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Sogar ein Orchester ist
dabei, was in diesen Zeiten alles andere als selbstverständlich
ist. Das Ensemble von Krzysztof Majewski begleitet die Show ganz
hervorragend und ist genauso eine Bereicherung wie das
fulminante Lichtdesign. Einen großen Anteil daran, dass die Show
ungeheuer mitreißend abläuft, haben Katya Arata-Quiroga und ihr
Ehemann Nelson Tabares-Quiroga. Den Direktoren des
US-amerikanischen Circus Vargas oblag wiederum die Regie. Sie
bringen nicht nur ein flottes Tempo und kaum wahrnehmbare
Umbaupausen in die Produktion, sondern sorgen ebenfalls für
schöne Bilder bei Opening und Finale.

Der Offenburger
Weihnachtscircus in der Außenansicht
Zum Auftakt bilden sechs der
Artistinnen in hübschen Kostümen ein Ballett und bringen
weihnachtlich dekorierte Geschenke herein, die Clowns rollen den
roten Teppich aus. Ringmaster Sascha Thanner heißt das Publikum
im Chapiteau des Zirkus Charles Knie willkommen. Formvollendet
im roten Frack sowie mit passendem Zylinder übernimmt er die
Begrüßung und begleitet uns wie gewohnt in immer wieder neuen,
edlen Kostümen durch den Abend. Als erste Darbietung kündigt er
die Formation Jump'n'Roll an.
  
Jump'n'Roll, Jonathan
Rossi, Super Silva
Das Trio bringt auf
Powerizer-Sprungstelzen, so die Bezeichnung im professionell
gemachten Programmheft, gleich richtig Schwung in die Show. Wie
schon im Saisonprogramm von Roncalli, hüpfen die Artisten
ausgelassen durch die Manege und erreichen dank der Stelzen
beachtliche Höhen. Wir erleben Salti und anspruchsvolle Sprünge
über ein rotes Seil, dass von den jeweils anderen beiden
Partnern geschwungen wird. Die Jungs haben dabei ordentlich
Spaß, der sich auf die Zuschauer überträgt. Radfahren scheint
nicht nur die Oberschenkel zu trainieren. Diesen Schluss lässt
zumindest der Blick auf den muskulösen Body von Jonathan Rossi
zu. Für seine Darbietung auf einem BMX-Rad sind eine Plattform
mit Treppe sowie ein Gestell mit vier Stangen aufgebaut. Auf den
Stangen befinden sich extrem schmale Plattformen. Auf dem
Hinterrad springt er von einer zur nächsten. Eine Dame aus dem
Publikum darf sich aus nächster Nähe von Rossis Künsten
überzeugen. Auf dem Boden liegend, hechtet er mit seinem Bike
über sie. Zum Abschied dreht er mit Hilfe einer kleinen
Sprungschanze einen Salto. Super Silva sorgte beim 35.
Internationalen Circusfestival von Monte Carlo 2011 für Furore.
Damals brachte er eine neuartige Attraktion nach Europa. Neben
dem Deckenlauf wagte er Sprünge von Trapez zu Trapez – ganz ohne
Sicherung und in beträchtlicher Höhe. Mit dieser Kunst sorgt der
Brasilianer nun bei den Offenburgern für wahren Nervenkitzel.
Erst als er lächelnd zurück auf dem Boden ist, geht die
Pulsfrequenz wieder zurück.
 
