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Vor dem Beginn des
Einlasses bildet sich an der Kasse eine längere
Besucherschlange. Im Chapiteau ergeben das Schalensitzgradin,
die Logen mit Holzboden und weihnachtlich geschmückten Wänden
sowie das neue Orchesterpodium ein nahezu perfektes Bild. Für
das Tüpfelchen auf dem i soll in Kürze noch ein Baldachin über
dem Artisteneingang sorgen.
  
Barnum’s
Weihnachtscircus in Nürnberg
Zum 8. Mal
veranstaltet der Circus Barnum hier einen Weihnachtscircus, doch
die Livemusik hat in diesr Saison Premiere. Die fünf Musiker
begleiten die Vorstellung mit wunderbarem Spiel. Er wird
deutlich, der hohe Ehrgeiz, mit dem die Kaisers hier Circus
machen. Und doch gibt es ein paar Stellschrauben, an denen im
Sinne der Kundenzufriedenheit noch gedreht werden könnte. Eine
transparente Preisauszeichnung in der Restauration und
hochwertigere Toiletten gehören dazu. Zudem ist es an diesem
Nachmittag recht kühl im Zelt, die Besucher behalten die
Jacken an.
  
Davio
Micheletty Folco, Gyula Saly, Dory Ardisson
Etwas mehr Wärme,
im übertragenen Sinne, würden wir uns auch für die Gestaltung
der Vorstellung wünschen, denn nach einer kurzen Flaggenparade
startet die Spielfolge mit der ersten Nummer, eine persönliche
Begrüßung fällt aus. Die nächste Generation seiner Circusfamilie
ist Davio Micheletty Folco. Auf dem Einrad zeigt der Junge, was
er bereits gelernt hat - und das ist trotz kleinerer
Unsicherheiten nicht wenig. Auf dem Einrad geht es die Treppen
seines Requisites hinunter und wieder hinauf, oben jongliert er
mit drei Keulen und springt Seil. Die Fahrt auf dem Nur-Rad und
dem Hochrad finden in der Manege statt, alles unter den
wachsamen Augen seines Vaters. Erstmals in der Vorstellung
machen wir Bekanntschaft mit Clown Gyula Saly, der als
verrückter Koch einen Teller auf einem Stab dreht, ein Gummihuhn
präsentiert und letztlich ein rohes Ei auf seinem Kopf
zerschellen lässt. Auf einem Stuhl mit sechs Tellern auf Lehnen
und Sitzflächen zelebriert Dory Ardisson ihre
Handstand-Kontorsion. Mit den Füßen löst sie zur Krönung der
Trickfolge den Bogenschuss auf einen Luftballon aus. Auffällig
gestaltet ist das Kostüm, bis hin zur goldenen Perücke.
  
Loris
Donnert, Duo Fantastico, Chicko junior
Nochmals erhält
der Nachwuchs einer bekannten Circusfamilie ein Podium. Hier ist
sozusagen der Nachname Programm, denn Loris Donnert zeigt sein
Können als Akrobat zu Pferd. Er jongliert mit vier Bällen, fünf
und kurz auch sechs Ringen sowie fünf Keulen. Mit einem
Vorwärtssalto geht es vom Ross zurück zum Boden, einen weiteren
Salto dreht er sich mit einer Hand am galoppierenden Tier
haltend. Beim "Duo Fantastico" ist der Name fast ein wenig
betulich für die Gestaltung der Nummer, denn Mikhail Hidei und
Partnerin Mariya Girda präsentieren ihre Quick-Change-Nummer im
Hardrock-Stil. Mal prangt ein Totenkopf auf dem Kostüm der Dame,
mal wechselt sie das Outfit hinter Fahnen mit dem Bandlogo von
AC/DC. Die musikalische Begleitung ist entsprechend. Auch hinter
schwarzen Flügeln, in einer Box zum Durchsteigen oder hinter
Nebelsäulen werden blitzschnell die Kostüme gewechselt. Nachdem
Clown Chicko nach vielen Jahren beim Circus Barnum verstorben
ist, hat Julius Trautner nun die Rolle von "Chicko junior"
übernommen. Er spielt seine Variante von "Musizieren ist hier
verboten" mit Direktionssohn Miguel Kaiser als seriösem Part.
 
Vivien
Doren Kaiser, Flying Mendonca
Vivien Doren
Kaiser, die hübsche Tochter von Direktor Markus Kaiser, kümmert
sich nicht nur um die Programmgestaltung, sondern hat mit ihrer
Luftakrobatik im Netz auch ihren eigenen Act in der
Vorstellung. Mut, Kraft und Beweglichkeit sind
Grundvoraussetzungen dafür. Ihre Arbeit wird ebenso vom
dreiköpfigen Ballett eingeleitet wie die anschließende
Exotendressur. Nachdem sein Bruder Juliano geschäftlich
unterwegs ist, wird sie an diesem Tag von Miguel Kaiser
vorgeführt. Mehrfach in dieser Vorstellung sprintet er vom
Beleuchterpodium, von dem er das ansprechende Lichtdesign
steuert, zum Artisteneingang. So auch jetzt, und so dirigiert er
drei Kamele durch verschiedene Lauffiguren. Wenn noch sechs
exotische Rinder mit gewaltigen Hörnern hinzukommen und die
Manege umrunden, entsteht vor der Pause ein imposantes Bild.
Ganz klassisches Großcircus-Flair versprüht auch das Flugtrapez,
mit dem später der zweite Programmteil eröffnet wird. Mit den
Flying Mendonca ist ein weiterer Name mit gutem Klang Teil des
Line-ups. Doppelsalto gestreckt, Passage, Sturz kopfüber aus der
Kuppel ins Netz: Hier sind viele typische Elemente des Genres zu
erleben.
 
Franziska
Micheletty Folco, Saly Clowns
Franziska
Micheletty Folco führt auf charmante und sympathische Weise ihre
Hunde vor, vom Seilspringen bis zur Polonaise. Mit der Autofahrt
verabschieden sich die schönen Tiere. In klassischer
Dreierbesetzung mit zwei Augusten und strenger Dame - wenn auch
ohne weiß geschminktes Gesicht - servieren die Salys ein
Potpourri aus Musik und Gags. Da stört man sich gegenseitig beim
Spiel auf verschiedenen Instrumenten, da spritzen
Krokodilstränen in die Logen, da platzen Ballons und wird eine
Wasserschlacht ausgefochten. Auch das versöhnliche Ende beim
gemeinsamen Musizieren ist pure Circustradition.
 
Markus
Kaiser, Mikhail Hidei
Und es bleibt
klassisch. Vivien Doren setzt beim spanischen Gesang eine
weitere Facette ihrer Talente ein, das Ballett tanzt in
entsprechenden Flamenco-Kostümen - und Markus Kaiser stellt
gekonnt und souverän einen Viererzug Schimmel mit blauen
Federpuscheln vor. Auf variantenreiche Lauffiguren in hohem
Tempo folgen verschiedene Steiger, mal mit drei Tieren, mal im
Solo. Ein weiteres Intermezzo der Saly Clowns wird genutzt, um
das Requisit für die Schlussnummer aufzubauen. Als Harlekin
zeigt Mikhail Hidei eine starke Arbeit auf dem Schlappseil. So
sitzt er auf einem Stuhl auf dem Seil und jongliert dabei mit
fünf Ringen oder er kombiniert seine Einradfahrt mit der
Jonglage von vier Ringen und lässt dabei noch drei Teller auf
einem Gestell rotieren, das er mit dem Mund hält. |