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Weltweihnachtscircus 2023/24
www.weltweihnachtscircus.de ; 131 Showfotos

Stuttgart, 21. Dezember 2023: Dass man auch ohne große Truppen großen Circus machen kann, beweist Stardust Circus International mit seiner Ausgabe 2023/24 des Weltweihnachtscircus. Die ganz personenstarken Formationen fehlen in diesem Winter, nicht zuletzt, da eine eigentlich vorgesehene Schleuderbrett-Darbietung aus der Mongolei kurzfristig verletzungsbedingt ausfiel. Trotzdem erlebt das Stuttgarter Publikum ein sehr harmonisches, hochkarätiges Circusprogramm im besten Sinne des Wortes. Pferde sind dabei, die ganze Bandbreite der Artistik und mehrere Vertreter der Sparte Komik.

Gespielt wird wieder im großen weißen Achtmaster, der erstmals 2022/23 genutzt wurde, um auf einem Pandemie-bedingt erweiterten Gradin größere Abstände zu ermöglichen. Nun ist die bekannte Sitzeinrichtung in Längs- statt Quer-Richtung zurückgekehrt, die wieder eine deutlich bessere Sicht auf das Geschehen erlaubt als die interimsweise eingesetzte. Das große Vorzelt bietet wie immer mannigfaltige Möglichkeiten, sich kulinarisch verwöhnen zu lassen. Die traditionelle Bratwurst gibt es genauso wie einen schicken Sitzbereich mit Speisen für höhere Ansprüche.


Finale

Letztmalig wird der Weltweihnachtscircus in der laufenden Spielzeit von Henk van der Meijden produziert. Der niederländische Impresario und Circusliebhaber brachte die Veranstaltung im Winter 1993/94 erstmalig an den Neckar. Seitdem dürfen die Stuttgarter ganz große Shows mit den Besten der Besten erleben. Ab dem kommenden Jahr übernehmen Tochter Elisa van der Meijden und Schwiegersohn Dalien Cohen. Cohen kümmert sich bereits jetzt schwerpunktmäßig um den Standort Stuttgart, während seine Ehefrau in Amsterdam den Wereldkerstcircus betreut. Zudem ist seit dieser Spielzeit Hetty Vermeulen nicht mehr dabei. Von Anfang an war sie als Produktionsleiterin vor Ort sowie die gute Seele des Teams.


Björn Gehrmann, Florian Richter

Für etliche Zuschauer dürfte Björn Gehrmann der „Herr Direktor“ sein. Formvollendet führt der Moderator in Frack und Zylinder durch die Shows. Mit angenehmer Stimme gibt er relevante Informationen und stellt die Darbietungen vor. Immer so, dass die Umbaupausen gut überbrückt, aber nie unnötig verlängert werden. Eine Konstante ist auch das wunderbar spielende Orchester unter der Leitung von Markus Jaichner, welches über der hohen Gardine sitzt. Das Lichtdesign setzt das Geschehen in der Manege wieder hervorragend in Szene. 2019/20 war Florian Richter zuletzt beim Weltweihnachtscircus engagiert. Nun ist er zurückgekehrt und eröffnet mit seiner großen Pferdefreiheit das Programm. Schwarze und weiße Pferde sowie ein geschecktes leitet er mit viel Showmanship zu wunderbaren Lauffiguren an. Zahlreiche Steiger runden die Dressurvorführung ab. War vor vier Jahren Sohn Kevin dabei, begleitet ihn nun Tochter Angelina. Vor der Pause reitet sie die Ungarische Post. Von 20 Pferden spricht das Programmheft. So ergibt sich ein imposantes Bild, das so wunderbar den klassischen Circus verkörpert. Eine starke Leistung der jungen Angelina Richter.


Henry Ayala, Wolf Brothers, Steve Eleky

Gleich dreifach besetzt ist die Sparte Komik. Mehrere Auftritte hat Henry Ayala, der auch auf den Plakaten prominent vertreten ist. Der Prince of Clowns verhilft einem Mädchen aus dem Publikum zur Karriere als Hutjongleuse und beschert einem Gast einen „Striptease“ unter einer Glitzerkugel. Den größten Raum nimmt seine Version der Restaurantszene ein, bei der die Spaghetti in den Zuschauerraum fliegen. Laura Miller ist seine Partnerin bei diesem herrlichen Spaß, der alle Altersklassen erreicht und für befreiendes Lachen sorgt. Als Schotten präsentieren sich die Wolf Brothers. Ihre komische Kaskadeurnummer findet rund um einen Tisch statt. Darin vermischen sich Comedy und Akrobatik. Eine Kombination seiner Jongleur- und Zauberdarbietung hat Steve Eleky im Gepäck. Gewollt dilettantisch erzeugt er mit seinen Künsten und den dazugehörigen Erklärungen immer wieder allergrößte Heiterkeit. Es ist einfach urkomisch, wie er einen Tischtennisball mit der Nase fängt oder Stoffhasen zu Nachwuchs verhilft. Natürlich gibt es beim Paarungsakt der Plüschtiere eine Extrarunde, wir sind ja schließlich in Stuttgart.


