicht
wieder voll in den Handstand aufrichtet. Von der leider viel zu
früh verstorbenen Rosi Hochegger hat Merrylu Casselly deren
legendäre Bettpferd-Nummer übernommen. Diese arbeitet sie mit
zwei Pferden: als verhinderter Hürdenspringer wird Cyrano
eingesetzt, tatsächlich ins Bett legen darf sich Scout. Zwischen
diesen beiden Teilen der Nummer präsentiert Merrylu Casselly
einen Fünferzug entzückender Miniponys – ebenso mit weißem Fell
und schwarzen Tupfen wie ihre beiden großen Kollegen – in
Freiheitsdressur. Eines der Ponys springt gar die Kapriole! Wie
schon vor fünf Jahren sorgen die Robles auf dem Hochseil als
Pausennummer für einen Höhepunkt im Wortsinn. Von Sprüngen über
ein und zwei auf dem Seil kauernde Partner über die
Dreier-Pyramide mit zwei Fahrrädern und freiem Stand auf dem
Stuhl sowie einem doppelten Zwei-Personen-Hoch bis hin zur
sicher gelaufenen Sieben-Personen-Pyramide reicht diese äußerst
starke Darbietung. Auch sie profitiert hier von der live
gespielten Musik. Für den famosen Sound sorgt wieder das große
Orchester aus Polen unter der Verantwortung von Krzysztof
Majewski.
  
La Bouche
Showgirlsund Rebecca Siemoneit-Barum, Alexandra Kiedrowicz,
Lorenzo Bernardi
Die La Bouche
Showgirls und Rebecca Siemoneit Barum leiten in die Pause über
und empfangen uns auch wieder zur zweiten Halbzeit – die sechs
Tänzerinnen nunmehr als neckische „Bunnies“ mit Hasenohren und
Puschelschwänzchen. Ebenfalls mit weiblichem Charme verzaubert
uns Alexandra Kiedrowicz bei ihrer Darbietung am Luftring. Hohe
Beweglichkeit, starke und gefahrvolle Posen und rasante
Kreiseldrehungen, am Ende im Genickhang, machen diese zu einem
Genuss. Für Staunen sorgt auch, wie bereits im Saisonprogramm,
der junge Italiener Lorenzo Bernardi, der seinen Körper auf
unglaubliche Weise zu verbiegen vermag. Gleich zu Beginn zwängt
er sich in eine enge Kiste; zum Abschluss löst er Pfeil und
Bogen mit den Füßen aus, während er im Mundstand balanciert. Die
Zeit dazwischen füllt er mit außerordentlich starken Figuren.
  
Bello
Sisters, Deadly Games, I Baccala
Eine weitere
Facette der Equilibristik steuern die „Bello Sisters“ bei.
Bei den drei Schönheiten ist der Name zugleich Programm. Voller
Anmut und Grazie, begleitet von italienischem Gesang, meistern
sie auch die schwierigsten Figuren, die ihre Körper gemeinsam
bilden. Weiter unterstützt wird ihr Können durch die aufwendigen
Lichtkreationen, die Enrico Zoppe in exzellenter Weise mit
Mustern unter dem Zeltdach und aus dem Glanz unzähliger Scheinwerfer von
den Masten, dem Artisteneingang, den Balkonlogen sowie aus einem
Kranz unter der Circuskuppel zusammenfügt. Das Ballett in
Schmetterlingskostümen leitet über zu den „Deadly Games“. Dies
ist der treffende Titel für eine der spektakulärsten Messerwurf-
und Kunstschützennummern unserer Zeit. Alfredo Silva, mit
Irokesenschnitt und zahlreichen Tattoos, verfehlt seine geheimnisvoll-rassige Partnerin Aleksandra
Kiedrowicz bewusst nur haarscharf. Wirft mit verbundenen Augen Beile knapp an
ihr vorbei, von ihrer Stimme gelenkt. Zielt mit der Armbrust
über die eigene Schulter, eine Smartphone-Kamera als Spiegel
nutzend. Und wirft Messer auf einen rasant kreisenden Türrahmen,
in dessen Mitte sie steht. Nun wird es Zeit für etwas
Entspannung, dies mit den wunderbaren Clowns „I Baccala“, Simone
Fassari und seine Partnerin Camilla Pessi. Sie waren in der
Vorsaison die Publikumslieblinge im ebenfalls vom Zirkus Charles
Knie organisierten Offenburger Weihnachtscircus. In der ersten
Hälfte der Show jonglieren sie mit Äpfeln und amüsieren uns mit
ihrer heiteren Partnerakrobatik bis hin zum „Kopf auf Kopf“, in
Hälfte zwei kämpfen sie sich mit ihrer großen Klappleiter mitten
durch die Publikumsreihen und beziehen einen Zuschauer in ein
akrobatisches Kabinettstückchen ein. Die Leiter wird dann auch
für ihren letzten großen Auftritt benötigt und dient dazu,
gemeinsam ans Trapez zu gelangen. Natürlich laufen die Übungen
in luftiger Höhe scheinbar nicht so ganz planmäßig und gleichen
mehr einem Kampf gegeneinander. Das alles ist ein herrlicher
Spaß.
  
Dezhou
Acrobatic Troupe, Quincy Azzario und René Casselly, Finale
Noch einmal
begeistert uns die Dezhou Acrobatic Troupe, nunmehr mit
Diabolospielen in einer ganz großen Choreographie – mal stehen
fünf Jungs nebeneinander und geben ein Diabolo von Schnur zu
Schnur weiter; mal lässt ein Damen-Quintett fünf der Doppelkegel
synchron tanzen, mal gibt es Passagen für Solisten, dies in
Kombination mit Salti und Pirouetten. Dies wäre eigentlich schon
eine veritable Schlussnummer, doch natürlich fehlt noch der
Auftritt des in der Werbung groß herausgestellten Stargastes
René Casselly. Aus dem Publikum sind bei seinem Erscheinen
bereits "René, René"-Rufe zu hören. Gemeinsam mit seiner
Schwester Merrylu und seiner früheren Lebensgefährtin Quincy
Azzario präsentiert er das in Monte Carlo Gold-prämierte „Pas de
Trois“ zu Pferd. Auf Merrylus freien Stand auf Renés Kopf sowie
das Kopf-auf-Kopf mit Quincy folgt das Drei-Personen-Hoch.
Nahezu unglaublich ist Renés Doppelsalto zu Pferd, bei dem er
sich vom ausschlagenden Ross in große Höhe katapultieren
lässt und wieder auf dem Tier landet. Exquisite Kostüme und
Live-Musik vollenden die Wirkung. Unzählige Besucher erheben
sich bereits jetzt zum Applaus im Stehen.
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