Faltyny Family, Steve &
Ryan
Zwischen zwei Saisons mit dem
Circus Vargas sind Emil und Vlasta Faltyny mit ihrer Familie aus
den USA nach Europa gereist. Gemeinsam mit den Kindern Vanessa,
Emil junior und Adriana zeigen sie eine mitreißende
Gruppenjonglage, wie sie heute selten geworden ist. Zunächst
lassen sie große Reifen durch die Luft fliegen, dann Keulen.
Letztere auch im Zwei-Personen-Hoch. Es ist faszinierend zu
sehen, wie die vielen Requisiten immer wieder neue Bahnen
nehmen. Hier sind eine hohe Präzision und gegenseitiges Vertrauen
gefragt. Offensichtlich ist beides vorhanden, denn die Faltynys
haben noch Zeit für die Show. In die Jonglage von Ringen werden
zwei hohe Einräder einbezogen. Als Schlusstrick fängt Emil
Reifen, die ihm von seiner Familie immer schneller zugeworfen
werden. Ebenfalls aus den USA kommen Steve & Ryan. Ein Glück,
sie nach Auftritten im Pariser Cirque d'Hiver und im Amsterdamer
Wereldkerstcircus Carré endlich einmal in Deutschland sehen zu
können. Die Clowns haben eine hinreißende Mimik und treten
extrovertiert auf. Mit Slapstick und Klamauk beschreibt das
Programmheft ihren Stil sehr treffend. Ihre Komik ist visuell,
weshalb es keinerlei Sprachbarrieren gibt. Im ersten großen
Auftritt kommen sie in einem historischen Mini-Auto
hereingefahren und toben sich dann in einer Werkstatt aus. Im
zweiten wird ordentlich mit Wasser gespritzt, Steve & Ryan
schenken sich nichts und sind bald richtig durchnässt. Dazu gibt
es ein paar kleinere Einlagen. Zwei herrliche Charaktere, die
für mächtig Spaß sorgen. Hoffentlich sehen wir sie bald wieder
bei uns. Nach dem Gastspiel in Offenburg geht es aber erstmal
zum Internationalen Circusfestival von Monte Carlo.
  
Maverik Niemen, Andrei
Bocancea, Celis Brothers
Zu den bekannten Gesichtern
gehört wieder Maverik Niemen. Mit seiner Artistik auf der Rola
Rola war er etwa schon beim Zirkus Charles Knie engagiert.
Assistiert von Veronika Ernesto hält er sich geschickt auf einem
Brett, welches auf Walzen liegt, im Gleichgewicht. Dies sogar im
Handstand oder auf sieben auf dem untersten Brett gestapelten
Tischchen. Am höchsten hinaus geht es für Maverik Niemen bei der
Balance auf acht Walzen. Andrei Bocancea führte im Heilbronner
Weihnachtscircus 2019/20 gemeinsam mit seiner viel zu früh
verstorbenen Lebensgefährtin Rosi Hochegger eine Hundedressur
vor. Nun präsentiert er im Solo ein äußerst lebendiges Quartett
auf 16 Pfoten. Die Hunde haben sichtlich Spaß bei der Sache,
wenn sie springen oder zwischen den Beinen von Andrei Bocancea
hindurchlaufen dürfen. Der Tierlehrer beweist zudem sein
sportliches Talent. So beim Satz durch einen Reifen, den ihm
Abendregisseur George Calin hinhält. Natürlich gibt es nach
erfolgreich absolviertem Kunststück eine Belohnung. Julieth,
Andrea, Johan und Maicol sind zusammen die Celis Brothers. Mit
waghalsigen Stunts auf dem Hochseil geben sie dem ersten
Programmteil einen in jeder Hinsicht würdigen Abschluss. Einer
der jugendlichen Akrobaten überspringt alle drei auf dem Draht
sitzenden Partner, ein anderer trägt eine Partnerin auf den
Schultern über das Seil. Bei der Pyramide bilden die Männer die
untere Etage, oben balanciert eine Frau die andere auf den
Schultern. Auch hier der Wunsch, diese sympathische Formation in
Zukunft öfter sehen zu dürfen.
  
Ochir Ub, Emil Faltyny,
Deisrée Köllner
In der Pause lädt die
Restauration mit ihrem umfangreichen Angebot und gemütlichen
Sitzmöglichkeiten ein. Die Stühle, die Ochir Ub aufeinander
stapelt, sind ganz offensichtlich speziell für ihn designed
worden und besonders stylisch geraten. Es ist also wenig
verwunderlich, dass der mongolische Künstler vom Cirque du
Soleil aus in die Ortenau gereist ist. Auf den von ihm gebauten,
immer höher werdenden Türmen aus Stühlen zeigt er ausdrucksstark
variantenreiche Handstände. Die gesamte Darbietung ist exklusiv
gestaltet, sie geht im Januar ebenfalls ins Rennen um einen
Preis in Monte Carlo. Bereits 2014 war Emil Faltyny mit seinen
Balancen auf der freistehenden Leiter bei diesem bedeutendsten
Circusfestival zu erleben. Gleich mehrere, teilweise sehr
ausgefallene Leitern kommen zum Einsatz. Sogar auf zwei
Gestellen mit Stufen, die in einer Wippe stecken, hält sich Emil
Faltyny im Gleichgewicht. Dazu ruht ein auf einer Stange
liegender Kubus auf seiner Stirn. Jeweils drei große und kleine
Pferde aus dem Marstall des Zirkus Charles Knie dirigiert
Desirée Köllner. Leider laufen die wunderschönen Tiere an diesem
Abend nicht ganz so sauber, wie sie eigentlich sollten. Die
Vorführerin gibt ihr Bestes und bleibt bei alldem bewundernswert
gelassen.
  
L/S Brothers, Veronika und
Paolo Ernesto, Leosvel & Diosmani
Lorenzo und Sascha werfen sich
gegenseitig die Diabolos zu. Der Franzose ist genauso wie der
Schweizer Anfang 20. Die L/S Brothers, so ihr Künstlername, sind
trotzdem bereits versierte Showmen – und hervorragende Artisten
ohnehin. Fünf Diabolos wirbeln sie gemeinsam durch die Luft,
nachdem sie schon mit etlichen rasanten Touren für Stimmung
gesorgt haben. Mit der Jonglage von leuchtenden Requisiten
verabschieden sie sich. Auf diese Newcomer folgen bekannte
Gesichter. Veronika und Paolo Ernesto sind Vollblutartisten, die
es exzellent verstehen, ihre Rollschuhartistik zu verkaufen. Das
macht sich insbesondere durch die wunderschönen Kostümen und das
gekonnte Auftreten bemerkbar. Natürlich sind ihre Tricks, wie
etwa der Nackenwirbel, ebenfalls sehr stark. Stark ist auch das
richtige Stichwort für Lesovel & Diosmani. Dass die Kubaner
ordentlich Kraft haben, verraten schon ihre bestens trainierten
Oberkörper. Mit diesen klettern sie in Windeseile einen Mast
hinauf, um daran eindrucksvolle Kunststücke zu zelebrieren. Zum
Grande Finale gibt es den einarmigen Handstand von Diosmani auf
dem Rumpf von Leosvel, während dieser sich im rechten Winkel vom
Mast abdrückt. Das Trio, das den Abend begonnen hat, beschließt
ihn auch. Nun nennen sie sich Lemon Brothers, tragen gelbe
Anzüge und katapultieren sich mit einem Schleuderbrett
gegenseitig in die Höhe. Dort oben zeigen sie abgefahrene
Sprünge. Das alles zu treibender Musik und mit einem guten
Schuss Comedy. Die Stimmung im Chapiteau ist grandios. Diese
überträgt sich auf das Finale, bei dem die Artisten zunächst
zwischen Logen und Gradin stehen. Steve & Ryan bringen die
Geschenke aus dem Opening mit in die Manege, wo sich auch Sascha
Thanner und die Tiertrainer befinden. Dann trifft sich das
gesamte Ensemble im roten Ring, der bestens gefüllt ist.
Spätestens jetzt wird klar, welch große Zahl an Artisten diese
Show gestaltet hat. Der Abschied wird ausgiebig zelebriert,
Feuerwerk inklusive. |