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Circus Conelli 2024
www.circusconelli.ch ; 168 Showfotos

Zürich, 23. November 2024: Der Circus Conelli der Familie Gasser pflegt seinen ganz eigenen Stil. Gespielt wird auf dem „Bauschänzli“, einer Insel und früheren Wehranlage in der Limmat, mitten in der City von Zürich. Hier bieten die roten Zeltanlagen, deren Lichterglanz sich im Wasser spiegelt, ein romantisches Bild. Der begrenzte Platz wird perfekt ausgenutzt. Was zur Einlasszeit das Foyer ist, verwandelt sich während der Vorstellung in den Backstagebereich hinter dem Artisteneingang. Die kompakte Atmosphäre im innen mastenfreien Chapiteu schafft Stimmung und Ambiente.

Mit der 14-köpfigen Bigband, den sechs bildhübschen und wunderbar tanzenden Ballettgirls, Sängerin und Sänger sowie exquisitem Licht werden die hervorragenden Darbietungen nochmal auf ein ganz neues Level gehoben. Conelli wie immer also? Nicht ganz. Denn zum einen setzt die Familie von Robert und Cindy Gasser mit den erwachsenen Söhnen Jeremy und Tyron ihren sanften Modernisierungskurs fort. Gerade einmal gut zwei Stunden währt nunmehr die Vorstellung einschließlich Pause. Straffere Szenen des Balletts, nicht allzu lange Reprisen und Entrees der Clowns sorgen für mehr Geschwindigkeit. Keineswegs entsteht dadurch der Eindruck, es sei zu wenig geboten worden. Vielmehr genießen wir eine vollwertige Show, auch wenn der im Programmheft angekündigte Puppenspieler Alex mit seinr neuen Figur "Gastönli" fehlt. Zum anderen werden wieder andere Akzente gesetzt als im Vorjahr. Damals waren im artistischen Bereich ein Quintett und ansonsten Solisten und Duos engagiert, eingebettet in eine durchgehende Rahmenhandlung zum Thema „The Joy of Life“. In dieser Saison dürfen wir uns, neben den Einzelkünstlern und Paaren, gleich an vier großen Truppen erfreuen, die das Programm besonders prägen. Ein spezielles Motto gibt es nicht, folglich läuft ein reines Nummernprogramm vollkommen flüssig ab. Und so bringt Conelli in dieser Saison lieb Gewonnenes und Überraschendes, Tradition und Fortschritt unter einen Hut.


Opening

Sehr rockig fällt das Opening aus. Voller Temperament tanzt das Ballett in schwarzen Pants und golden glitzernden Jäckchen, dazu demonstrieren der langjährig bewährte Sänger Evan Andrews und die neue Sängerin Ruth Bermejo Hurtado ihre großartigen Stimmen. Jeremy Gasser sorgt mit seiner Gitarre für jugendliches Flair. Die Bigband, bei der in dieser Eröffnung die Bläser dominieren, hat Jan Zeyland aus Polen als neuen Kapellmeister erhalten. Er hat seinen Vorgänger Aleksander Maliszewski abgelöst, der nach jahrzehntelanger Arbeit für Conelli in den Ruhestand gegangen ist. Geblieben sind der herrliche Sound und die individuell für jeden einzelne Act kreierten Arrangements.


Naoto Okada, Sage Macaggi, Roli Noirjean und Tonino Ferreira

Mit roter Fliege und ansonsten ganz in schwarz arbeitet Naoto Okada. Der zweimalige Weltmeister im Jojo-Spiel lässt gleich zwei der Kinderspielzeuge kunstvoll tanzen, sowohl vertikal als auch horizontal. Sein Requisit im ersten Teil der Darbietung lässt sich eher als Mini-Diabolo beschreiben, das zu mitreißender Musik in kunstvollen Figuren über eine Schnur ohne Handstäbe bewegt wird. Als eleganten Gentleman-Jongleur mit freundlicher Ausstrahlung erleben wir den jungen Italiener Sage Macaggi. Er konzentriert sich auf Hüte als Requisiten, beginnt hierbei mit drei roten Melonen und steigert sich auf vier, fünf und – für eine Kaskade – sechs davon. Nachdem Clown-Legende Gaston leider verstorben ist, arbeitet Roli Noirjean als seriöser Part wiederum mit den gleichen Komiker-Partnern wie im Vorjahr zusammen, also mit dem Portugiesen Tonino Ferreira (ehemals „Duo Manducas“) und mit Domino Gasser. Mit Tonino sind natürlich keine ausführlichen Wortspielereien auf Schweizerdeutsch möglich, wie sie sich viele Jahre lang zwischen Roli und Gaston entspannen – auch wenn sich der erste Gag gleich darum dreht, dass Tonino angeblich den ganzen Sommer lang Deutsch gelernt habe („Yes, yes – oui, oui“). Und doch hat das Trio vergnügliche Geschichten parat, nun eben mit weniger Worten. Zunächst dreht sich bei einem Ratespiel alles um Verwandschaftsgrade.


