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Cirque d'Hiver Bouglione 2024/25
www.cirquedhiver.com ; 156 Showfotos

Paris, 30. November 2024: Das Fliegende Trapez und der Cirque d'Hiver sind eng miteinander verbunden. Am 12. November 1859 soll hier der Artist Jules Léotard die erste Passage zwischen zwei Trapezen gewagt haben. Genau diese circensische Legende zitiert Monsieur Loyal Michel Palmer, wenn er die Flying Tabares ankündigt. Mit ihrer Darbietung am Flugtrapez gehört ihnen die Schlussnummer der Show 2024/25 im Prachtbau der Familie Bouglione. Das besondere an dieser Formation: sie besteht aus vier Fliegerinnen und einem Fänger. Diese Zusammenstellung ist nicht neu, es gab sie auch an diesem Ort schon einmal.

Aber die Damen aus den USA beherrschen das volle Programm, brillieren neben andere Sprüngen mit dem Dreifachen und einer Passage. Vermutlich gebührt ihnen auch der Titel der Produktion „Spectaculaire“.


Orchester unter der Leitung von Pierre Pichaud und Salto Dancers, Michel Palmer

Sie folgt dem bewährten Muster aus ausgesuchten artistischen Darbietungen, herrlichen Komikern und – zumindest in diesem Winter – einer Tiernummer. Ganz entscheidend veredelt werden diese Grundelemente durch den opulenten Rahmen. Da ist der einzigartige Circusbau, außen genauso prächtig wie innen. Da ist das grandiose zehnköpfige Orchester. Dessen Leiter Pierre Pichaud steht an diesem Abend selbst am Dirigentenpult. Ein fantastischer akustischer Genuss, der teilweise durch eine Sängerin komplettiert wird. Ein Fest für die Augen sind die Choreografien der Salto Dancers, aktuell sechs Damen und drei Herren. Allesamt bildhübsch und tänzerisch versiert. Zudem tragen sie verschiedene attraktive Kostüme. Das Lichtdesign muss man einfach nur als verschwenderisch bezeichnen. Zudem wird es perfekt eingesetzt. Der bereits genannte Michel Palmer ist der bekannte Monsieur Loyal, der uns versiert mit kurzen Moderationen begleitet.


David-Pierre Larible, Regina Bouglione

Gleich beim Opening werden alle Register gezogen. Die Salto Dancers tanzen vom Orchesterpodium hinunter in die Manege, wo sie auf ein paar der Artisten treffen, die erste Kostproben ihres Könnens zeigen. Eine prächtige Feier des Lebens, die sofort begeistert. Umringt von den Tänzerinnen und Tänzern startet David-Pierre Larible seine Jonglagen. Er beginnt mit Keulen und kehrt am Ende, nach der Arbeit mit Ringen und Hüten, wieder zu diesen zurück. Sieben davon hält er gleichzeitig in der Luft, bei den Ringen sind es gar zehn. Das Ganze wird flott und sympathisch verkauft. Regina Bouglione erleben wir in diesem Winter mit einem Groß und Klein. Pferd und Pony laufen unter ihrer Anleitung verschiedene Figuren zu Musik von Abba.


Les Mangeurs de Lapin

Die Mangeurs de Lapin sind nach einem Jahr Pause in den Cirque d'Hiver zurückgekehrt. Mit Ausnahme der Pausennummer, in der aus Bolaspielen eine wilde Bälleschlacht mit dem Publikum wird, haben sie neue Sketche mitgebracht. Eine Art Running Gag ist der Schleuderbrett-Act, bei dem die drei skurrilen Herren jeweils einen Gegenstand in die Luft katapultieren und wieder auffangen. Grandios ist die Dressur von zwei grünen Reptilien, die recht bald aus dem Ruder läuft. Am Ende landet der überforderte Vorführer im Transportwagen. Herrlich auch die Szenen der Rhythmischen Sportgymnastik, bei denen immer einer aus der Reihe tanzt. Allesamt höchst originelle Ideen, die genial umgesetzt werden. Ihr Spiel ist einzigartig. Sie scheinen aus der Zeit gefallen, erreichen aber spielend ihr Publikum von heute. Dank ihrer innovativen Geschichten ist der Schon-gesehen-Effekt ausgeschlossen.


Victoria Bouglione, Eliza Khachatryan, Free Fall

Victoria Bouglione erscheint aus dem mit Licht und Nebel gefluteten Artisteneingang, um in der Mitte der Manege ihre Hula Hoop-Akrobatik zu zelebrieren. Zunächst zeigt sie ihre Kunst mit herkömmlichen Reifen, die sie gekonnt um verschiedene Körperteile kreisen lässt. Dann sind es LED-Reifen, mit denen sie in der Dunkelheit Bilder mit bunten Mustern kreiert. Das Finale mit unzähligen Ringen endet im Glitterregen. Eliza Khachatryan war vor vielen Jahren im Kronebau auf dem Hochseil zu erleben. Nun ist ihr Draht deutlicher tiefer gespannt, aber sie begeistert nach wie vor mit Spitzentanz auf dem Seil. Nahezu alle Tricks arbeitet sie auf den Zehenspitzen. Dabei wird sie in der Manege von der Violinistin des Orchesters begleitet. Eine anspruchsvolle Mischung aus Ballett und Artistik, die ein außergewöhnliches Können erfordert. Für die ursprünglich vorgesehenen Les Dire Boys ist die Formation Free Fall aus Ungarn eingesprungen. Vier Artisten im Alter zwischen 18 und 20 Jahren lassen ihre Partnerin bei Handvoltigen durch die Luft fliegen. Dort oben zeigt die junge Dame variantenreiche Sprünge. Zudem versprüht das Quintett eine gute Portion Lebensfreude, die ansteckend ist.


Duo Sweet Darkness, Lusesita & Matteo

Duo Sweet Darkness nennen sich zwei junge Französinnen, die am Luftring unter der Kuppel des Circusbaus arbeiten. Anne-Charlotte Joguet und Helene Kolessnikow verbinden in ihrer traumhaften Kür Ästhetik, akrobatisches Können und eine nicht gerade geringe Dosis Wagemut. Denn was sie da mehrere Meter über der Manege zeigen, ist nicht ohne Risiko. Etwa, wenn sich die eine nur mit den Beinen am Fuß der anderen festhält. Neben zahlreichen eher ruhigen Haltefiguren hat das Duo auch dynamische Elemente im Repertoire. So, während sie sich gegenseitig rotierend umkreisen – die eine im Luftring, die andere mit einem Fuß in einer Schlaufe. Nach der Bälleschlacht der Mangeurs de Lapin mit dem Publikum geht es in die Pause. Der zweite Teil startet auf dem Orchesterpodium. Die Instrumentalisten spielen druckvoll auf, die Sängerin ist mit von der Partie und die Salto Dancers steuern flotte Moves bei. In der Manege bilden drei der Damen zusammen mit den Herren Tanzpaare und legen gekonnte Schritte auf den Boden. Die drei weiteren Tänzerinnen bewegen sich im Hintergrund. Lusesita Farrell ist Tänzerin und Choreografin, Matteo Krajewski ausgebildeter Jongleur. Für ihre gemeinsame Darbietungen haben sie sich die Perche als Requisit ausgesucht. Sogar gleich mehrere Varianten davon. Los geht es mit einer langen Stange, die Matteo auf einer Schulter balanciert, während Lusesita oben einen Spagat macht. Mit der Stirnperche erklimmen sie eine Leiter. Mithilfe einer in einem Gurt vor dem Körper fixierten Perche lässt Matteo seine Partnerin in luftiger Höhe rotieren. Das Ganze wird sehr elegant präsentiert. Man merkt eben, dass sich Lusesita bestens auf die Kunst der Inszenierung versteht.


