CHPITEAU.DE

Cirque d'Hiver Bouglione 2025/26
www.cirquedhiver.com ; 162 Showfotos

Paris, 29. November 2025: Wenn die Feuerwehr im Circus präsent ist, dann in aller Regel, um im Fall der Fälle einzugreifen. Wenn alles glatt läuft, kommt es nicht zu einem Einsatz. In der aktuellen Show des Cirque d’Hiver jedoch sorgt die Feuerwehr in jeder Vorstellung für Action. Die „Brigade des Sapeurs - Pompiers de Paris“ sind allerdings alles andere als eine gewöhnliche Formation der Floriansjünger. Sie sind schon beim Internationalen Circusfestival von Monte Carlo aufgetreten und artistisch äußerst versiert.

Mit ihrer akrobatischen Melange beschließen sie die Spielfolge von „Tempo“, wie die Produktion 2025/26 im Prachtbau der Familie Bouglione betitelt ist. In Summe folgt sie dem bewährten Muster: Es gibt ein verschwenderisches Lichtdesign, ein grandioses Orchester unter der Leitung von Pierre Pichaud, die wunderbaren Salto Dancers und ein starkes artistisches Programm mit Genres, die einen schönen Kontrast zu denen des Vorjahrs bilden. Der Bereich Tierdressur folgt dem allgemeinen Trend. Nun ist nur noch ein Pferd zu sehen. Das alles in einem Ambiente, wie es schöner nicht sein könnte. Ein Erlebnis für Circusenthusiasten genauso wie für Paris-Touristen.


Mitglied der Troupe Empress, Housch Ma Housch, Guillaum Juncar

Nach dem Prolog mit Housch Ma Housch strömen die Salto Dancers in die Manege. Die sechs Tänzerinnen und drei Tänzer tragen edle Kostüme, sehen blendend aus und können natürlich exzellent tanzen. Dazu kommt eine tolle Präsenz. Michel Palmer übernimmt die Begrüßung. Der bestens vertraute Monsieur Loyal führt uns durch die Show und kündigt mit flammenden Worten die einzelnen Darbietungen an. So die Troupe Empress, die auf verschiedenen Ebenen mit Keulen jongliert. Die drei Herren im Schottenrock bleiben zunächst am Boden, während die Dame auf einer Wolkenschaukel sitzt. Dann geht es auch für die Herren in die Luft, sprich auf kleine Plattformen, die auf Masten ruhen. In immer neuen Variationen werfen sie sich virtuos die Keulen zu. In seiner ersten großen Szene zieht Housch Ma Housch an einer Kordel mit einem mit Swarovski-Steinen besetzten Ende. Dabei stellt er fest, dass hier einiges „kaputt“ ist, wie ihm das Publikum bald bestätigt. Dank eines Starkstromanschlusses kommt der Clown zu seiner markanten Frisur. Am Beginn seiner Kür am Roue Cyr erhält Guillaum Juncar Unterstützung durch Mitglieder der Salto Dancers. Dann gehört ihm die Manege allein, was er für ausführliche Runden nutzt, in die er immer wieder neue Tricks integriert. Dabei auch ganz individuelle, die über die Standards des Genres hinausgehen.


Sara Nagyhegyi, Regina Bouglione, Asia Perris

Schon erleben wir das Ballett wieder. Jetzt als Intro für Sara Nagyhegyi. Beim European Youth Circus 2022 holte sie sich in der jüngeren Kategorie Silber. Damals am Luftring. Nun erleben wir die Ungarin mit Zopfhang. An ihren Haaren fliegt sie durch das Rund und zeigt dabei akrobatische Posen. Regina Bouglione reitet mit viel Ausstrahlung die Hohe Schule. Spielend füllen sie und ihr Pferd den Raum aus. Zu Beginn werden die Schrittfolgen durch einen feurigen Tänzer begleitet. Es entstehen energiegeladene Bilder. Stilvoll setzt das Mitglied der Direktionsfamilie die Darbietung auf dem Schimmel fort. Asia Perris wurde ebenfalls 2022 in Wiesbaden ausgezeichnet. Sie ist ihrer Disziplin treu geblieben und bezaubert auch in Paris mit ihrer Equilibristik auf runder Plattform. Beneidenswert, mit welcher Leichtigkeit sie immer wieder fließend zwischen Spagat und Stand wechselt. Zudem hat die Italienerin Handstände in den verschiedensten Varianten im Repertoire. Housch Ma Housch macht sodann Musik, zunächst auf der Gitarre, schnell verwendet er dafür aber ein Klebeband, an dem er rhythmisch zieht. Die Zuschauer gehen hörbar mit.


Sampion Bouglione, Andrei Pogorelov, Duo Rokashkov

Sampion Bougliones Spezialität sind die Bouncing-Jonglagen. In „Tempo“ präsentiert er sie in neuer Aufmachung. Immer mehr Bälle lässt er am Boden tanzen und legt dabei selbst flotte Schritte auf die viereckige Plattform. Eine elektrisierende Nummer, in der insbesondere die Drehungen um die eigene Achse für Effekte sorgen. Dies natürlich in die Jonglagen integriert. Ein Todesrad mit nur einem Kessel dürfte eine Premiere für den Cirque d’Hiver darstellen. Andrei Pogorelov wagt auf dem stylischen Apparat wirklich abgefahrene Sprünge. Der Salto auf der Außenseite des rotierenden Rades dient quasi als Warm up. Auch bei einem Backflip mit Pirouette strapaziert er die Nerven des Publikums. Erleichterung und tosender Applaus, wenn der Hasardeur wieder auf dem sichern Boden steht. Mit den Salto Dancers und dem Orchester geht es in die Pause. Die beiden Formationen übernehmen auch den schwungvollen Auftakt von Teil zwei. Zudem ist eine Sängerin dabei. Die Rokashkov haben wir schon in verschiedenen Konstellationen am Quadratreck erlebt. Hier spielen sie ihre hinreißende Liebesgeschichte im Duo. Der Stil der Kostüme ist ebenso geblieben wie das intensive Umwerben und die starke Akrobatik. Wir erleben Umschwünge und Sprünge von einer Reckstange zur anderen sowie zum Boden. Das von der Dame oder dem Herrn im Solo genauso wie bei gemeinsamen Aktionen. Schön, diese ganz eigenständige Form der Präsentation einmal mehr erleben zu dürfen.


Natalia Bouglione, Blade 2 Blade

Mit einem höchst lebendigen Stofftier leitet Housch Ma Housch über zur nächsten Darbietung. Natürlich geht auch der weiße Wuschel „kaputt“. Rettung bringt wiederum der Starkstrom. Es folgt – zumindest für mich – der stärkste Auftritt der Show. Es braucht ein paar Augenblicke, um zu begreifen, was da gerade abläuft. Im Kern steht die Akrobatik an den Strapaten von Natalia Bouglione. Ein Gebläse und Unmengen von Bühnennebel sorgen, ergänzt um das Lichtdesign, für starke visuelle Eindrücke. Verhüllt vom Nebel wechselt Natalia Bouglione im Flug die traumhaften Kostüme. Es ist also Quick Change in der Luft. Doch es bleibt nicht bei Effekten, anspruchsvolle Tricks des Genres sind ebenfalls zu sehen. Mit der passenden Musik und dem starken Ausdruck der Artistin wird daraus ein einziger Traum. Wie im Circus häufig üblich, ändert sich die Stimmung danach komplett. Jetzt ist Nervenkitzel angesagt. Dann nämlich, wenn Tyrone Laner die Messer immer ganz knapp neben seine Partnerin Margo Tsarova wirft. Dies steht dabei nicht statisch am Brett, sondern bewegt sich hin und her. Oder aber sie rotiert auf einer Scheibe und neben ihr schlagen brennende Messer ein. Beim Schießen mit der Armbrust wechselt sich das Duo Blade 2 Blade ab. Zielsicher durchbohrt ein von ihm ausgelöster Pfeil einen von ihr auf einem Schild gehaltenen Ballon, während sie kurz darauf den Tellschuss zeigt.


Bello Sisters, Pompiers de Paris

Dann darf sich das fantastische Orchester einmal explizit vorstellen. Es besteht aus einer Violinistin und sieben männlichen Musikern. In dieser Sequenz kommen drei Junioren aus der Direktionsfamilie sowie die Salto Dancers hinzu. Céline, Joline und Laurène bilden die Bello Sisters. In ihrer Partnerakrobatik kreieren die jungen Damen lebende Kunstwerke. Körperbeherrschung, Kraft und nahezu blindes gegenseitiges Verständnis müssen notwendig sein, um diese Figuren arbeiten zu können. Das Ergebnis verwöhnt mit schönen Bildern. Auch hier sorgt die Sängerin gemeinsam mit den Instrumentalisten für die Begleitung. Musik im weitesten Sinne macht dann ebenfalls Housch Ma Housch, wenn er in seinem letzten Auftritt mit einer Zuschauerin und einem Zuschauer für den großen Spaß sorgt. Einer von den beiden muss zwei kleine Becken bedienen, der andere einen Schrei ausstoßen. „Qualitätsbedingt“ wechseln die Rollen. Herzhaftes Lachen aus dem Zuschauerraum ist dem Trio sicher. Und dann kommt eben die Feuerwehr. Einige der Akteure tragen Schutzausrüstung, andere Sportoutfits. Es wird auf Trampolins gesprungen, auf Leitern balanciert und sogar ein Vertikalseil ist dabei. Es wird Akrobatik an Schläuchen gezeigt und es werden Funken gesprüht. Alles in allem also eine rundum Circus-taugliche Melange, die hier in ihrer ganz eigenen Aufmachung daherkommt. Ein ungewöhnliches, aber äußerst sehenswertes Erlebnis, das uns die „Brigade des Sapeurs - Pompiers de Paris“ bescheren.


Finale

Es schließt sich das bekannt groß zelebrierte Finale an, eine Show für sich. Alle Mitwirkenden sind dabei, es wird getanzt, die Musik spielt ein letztes Mal auf und Michel Palmer bedankt sich für den Besuch. Housch Ma Housch verabschiedet uns dann im Epilog endgültig.

Zufriedenheit ist beim Besuch der Shows der Familie Bouglione im Cirque d'Hiver garantiert. Das ist auch in diesem Winter nicht anders. „Tempo“ verwöhnt seine Besucher mit allen Sinnen. Bekannte und neue Nummern bilden eine harmonische Einheit. Dazu kommt die fantastische Gesamtinszenierung, für die einmal mehr Joseph Bouglione verantwortlich zeigt. Der Circusbau selbst setzt dem ganzen die Krone auf. Traumhaft!

_______________________________________________________________________
Text und Fotos: Stefan Gierisch