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Nach
Standortwechseln innerhalb der Bundesstadt ist der Bonner
Weihnachtscircus seit einigen Jahren auf dem großen Gelände von
Pützchens Markt beheimatet. Und hier ist er wohl gekommen, um zu
bleiben. Festlich beleuchtet strahlt der weiße „Kingdom Palace“
mit seinem schwarzen Dekor in der Dunkelheit. Auf dem
zweimastigen Vorzelt prangt eine halbkreisförmige Leuchtschrift
mit dem Unternehmensnamen.

Der
„Kingdom Palace“ auf Pützchens Markt
Im aufwendig
dekorierten Inneren erwartet uns die Restauration mit einem
umfangreichen Angebot an warmen und kalten Leckereien und
entsprechenden Getränken. Die moderne Bestuhlung im großen
Viermast-Chapiteau bietet ansteigende Reihen sowohl in den Logen
als auch auf der Tribüne. Blickfang ist der geschmackvolle,
samtrote Artisteneingang, auf dem das Orchester seinen Platz
findet. Dank der üppig ausgestatteten Lichtanlage kann das
Geschehen in der Manege optimal in Szene gesetzt werden.
  
Dolly Power
Dancers, Truppe Dalian, Totti Alexis
Louis Knie junior
führt nicht nur Regie, sondern hat aus seinem vorwiegend in
Österreich reisenden Circus auch die „Dolly Power Dancers“
mitgebracht. Die jungen Damen und ihr männlicher Partner Sergei
Malinovsky eröffnen die Vorstellung mit einem energetischen Tanz
mit akrobatischen Elementen. Eine der Akteurinnen zeigt dazu
Artistik am Luftring. Sara Biasini Berousek begrüßt das Publikum
und übernimmt auch die weiteren Ansagen vorwiegend aus dem Off –
eine Herausforderung für die junge Frau mit der hellen Stimme.
Immer wieder gelingt es den Machern des Bonner Weihnachtscircus,
außergewöhnliche Darbietungen zu verpflichten, die man so nicht
häufig sieht. Das gilt gleich für den ersten Auftritt der rein
weiblichen Truppe Dalian mit ihren Schirm-Antipoden. Im
Mittelpunkt der Nummer steht – oder liegt vielmehr auf ihrem
Rücken – eine Artistin, die Schirme mit den Füßen jongliert und
balanciert. Die anderen Damen in ihren blauen Kleidern tragen
hier nur zum schönen Gesamtbild bei und assistieren. Vier
Schirme mit Händen und Füßen zu bewegen, das ist nur der Beginn.
Letztendlich sind es 15 Schirme, die die junge Frau zur gleichen
Zeit kontrolliert: Vier von ihnen, von den Assistentinnen
kunstvoll ineinander gesteckt, hält sie auf dem linken Fuß im
Gleichgewicht, neun auf dem rechten, zwei weitere drehen auf
ihren Händen. Im dritten Winter in Folge sorgt Clown Totti
Alexis für den Spaß im Bonner Weihnachtscircus. Seriös im
schwarzen Frack kommt er in die Manege, einen Gitarrenkoffer hat
er dabei. Dieser enthält jedoch eine Trompete in ungewöhnlich
langer Form. Nachdem diverse Widrigkeiten überwunden sind –
Verstrickungen in die eigenen Hosenträger und herabfallende
Notenblätter –, kommt er doch noch zum Musizieren. Im weiteren
Verlauf des ersten Programmteils legt er sich noch ein
„Muskelpaket“ zu, um sich im Zusammenspiel mit einem Herrn aus
dem Publikum als Gewichte stemmender Kraftmensch zu
präsentieren.
  
Noah, Truppe
Dalian, Dolly Power Dancers
Bestes Beispiel
für die Raritäten, welche im Bonner Weihnachtscircus immer
wieder erlebt werden können, ist Noah. Er erklimmt einen
besonderen chinesischen Masten, denn am oberen Ende befindet
sich eine Toilette mit Spülkasten. Dank gespielter
Ungeschicklichkeit gerät der sympathische Herr mit dem Kopf
voran in die WC-Schüssel. Beim eigentlichen „Geschäft“ entledigt
er sich hinter einer Zeitung verborgen der karierten Hose. Auch
einige artistische Kabinettstückchen, wie das Drücken einer
Flagge an der Mastenstange, sind Teil dieser amüsanten
Darbietung. Wieder nach China geht es mit einem Duo der Truppe
Dalian. Nach Elementen aus Wurf- und Partnerakrobatik tanzt die
Dame als Ballerina auf dem Untermann, steht mit nur einem Bein
und auf Spitzen auf seinen Schultern. Beim einbeinigen
Spitzentanz auf seinem Kopf, auf dem er nun eine Kappe trägt,
hält er mit beiden Händen ihren Fuß. Zu musikalisch eher ruhigen
Tönen ist das zweite Bild mit den Dolly Power Dancers gestaltet.
Fünf junge Frauen tanzen, zwei zeigen Elemente der
Rollschuhakrobatik und eine wagt zwischen Strapatentüchern
Abfaller und Spagat.
  
Dede Larible,
Garcia Brothers, Pavel Valla Bertini
Dede Larible sucht
und findet bei seinen klassischen Jonglagen den Kontakt zum
Publikum. Die Zuschauer gehen begeistert mit und klatschen
rhythmisch, während er bis zu sieben Keulen, zehn Ringe und vier
Strohhüte auf ihre Touren durch die Luft schickt. Der junge Mann
ist ebenso Vertreter der nächsten Generation einer bestens
bekannten Artistenfamilie wie die beiden Garcia Brothers.
Antonio und Connor setzen nun sogar die einzigartige Darbietung
fort, mit der ihre Eltern Vicky und Pablo Garcia seit
Jahrzehnten Erfolge feiern. Die Rede ist von der gewagten
Luftnummer an der kreisenden Rakete. Einige Tricks entsprechen
genau dem Original, andere haben die beiden Brüder für sich angepasst.
Beim Schlusstrick rotiert der eine Bruder bäuchlings an seinem
Gürtel hängend in der Luft, während ihn der andere mit der Kraft
seines Gebisses hält. Mit dem ikonischen Bild der Garcia-Rakete
geht es in die Pause. Hälfte zwei beginnt mit einer Überraschung für das Publikum. Denn Pavel Valla Bertini springt
mit einem besonderen Einrad mit drei übereinander angeordneten
Reifen nicht nur die Stufen seines Requisits hinauf und von dort
zu einem Trampolin und zurück. Nein, er krönt seinen Auftritt
mit der wagemutigen Runde durch die Manege auf einem haushohen
Requisit, das aus 15 übereinander montierten Rädern besteht.
Wenn seine drei Kinder abschließend zeigen, was sie bereits auf
dem Einrad gelernt haben, ist auch hier die nächste
Circus-Generation am Start. Inmitten des Publikums spielt Totti
seine nächste, interaktive Szene. Mit Wow-Rufen und Winken
dürfen hier alle mitmachen und sein Trompetenspiel unterstützen.
Wenig später sehen wir ihn nochmal als „Hauselektriker“ wieder,
der das ausgefallene Licht in Gang bringt. Vor der Schlussnummer
folgt ein weiterer musikalischer Auftritt, bei dem Totti
„Granada“ singen möchte, aber erst einmal seine Gitarre finden
muss. Denn hinten hat der Clown keine Augen, doch das Instrument
hängt auf seinem Rücken.
  
Duo
Malinovski, Garcia Brothers, Shirley Larible
Gemeinsam mit
einem Partner hat sich Sergei Malinovsky eine neue, recht
kompakte Duo-Nummer am Chinesischen Masten erarbeitet, die von
den Dolly Power Dancers begleitet wird. „All Black“ ist das
Motto der Outfits bei Akrobaten und Tänzerinnen. Vorwiegend im
Wechsel werden die Tricks gearbeitet, etwa wenn Sergei
Malinovsky kopfüber den Masten hinunterrutscht, sich nur mit den
Beinen haltend, und kurz vor dem Boden stoppt. Interaktiv ist
dagegen der Trick, bei dem der Namensgeber des Duos den Mast
hinuntersaust, während der daran klammernde Partner kurz
loslässt, um ihn passieren zu lassen. Von Kindern zu jungen
Männern gereift sind die beiden Garcia Brothers, seit wir ihre
Karriere verfolgen. Ist ihre Arbeit an der Rakete neu für uns,
ist ihre Handstandnummer mit originellen Einfällen bestens
vertraut. Zum Repertoire dieser starken und mit viel Power
vorgetragenen Nummer gehören beispielsweise Balancen auf einem
Segway, Mundstand, Kopfstand-Kreisel und der mit den Füßen
ausgelöste Bogenschuss. Mit viel Ausstrahlung überzeugt auch
Shirley Larible bei ihrer Kür an den Strapaten. Kraftvolle
Umschwünge, das Auf- und Abwickeln an den Bändern und der
freihändige Wechsel vom Stand in den Spagat prägen diesen
Auftritt.
  
Shu Takada,
Alessio Fochesato, Truppe Dalian
Für die asiatische
Note im Programm ist nicht allein die Truppe Dalian aus China
verantwortlich. Vielmehr wurde darüber hinaus Shu Takada aus
Japan verpflichtet. Er ist sechsfacher Weltmeister im Jo-Jo, hat
beim vorletzten „Cirque de Demain“ – gemeinsam mit einem Partner
– Silber gewonnen und zählt fast 74.000 Follower auf Instagram.
In seinem Streetstyle-Oufit lässt er erst ein Jo-Jo in Form
eines Mini-Diabolos übers Seil tanzen und schickt dann zu
komplexer Musikbegleitung zwei Jo-Jos der bekannten Form auf
Reisen durch die Luft. Seit einiger Zeit hat Alessio Fochesato
seine Papageiennummer neu gestaltet. Anstelle von Kindern aus
dem Publikum wirken nun die Dolly Power Dancers in der nun noch
eleganteren Revue mit. Die charmanten Girls tragen einen auf dem
Rücken liegenden Papagei auf Händen oder halten die Stangen, bei
denen ein roter Ara von einer zur anderen fliegt und jeweils
einmal drum herum dreht. Wohl einzigartig in der Circuswelt ist
der Tukan mit seinem riesigen, orangefarbenen Schnabel. Das Tier
ist nicht nur herrlich anzuschauen, sondern beweist auch sein
Flugvermögen. Außer den faszinierenden Freiflügen der Aras unter
der Circuskuppel begeistert auch, wie zum Abschluss ein Kakadu
von hinten auf Alessios Schulter fliegt, also ohne dass der
Tiertrainer Blickkontakt halten kann. Wie zur Eröffnung des
Programms gibt es auch zum Abschluss Antipodenspiele der Truppe
Dalian, doch in komplett anderer Präsentation – als echte
Gruppen-Nummer anstelle einer Solistin, in einer modernen
anstatt einer traditionellen Choreographie. Die Chinesinnen
präsentieren sich hier als „Rennfahrerinnen“ in roten Overalls
und jonglieren mit ihren Füßen Trommeln in Form von Autoreifen.
Den Höhepunkt bildet eine spektakuläre Pyramide: Auf dem
Fundament der untersten Artistin ruht eine zweite Partnerin, die
wiederum als „menschliche Trinka“ für die dritte Artistin dient.
Diese bewegt hoch oben einen Reifen mit den Sohlen. Zuvor gibt
es noch ein ikarisches Element, bei dem drei Oberfrauen sich
jeweils auf den Füßen von drei Unterfrauen im Kreis drehen und
gleichzeitig mit den eigenen Füßen runde Scheiben bewegen. |