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Flic Flac Nürnberg 2025/26
www.flicflac.de ; 190 Showfotos

Nürnberg, 5. Januar 2026: Die Planung der Reiseroute zur Weihnachtscircus-Saison gleicht der Quadratur des Kreises. Innerhalb von wenigen Wochen könnte man in Deutschland mehr als 50 hochwertige Shows sehen. Solange man sich weder zerreißen noch von einem Ort zum anderen beamen kann, sind Entscheidungen nötig, auch schmerzliche. Das eine zu tun bedeutet das andere zu lassen. Doch nach der Weihnachts-Saison vor einem Jahr wurde klar, dass unsere Reiseplanung nachjustiert werden muss. Denn jeder sprach über Flic Flac in Nürnberg als einem der absoluten Höhepunkte des Winters.

Also auf zum Volksfestplatz am Dutzendteich, um das zu erleben, wovon alle voll Anerkennung reden. Hier ist eines der schwarz-gelben Zelte mit außen liegenden Bogenmasten aus dem Flic-Flic-Imperium aufgeschlagen, ergänzt um ein dreimastiges Vorzelt. Darin erwartet uns gehobenes Ambiente, typischerweise ganz in schwarz, mit umfangreicher Gastronomie, vielen Sitzgelegenheiten und Loungebereich, Garderobe, Souvenirstand sowie direkten Zugängen in ein separates Dinnerzelt und zu den Toiletten. Eine LED-Anzeige über dem Zugang zum Chapiteau zählt die Minuten und Sekunden bis zum Einlassbeginn herunter und weist später den Weg zu den Sitzkategorien.


Zeltanlagen auf dem Volksfestplatz am Dutzendteich

Die Verantwortung für diesen Flic-Flac-Standort trägt die älteste Tochter von Circusgründer Benno Kastein, Larissa Kastein, als Inhaberin und künstlerische Leiterin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Zdenek Polach als Betriebsleiter und Stage Manager sowie Alexander Sellin als Geschäftsführer. Gemeinsam lenkt das Trio die Geschicke des erfolgreichsten Wintergastspiels von Flic Flac. Neu für diese Saison ist das spektakuläre Setting im Chapiteau mit Drehbühne und einem Artisteneingang, der großformatige LED-Wände mit einem heb- und senkbaren Podium verbindet.


Opening, Mad Flying Bikes, Skating Donnerts

Schon während des Einlasses amüsiert uns Comedian David Eriksson mit seiner Kiss Cam. Zu einem Malheur wie beim Coldplay-Konzert im Sommer 2025 kommt es nicht, als der Schwede einige Paare im Publikum „spotted“ und ihre Küsschen auf der Leinwand zu sehen sind. Doch dann nimmt seine Kamera eine junge Frau in den Fokus, die mit traurigem Blick in den vorderen Reihen sitzt. Sie hat ihr Herz verloren. Groß ist es und leuchtend rot. Es findet zunächst seinen Weg in eine Mülltonne, wird dann aber im Opening von einem Artisten zum anderen weitergereicht. Und entschwebt schließlich unter die Circuskuppel. Damit ist die Rahmenhandlung gesetzt, die Tom Kastein – der Cousin der Direktorin – als Drehbuchautor und musikalischer Direktor ersonnen hat. Auf diesen ruhigen Beginn folgt rasante Action. Zunächst ein echter Flic-Flac-Klassiker, die fliegenden Motorräder. Die vier Hasardeure von „Mad Flying Bikes“ jagen die Rampe im zentralen Zuschauereingang hinauf, überqueren die Bühne mit spektakulären Manövern im Flug und landen auf der schrägen Rampe im Artisteneingang. Häufig haben wir diese Disziplin gesehen, doch neu ist für uns der Schlusstrick. Alle vier Fahrer wagen jeweils den Rückwärtssalto mitsamt Motorrad, den legendären „Backflip“, in dichter Abfolge. Damit ist das Publikum auf Betriebstemperatur gebracht. Stimmung und Tempo bleiben hoch beim Auftritt der Skating Donnerts. Wenn Ryan Donnert sich auf seinen Skates um die eigene Achse dreht und seine Partnerin Anna Szésényi dabei nur an einem Bein hält, ihr Gesicht dem Boden gefährlich nahe kommt, dann geht ein deutliches Raunen durchs Publikum. Das Repertoire gipfelt in einem absoluten Spitzentrick des Genres, dem Wirbel der Partnerin im Zahnhang.


