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Salto 2024 - "Lumina"
www.saltoshow.ch ; 164 Showfotos

Kloten, 23. November 2024: Am Beginn steht die Dunkelheit. In einer düsteren Tanzszene erleben wir hektische Gestalten in schwarzer Kleidung, die scheinbar gefangen sind. Rechtecke aus Licht auf dem Bühnenboden und „Gitterstäbe“ aus Laserstrahlen markieren den Bereich, den sie nicht verlassen können. Artist Yoann Benhamou sticht als Protagonist aus der Menge hervor. Seine Geschichte verfolgen wir in den kommenden zwei Stunden beim Wintercircus „Salto“ von Gregory Knie. Gespielt wird in den bekannten Zeltanlagen am Flughafen Zürich, in denen bis einige Tage vorher der Erotikcircus „Ohlala“ gezeigt wurde. Während „Ohlala“ sich an ein reines Erwachsenenpublikum wendet, ist „Salto“ traditionell eine Show für die ganze Familie.

Im Vorzelt ist die sündige Nachtclub-Atmosphäre von "Ohlala" dem festlichen Glanz eines hochwertigen Weihnachtscircus gewichen. Es ist verblüffend, wie sehr sich das Ambiente gewandelt hat, obwohl die einzelnen Bereiche wie Essensstand, zentrale Getränkebar und VIP-Lounges ihren Platz behalten haben.


RoboPole, Galina und Sonny Hayes, Mukhamadi Sharifzoda

Zunächst trifft unsere Hauptfigur auf „RoboPole“, der Akrobatik auf einem in alle Richtungen beweglichen Industrieroboter zeigt. Am Arm der Maschine befestigt ist eine lange Stange. Wird diese senkrecht gestellt, können daran kraftvolle Elemente der Mastakrobatik demonstriert werden. Stellt der Roboter die Stange dagegen in die Horizontale, kann „RoboPole“ auf ihr sitzen, kopfüber daran hängen oder darauf balancieren. Allein, wie der junge deutsche Artist im Overall scheinbar vollkommen ungerührt die Drehungen und Wendungen des Roboters hinnimmt, ist einfach sehenswert. Nun begegnet Yoann Benhamou dem Komikerduo Galina und Sonny Hayes. Sie sind nicht schwarz, sondern vollkommen farbenfroh gekleidet. Und aus ihrer großen, schwarzen Truhe mit Deckel entspinnt sich im Folgenden eine bunte Welt. Auch Mukhamadi Sharifzoda beginnt seine Handstände mit schwarzer Hose und schwarzer Jacke, legt letztere aber bald ab, so dass ein Netzoberteil mit buntem Muster sichtbar wird. Besonders interessant an seiner Nummer ist das Requisit, das wie ein Berg aus Holzklötzen gestaltet ist. Auf diesen stehen zwei hohe Stapel aus Klötzchen, die er quasi als Handstäbe nutzt. Darauf drückt er sich beispielsweise aus einer Handstandwaage in einen Einarmer empor, wechselt mehrfach zwischen linker und rechter Hand. Als der rechte Stapel wie ein Jenga-Turm zusammenfällt, bleibt ihm nur noch der linke, um darauf seine Kunst zu zelebrieren, doch auch dieser stürzt am Ende in sich zusammen. Welcher ausgeklügelte Mechanismus die scheinbar lose gestapelten Klötzchenstapel so lange in der Vertikalen hält, bleibt das Geheimnis der Erfinder dieser schönen Nummer.


Ballett mit Fabienne Louves

Nun erscheint aus einem überdimensionalen Diamanten die Namensgeberin der Show, die Figur „Lumina“, gespielt von der Schweizer Musicalsängerin Fabienne Louves. Diese bringt erst richtig Farbe in die Salto-Welt – in einem farbenprächtigen Kostüm interpretiert sie den wunderbar mitreißenden Disney-Song „Dream, see, write, live your story“, umtanzt von den jeweils drei Damen und Herren des Balletts in ebenso leuchtenden Kostümen. Und mit einer Berührung von „Lumina“ verwandelt sich der schwarze Anzug unserer Hauptfigur, trägt er nun ein gelb leuchtendes Oberteil. Er wirkt vollkommen befreit.


Lilla Csepregi, Emeline Goavec, Arctic Ensemble

Während einer kleinen Zauberei von Galina und Sonny Hayes wird flugs die Slackline für die junge Ungarin Lilla Csepregi über die Bühne gespannt. Auch sie legt ihr schwarzes Gewand bald ab, so dass ein vielfarbiges Kostüm erscheint, unter ihrer schwarzen Mütze kommen unter anderem gelb colorierte Dreadlocks hervor. Vorwärts und rückwärts führt sie Salti auf dem federnden Band aus, die genretypisch jedoch nicht im Stehen, sondern in sitzender Position gelandet werden. Nun bahnt sich eine Lovestory zwischen dem Protagonisten und einer hübschen Dame an, gespielt von Emeline Goavec. Dass sie und Yoann Benhamou auch im echten Leben ein Paar sind, macht die Sache wohl einfacher. Die junge Französin legt den pinken Umhang und den bunten Kopfschmuck über ihrem Kostüm ab und präsentiert uns Luftakrobatik in der Plexiglaskugel, die sich in zwei Hälften teilen kann. Bei ihren wunderbar anzusehenden, kontorsionistischen Bewegungen vermeidet sie es, durch den Kugelspalt in die Tiefe zu stürzen. Der Spagat zwischen den Kugelhälften oder der Fußhang an der Kugelkante sind nur zwei Elemente ihrer Kür. Zurück am Boden, kommt es zur Begegnung mit der Hauptfigur. Er ist offensichtlich fasziniert von ihr. „Cover me with sunshine“, von Fabienne Louves bestens interpretiert, passt zum Thema der Show und begleitet den nächsten Tanz des Balletts. Als „größter Illusionist der magischen Welt" wird uns Sonny Hayes angekündigt. Freilich verläuft bei dem Auftritt des in Würde ergrauten Magiers nicht alles planmäßig. Als er mit Feuer hantiert, trifft ihn das Löschpulver aus dem von Galina bedienten Feuerlöscher am Hosenladen. Beim schwebenden Tisch schneidet er ungerührt die Schnur ab, an der das Kleinmöbel hängt. Und auch seine Variante der „schwebenden Jungfrau“, in Gestalt seiner Gattin natürlich, ist garantiert durchschaubar. Zum Abschluss des ersten Programmteils erwartet uns noch ein großes Schaubild mit Ballett und Gesang, in dem sich weitere Figuren „von schwarz nach farbenfroh“ verwandeln. In diese Szene integriert ist der erste Auftritt der Truppe „Arctic Ensemble“. Die acht Frauen und Männer zeigen einige Elemente der Handvoltigen-Akrobatik. Insgesamt jedoch hat dieser Auftritt deutlich den Charakter einer Zweitnummer. Mit einer Popcorntüte in der Hand leitet Galina Hayes die Pause ein.


Dalton Sessumes

Hälfte zwei beginnt mit der Drohnennummer von Dalton Sessumes. In kunstvollen Formationen schweben die Flugobjekte über der Bühne, von dem Amerikaner in einem beleuchteten, gepanzerten Superhelden-Kostüm und mit einem LED-Stab in der Hand dirigiert. Das exzellente Lichtdesign mit Laserstrahlen, die eine Art Haus um die Drohnen formen, sowie der glasklare Sound bei Salto tragen dazu bei, dass diese technisch-moderne Performance ein optischer und akustischer Genuss ist. Bei ihrer nächsten Choreographie tragen die jeweils drei Damen und Herren des Balletts s-förmige Objekte in der Hand, die beispielsweise wie Propeller bewegt werden. Das schafft schöne Bilder.


Yoann Benhamou, Ballett mit Fabienne Louves

Nachdem Emeline Goavec im ersten Programmteil ihr Können in der Plexiglaskugel bewiesen hat, tut es ihr Yoann Benhamou nun an den Bungee-Strapaten nach. Er beeindruckt schon allein mit seinem freien, muskelbepackten Oberkörper, aber natürlich auch mit großem Können, beispielsweise bei eleganten Flügen und kraftvollen Überschlägen. Durch absolute Dynamik zeichnet sich die nachfolgende Tanz- und Gesangsnummer aus.


Iguana Contorsionists, Galina und Sonny Hayes

Bezaubernd sind die vier jungen Frauen der Iguana Contorsionists aus der Mongolei. Sie beweisen ihre enorme Biegsamkeit, dies in Figuren nicht nur neben-, sondern vor allem aufeinander, auf bis zu drei Ebenen. Herrlich witzig ist der nächste Auftritt von Galina und Sonny Hayes, die sich zunächst durch eine Kartenmanipulation blödeln. Dann folgt der Höhepunkt: das „Hütchenspiel“, bei dem der Kopf von Galina auf immer wieder überraschende Weise unter einem von drei Eimern erscheint – oder auch nicht. Seine stoische Miene, ihre überdreht-extrovertierte Fröhlichkeit, das Ganze ist ein Riesenspaß. Zum Abschluss scheitert Sonny noch grandios bei dem Versuch, die Partnerin verschwinden zu lassen.


Duo Emyo, Arctic Ensemble

Flugs aufgebaut ist das große Requisit für den doppelten Fangstuhl des "Arctic Ensemble". Auf den beiden linken und den beiden rechten Podien stehen jeweils zwei starke Untermänner, die die insgesamt vier Fliegerinnen werfen und fangen. Parallele Aktionen auf beiden Seiten wechseln sich ab mit Flügen zwischen den Stationen. Dabei wird ein breites Repertoire an herkömmlichen und gestreckten Salti präsentiert. Dieser zweite Auftritt des Oktetts ist absolut stark und wäre eine Bereicherung für jedes Programm, durch die gesangliche Begleitung wird er weiter veredelt. Wer glaubt, dies sei die Schlussnummer gewesen, wird nun überrascht, denn die Liebesgeschichte zwischen dem Hauptakteur und seiner Angebeteten wird noch zu Ende erzählt – mit dem Auftritt von Emeline Goavec und Yoann Benhamou am Tanztrapez, in einer Kür voller temporeich-dynamischer und auch riskanter Elemente. Damit endet diese wunderschöne Reise von der Dunkelheit und Ängstlichkeit in die freie, bunte, lichtdurchflutete Welt von „Lumina“. Diese, alias Sängerin Fabienne Louves, schwebt beim mit Standing Ovations gefeierten Finale mit Schmetterlingsflügeln über dem Ensemble und dem großen Diamanten, aus dem sie zu Beginn erschienen ist. Beeindruckend ist der Aufwand für eine Circusproduktion, die nur einige Wochen lang zu sehen ist. Dahinter stehen Inhaber Gregory Knie, Geschäftsführerin Anja Walder mit ihrer administrativen Crew sowie ein sechsköpfiges Kreativteam mit Aurelia Cats (Art Director), Mariana Rodrigo (artistische Leitung), Fidel Buika (Choreographie), Dimitri Monstein (Musik), Diego Diaz (Licht) und Jaume Trobat (Ton).

Die Produktion „Lumina“ beweist insgesamt, dass es sie noch gibt, die große Vielfalt an Circusdisziplinen jenseits ausgetretener Pfade. Dank eines sorgfältigen Castings gelingt es, diese in einer großartigen Show zu vereinen. Eine schön gezeichnete Handlung, herrlich witzige Comedy, mitreißende Tanz- und Gesangsszenen und moderne Technik, die aber nie zum Selbstzweck wird, machen das Vergnügen perfekt.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll