CHPITEAU.DE

Les Folies Gruss 2025/26
www.folies-gruss.com

Paris, 23. Januar 2026: Es ist die erste neue Produktion für die Familie Gruss, seit Alexis Gruss - Familienoberhaupt, Circusgründer, Direktor - im April 2024 im Alter von 79 Jahren gestorben ist. Sein ältester Sohn Stephan, artistischer Direktor bei "Les Folies Gruss", hat nun eine Show kreiert, die eine Hommage an seinen Vater ist. Zudem hat er sich den Traum erfüllt, eine Melange aus einer Vorstellung im Stil des Hauses und einem Musical zu schaffen. Und so ist die Familie diesmal nicht “nur” mit ihren Fähigkeiten in Akrobatik, Reitkunst und Pferdedressur zu erleben. Nein - jeder von ihnen singt und tanzt!

Es gehört zu den Besonderheiten von "Les Folies Gruss", dass es kaum engagierte Artisten gibt. Aus eigener Kraft, aus eigenem Können heraus gestalten die Geschwister Stephan Gruss (54), Firmin Gruss (45) und Maud Florees (43, geb. Gruss), gemeinsam mit ihrer Mutter Gipsy, ihren Lebenspartnern und ihren Kindern sowie Stephans Schwiegertochter Olivia den allergrößten Teil der Vorstellung. Für die Produktion steht ihnen ein hochkarätiges Team an Spezialisten zur Seite, darunter Grégory Antoine für Lichtdesign und Szenographie, Sylvain Rolland als Orchesterchef und Komponist, Sylvain Rigault für die Kostüme, Grégory Garell für die Choreographie und Olivier Rollin für den Ton.


Jeanne, Charles und Stephan Gruss

Zum vollkommenen Genuss einer Vorstellung gehört es, das gesamte Konzept in Anspruch zu nehmen: mit einer "Pre-Show" bei Dinner und Getränken im wunderbaren Ambiente eines Nebenzeltes, der eigentlichen Vorstellung im großen Chapiteau - gespielt in 105 Minuten ohne Pause - und der anschließenden Möglichkeit, bei der Autogrammstunde mit dem Ensemble ins Gespräch zu kommen. Nach der Umstellung der Speisekarte seit diesem Winter empfiehlt es sich besonders, eines der dreigängigen Menüs vorzubestellen anstatt spontan aus dem kleineren A-la-carte-Angebot zu wählen. Während wir kulinarisch verwöhnt werden, interpretiert Sängerin Margot Soria als ersten Song "Je ne veux pas travailler" ("Ich möchte nicht arbeiten"). Das passt doch zu einem Einstieg in einen entspannten Abend. Später hören wir "Just the two of us" und andere Songs, Instrumentalstücke in wechselnden Formationen, erleben auch Stephan Gruss mit Trompete und Gesang und erfreuen uns daran, wie einige Mitglieder der Familie gemeinsam mit dem Orchester musizieren. Den akrobatischen Teil der Pre-Show gestalten vorwiegend die jüngeren Mitglieder des Ensembles: der engagierte Artist Alexander Malachikhine zeigt mit den Cousinen Célestine Gruss und Venecia Florees Hand-auf-Hand- und Wurfakrobatik, Jeanne Gruss strahlt bei ihrer Luftringnummer übers gesamte Gesicht, die neue Lebensgefährtin von Stephan Gruss, Pauline Mikolajczyk, kreist in kraftvollen Posen um den Chinesischen Masten und Stephan Gruss sowie seine Söhne Charles und Alexandre glänzen bei ihren Keulenjonglagen. Beschwingt und voller Vorfreude wechseln wir von unserem Plätzen im Circus-Restaurant ins Chapiteau. Aufgebaut ist es wie seit vielen Jahren am Pariser Waldgebiet Bois de Boulogne.


Das Ensemble von "Les Folies Gruss"

Fast 50 Pferde wirken in der Vorstellung mit, und im Eröffnungsbild wird uns ein großer Teil davon vorgestellt: Kavallerie-Direktorin Maud Florees macht uns hoch zu Ross mit sechs Friesen in Freiheitsdressur bekannt, anschließend präsentieren sich vier Palominos als Hürdenspringer, die auch zwischen den Barrieren stoppen. Firmin Gruss und Maud Florees leiten drei weitere Rösser zu Steigern an, die schweren Jockeypferde von Charles und Alexandre Gruss ergeben einen hübschen Kontrast zu den von Venecia Florees dirigierten Falabella-Ponys. Der Höhepunkt dieser Präsentation soll ein Karussell mit 24 Pferden auf drei Bahnen werden, doch leider scheitert die Übung an diesem Abend bei zwei Versuchen und wird letztendlich abgebrochen. Wie uns Maud Florees nach der Vorstellung enttäuscht berichtet, eine absolute Ausnahme. Nun geht es in die eigentliche Handlung. Stephan Gruss stellt dem Familienrat nicht nur seine neue Lebensgefährtin Pauline vor, sondern diskutiert auch mit den Mitgliedern der Dynastie, was man zur 52. Kreation des Hauses in die Manege bringen könnte. Schnell wird bei den verschiedenen Vorschlägen klar: egal, für welche akrobatische Disziplin sich die einzelnen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen entscheiden, Prinzipalin Gipsy Gruss hat diese in ihrer jahrzehntelangen Karriere bereits gezeigt. "Elle l’a fait" - Sie hat es geschafft - ist der Titel des bezaubernden Songs, den alle gemeinsam singen und zu dem sie tanzen. Wie zum Beweis ihrer Vielseitigkeit demonstriert Gipsy Gruss ihr Können als Reiterin, dreht Pirouetten auf ihrem Pferd.


Stephan, Maud und Alexandre Gruss

Ihr Sohn Firmin hat sich in den Kopf gesetzt, gemeinsam mit Ehefrau Svetlana eine Duo-Version seiner Balancen auf der Freistehenden Leiter einzustudieren. Ein Plan, von dem die Gattin gar nichts hält. Schnell stürzt die Leiter um, während Firmin darauf balanciert. Er bleibt unversehrt, doch sie als “Longenführerin” wird in die Höhe gezogen und baumelt panisch in der Luft. Das alles ist natürlich nicht ernst gemeint, sondern eine wunderbar witzig in Szene gesetzte Comedy-Nummer, in die auch ein Gast aus dem Publikum einbezogen wird. Ganz ernsthaft wird es wieder, wenn Stephan Gruss als Stehendreiter mit Pfeil und Bogen auf eine Scheibe zielt und trifft. Zum Auftakt der Nummer sitzt er auf seinem Pferd, das inmitten eines Flammenkranzes steht. Es folgen, weiterhin hoch zu Ross, Jonglagen mit drei spitzen Hüten und dann mit Keulen. Ihr famoses Können als Jockeyreiter beweisen seine Söhne Alexandre, der vielfach auf- und abspringt, und Charles, der quer auf dem Pferderücken liegend oder in Kopfüber-Position reitet. Die schwungvolle Musik trägt ihren Teil dazu bei, dass das Publikum begeistert mitklatscht.


Venecia Florees, Jeanne Gruss

Das Vertikalseil, welches Venecia Florees als jüngstes auftretendes Familienmitglied mutig erklimmt, dient wenig später Jeanne Gruss als Aufstiegshilfe zu ihrem Schwungseil. Schon das Bild des weit ausschwingenden Requisits ist eindrucksvoll, ihre gekonnten Abfaller, nur vom um die Knöchel gewickelten Seil gehalten, sind es umso mehr. "Je suivre" - Ich folge - hören wir dazu vom Orchester mit Sängerin Margot Soria. Zur Vorbereitung einer neuen Show gehört natürlich auch eine Trainingsstunde des Ensembles. In dieser zeigen einzelne Mitglieder Kostproben ihren Könnens, etwa Handstand, Jonglage, Balancen auf dem Drahtseil und Luftring. "Repeter, repeter, repeter" - wiederholen, wiederholen, wiederholen - ist der Titel des Liedes, das alle gemeinsam singen. Simultan tanzen die Frauen und Mädchen, während die Herren variantenreich jonglieren.


Maud Florees, Célestine und Jeanne Gruss

Von der Sängerin begleitet wird Alexander Malachikhine bei seiner eindrücklichen Kür an den Strapaten. Der Enkel von "Circuskönigin" Moira Orfei beherrscht Abfaller, Drehungen im Seitspagat sowie Überschläge und wickelt sich an den Bändern auf und ab. Nochmals erproben Svetlana und Firmin Gruss in einer Comedy-Einlage eine neue Disziplin. Ein Logengast soll bei der Strapatennummer die Steuerung des Motors übernehmen. Das geht nicht lange gut, so dass das Artistenpaar bald kopfüber in der Luft baumelt. Eine kurze Sequenz mit einer Trainingseinheit im Jockeyreiten führt uns zu einem fröhlichen Bild, in dem Maud und Tochter Gloria Florees sowie die Schwestern Jeanne und Célestine Gruss mit hinter Pferden gespannten Sulkys Formationen durch die Manege fahren. Eine von Alexis Gruss kreierte Nummer aus der Saison 1982/83 stand hierfür Pate. Charles und Alexandre Gruss als “Polo-Reiter” leiten über zum Jockey-Reiten der Damen, begleitet von fröhlicher Musik, beispielsweise mit Tanzschritten auf dem Pferderücken oder dem einbeinigen Stand auf dem Pferd. Nochmals kommen Charles und Alexandre hinzu, nun auch mit Sprüngen aufs galoppierende Pferd, im Sitzen und im Stehen gelandet.


Stephan Gruss und Pauline Mikolajczyk, Maud Gruss

Sängerin Margot Soria beweist ihre Vielseitigkeit. Singend reitet sie auf einem Pferd und wechselt bald ans Tanztapez, weiterhin einen emotionalen Song interpretierend. Eine Parkbank zwischen zwei Straßenlaternen, ein Kranz von weiteren Laternen rings um die Manege: In dieser romantischen Szenerie treffen sich Stephan und seine Partnerin Pauline. Er spielt für sie auf der Trompete, sie tanzt. Gemeinsam legt das Paar einen Walzer auf die Sägespäne, ehe sie an den Luftring entschwebt. Dort begeistert sie mit blitzschnellen Rotationen. Für kurze Zeit schweben sie gemeinsam am Ring - und der verträumte Blick des Paares richtet sich auf den Eiffelturm, der auf die weiße Fläche über dem hufeisenförmigen Artisteneingang und Orchesterpodium projiziert wird. Nochmals geht es darum, wie wichtig das regelmäßige Wiederholen ist. Maud Florees zeigt einige Steiger, Firmin Gruss führt ein Schulpferd am Zügel. Und er macht die Wichtigkeit des Trainierens deutlich, in dem er ein Pferd vor den Augen seiner Tochter die Kapriole springen lässt. Dieser Spitzentrick der Dressur wird von dem Ross hervorragend ausgeführt. Eine neue Version ihrer bekannten Freiheitsdressur mit sechs Friesen hat Maud Florees kreiert. Diesmal kommt ein siebtes, weißes Pferd dazu, das beispielsweise den anderen beim Gegenlauf entgegenkommt, mit ihnen walzt. Das Septett der Rösser verlässt die Manege im Rückwärtsgang; der Schimmel steigt zwischen den schwarzen Tieren.


Alexandre, Olivia, Firmin und Svetlana Gruss

Zu den emotionalen Höhepunkten der Show gehört die gemeinsame Arbeit von Alexandre Gruss und seiner Frau Olivia. Während sie an den Strapaten schwebt, spielt er Rockmusik auf der Gitarre. Vom Pferd aus gelangt er zu ihr, beide kreisen gemeinsam in der Luft. Die Nummer findet ihre Fortsetzung in einem formidablen Pas de Deux zu Pferd, das in ihrem Stand mit einem Fuß auf seiner Schulter gipfelt. Die komische Variante des Ganzen servieren Firmin und Svetlana Gruss mit ihrer herrlichen Parodie auf das Genre, dargeboten auf zwei Rössern. Vermeintlich ungeschickt klettert sie auf ihrem Partner herum, droht scheinbar zwischen den zwei Pferden herunterzufallen. Mit festem Griff packt Firmin seine Frau an der Gürtelschnalle. Neben allem Spaß wird hier auch akrobatisches Können an den Tag gelegt.


Gloria und Venecia Florees, Jeanne und Celestine Gruss - Bild von Alexis Gruss

Nun wird eine große Kiste in die Manege gebracht. Sie erhält Erinnerungsstücke an den verstorbenen Maitre der Manege, Alexis Gruss, nämlich Peitsche, Handschuhe, Schal und Hut. Aus der Box herausgenommen werden sie von seinen vier Enkelinnen Gloria und Venecia Florees sowie Jeanne und Célestine Gruss, die sich mit dem Song "Mes petits amours" - Meine kleinen Lieblinge - an ihren Großvater erinnern. Maud Florees spricht aus, was das gemeinsame Ergebnis bei der Suche nach einem neuen Manegenspektakel ist: Es soll eine Hommage an Alexis Gruss werden. Ein Stück über das, was ihrem Vater am Wichtigsten war: die Pferde, die Manege und die Familie. Nachdem wir vorher bei "Trainingseinheiten" quasi hinter die Kulissen geblickt haben, wird jetzt diese neue Show gespielt. Zunächst mit einem Rhythmusstück, bei dem das ganze Ensemble in der Manege trommelt. Dann mit Variationen von Steigern, welche die drei Kinder von Alexis Gruss - Stephan, Firmin und Maud - vorführen. Jeder von ihnen lässt einzelne Pferde auf den Hinterbeinen paradieren, gemeinsam leiten sie ein Sextett von Pferden dazu an. In der Mitte der Manege sitzt Witwe Gipsy Gruss auf einem Pferd, das ganze Ensemble reitet auf zwei Bahnen um sie herum. "Les Folies Gruss" heißt das letzte Lied, das gemeinsam gesungen wird. Und über dem Artisteneingang erstrahlt das Bild von Alexis Gruss in Gestalt eines Sternenhimmels. Der große Circusmann, Familienvater und Pferdeexperte bleibt unvergessen.

Die aktuelle Kreation wird besonders von der ganz großartigen Musik getragen, die das siebenköpfige Orchester so exzellent spielt. Mit der Form eines Musicals, bei dem die Familie auch singt und tanzt, werden neue Akzente gesetzt, auch wenn uns in einigen Teilen der Show ein Mehr an großen Pferdenummern lieb gewesen wäre. In jedem Fall verbringen wir einen wunderbar unterhaltsamen Abend. Wie bei jedem unserer Besuche in diesem Unternehmen, das wir seit vielen Jahren verfolgen, erhebt sich das Publikum im Finale ohne Umschweife zu Standing Ovations, zahlreiche Bravo-Rufe mischen sich in den Applaus. Die Wertschätzung und Dankbarkeit für das, was die Großfamilie Gruss mit ihrem Kreativteam und wenigen Gastartisten in die Manege bringt, ist auf berührende Weise spürbar.

________________________________________________________________________
Text: Markus Moll; Fotos: Les Folies Gruss