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Mit ihrer akrobatischen
Melange beschließen sie die Spielfolge von „Tempo“, wie die
Produktion 2025/26 im Prachtbau der Familie Bouglione betitelt
ist. In Summe folgt sie dem bewährten Muster: Es gibt ein
verschwenderisches Lichtdesign, ein grandioses Orchester unter
der Leitung von Pierre Pichaud, die wunderbaren Salto Dancers
und ein starkes artistisches Programm mit Genres, die einen
schönen Kontrast zu denen des Vorjahrs bilden. Der Bereich
Tierdressur folgt dem allgemeinen Trend. Nun ist nur noch ein
Pferd zu sehen. Das alles in einem Ambiente, wie es schöner
nicht sein könnte. Ein Erlebnis für Circusenthusiasten genauso
wie für Paris-Touristen.
  
Mitglied der Troupe
Empress, Housch Ma Housch, Guillaum Juncar
Nach dem Prolog mit Housch Ma
Housch strömen die Salto Dancers in die Manege. Die sechs
Tänzerinnen und drei Tänzer tragen edle Kostüme, sehen blendend
aus und können natürlich exzellent tanzen. Dazu kommt eine tolle
Präsenz. Michel Palmer übernimmt die Begrüßung. Der bestens
vertraute Monsieur Loyal führt uns durch die Show und kündigt
mit flammenden Worten die einzelnen Darbietungen an. So die
Troupe Empress, die auf verschiedenen Ebenen mit Keulen
jongliert. Die drei Herren im Schottenrock bleiben zunächst am
Boden, während die Dame auf einer Wolkenschaukel sitzt. Dann
geht es auch für die Herren in die Luft, sprich auf kleine
Plattformen, die auf Masten ruhen. In immer neuen Variationen
werfen sie sich virtuos die Keulen zu. In seiner ersten großen
Szene zieht Housch Ma Housch an einer Kordel mit einem mit
Swarovski-Steinen besetzten Ende. Dabei stellt er fest, dass
hier einiges „kaputt“ ist, wie ihm das Publikum bald bestätigt.
Dank eines Starkstromanschlusses kommt der Clown zu seiner
markanten Frisur. Am Beginn seiner Kür am Roue Cyr erhält
Guillaum Juncar Unterstützung durch Mitglieder der Salto Dancers.
Dann gehört ihm die Manege allein, was er für ausführliche
Runden nutzt, in die er immer wieder neue Tricks integriert.
Dabei auch ganz individuelle, die über die Standards des Genres
hinausgehen.
  
Sara Nagyhegyi, Regina
Bouglione, Asia Perris
Schon erleben wir das Ballett
wieder. Jetzt als Intro für Sara Nagyhegyi. Beim European Youth
Circus 2022 holte sie sich in der jüngeren Kategorie Silber.
Damals am Luftring. Nun erleben wir die Ungarin mit Zopfhang. An
ihren Haaren fliegt sie durch das Rund und zeigt dabei
akrobatische Posen. Regina Bouglione reitet mit viel
Ausstrahlung die Hohe Schule. Spielend füllen sie und ihr Pferd
den Raum aus. Zu Beginn werden die Schrittfolgen durch einen
feurigen Tänzer begleitet. Es entstehen energiegeladene Bilder.
Stilvoll setzt das Mitglied der Direktionsfamilie die Darbietung
auf dem Schimmel fort. Asia Perris wurde ebenfalls 2022 in
Wiesbaden ausgezeichnet. Sie ist ihrer Disziplin treu geblieben
und bezaubert auch in Paris mit ihrer Equilibristik auf runder
Plattform. Beneidenswert, mit welcher Leichtigkeit sie immer
wieder fließend zwischen Spagat und Stand wechselt. Zudem hat
die Italienerin Handstände in den verschiedensten Varianten im
Repertoire. Housch Ma Housch macht sodann Musik, zunächst auf
der Gitarre, schnell verwendet er dafür aber ein Klebeband, an
dem er rhythmisch zieht. Die Zuschauer gehen hörbar mit.
  
Sampion Bouglione, Andrei
Pogorelov, Duo Rokashkov
Sampion Bougliones Spezialität
sind die Bouncing-Jonglagen. In „Tempo“ präsentiert er sie in
neuer Aufmachung. Immer mehr Bälle lässt er am Boden tanzen und
legt dabei selbst flotte Schritte auf die viereckige Plattform.
Eine elektrisierende Nummer, in der insbesondere die Drehungen
um die eigene Achse für Effekte sorgen. Dies natürlich in die
Jonglagen integriert. Ein Todesrad mit nur einem Kessel dürfte
eine Premiere für den Cirque d’Hiver darstellen. Andrei
Pogorelov wagt auf dem stylischen Apparat wirklich abgefahrene
Sprünge. Der Salto auf der Außenseite des rotierenden Rades
dient quasi als Warm up. Auch bei einem Backflip mit Pirouette
strapaziert er die Nerven des Publikums. Erleichterung und
tosender Applaus, wenn der Hasardeur wieder auf dem sichern
Boden steht. Mit den Salto Dancers und dem Orchester geht es in
die Pause. Die beiden Formationen übernehmen auch den
schwungvollen Auftakt von Teil zwei. Zudem ist eine Sängerin
dabei. Die Rokashkov haben wir schon in verschiedenen
Konstellationen am Quadratreck erlebt. Hier spielen sie ihre
hinreißende Liebesgeschichte im Duo. Der Stil der Kostüme ist
ebenso geblieben wie das intensive Umwerben und die starke
Akrobatik. Wir erleben Umschwünge und Sprünge von einer
Reckstange zur anderen sowie zum Boden. Das von der Dame oder
dem Herrn im Solo genauso wie bei gemeinsamen Aktionen. Schön,
diese ganz eigenständige Form der Präsentation einmal mehr
erleben zu dürfen.
 
Natalia Bouglione, Blade 2
Blade
Mit einem höchst lebendigen
Stofftier leitet Housch Ma Housch über zur nächsten Darbietung.
Natürlich geht auch der weiße Wuschel „kaputt“. Rettung bringt
wiederum der Starkstrom. Es folgt – zumindest für mich – der
stärkste Auftritt der Show. Es braucht ein paar Augenblicke, um
zu begreifen, was da gerade abläuft. Im Kern steht die Akrobatik
an den Strapaten von Natalia Bouglione. Ein Gebläse und Unmengen
von Bühnennebel sorgen, ergänzt um das Lichtdesign, für starke
visuelle Eindrücke. Verhüllt vom Nebel wechselt Natalia
Bouglione im Flug die traumhaften Kostüme. Es ist also Quick
Change in der Luft. Doch es bleibt nicht bei Effekten,
anspruchsvolle Tricks des Genres sind ebenfalls zu sehen. Mit
der passenden Musik und dem starken Ausdruck der Artistin wird
daraus ein einziger Traum. Wie im Circus häufig üblich, ändert
sich die Stimmung danach komplett. Jetzt ist Nervenkitzel
angesagt. Dann nämlich, wenn Tyrone Laner die Messer immer ganz
knapp neben seine Partnerin Margo Tsarova wirft. Dies steht
dabei nicht statisch am Brett, sondern bewegt sich hin und her.
Oder aber sie rotiert auf einer Scheibe und neben ihr schlagen
brennende Messer ein. Beim Schießen mit der Armbrust wechselt
sich das Duo Blade 2 Blade ab. Zielsicher durchbohrt ein von ihm
ausgelöster Pfeil einen von ihr auf einem Schild gehaltenen
Ballon, während sie kurz darauf den Tellschuss zeigt.
 
Bello Sisters, Pompiers de
Paris
Dann darf sich das fantastische
Orchester einmal explizit vorstellen. Es besteht aus einer
Violinistin und sieben männlichen Musikern. In dieser Sequenz
kommen drei Junioren aus der Direktionsfamilie sowie die Salto
Dancers hinzu. Céline, Joline und Laurène bilden die Bello
Sisters. In ihrer Partnerakrobatik kreieren die jungen Damen
lebende Kunstwerke. Körperbeherrschung, Kraft und nahezu blindes
gegenseitiges Verständnis müssen notwendig sein, um diese
Figuren arbeiten zu können. Das Ergebnis verwöhnt mit schönen
Bildern. Auch hier sorgt die Sängerin gemeinsam mit den
Instrumentalisten für die Begleitung. Musik im weitesten Sinne
macht dann ebenfalls Housch Ma Housch, wenn er in seinem letzten
Auftritt mit einer Zuschauerin und einem Zuschauer für den
großen Spaß sorgt. Einer von den beiden muss zwei kleine Becken
bedienen, der andere einen Schrei ausstoßen. „Qualitätsbedingt“
wechseln die Rollen. Herzhaftes Lachen aus dem Zuschauerraum ist
dem Trio sicher. Und dann kommt eben die Feuerwehr. Einige der
Akteure tragen Schutzausrüstung, andere Sportoutfits. Es wird
auf Trampolins gesprungen, auf Leitern balanciert und sogar ein
Vertikalseil ist dabei. Es wird Akrobatik an Schläuchen gezeigt
und es werden Funken gesprüht. Alles in allem also eine rundum
Circus-taugliche Melange, die hier in ihrer ganz eigenen
Aufmachung daherkommt. Ein ungewöhnliches, aber äußerst
sehenswertes Erlebnis, das uns die „Brigade des Sapeurs -
Pompiers de Paris“ bescheren.

Finale
Es schließt sich das bekannt groß
zelebrierte Finale an, eine Show für sich. Alle Mitwirkenden
sind dabei, es wird getanzt, die Musik spielt ein letztes Mal
auf und Michel Palmer bedankt sich für den Besuch. Housch Ma
Housch verabschiedet uns dann im Epilog endgültig. |