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Aber die Damen aus den USA
beherrschen das volle Programm, brillieren neben andere Sprüngen
mit dem Dreifachen und einer Passage. Vermutlich gebührt ihnen
auch der Titel der Produktion „Spectaculaire“.
 
Orchester unter der
Leitung von Pierre Pichaud und Salto Dancers, Michel Palmer
Sie folgt dem bewährten Muster
aus ausgesuchten artistischen Darbietungen, herrlichen Komikern
und – zumindest in diesem Winter – einer Tiernummer. Ganz
entscheidend veredelt werden diese Grundelemente durch den
opulenten Rahmen. Da ist der einzigartige Circusbau, außen
genauso prächtig wie innen. Da ist das grandiose zehnköpfige
Orchester. Dessen Leiter Pierre Pichaud steht an diesem Abend
selbst am Dirigentenpult. Ein fantastischer akustischer Genuss,
der teilweise durch eine Sängerin komplettiert wird. Ein Fest
für die Augen sind die Choreografien der Salto Dancers, aktuell
sechs Damen und drei Herren. Allesamt bildhübsch und tänzerisch
versiert. Zudem tragen sie verschiedene attraktive Kostüme. Das
Lichtdesign muss man einfach nur als verschwenderisch
bezeichnen. Zudem wird es perfekt eingesetzt. Der bereits
genannte Michel Palmer ist der bekannte Monsieur Loyal, der uns
versiert mit kurzen Moderationen begleitet.
 
David-Pierre Larible,
Regina Bouglione
Gleich beim Opening werden alle
Register gezogen. Die Salto Dancers tanzen vom Orchesterpodium
hinunter in die Manege, wo sie auf ein paar der Artisten
treffen, die erste Kostproben ihres Könnens zeigen. Eine
prächtige Feier des Lebens, die sofort begeistert. Umringt von
den Tänzerinnen und Tänzern startet David-Pierre Larible seine
Jonglagen. Er beginnt mit Keulen und kehrt am Ende, nach der
Arbeit mit Ringen und Hüten, wieder zu diesen zurück. Sieben
davon hält er gleichzeitig in der Luft, bei den Ringen sind es
gar zehn. Das Ganze wird flott und sympathisch verkauft. Regina
Bouglione erleben wir in diesem Winter mit einem Groß und Klein.
Pferd und Pony laufen unter ihrer Anleitung verschiedene Figuren
zu Musik von Abba.

Les Mangeurs de Lapin
Die Mangeurs de Lapin sind nach
einem Jahr Pause in den Cirque d'Hiver zurückgekehrt. Mit
Ausnahme der Pausennummer, in der aus Bolaspielen eine wilde
Bälleschlacht mit dem Publikum wird, haben sie neue Sketche
mitgebracht. Eine Art Running Gag ist der Schleuderbrett-Act,
bei dem die drei skurrilen Herren jeweils einen Gegenstand in
die Luft katapultieren und wieder auffangen. Grandios ist die
Dressur von zwei grünen Reptilien, die recht bald aus dem Ruder
läuft. Am Ende landet der überforderte Vorführer im
Transportwagen. Herrlich auch die Szenen der Rhythmischen
Sportgymnastik, bei denen immer einer aus der Reihe tanzt.
Allesamt höchst originelle Ideen, die genial umgesetzt werden.
Ihr Spiel ist einzigartig. Sie scheinen aus der Zeit gefallen,
erreichen aber spielend ihr Publikum von heute. Dank ihrer
innovativen Geschichten ist der Schon-gesehen-Effekt
ausgeschlossen.
  
Victoria Bouglione, Eliza
Khachatryan, Free Fall
Victoria Bouglione erscheint aus
dem mit Licht und Nebel gefluteten Artisteneingang, um in der
Mitte der Manege ihre Hula Hoop-Akrobatik zu zelebrieren.
Zunächst zeigt sie ihre Kunst mit herkömmlichen Reifen, die sie
gekonnt um verschiedene Körperteile kreisen lässt. Dann sind es
LED-Reifen, mit denen sie in der Dunkelheit Bilder mit bunten
Mustern kreiert. Das Finale mit unzähligen Ringen endet im
Glitterregen. Eliza Khachatryan war vor vielen Jahren im
Kronebau auf dem Hochseil zu erleben. Nun ist ihr Draht
deutlicher tiefer gespannt, aber sie begeistert nach wie vor mit
Spitzentanz auf dem Seil. Nahezu alle Tricks arbeitet sie auf
den Zehenspitzen. Dabei wird sie in der Manege von der
Violinistin des Orchesters begleitet. Eine anspruchsvolle
Mischung aus Ballett und Artistik, die ein außergewöhnliches
Können erfordert. Für die ursprünglich vorgesehenen Les Dire
Boys ist die Formation Free Fall aus Ungarn eingesprungen. Vier
Artisten im Alter zwischen 18 und 20 Jahren lassen ihre
Partnerin bei Handvoltigen durch die Luft fliegen. Dort oben
zeigt die junge Dame variantenreiche Sprünge. Zudem versprüht
das Quintett eine gute Portion Lebensfreude, die ansteckend ist.
 
Duo Sweet Darkness,
Lusesita & Matteo
Duo Sweet Darkness nennen sich
zwei junge Französinnen, die am Luftring unter der Kuppel des
Circusbaus arbeiten. Anne-Charlotte Joguet und Helene
Kolessnikow verbinden in ihrer traumhaften Kür Ästhetik,
akrobatisches Können und eine nicht gerade geringe Dosis
Wagemut. Denn was sie da mehrere Meter über der Manege zeigen,
ist nicht ohne Risiko. Etwa, wenn sich die eine nur mit den
Beinen am Fuß der anderen festhält. Neben zahlreichen eher
ruhigen Haltefiguren hat das Duo auch dynamische Elemente im
Repertoire. So, während sie sich gegenseitig rotierend umkreisen
– die eine im Luftring, die andere mit einem Fuß in einer
Schlaufe. Nach der Bälleschlacht der Mangeurs de Lapin mit dem
Publikum geht es in die Pause. Der zweite Teil startet auf dem
Orchesterpodium. Die Instrumentalisten spielen druckvoll auf,
die Sängerin ist mit von der Partie und die Salto Dancers
steuern flotte Moves bei. In der Manege bilden drei der Damen
zusammen mit den Herren Tanzpaare und legen gekonnte Schritte
auf den Boden. Die drei weiteren Tänzerinnen bewegen sich im
Hintergrund. Lusesita Farrell ist Tänzerin und Choreografin,
Matteo Krajewski ausgebildeter Jongleur. Für ihre gemeinsame
Darbietungen haben sie sich die Perche als Requisit ausgesucht.
Sogar gleich mehrere Varianten davon. Los geht es mit einer
langen Stange, die Matteo auf einer Schulter balanciert, während
Lusesita oben einen Spagat macht. Mit der Stirnperche erklimmen
sie eine Leiter. Mithilfe einer in einem Gurt vor dem Körper
fixierten Perche lässt Matteo seine Partnerin in luftiger Höhe
rotieren. Das Ganze wird sehr elegant präsentiert. Man merkt
eben, dass sich Lusesita bestens auf die Kunst der Inszenierung
versteht.
  
Natalia Egorova, Skating
Nistorov, Michael Betrian
Ein immer wieder gern gesehener
Klassiker in der Manege des Cirque d'Hiver ist die
Liebesgeschichte an den Strapaten von Natalia Egorova und
Sampion Bouglione. Letzterer spielt auf einem Flügel, während um
ihn herum Nebel wabert. Seine Frau kommt hinzu und wirbt um den
Pianisten. Einen zusätzlichen Effekt bietet die ausfahrbare
Mittelbühne mit Scheinwerfern an der Seite. Dann geht es für
Natalia Egorova zunächst alleine in die Höhe, wo sie unter
anderem kraftvolle Umschwünge zeigt. Danach fliegen beide
zusammen, bevor er sich wieder ans Klavier setzt und sie alleine
Richtung Artisteneingang entschwindet. Das Paar verwöhnt uns mit
traumhaften Bildern, in die die artistischen Elemente
eingebunden sind. Begleitet von den Tänzerinnen sorgt Juliano
Bouglione am Schlagzeug gemeinsam mit dem Saxofonisten des
Orchesters für ein musikalisches Intermezzo. Quasi aus dem
Untergeschoss nach oben gefahren kommen die Skating Nistorov.
Die versenkbare Rundbühne in der Manegenmitte macht es möglich.
Eugenio Nistoro und seine Ehefrau Alina werden dank Partnerin
Lara zu einem Trio komplettiert. Bei einer der rasanten Touren
erleben wir sie zu dritt, bei den anderen schleudert Eugenio
jeweils eine der Damen kontrolliert im Kreis. Dies etwa mit
deren Füßen hinter seinem Kopf oder beim Genickhangwirbel. Ein
charmant-rasanter Verkauf versteht sich hier von selbst. Im
Frühjahr sahen wir Michael Betrian noch beim Zirkus des Horrors.
Seine Aufmachung in Paris ist gar nicht so viel anders, denn er
präsentiert hier wie dort die Version „Impact“ seiner
Diabolojonglagen. Diese beschreibt der junge Niederländer auf
seiner Homepage als „futuristic dark punk look“. Entsprechend
mystisch geht es zu, wenn er seine Doppelkegel auf faszinierende
Weise fliegen lässt. Ein wahrer Könner seines Fachs, der den
gesamten Raum unter der Kuppel für die weiten Flüge seiner
Diabolos nutzt, aber diese genauso auf kleinstem Raum tanzen
lässt.

Flying Tabares
Während Michel Palmer die
einleitenden Worte übernimmt, wird in Windeseile das
Sicherheitsnetz aufgebaut. Dies erledigen versiert die
zahlreichen Requisiteure. Dann richten sich ein letztes Mal alle
Blicke unter die Kuppel. Die vier Fliegerinnen der Flying
Tabares verwöhnen uns mit dem eingangs erwähnten Repertoire. Der
Dreifache gelingt an diesem Abend sicher, ebenso die Passage.
Die Damen und der Fänger sind offensichtlich bestens aufeinander
eingespielt. Ein würdiger Abschluss dieser Show. Doch ein
Highlight folgt noch. Wie gewohnt wird das Finale ausführlich
zelebriert. Musik, Licht und alle Mitwirkenden machen es zu
etwas ganz Besonderem. Nicht zuletzt diese prachtvollen Bilder
bleiben hängen beim Publikum. Als Zugabe bedienen die Mangeurs
de Lapin noch einmal – erfolgreich – ihr Schleuderbrett. Erst
wenn Monsieur Loyal Michel Palmer die Manege ein letztes Mal
durchschreitet, ist wirklich Schluss, gehen die Lichter im Saal
an, gehen die Zuschauer nach Hause. |