Adele Fame, Laura Miller, Wang Mengchen

Die drei Soloauftritte im Bereich Artistik sind allesamt weiblich besetzt. Den Anfang macht Adele Fame. Nach der erfolgreichen Teilnahme beim European Youth Circus 2012 startete für die Strapaten-Akrobatin eine fantastische Karriere. Unter der hohen Kuppel des Chapiteaus auf dem Canstatter Wasen begeistert sie mit ausdrucksstarken Flügen, kraftvollen Umschwüngen und gewagten Haltefiguren. Ein echter Unterhaltungsprofi. Genauso wie Laura Miller, die sich mit ihrem Luftring ebenfalls hoch über den Köpfen der Zuschauer bewegt. Den ganz besonderen Effekt macht das große Wasserbassin aus, in das die Britin immer wieder eintaucht, eine Runde schwimmt und sich dann nach oben ziehen lässt. Die Tropfen sprühen nur so, wenn Laura Miller voller Dynamik ihre Tricks arbeitet. Eine Newcomerin, zumindest für das hiesige Publikum, ist Wang Mengchen. Ihre Handstandakrobatik auf einem Handstab ist noch recht konventionell, aber schon stark. Dazu gibt es außergewöhnliche Umschwünge auf zwei Stangen. Spektakulär wird es aber, wenn die Scheibe, auf der die Chinesin bislang gearbeitet hat, um 90 Grad gedreht wird. Ringsum sind Handstäbe montiert, die Scheibe beginnt sich zu drehen und Wang Mengchen springt auf einem Arm von Stab zu Stab. Schlichtweg sensationell.


Duo Vitalys, Kolev Sisters, Kris und Harrison Kremo

Vierfach vertreten ist Artistik im Duo. Den Auftakt machen Carlo Triberti und Ursula Nunez Rossi. Die beiden konnten wir bereits mit anderen Partnern in Rollschuhdarbietungen erleben. Jetzt drehen sie gemeinsam auf einer sehr hohen Plattform rasante Runden und wagen riskante Tricks. Dies inspiriert von der Kinofigur „Joker“. Partnerequilibristik bekommen wir einmal in der männlichen und einmal in der weiblichen Besetzung zu sehen. Das Duo Vitalys beeindruckt vor allen Dingen mit seinem Kopf-auf-Kopf. In dieser Konstellation geht es eine Treppe herunter und hinauf, zudem wird so durch die Manege gelaufen. Zuvor brillieren die Modellathleten mit weiteren kraftvollen Figuren. Diese haben auch die Kolev Sisters im Repertoire. Michelle und Nicole glänzen mit einer variantenreichen Kür, in der sie Gleichgewichtssinn, Kraft und gegenseitiges Vertrauen beweisen. Das Ganze wird von den hübschen jungen Damen sehr charmant präsentiert. Vater und Sohn Kremo demonstrieren auf beste Weise was es heißt, wenn eine Darbietung an die nächste Generation weitergegeben wird. Wie schon Kris Kremo mit Vater Bela gemeinsam aufgetreten ist, tut er dies nun mit seinem Sohn Harrison. Die beiden jonglieren virtuos mit jeweils drei Bällen, Zylindern und Zigarrenkisten. Meist tun sie dies synchron, manchmal auch im Solo oder sie werfen sich gegenseitig die Bälle zu. Dabei vergessen sie das Spiel mit dem Publikum nicht. Kris Kremo ist einer der ganz großen Stars des Entertainments, Harrison hat beste Voraussetzungen, diesen Weg ebenfalls zu nehmen.


Ayalas, Truppe Mustafa Danguir

Henry Ayala ist nicht nur ein herrlicher Clown, sondern ebenfalls ein Könner auf dem Hochseil. Den Frack lässt er bei Björn Gehrmann, um sich zu seinen drei Partnern hoch über dem Boden zu begeben. Besonders spektakulär ist immer wieder der Sprung von Schulter zu Schulter. Aber auch das Seilspringen oder die Fahrt auf dem Einrad im Zwei-Mann-Hoch sind dabei. Seine gefährlichen Tricks serviert das Quartett mit viel südamerikanischer Lebensfreude. Aus acht Personen besteht die Truppe von Mustafa Danguir. Zum ersten Mal in der Geschichte des Weltweihnachtscircus kommen die Zuschauer in den Genuss von Akrobatik auf zwei Todesrädern, wie das geschmackvolle Programmheft informiert. Es ist schon ein eindrucksvolles Bild, wenn alle Akteure gleichzeitig in sowie auf den vier Kesseln balancieren. Hinzu kommen etwa ein Lauf, bei dem ein Artist eine Partnerin auf den Schultern trägt oder parallel gesprungene Salti auf den beiden Rädern. Auch hier verstehen es die Protagonisten, ordentlich Stimmung zu machen. Den furiosen Schlusspunkt setzen die Freestyle Moto Riders. Mit seinen Motocross-Maschinen springt das Team um Fred Wasner von einer Rampe im mittleren Zuschauereingang zu einer hohen Bühne vor der Gardine. Optisch werden die extrem abgefahrenen Stunts durch Feuersäulen aufgewertet, die unter den Bikern in die Höhe schießen. Beim Finale verabschiedet sich das imposante Ensemble ausführlich vom frenetisch applaudierenden Publikum. Die Stuttgarter wissen einfach, was sie an ihrem ganz besonderen Weihnachtscircus haben.

Der Weltweihnachtscircus 2023/24 bietet rund drei Stunden Manegenkunst auf allerhöchstem Niveau. Die starken Darbietungen sind geschickt ausgewählt, sodass sich ein harmonisches Ganzes ergibt. Joseph Bouglione hat als Regisseur eine runde Show daraus gemacht, die Requisiteure sorgen für flotte Übergänge, auch bei größeren Aufbauten. Schön zu wissen, dass diese Produktion von der nächsten Generation der Familie van der Meijden weitergeführt wird. Im kommenden Winter wird dann die 30. Ausgabe gefeiert.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch