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Offenburger Weihnachtscircus 2023/24
www.offenburger-weihnachtscircus.de ; 179 Showfotos

Offenburg, 27. Dezember 2023: Dieses Programm ist eine wunderbare Mischung. Es gibt Darbietungen, die noch nie in Deutschland zu sehen waren. Dann solche, die man hier länger nicht mehr erleben konnte, somit ein wenig vermisst hat. Und letztendlich auch Nummern, die in der vergangenen Saison bei uns auf Tournee waren. Wobei letztere die Minderheit darstellen. Alles passt zusammen, es entsteht eine runde Show, die den klassischen Circus aufs Beste feiert.

Sogar ein Orchester ist dabei, was in diesen Zeiten alles andere als selbstverständlich ist. Das Ensemble von Krzysztof Majewski begleitet die Show ganz hervorragend und ist genauso eine Bereicherung wie das fulminante Lichtdesign. Einen großen Anteil daran, dass die Show ungeheuer mitreißend abläuft, haben Katya Arata-Quiroga und ihr Ehemann Nelson Tabares-Quiroga. Den Direktoren des US-amerikanischen Circus Vargas oblag wiederum die Regie. Sie bringen nicht nur ein flottes Tempo und kaum wahrnehmbare Umbaupausen in die Produktion, sondern sorgen ebenfalls für schöne Bilder bei Opening und Finale.


Der Offenburger Weihnachtscircus in der Außenansicht

Zum Auftakt bilden sechs der Artistinnen in hübschen Kostümen ein Ballett und bringen weihnachtlich dekorierte Geschenke herein, die Clowns rollen den roten Teppich aus. Ringmaster Sascha Thanner heißt das Publikum im Chapiteau des Zirkus Charles Knie willkommen. Formvollendet im roten Frack sowie mit passendem Zylinder übernimmt er die Begrüßung und begleitet uns wie gewohnt in immer wieder neuen, edlen Kostümen durch den Abend. Als erste Darbietung kündigt er die Formation Jump'n'Roll an.


Jump'n'Roll, Jonathan Rossi, Super Silva

Das Trio bringt auf Powerizer-Sprungstelzen, so die Bezeichnung im professionell gemachten Programmheft, gleich richtig Schwung in die Show. Wie schon im Saisonprogramm von Roncalli, hüpfen die Artisten ausgelassen durch die Manege und erreichen dank der Stelzen beachtliche Höhen. Wir erleben Salti und anspruchsvolle Sprünge über ein rotes Seil, dass von den jeweils anderen beiden Partnern geschwungen wird. Die Jungs haben dabei ordentlich Spaß, der sich auf die Zuschauer überträgt. Radfahren scheint nicht nur die Oberschenkel zu trainieren. Diesen Schluss lässt zumindest der Blick auf den muskulösen Body von Jonathan Rossi zu. Für seine Darbietung auf einem BMX-Rad sind eine Plattform mit Treppe sowie ein Gestell mit vier Stangen aufgebaut. Auf den Stangen befinden sich extrem schmale Plattformen. Auf dem Hinterrad springt er von einer zur nächsten. Eine Dame aus dem Publikum darf sich aus nächster Nähe von Rossis Künsten überzeugen. Auf dem Boden liegend, hechtet er mit seinem Bike über sie. Zum Abschied dreht er mit Hilfe einer kleinen Sprungschanze einen Salto. Super Silva sorgte beim 35. Internationalen Circusfestival von Monte Carlo 2011 für Furore. Damals brachte er eine neuartige Attraktion nach Europa. Neben dem Deckenlauf wagte er Sprünge von Trapez zu Trapez – ganz ohne Sicherung und in beträchtlicher Höhe. Mit dieser Kunst sorgt der Brasilianer nun bei den Offenburgern für wahren Nervenkitzel. Erst als er lächelnd zurück auf dem Boden ist, geht die Pulsfrequenz wieder zurück.