David Eriksson, Stela Stankevicute, Alex und Liza

Mit Glatze und Tattoos, zunächst in pinkem Rock und mit ebensolchen Stiefeln sowie mit gecropptem Motörhead-Tanktop serviert David Eriksson gleich in seinem ersten Auftritt Kostproben seines hervorragenden Könnens. Dazu gehört es beispielsweise, erst fünf Pingpong-Bälle auf einmal zwischen den Backen zu verstauen und die Bälle dann mit dem Mund zu jonglieren. Ein Weinglas wird sicher auf einem Mundstab gefangen, nachdem der Ballon dazwischen zerstochen ist. Mit einer Anrufbeantworter-Nachricht aus dem Off wird die Handlung wieder aufgenommen. Eine männliche Stimme, abgedroschene Phrasen – so wird mit der Protagonistin aus dem Opening Schluss gemacht. Diese entpuppt sich als Cyrrad-Akrobatin Stela Stankevicute. Mit ihren Rotationen im Reifen, mit Drehungen und Wendungen über die Bühne drückt sie ihren Schmerz akrobatisch aus. Wie dagegen intakte Liebe auf der Bühne aussehen kann, das demonstrieren uns Alex und Liza mit ihrer Partnerakrobatik. Einarmiger Handstand auf seinem Kopf, eine kontorsionistische Pose auf seinen nach oben ausgestreckten Armen, während er in den Spagat gleitet, aber auch Wurfelemente sind Bestandteile dieser sinnlichen Darbietung.


Jacktai Laban, Truppe Hassak, Johnny Armstrong

Beim samoanischen Feuertanz von Jacktai Laban spüren wir die Hitze auf unserer Haut. Vor einem Band aus lodernden Flammen erscheint er auf der sich absenkenden Plattform des Artisteneingangs, jongliert dann zunächst mit einem an den Enden brennenden Stab, dann mit zweien davon. Besonders eindrucksvoll, wie er sich auf den Rücken legt und die brennenden Stäbe auf seinen Füßen platziert. Ein hohes Risiko herrscht auch bei der nachfolgenden Szene von David Eriksson – aber weniger für ihn selbst als vielmehr für seinen Mitspieler aus dem Publikum, den er zunächst mit einem Beilwurf-Trick droht („Wenn you move, you will die!“). Tatsächlich zur Ausführung kommt eine Bouncing-Jonglage von Pingpong-Bällen mit dem Mund gegen die Taucherbrille, die der Zuschauer aufsetzen muss. Als Auseinandersetzung zweier Gruppen in Schwarz und Weiß ist die Arbeit der Truppe Hassak am doppelten Pole gestaltet. Immer wieder erklimmen die sechs Herren und ihre Partnerin den Mast, zeigen oben Positionen, ohne sich mit den Händen festzuhalten, und sausen wieder hinunter. So rutschen drei von ihnen an einem Partner vorbei, der die Stange für einen kurzen Moment loslässt. Bemerkenswert auch die Flagge, die einer der Akrobaten drückt, während Mann und Frau im Zwei-Personen-Hoch auf ihm stehen. Salti von Mast zu Mast werden ebenso geboten. Neben David Eriksson ist noch ein zweiter Komiker im Programm vertreten: Der Brite Johnny Armstrong mit dem langen Vollbart serviert herrlich schräge Standup-Comedy („Ich lebe in Deutschland wegen einer Frau – sie wurde in England schwanger und Deutschland ist der letzte Ort, wo sie suchen würde“). Jeder der frechen Sprüche sitzt. Lachsalven unterm Chapiteau!


Catwall Acrobats, Flying Tuniziani

Drei Herren und zwei Damen der Catwall Acrobats bringen vor der Pause nochmal mächtig Schwung ins Programm. Dank der Drehbühne rotieren ihre beiden Trampoline mit großem Plexisglas-Haus dazwischen, während das Quintett die ersten Tricks zeigt. Sprünge aus den Fensteröffnungen und wieder hinein gehören genauso zum Repertoire wie Aktionen vom Trampolin direkt aufs Hausdach und zurück. Komplexe Moves führen sie im akkurat getakteten Ablauf von der einen auf die andere Seite der Trampolin-Wall und wieder zurück. War die erste Programmhälfte stark, wird der zweite Teil grandios. Zunächst richtet unsere Protagonistin ihren Blick sehnsuchtsvoll Richtung Zeltkuppel. Dort ist schon der Apparat der Flying Tuniziani aufgebaut. Zwei Fänger, sechs männliche Flieger absolvieren auf zwei Bahnen präzise wie ein Schweizer Uhrwerk die Elemente eines hervorragenden Flugtrapez-Acts. Während andere Darbietungen mit zwei oder drei Flugbahnen oft wie ein zufällig zusammengewürfeltes Kaleidoskop von Tricks wirken, werden hier in dichter Abfolge, vollkommen sicher und äußerst elegant, die Elemente der jeweils anderen Bahn wiederholt: gestreckter Doppelsalto, Salti mit Pirouetten, Dreifacher und Passage. Das ist Fliegendes Trapez auf höchstem Niveau.


Selyna Bogino, David Eriksson, Truppe Hassak

Wunderbar in Szene gesetzt ist die Antipoden-Nummer von Selyna Bogino. Sie wird hier von fünf Männern in blauen Latzhosen und weißen T-Shirts umworben. Unter ihren bewundernden Blicken jongliert sie mit den Füßen erst zwei Walzen, dann vier Teppiche. Der Schwierigkeitsgrad steigert sich weiter, wenn sie mit den Händen drei kleine Bälle in der Luft hält und gleichzeitig einen Ring und einen Fußball mit den Füßen bewegt. Phänomenal ihre abschließende Arbeit mit fünf Fußbällen gleichzeitig. Mit weiblichen Reizen geht es weiter beim Body Trapez. Eine Nummer, die wir in anderer Besetzung besonders mit Flic Flac verbinden. Nun sind es Betti und Krisztina, die bei ihrer Luftakrobatik an zwei Seilen mit Schlaufen-Enden quasi die Trapezstange durch den Körper der Partnerin ersetzen. Ein äußerst sinnliches Zusammenspiel der beiden schönen Damen mit den offen getragenen, langen Haaren, das in einem doppelten Fußwirbel zwischen Nebelschwaden gipfelt. Die Truppe Hassak setzt für ihre zweite Darbietung ein Requisit ein, das aus zwei Leitern besteht, verbunden durch eine Plattform in der Mitte. Auf der einen Seite geht es hinauf, auf der anderen hinunter. Dies mit allen möglichen Handicaps. Herausragend die Passage, bei der Tamila Tikanova mit der rechten Fußspitzen auf dem Kopf ihres Mannes, Truppenchef Adlet Tikanov, balanciert, während auf der anderen Seite der Leiter ein Artistenpaar im Kopf auf Kopf entgegenkommt. Oben geht es aneinander vorbei und auf der jeweils anderen Seite wieder hinunter. Später wird auf dem Kopf ein zusätzliches Zwei-Personen-Hoch getragen, oder eine Stirnperche, auf der zwei weitere Akteure Platz finden. Eine wirklich starke Leistung. Nochmals sorgt David Eriksson für Heiterkeit. Wiederum darf ein Zuschauer mitmachen. Diesmal gilt es Äpfel zu werfen, die Eriksson fängt – auf einer Gabel, mit einem Stachelhut und mit Metall-Stacheln dort, wo sich der Hosenladen befindet.


Deadly Games, Truppe Nomuna

„Deadly Games“ ist der treffende Titel für eine der spektakulärsten Messerwurf- und Kunstschützennummern. Alfredo Silva, mit Irokesenschnitt und zahlreichen Tattoos, verfehlt seine Partnerin Coral Gonzalez Cabañas bewusst nur haarscharf. Wirft mit verbundenen Augen Beile knapp an ihr vorbei, von ihrer Stimme gelenkt. Zielt mit der Armbrust über die eigene Schulter, eine Smartphone-Kamera aus dem Publikum als Spiegel nutzend. Und wirft Messer auf einen rasant kreisenden Türrahmen, in dessen Mitte sie steht. Schleuderbrettakrobatik auf ein neues Level hebt die Truppe Nomuna, denn bei einigen der Tricks balancieren die Untermänner zusätzlich auf Kugeln – beispielsweise beim Sprung zum Drei-Mann-Hoch und beim Satz in einen Sessel. Es folgen weitere Highlights wie Salti auf einer Stelze oder der Sprung zu einer noch höheren Sessel-Konstruktion.


Das Herz wieder gefunden

Music Director Tom Kastein legt über alle Nummern des Programms einen modernen, elektronischen Klangteppich aus einem Guss, der aber keineswegs monoton daherkommt. Dazu gibt es fantastisches Licht, LED-Bilder auf den Leinwänden im Hintergrund und sorgfältig gestaltete Übergänge zwischen den Darbietungen, womit jeglicher Leerlauf vermieden wird. Ein hochmodernes Circusspektakel vom Feinsten.

Am Ende findet die Protagonistin ihr Herz wieder, im Kreise des großen Ensembles holt sie es aus der Kuppel zurück. Die Liebe hat gesiegt, und mit dieser Produktion haben die Macher von Flic Flac gesiegt, eines meiner persönlichen Highlights dieses Winters gesshaffen. So wird die Quadratur des Kreises bei der Planung der Weihnachtscircus-Rundtour künftig noch schwieriger werden, muss doch Flic Flac Nürnberg wieder einen festen Platz auf der Liste erhalten. Warum wir zuletzt pausiert hatten, können wir inzwischen sowieso nicht mehr erklären.

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Text: Markus Moll; Fotos: Tobias Moll