Natalia Egorova, Skating Nistorov, Michael Betrian

Ein immer wieder gern gesehener Klassiker in der Manege des Cirque d'Hiver ist die Liebesgeschichte an den Strapaten von Natalia Egorova und Sampion Bouglione. Letzterer spielt auf einem Flügel, während um ihn herum Nebel wabert. Seine Frau kommt hinzu und wirbt um den Pianisten. Einen zusätzlichen Effekt bietet die ausfahrbare Mittelbühne mit Scheinwerfern an der Seite. Dann geht es für Natalia Egorova zunächst alleine in die Höhe, wo sie unter anderem kraftvolle Umschwünge zeigt. Danach fliegen beide zusammen, bevor er sich wieder ans Klavier setzt und sie alleine Richtung Artisteneingang entschwindet. Das Paar verwöhnt uns mit traumhaften Bildern, in die die artistischen Elemente eingebunden sind. Begleitet von den Tänzerinnen sorgt Juliano Bouglione am Schlagzeug gemeinsam mit dem Saxofonisten des Orchesters für ein musikalisches Intermezzo. Quasi aus dem Untergeschoss nach oben gefahren kommen die Skating Nistorov. Die versenkbare Rundbühne in der Manegenmitte macht es möglich. Eugenio Nistoro und seine Ehefrau Alina werden dank Partnerin Lara zu einem Trio komplettiert. Bei einer der rasanten Touren erleben wir sie zu dritt, bei den anderen schleudert Eugenio jeweils eine der Damen kontrolliert im Kreis. Dies etwa mit deren Füßen hinter seinem Kopf oder beim Genickhangwirbel. Ein charmant-rasanter Verkauf versteht sich hier von selbst. Im Frühjahr sahen wir Michael Betrian noch beim Zirkus des Horrors. Seine Aufmachung in Paris ist gar nicht so viel anders, denn er präsentiert hier wie dort die Version „Impact“ seiner Diabolojonglagen. Diese beschreibt der junge Niederländer auf seiner Homepage als „futuristic dark punk look“. Entsprechend mystisch geht es zu, wenn er seine Doppelkegel auf faszinierende Weise fliegen lässt. Ein wahrer Könner seines Fachs, der den gesamten Raum unter der Kuppel für die weiten Flüge seiner Diabolos nutzt, aber diese genauso auf kleinstem Raum tanzen lässt.


Flying Tabares

Während Michel Palmer die einleitenden Worte übernimmt, wird in Windeseile das Sicherheitsnetz aufgebaut. Dies erledigen versiert die zahlreichen Requisiteure. Dann richten sich ein letztes Mal alle Blicke unter die Kuppel. Die vier Fliegerinnen der Flying Tabares verwöhnen uns mit dem eingangs erwähnten Repertoire. Der Dreifache gelingt an diesem Abend sicher, ebenso die Passage. Die Damen und der Fänger sind offensichtlich bestens aufeinander eingespielt. Ein würdiger Abschluss dieser Show. Doch ein Highlight folgt noch. Wie gewohnt wird das Finale ausführlich zelebriert. Musik, Licht und alle Mitwirkenden machen es zu etwas ganz Besonderem. Nicht zuletzt diese prachtvollen Bilder bleiben hängen beim Publikum. Als Zugabe bedienen die Mangeurs de Lapin noch einmal – erfolgreich – ihr Schleuderbrett. Erst wenn Monsieur Loyal Michel Palmer die Manege ein letztes Mal durchschreitet, ist wirklich Schluss, gehen die Lichter im Saal an, gehen die Zuschauer nach Hause.

Ein Besuch im Cirque d'Hiver ist immer ein Erlebnis. Ganz gleich, ob man ein „gewöhnlicher“ Paris-Tourist ist oder ein Circusliebhaber. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Dank einem einzigartigen Ambiente, traumhafter Inszenierungen und ausgewählter Circusnummern. Die Mischung stimmt auch im Winter 2024/25 wieder. „Spectaculaire“ erfüllt die hohen Ansprüche, die man an die Shows der Familie Bouglione hat, aufs Beste. Ein wahrer Genuss!

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Text und Fotos: Stefan Gierisch