Faltyny Family, Steve & Ryan

Zwischen zwei Saisons mit dem Circus Vargas sind Emil und Vlasta Faltyny mit ihrer Familie aus den USA nach Europa gereist. Gemeinsam mit den Kindern Vanessa, Emil junior und Adriana zeigen sie eine mitreißende Gruppenjonglage, wie sie heute selten geworden ist. Zunächst lassen sie große Reifen durch die Luft fliegen, dann Keulen. Letztere auch im Zwei-Personen-Hoch. Es ist faszinierend zu sehen, wie die vielen Requisiten immer wieder neue Bahnen nehmen. Hier sind eine hohe Präzision und gegenseitiges Vertrauen gefragt. Offensichtlich ist beides vorhanden, denn die Faltynys haben noch Zeit für die Show. In die Jonglage von Ringen werden zwei hohe Einräder einbezogen. Als Schlusstrick fängt Emil Reifen, die ihm von seiner Familie immer schneller zugeworfen werden. Ebenfalls aus den USA kommen Steve & Ryan. Ein Glück, sie nach Auftritten im Pariser Cirque d'Hiver und im Amsterdamer Wereldkerstcircus Carré endlich einmal in Deutschland sehen zu können. Die Clowns haben eine hinreißende Mimik und treten extrovertiert auf. Mit Slapstick und Klamauk beschreibt das Programmheft ihren Stil sehr treffend. Ihre Komik ist visuell, weshalb es keinerlei Sprachbarrieren gibt. Im ersten großen Auftritt kommen sie in einem historischen Mini-Auto hereingefahren und toben sich dann in einer Werkstatt aus. Im zweiten wird ordentlich mit Wasser gespritzt, Steve & Ryan schenken sich nichts und sind bald richtig durchnässt. Dazu gibt es ein paar kleinere Einlagen. Zwei herrliche Charaktere, die für mächtig Spaß sorgen. Hoffentlich sehen wir sie bald wieder bei uns. Nach dem Gastspiel in Offenburg geht es aber erstmal zum Internationalen Circusfestival von Monte Carlo.


Maverik Niemen, Andrei Bocancea, Celis Brothers

Zu den bekannten Gesichtern gehört wieder Maverik Niemen. Mit seiner Artistik auf der Rola Rola war er etwa schon beim Zirkus Charles Knie engagiert. Assistiert von Veronika Ernesto hält er sich geschickt auf einem Brett, welches auf Walzen liegt, im Gleichgewicht. Dies sogar im Handstand oder auf sieben auf dem untersten Brett gestapelten Tischchen. Am höchsten hinaus geht es für Maverik Niemen bei der Balance auf acht Walzen. Andrei Bocancea führte im Heilbronner Weihnachtscircus 2019/20 gemeinsam mit seiner viel zu früh verstorbenen Lebensgefährtin Rosi Hochegger eine Hundedressur vor. Nun präsentiert er im Solo ein äußerst lebendiges Quartett auf 16 Pfoten. Die Hunde haben sichtlich Spaß bei der Sache, wenn sie springen oder zwischen den Beinen von Andrei Bocancea hindurchlaufen dürfen. Der Tierlehrer beweist zudem sein sportliches Talent. So beim Satz durch einen Reifen, den ihm Abendregisseur George Calin hinhält. Natürlich gibt es nach erfolgreich absolviertem Kunststück eine Belohnung. Julieth, Andrea, Johan und Maicol sind zusammen die Celis Brothers. Mit waghalsigen Stunts auf dem Hochseil geben sie dem ersten Programmteil einen in jeder Hinsicht würdigen Abschluss. Einer der jugendlichen Akrobaten überspringt alle drei auf dem Draht sitzenden Partner, ein anderer trägt eine Partnerin auf den Schultern über das Seil. Bei der Pyramide bilden die Männer die untere Etage, oben balanciert eine Frau die andere auf den Schultern. Auch hier der Wunsch, diese sympathische Formation in Zukunft öfter sehen zu dürfen.


Ochir Ub, Emil Faltyny, Deisrée Köllner

In der Pause lädt die Restauration mit ihrem umfangreichen Angebot und gemütlichen Sitzmöglichkeiten ein. Die Stühle, die Ochir Ub aufeinander stapelt, sind ganz offensichtlich speziell für ihn designed worden und besonders stylisch geraten. Es ist also wenig verwunderlich, dass der mongolische Künstler vom Cirque du Soleil aus in die Ortenau gereist ist. Auf den von ihm gebauten, immer höher werdenden Türmen aus Stühlen zeigt er ausdrucksstark variantenreiche Handstände. Die gesamte Darbietung ist exklusiv gestaltet, sie geht im Januar ebenfalls ins Rennen um einen Preis in Monte Carlo. Bereits 2014 war Emil Faltyny mit seinen Balancen auf der freistehenden Leiter bei diesem bedeutendsten Circusfestival zu erleben. Gleich mehrere, teilweise sehr ausgefallene Leitern kommen zum Einsatz. Sogar auf zwei Gestellen mit Stufen, die in einer Wippe stecken, hält sich Emil Faltyny im Gleichgewicht. Dazu ruht ein auf einer Stange liegender Kubus auf seiner Stirn. Jeweils drei große und kleine Pferde aus dem Marstall des Zirkus Charles Knie dirigiert Desirée Köllner. Leider laufen die wunderschönen Tiere an diesem Abend nicht ganz so sauber, wie sie eigentlich sollten. Die Vorführerin gibt ihr Bestes und bleibt bei alldem bewundernswert gelassen.


L/S Brothers, Veronika und Paolo Ernesto, Leosvel & Diosmani

Lorenzo und Sascha werfen sich gegenseitig die Diabolos zu. Der Franzose ist genauso wie der Schweizer Anfang 20. Die L/S Brothers, so ihr Künstlername, sind trotzdem bereits versierte Showmen – und hervorragende Artisten ohnehin. Fünf Diabolos wirbeln sie gemeinsam durch die Luft, nachdem sie schon mit etlichen rasanten Touren für Stimmung gesorgt haben. Mit der Jonglage von leuchtenden Requisiten verabschieden sie sich. Auf diese Newcomer folgen bekannte Gesichter. Veronika und Paolo Ernesto sind Vollblutartisten, die es exzellent verstehen, ihre Rollschuhartistik zu verkaufen. Das macht sich insbesondere durch die wunderschönen Kostümen und das gekonnte Auftreten bemerkbar. Natürlich sind ihre Tricks, wie etwa der Nackenwirbel, ebenfalls sehr stark. Stark ist auch das richtige Stichwort für Lesovel & Diosmani. Dass die Kubaner ordentlich Kraft haben, verraten schon ihre bestens trainierten Oberkörper. Mit diesen klettern sie in Windeseile einen Mast hinauf, um daran eindrucksvolle Kunststücke zu zelebrieren. Zum Grande Finale gibt es den einarmigen Handstand von Diosmani auf dem Rumpf von Leosvel, während dieser sich im rechten Winkel vom Mast abdrückt. Das Trio, das den Abend begonnen hat, beschließt ihn auch. Nun nennen sie sich Lemon Brothers, tragen gelbe Anzüge und katapultieren sich mit einem Schleuderbrett gegenseitig in die Höhe. Dort oben zeigen sie abgefahrene Sprünge. Das alles zu treibender Musik und mit einem guten Schuss Comedy. Die Stimmung im Chapiteau ist grandios. Diese überträgt sich auf das Finale, bei dem die Artisten zunächst zwischen Logen und Gradin stehen. Steve & Ryan bringen die Geschenke aus dem Opening mit in die Manege, wo sich auch Sascha Thanner und die Tiertrainer befinden. Dann trifft sich das gesamte Ensemble im roten Ring, der bestens gefüllt ist. Spätestens jetzt wird klar, welch große Zahl an Artisten diese Show gestaltet hat. Der Abschied wird ausgiebig zelebriert, Feuerwerk inklusive.

Dieses Programm des 26. Offenburger Weihnachtscircus überzeugt durch Quantität genauso wie durch Qualität. Alle Darbietungen werden von wahren Könnern gezeigt, die zudem noch sehr sympathisch rüberkommen. Mit dem schönen Ambiente, der Gesamtinszenierung, dem Orchester und dem Lichtdesign wird daraus ein circensischer Hochgenuss. Für mich eines der ganz großen Erlebnisse des Weihnachtscircus-Winters 2023/24.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch