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Und dennoch ist es eine kleines
Wunder, das jedes Jahr wieder gelingt. Anders als ein Chapiteau,
das zumeist mit ordentlich Vorlauf auf dem ohnehin nicht
anderweitig genutzten Festplatz aufgebaut werden kann, steht das
Tempodrom erst wenige Tage vor der Premiere zur Verfügung. In
dieser kurzen Zeit muss sich die Technik einrichten, die
Artisten müssen ihre Apparate einbauen, alle müssen für sich an
dem neuen Ort proben und letztendlich muss die Show gesamthaft
entstehen.

Circus-Theater Roncalli im
Berliner Tempodrom
Die Verantwortung dafür liegt bei
Patrick Philadelphia. Der Roncalli-Geschäftsführer hat die Show
erdacht und umgesetzt. Das natürlich immer in Abstimmung mit
Direktor Bernhard Paul. Vor seinem Eintreffen in Berlin hat er
bereits die Aufbauarbeiten für die Weihnachtsproduktionen in
Bremen, Lübeck und Osnabrück geleitet. Das Konzept für die Show
in Berlin steht vorab, es muss „nur“ noch umgesetzt werden. Das
Ballett muss seine Choreographien beherrschen, das Orchester
seine Arrangements. Dazu kommen Besonderheiten wie in diesem
Winter ein neuer Lichtdesigner. Am Nachmittag vor der
offiziellen Premiere - am Tag zuvor gab es bereits ein „Soft
Opening“ - wirkt Patrick Philadelphia entspannt, schaut sich die
Vorstellung ganz genau an und notiert sich Ideen für
Optimierungen. Optimierungen, die dem normalen Besucher nicht
auffallen. Denn alles läuft schon wunderbar harmonisch ab. Alles
passt, alles begeistert.

Das Orchester
Einen ganz gewichtigen Anteil an
der Gesamtwirkung der Show hat die Musik. Was Georg Pommer hier
in kurzer Zeit mit teilweise neuen Instrumentalisten sowie der
fantastischen Sängerin Lina Posada auf die Beine gestellt hat,
ist phänomenal. Das Orchester spielt zum Niederknien schön. Wenn
zu Beginn des Finales „DJ play me a Christmas Song“ erklingt,
ist Glücksseligkeit garantiert. Sollte es davon eine Aufnahme
geben, melde ich allergrößtes Interesse an. Stilistisch gibt es
eine große Bandbreite: von aufgepeppten klassischen
Weihnachtsliedern bis hin zu den Beatles.
 
Prof. Wacko, Scott &
Muriel
Die Beatles stehen mit ihrem
Album „Magical Mystery Tour“ auch Pate für das Programmkonzept.
Denn dabei bildet die Zauberei das zentrale Thema. Prof. Wacko
als Zauberer Merlin und seine Partnerin Natalia als Hexe bilden
den roten Faden. Sie sind zwischen den Nummern mit kleinen
Einlagen wie Jonglagen, dem Ritt auf einem Stier, dem Verknoten
von vier Herren aus dem Publikum sowie der Jagd auf einen
Schmetterling zu erleben. Zudem sehen wir Prof. Wacko im Solo
mit seiner komischen Akrobatik auf dem Trampolin. Clowns im
eigentlichen Sinne gibt es nicht. Somit ist es vor allen Dingen
an Scott und Muriel, für den Spaß zu sorgen. Ihre
Comedy-Zauberei überzeugt sowohl durch anspruchsvolle Tricks,
die originell umgesetzt werden, als auch durch ihr herrlich
überdrehtes Spiel. Scott gibt den leicht zerstreuten
Illusionisten, sie die extrovertierte Assistentin. Sie verbinden
Staunen und Lachen. Im ersten Auftritt steht Kistenzauberei im
Mittelpunkt, im zweiten verdreht Scott seiner Partnerin den Kopf
und im dritten wird ein Zuschauer zersägt. Letzteres in
hinreißenden Showkostümen im Stile der 1970er Jahre.
 
Shandong Acrobatic Troupe,
Eliza Khachatryan
Im bunten, berauschenden Opening
mit eigenständigen Kostümen wird viel getanzt und die Artisten
zeigen Kostproben ihres Könnens, nachdem sie von Zauberer und
Hexe zum Leben erweckt wurden. Mit dabei ist das aus vier
Tänzerinnen und zwei Tänzern bestehende Ballett. Das Sextett
erleben wir immer wieder in ansprechenden Choreographien und
wunderbaren Kostümen. Farbenprächtig gerät der artistische
Auftakt. Elf Frauen der Shandong Acrobatic Troupe sorgen mit
ihren Antipodenspielen für faszinierende Bilder. Ihre Requisiten
– Walzen und Trommeln – sind in gelb mit roten und grünen
Ornamenten gehalten. Diese Muster werden auch auf den drei
Screens über und neben dem Orchesterpodium gezeigt. Doch die
Jongleusen lassen nicht nur virtuos diese Gegenstände auf ihren
Füßen tanzen, sondern auch ihre Partnerinnen. So entstehen wahre
lebendige circensische Kunstwerke vom Feinsten. Dann erleben wir
die Tänzerinnen in edlen winterlichen Kostümen. Ihre Kollegen
schieben eine weiß-blauen Kutsche auf Kufen herein, die
eigentlich von einem Rentier gezogen wird. Dieses verkörpert
Prof. Wacko. Am wichtigsten ist aber die Insassin. Eliza
Khachatryan konnten wir im vergangenen Winter auf einem
vergleichsweise niedrig gespannten Seil im Pariser Cirque
d'Hiver erleben. Nun führt sie ihren Spitzentanz auf dem Seil
wieder in großer Höhe auf. So wie etwa im dritten Programm der
Winterspielzeit 2013/14 im Kronebau. Man weiß gar nicht, was man
mehr bewundern soll, ihre tänzerischen Fähigkeiten, ihren
enormen Gleichgewichtssinn oder ihren Wagemut. Am besten alles
zusammen, denn der Auftritt von Eliza Khachatryan ist ein
ganzheitliches Schauspiel, das derzeit seinesgleichen sucht.
Einfach grandios.
  
Les Deux Plumes, Duo Vanegas,
Julot Cousins
Aus einer riesigen Spieluhr
steigen zwei jungen Damen, Marika Ashley Gould und Rochelle
Berwick. Sogleich geht es für sie unter das Hallendach, wo sie
mit ihrer Kür am Luftring als Les Deux Plumes bezaubern. Es ist
ein Ballett in luftige Höhe voller anspruchsvoller Tricks und
anmutiger Posen. Die Zuschauer dürfen mit offenen Augen träumen
– und ein wenig mitfiebern. Denn ein gewisses Risiko birgt diese
ungesichert gearbeitete Nummer durchaus. Wahre Adrenalinjunkies
müssen Alejandro und Michael Ricardo Daza Vanegas sein. Mit
ihren abgefahrenen Touren auf dem Todesrad sorgen sie vor der
Pause für mächtig Nervenkitzel. Beim Seilspringen laufen sie
sogar gemeinsam auf den Außenseiten der beiden Räder. Höhepunkt
ist der von Alejandro gesprungene Salto. Zurück in der Manege
empfängt das Duo Vanegas nicht nur frenetischer Applaus, sondern
dort warten ebenfalls Merlin und das Ballett. Im Artisteneingang
bilden alle zusammen das Schlussbild des ersten Teils. Mit den
Tänzerinnen und Tänzern geht es auch nach der Pause weiter.
Bereits aufgebaut ist ein schwankender Mast von beachtlicher
Höhe. Diesen erklimmt ein nicht mehr ganz junger, aber
quicklebendiger Herr in Straßenkleidung. Es ist schon
beachtlich, mit welcher Leichtigkeit Julot Cousins die Stange
hinaufklettert. Doch damit nicht genug. Oben angekommen,
schwankt er auf dem Mast nach links und rechts. Im Stand, mit um
verschiedene Körperteile kreisenden Reifen, im Handstand und
sogar im Einarmer.
  
Duo Fossett, Lost, Duo
Vitalys
Auch bei der nächsten
artistischen Darbietung sind die Augen der Gäste Richtung Decke
gerichtet. Das Duo Fossett präsentiert Akrobatik an der
Luftperche. Dabei wechseln sich Noemi Amanada Krich und John
Laszlo Fossett beim tragenden Part ab. So hängt sie gleich am
Beginn mit den Füßen an der Stange. Dabei hat sie eine Schlaufe
um den Hals, an der zwei Bänder hängen. An diesen wiederum zeigt
er Aufschwünge. Beim Schlusstrick ist John es, der kopfüber am
Pole hängt. Noemi hält er dabei mit den Zähnen fest. Sie selbst
hängt auch mit dem Gebiss an einem Verbindungsstück. Wenn sie in
dieser Position um die eigene Achse rotiert, sorgen weiße Bänder
und Glitter für zusätzliche Effekte. Wunderschön gestaltet ist
das Intro zu den Handvoltigen und Menschenpyramiden der
Formation Lost. Die vier in weiß gekleideten jungen Herren
spielen für jeweils eine Dame aus dem Ballett an vier weißen
Flügeln Klavier. Dann katapultieren sie sich gegenseitig zu
wahren Höhenflügen in die Luft. Oder aber sie bilden gemeinsam
menschliche Kunstwerke der Equilibristik. Nach ihrer Performance
nehmen sie die vier Tänzerinnen in goldenen Kleidern wieder in
Empfang. In ihrem zweiten Auftritt lassen die Artistinnen der
Shandong Acrobatic Troupe Teller auf langen Stäben rotieren. Bei
verschiedenen, herrlich anzusehenden Figuren überzeugen sie
wiederum mit großem Können. Zwei Herren ist es vorbehalten, vor
dem Finale für Begeisterung zu sorgen. Wenn Pablo Nonato Panduro
und Joel Yaicate Saavedra im Kopf-auf-Kopf durch die Manege
laufen, gelingt ihnen das spielend. Das Duo Vitalys überzeugt
auch bei allen anderen kraftvollen
Tricks der Partner-Equlibristik auf ganzer Linie. Zudem sehen
die beiden Artisten blendend aus. Das Finale wird Roncalli-like
groß zelebriert. Im Epilog lässt es Prof. Wacko im Tempodrom
schneien. |