Ruth Bermejo Hurtado und Ballett, Svetlana und Fedor Grosu, Queen Habesha Girls

„You don’t have to be rich to be my girl“ wird gespielt, wenn Ballett, Gesangsduo und Jeremy Gasser ihren nächsten großen Auftritt haben, nun in elegantem Schwarz-Rot. Das sind auch die Kostümfarben von Svetlana und Fedor Grosu, einem reifen Artistenpaar aus Russland. Mehrfach überquert Fedor dabei eine feststehende Leiter. Dies natürlich nicht „einfach so“. Vielmehr balanciert Svetlana dabei mal im Handstand auf dem Kopf ihres Mannes, mal auf Spitzen – und zwar zeitweise nur auf einem Arm oder Fuß. Besonders spektakulär wird es, wenn sie am oberen Ende einer hohen Stirnperche steht und so die eine Seite der Leiter hoch und die andere hinunter transportiert wird. Das Duo gehört für uns ebenso zu den interessanten Neuentdeckungen dieser Show wie die sieben „Queen Habesha Girls“ aus Äthiopien, die im Programmheft als „größte und schönste Kontorsionsnummer der Welt“ beschrieben werden. In verschiedenster Weise türmen die bezaubernden Damen ihre äußerst biegsamen Körper übereinander, und zwar auf bis zu vier Ebenen. Auf die königlichen Mädchen eingestimmt wurde vom Ballett in farblich darauf abgestimmten, hellen Kostümen und mit goldenen Halsringen und Armreifen.


Domino Gasser und Tonino Ferreira, Mystery of Gentlemen, neuer Kapellmeister Jan Zeyland

Auf „African Spirit“ folgt nun fernöstliches Flair. Die Conelli-typische, fulminante Ablaufregie macht es möglich, dass ein kurzer Blackout ausreicht, damit die Queen Habesha Girls die Manege verlassen und wir die nächste Truppe samt Requisiten erblicken, als die Scheinwerfer wieder erstrahlen. Die mongolische Truppe „Mystery of Gentlemen“ kombiniert zwei Genres zu einer echten Rarität. Die männlichen Akteure balancieren hierbei auf großen Kugeln. Von dort aus katapultieren sie ihre beiden Partnerinnen zu Handvoltigen in die Luft und fangen sie wieder auf, dies auch von Kugel zu Kugel und bis hin zum Drei-Personen-Hoch. Gegenüber den letzten Engagements, bei denen wir diese Darbietung sahen, wirkt sie deutlich „aufpoliert“, da wieder eine zweite Fliegerin mitwirkt. Nach wie vor müssen die Kugeln immer wieder mit dezenten Hilfestellungen vor dem Wegrollen geschützt werden. Mit einer amüsanten musikalischen Flunkerei – einem Glockenspiel scheinbar ohne Einsatz der Hände – leiten Roli, Tonino und Domino in die Pause über. Diese wird später von der Bigband mit einem herrlichen Medley von Weihnachtsliedern beendet.


Skating Donnerts

Ungeheuer temporeich und mitreißend ist die Eröffnung des zweiten Programmteils. Tanz, Gesang und Gitarrenspiel gehen direkt über in die Rollschuhkünste von Ryan Donnert und Partnerin Anna Szésényi und begleiten diese weiter. Das Requisit der „Skating Donnerts“ fährt hierbei ferngesteuert in die Manege, und schon geht’s rasant zur Sache. „Don’t stop me now“ ist die musikalische Begleitung, und tatsächlich könnte wohl keiner diese jungen Artisten aufhalten. Ihr Repertoire gipfelt in einer echten Rarität, dem Wirbel im Zahnhang.


Roli Noirjean und Tonino Ferreira, Nanjing Acrobatic Troupe

Nun ist wieder Entspannung notwendig, und für diese sorgen Roli und Tonino, die sich bei einer zauberhaften Flaschenvermehrung auf höchst witzige Weise gegenseitig necken. Letztlich zieht Roli seinem Gegenüber nicht nur zahlreiche Weinflaschen, sondern auch noch einen großen Fisch aus den Taschen. Mit der Nanjing Acrobatic Troupe reisen wir ins Reich der Mitte. Auch die acht jungen Chinesen verbinden zwei Disziplinen: Bei Ikarischen Spielen katapultieren die Untermänner ihre Partner mit den Füßen in die Luft, während diese bei Sprüngen und Salti zusätzlich Lassos drehen. Auf den Einsatz von Trinkas wird übrigens verzichtet, stattdessen haben die Untermänner jeweils ein Kissen an den Rücken geschnallt. So können drei der Akrobaten, hintereinander auf dem Boden liegend, die Flieger von einem zum nächsten „weiterreichen“. Beim Schlusstrick trägt der Untermann zunächst zwei seiner Kollegen, wobei dann der mittlere herausspringt und der obere, hierbei ein Lasso drehend, aufgefangen wird.


Domino Gasser, Duo Disar, Truppe Kolfe

Nun hat Domino Gasser seinen letzten großen Einsatz. Da es angeblich an Zeit mangelt, präsentiert er diverse Vorgänge im Schnelldurchgang: Mit einer weißen Leinwand in der Hand verschwindet er für Sekunden hinter einem roten Vorhang und kehrt mit einem fertigen Gemälde der Mona Lisa zurück. In weiteren „Quickchanges“ hinter der Gardine wird das Ei zum Huhn, der Pflanzensamen zum grünen Busch und – nun wird’s schlüpfrig – eine zierliche Dame zur Schwangeren mit gut sichtbarem Babybauch. Und als sich der rote Vorhang wieder öffnet, ist der Nachwuchs auch schon da, verkörpert durch Tonino in bunter Kinderkleidung. Einen Kontrast zur ausgelassen fröhlichen Stimmung setzt nun das usbekische Duo Disar. Zu dramatischen musikalischen Klängen wird die düstere Geschichte erzählt, wie ein Verstorbener letztmals zu seiner trauernden Partnerin zurückkehrt, ehe er für immer ins Reich der Toten entschwindet. Und der Todeskitzel schwingt leise mit bei so noch nie gesehenen Schwierigkeitsgraden, bei waghalsigen Abfallern und Haltefiguren an den Strapaten, bei riskanten Zahn- und Zopfhängen in Kombination mit Wirbeln. Besonders in Erinnerung bleibt ein Trick, bei dem die Partnerin in einer liegenden Position schwebt und sich dabei zum einen mit der Kraft ihrer Zähne an einer vom Mann gehaltenen Handschlaufe, zum anderen nur mit dem rechten Fuß gegen seinen linken gedrückt hält. Die Schlussnummer übernimmt die äthiopische Truppe Kolfe. Sie ergänzt ein herkömmliches Schleuderbrett um eine Trinka auf seiner Mittelachse. So kann die Disziplin um ikarische Spiele erweitert werden, so können die Akteure mit dem Brett in die Höhe katapultiert und vom Ikarier-Untermann mit den Füßen gefangen und wieder in die Luft gestoßen werden. Das ermöglicht sehr spektakuläre Abläufe, die nun fehlerfrei ablaufen – beim Festival Mondial de Cirque de Demain Anfang 2023 mussten wir bei der Vorführung der neu zusammengestellten Formation noch unschöne Stürze mit ansehen. Eine Folge von zahlreichen Rückwärts-Überschlägen mit verbundenen Augen bildet den Abschluss.

Es ist die allererste Show der Saison, der wir hier beiwohnen, und doch läuft sie so flüssig ab, als würde die aufwendige, ausgefeilte Produktion schon längere Zeit gezeigt. Im Finale stellt sich noch einmal das gesamte Ensemble vor, die Familie Gasser verabschiedet das hochverehrte Publikum. Standing Ovations sind der Lohn für diese großartige erste Vorstellung, der bis zum Silvesterabend noch viele folgen werden – manche als reine Circusshow, andere noch festlicher mit Viergang-Menü an schön gedeckten Tischen oder im Rahmen eines gemütlichen Fondue Chinoise. Ob mit oder ohne Essen: Ein Genuss ist der Besuch in jedem Fall!

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll