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Es gehört zu den
Besonderheiten von "Les Folies Gruss", dass es kaum engagierte
Artisten gibt. Aus eigener Kraft, aus eigenem Können heraus
gestalten die Geschwister Stephan Gruss (54), Firmin Gruss (45)
und Maud Florees (43, geb. Gruss), gemeinsam mit ihrer Mutter
Gipsy, ihren Lebenspartnern und ihren Kindern sowie Stephans
Schwiegertochter Olivia den allergrößten Teil der Vorstellung.
Für die Produktion steht ihnen ein hochkarätiges Team an
Spezialisten zur Seite, darunter Grégory Antoine für Lichtdesign
und Szenographie, Sylvain Rolland als Orchesterchef und
Komponist, Sylvain Rigault für die Kostüme, Grégory Garell für
die Choreographie und Olivier Rollin für den Ton.
 
Jeanne, Charles
und Stephan Gruss
Zum vollkommenen Genuss einer Vorstellung gehört es, das gesamte
Konzept in Anspruch zu nehmen: mit einer "Pre-Show" bei Dinner
und Getränken im wunderbaren Ambiente eines Nebenzeltes, der
eigentlichen Vorstellung im großen Chapiteau - gespielt in 105
Minuten ohne Pause - und der anschließenden Möglichkeit, bei der
Autogrammstunde mit dem Ensemble ins Gespräch zu kommen. Nach
der Umstellung der Speisekarte seit diesem Winter empfiehlt es
sich besonders, eines der dreigängigen Menüs vorzubestellen
anstatt spontan aus dem kleineren A-la-carte-Angebot zu wählen.
Während wir kulinarisch verwöhnt werden, interpretiert Sängerin
Margot Soria als ersten Song "Je ne veux pas travailler" ("Ich
möchte nicht arbeiten"). Das passt doch zu einem Einstieg in
einen entspannten Abend. Später hören wir "Just the two of us"
und andere Songs, Instrumentalstücke in wechselnden Formationen,
erleben auch Stephan Gruss mit Trompete und Gesang und erfreuen
uns daran, wie einige Mitglieder der Familie gemeinsam mit dem
Orchester musizieren. Den akrobatischen Teil der Pre-Show
gestalten vorwiegend die jüngeren Mitglieder des Ensembles: der
engagierte Artist Alexander Malachikhine zeigt mit den Cousinen
Célestine Gruss und Venecia Florees Hand-auf-Hand- und
Wurfakrobatik, Jeanne Gruss strahlt bei ihrer Luftringnummer
übers gesamte Gesicht, die neue Lebensgefährtin von Stephan
Gruss, Pauline Mikolajczyk, kreist in kraftvollen Posen um den
Chinesischen Masten und Stephan Gruss sowie seine Söhne Charles
und Alexandre glänzen bei ihren Keulenjonglagen. Beschwingt und
voller Vorfreude wechseln wir von unserem Plätzen im
Circus-Restaurant ins Chapiteau. Aufgebaut ist es wie seit
vielen Jahren am Pariser Waldgebiet Bois de Boulogne.

Das Ensemble von
"Les Folies Gruss"
Fast 50 Pferde wirken in der Vorstellung mit, und im
Eröffnungsbild wird uns ein großer Teil davon vorgestellt:
Kavallerie-Direktorin Maud Florees macht uns hoch zu Ross mit
sechs Friesen in Freiheitsdressur bekannt, anschließend
präsentieren sich vier Palominos als Hürdenspringer, die auch
zwischen den Barrieren stoppen. Firmin Gruss und Maud Florees
leiten drei weitere Rösser zu Steigern an, die schweren
Jockeypferde von Charles und Alexandre Gruss ergeben einen hübschen
Kontrast zu den von Venecia Florees dirigierten Falabella-Ponys.
Der Höhepunkt dieser Präsentation soll ein Karussell mit 24
Pferden auf drei Bahnen werden, doch leider scheitert die Übung
an diesem Abend bei zwei Versuchen und wird letztendlich
abgebrochen. Wie uns Maud Florees nach der Vorstellung
enttäuscht berichtet, eine absolute Ausnahme. Nun geht es in die eigentliche Handlung. Stephan Gruss stellt
dem Familienrat nicht nur seine neue Lebensgefährtin Pauline
vor, sondern diskutiert auch mit den Mitgliedern der Dynastie,
was man zur 52. Kreation des Hauses in die Manege bringen
könnte. Schnell wird bei den verschiedenen Vorschlägen klar:
egal, für welche akrobatische Disziplin sich die einzelnen
Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen entscheiden, Prinzipalin
Gipsy Gruss hat diese in ihrer jahrzehntelangen Karriere bereits
gezeigt. "Elle l’a fait" - Sie hat es geschafft - ist der Titel
des bezaubernden Songs, den alle gemeinsam singen und zu dem sie
tanzen. Wie zum Beweis ihrer Vielseitigkeit demonstriert Gipsy
Gruss ihr Können als Reiterin, dreht Pirouetten auf ihrem Pferd.
 
Stephan, Maud und
Alexandre Gruss
Ihr Sohn Firmin hat sich in den Kopf gesetzt, gemeinsam mit
Ehefrau Svetlana eine Duo-Version seiner Balancen auf der
Freistehenden Leiter einzustudieren. Ein Plan, von dem die
Gattin gar nichts hält. Schnell stürzt die Leiter um, während
Firmin darauf balanciert. Er bleibt unversehrt, doch sie als
“Longenführerin” wird in die Höhe gezogen und baumelt panisch in
der Luft. Das alles ist natürlich nicht ernst gemeint, sondern
eine wunderbar witzig in Szene gesetzte Comedy-Nummer, in die
auch ein Gast aus dem Publikum einbezogen wird. Ganz ernsthaft
wird es wieder, wenn Stephan Gruss als Stehendreiter mit Pfeil
und Bogen auf eine Scheibe zielt und trifft. Zum Auftakt der
Nummer sitzt er auf seinem Pferd, das inmitten eines
Flammenkranzes steht. Es folgen,
weiterhin hoch zu Ross, Jonglagen mit drei spitzen Hüten und dann
mit Keulen. Ihr famoses Können als Jockeyreiter beweisen seine
Söhne Alexandre, der vielfach auf- und abspringt, und Charles,
der quer auf dem Pferderücken liegend oder in Kopfüber-Position
reitet. Die schwungvolle Musik trägt ihren Teil dazu bei, dass
das Publikum begeistert mitklatscht.
 
Venecia Florees,
Jeanne Gruss
Das Vertikalseil, welches Venecia Florees als jüngstes
auftretendes Familienmitglied mutig erklimmt, dient wenig später
Jeanne Gruss als Aufstiegshilfe zu ihrem Schwungseil. Schon das
Bild des weit ausschwingenden Requisits ist eindrucksvoll, ihre
gekonnten Abfaller, nur vom um die Knöchel gewickelten Seil
gehalten, sind es umso mehr. "Je suivre" - Ich folge - hören
wir dazu vom Orchester mit Sängerin Margot Soria. Zur
Vorbereitung einer neuen Show gehört natürlich auch eine
Trainingsstunde des Ensembles. In dieser zeigen einzelne
Mitglieder Kostproben ihren Könnens, etwa Handstand, Jonglage,
Balancen auf dem Drahtseil und Luftring. "Repeter, repeter,
repeter" - wiederholen, wiederholen, wiederholen - ist der Titel
des Liedes, das alle gemeinsam singen. Simultan tanzen die
Frauen und Mädchen, während die Herren variantenreich
jonglieren.
 
Maud Florees,
Célestine und Jeanne Gruss
Von der Sängerin begleitet wird Alexander Malachikhine bei seiner eindrücklichen Kür an den Strapaten. Der
Enkel von "Circuskönigin" Moira Orfei beherrscht Abfaller,
Drehungen im Seitspagat sowie Überschläge und wickelt sich an
den Bändern auf und ab. Nochmals erproben Svetlana und Firmin
Gruss in einer Comedy-Einlage eine neue Disziplin. Ein Logengast
soll bei der Strapatennummer die Steuerung des Motors
übernehmen. Das geht nicht lange gut, so dass das Artistenpaar
bald kopfüber in der Luft baumelt. Eine kurze Sequenz mit einer
Trainingseinheit im Jockeyreiten führt uns zu einem fröhlichen
Bild, in dem Maud und Tochter Gloria Florees sowie die
Schwestern Jeanne und Célestine Gruss mit hinter Pferden
gespannten Sulkys Formationen durch die Manege fahren. Eine von
Alexis Gruss kreierte Nummer aus der Saison 1982/83 stand
hierfür Pate. Charles und Alexandre Gruss als “Polo-Reiter”
leiten über zum Jockey-Reiten der
Damen, begleitet von fröhlicher Musik, beispielsweise mit
Tanzschritten auf dem Pferderücken oder dem einbeinigen Stand
auf dem Pferd. Nochmals kommen Charles und Alexandre hinzu, nun
auch mit Sprüngen aufs galoppierende Pferd, im Sitzen und im
Stehen gelandet.
 
Stephan Gruss und Pauline Mikolajczyk,
Maud Gruss
Sängerin Margot Soria beweist ihre
Vielseitigkeit. Singend reitet sie auf einem Pferd und wechselt
bald ans Tanztapez, weiterhin einen emotionalen Song
interpretierend. Eine Parkbank zwischen zwei Straßenlaternen,
ein Kranz von weiteren Laternen rings um die Manege: In dieser
romantischen Szenerie treffen sich Stephan und seine Partnerin
Pauline. Er spielt für sie auf der Trompete, sie tanzt.
Gemeinsam legt das Paar einen Walzer auf die Sägespäne, ehe sie
an den Luftring entschwebt. Dort begeistert sie mit
blitzschnellen Rotationen. Für kurze Zeit schweben sie gemeinsam
am Ring - und der verträumte Blick des Paares richtet sich auf
den Eiffelturm, der auf die weiße Fläche über dem
hufeisenförmigen Artisteneingang und Orchesterpodium projiziert
wird. Nochmals geht es darum, wie wichtig das regelmäßige
Wiederholen ist. Maud Florees zeigt einige Steiger, Firmin Gruss
führt ein Schulpferd am Zügel. Und er macht die Wichtigkeit des
Trainierens deutlich, in dem er ein Pferd vor den Augen seiner
Tochter die Kapriole springen lässt. Dieser Spitzentrick der
Dressur wird von dem Ross hervorragend ausgeführt. Eine
neue Version ihrer bekannten Freiheitsdressur mit sechs Friesen
hat Maud Florees kreiert. Diesmal kommt ein siebtes, weißes
Pferd dazu, das beispielsweise den anderen beim Gegenlauf
entgegenkommt, mit ihnen walzt. Das Septett der Rösser verlässt
die Manege im Rückwärtsgang; der Schimmel steigt zwischen den
schwarzen Tieren.
 
Alexandre, Olivia,
Firmin und Svetlana Gruss
Zu den emotionalen Höhepunkten der Show gehört
die gemeinsame Arbeit von Alexandre Gruss und seiner Frau
Olivia. Während sie an den Strapaten schwebt, spielt er
Rockmusik auf der Gitarre. Vom Pferd aus gelangt er zu ihr,
beide kreisen gemeinsam in der Luft. Die Nummer findet ihre
Fortsetzung in einem formidablen Pas de Deux zu Pferd, das in
ihrem Stand mit einem Fuß auf seiner Schulter gipfelt. Die
komische Variante des Ganzen servieren Firmin und Svetlana Gruss
mit ihrer herrlichen Parodie auf das Genre, dargeboten auf zwei
Rössern. Vermeintlich ungeschickt klettert sie auf ihrem Partner
herum, droht scheinbar zwischen den zwei Pferden
herunterzufallen. Mit festem Griff packt Firmin seine Frau an
der Gürtelschnalle. Neben allem Spaß wird hier auch
akrobatisches Können an den Tag gelegt.
 
Gloria und Venecia
Florees, Jeanne und Celestine Gruss - Bild von Alexis Gruss
Nun wird eine große Kiste in die Manege gebracht. Sie erhält
Erinnerungsstücke an den verstorbenen Maitre der Manege, Alexis
Gruss, nämlich Peitsche, Handschuhe, Schal und Hut. Aus der Box
herausgenommen werden sie von seinen vier Enkelinnen Gloria und
Venecia Florees sowie Jeanne und Célestine Gruss, die sich mit
dem Song "Mes petits amours" - Meine kleinen Lieblinge - an
ihren Großvater erinnern. Maud Florees
spricht aus, was das gemeinsame Ergebnis bei der Suche nach
einem neuen Manegenspektakel ist: Es soll eine Hommage an Alexis
Gruss werden. Ein Stück über das, was ihrem Vater am Wichtigsten
war: die Pferde, die Manege und die Familie. Nachdem wir vorher
bei "Trainingseinheiten" quasi hinter die Kulissen geblickt
haben, wird jetzt diese neue Show gespielt. Zunächst mit einem
Rhythmusstück, bei dem das ganze Ensemble in der Manege
trommelt. Dann mit Variationen von Steigern, welche die drei
Kinder von Alexis Gruss - Stephan, Firmin und Maud - vorführen.
Jeder von ihnen lässt einzelne Pferde auf den Hinterbeinen
paradieren, gemeinsam leiten sie ein Sextett von Pferden dazu
an. In der Mitte der Manege sitzt Witwe Gipsy Gruss auf einem
Pferd, das ganze Ensemble reitet auf zwei Bahnen um sie herum.
"Les Folies Gruss" heißt das letzte Lied, das gemeinsam gesungen
wird. Und über dem Artisteneingang erstrahlt das Bild von Alexis Gruss in Gestalt eines Sternenhimmels. Der große Circusmann,
Familienvater und Pferdeexperte bleibt unvergessen. |