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Also auf zum
Volksfestplatz am Dutzendteich, um das zu erleben, wovon alle
voll Anerkennung reden. Hier ist eines der schwarz-gelben Zelte
mit außen liegenden Bogenmasten aus dem Flic-Flic-Imperium
aufgeschlagen, ergänzt um ein dreimastiges Vorzelt. Darin
erwartet uns gehobenes Ambiente, typischerweise ganz in schwarz,
mit umfangreicher Gastronomie, vielen Sitzgelegenheiten und
Loungebereich, Garderobe, Souvenirstand sowie direkten Zugängen
in ein separates Dinnerzelt und zu den Toiletten. Eine
LED-Anzeige über dem Zugang zum Chapiteau zählt die Minuten und
Sekunden bis zum Einlassbeginn herunter und weist später den Weg
zu den Sitzkategorien.

Zeltanlagen
auf dem Volksfestplatz am Dutzendteich
Die Verantwortung
für diesen Flic-Flac-Standort trägt die älteste Tochter von
Circusgründer Benno Kastein, Larissa Kastein, als Inhaberin und
künstlerische Leiterin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten
Zdenek Polach als Betriebsleiter und Stage Manager sowie
Alexander Sellin als Geschäftsführer. Gemeinsam lenkt das Trio
die Geschicke des erfolgreichsten Wintergastspiels von Flic Flac.
Neu für diese Saison ist das spektakuläre Setting im Chapiteau
mit Drehbühne und einem Artisteneingang, der großformatige
LED-Wände mit einem heb- und senkbaren Podium verbindet.
  
Opening, Mad Flying Bikes, Skating Donnerts
Schon während des Einlasses amüsiert uns Comedian David Eriksson
mit seiner Kiss Cam. Zu einem Malheur wie beim Coldplay-Konzert
im Sommer 2025 kommt es nicht, als der Schwede einige Paare im
Publikum „spotted“ und ihre Küsschen auf der Leinwand zu sehen
sind. Doch dann nimmt seine Kamera eine junge Frau in den Fokus,
die mit traurigem Blick in den vorderen Reihen sitzt. Sie hat
ihr Herz verloren. Groß ist es und leuchtend rot. Es findet
zunächst seinen Weg in eine Mülltonne, wird dann aber im Opening
von einem Artisten zum anderen weitergereicht. Und entschwebt
schließlich unter die Circuskuppel. Damit ist die Rahmenhandlung
gesetzt, die Tom Kastein – der Cousin der Direktorin – als
Drehbuchautor und musikalischer Direktor ersonnen hat. Auf
diesen ruhigen Beginn folgt rasante Action. Zunächst ein echter
Flic-Flac-Klassiker, die fliegenden Motorräder. Die vier
Hasardeure von „Mad Flying Bikes“ jagen die Rampe im zentralen
Zuschauereingang hinauf, überqueren die Bühne mit spektakulären
Manövern im Flug und landen auf der schrägen Rampe im
Artisteneingang. Häufig haben wir diese Disziplin gesehen, doch
neu ist für uns der Schlusstrick. Alle vier Fahrer wagen jeweils
den Rückwärtssalto mitsamt Motorrad, den legendären „Backflip“,
in dichter Abfolge. Damit ist das Publikum auf
Betriebstemperatur gebracht. Stimmung und Tempo bleiben hoch
beim Auftritt der Skating Donnerts. Wenn Ryan Donnert sich auf
seinen Skates um die eigene Achse dreht und seine Partnerin Anna
Szésényi dabei nur an einem Bein hält, ihr Gesicht dem Boden
gefährlich nahe kommt, dann geht ein deutliches Raunen durchs
Publikum. Das Repertoire gipfelt in einem absoluten Spitzentrick
des Genres, dem Wirbel der Partnerin im Zahnhang.
  
David Eriksson, Stela Stankevicute, Alex und Liza
Mit Glatze und Tattoos, zunächst in pinkem Rock und mit
ebensolchen Stiefeln sowie mit gecropptem Motörhead-Tanktop
serviert David Eriksson gleich in seinem ersten Auftritt
Kostproben seines hervorragenden Könnens. Dazu gehört es
beispielsweise, erst fünf Pingpong-Bälle auf einmal zwischen den
Backen zu verstauen und die Bälle dann mit dem Mund zu
jonglieren. Ein Weinglas wird sicher auf einem Mundstab
gefangen, nachdem der Ballon dazwischen zerstochen ist. Mit
einer Anrufbeantworter-Nachricht aus dem Off wird die Handlung
wieder aufgenommen. Eine männliche Stimme, abgedroschene Phrasen
– so wird mit der Protagonistin aus dem Opening Schluss gemacht.
Diese entpuppt sich als Cyrrad-Akrobatin Stela Stankevicute. Mit
ihren Rotationen im Reifen, mit Drehungen und Wendungen über die
Bühne drückt sie ihren Schmerz akrobatisch aus. Wie dagegen
intakte Liebe auf der Bühne aussehen kann, das demonstrieren uns
Alex und Liza mit ihrer Partnerakrobatik. Einarmiger Handstand
auf seinem Kopf, eine kontorsionistische Pose auf seinen nach
oben ausgestreckten Armen, während er in den Spagat gleitet,
aber auch Wurfelemente sind Bestandteile dieser sinnlichen
Darbietung.
  
Jacktai
Laban, Truppe Hassak, Johnny Armstrong
Beim samoanischen
Feuertanz von Jacktai Laban spüren wir die Hitze auf unserer
Haut. Vor einem Band aus lodernden Flammen erscheint er
auf der sich absenkenden Plattform des Artisteneingangs,
jongliert dann zunächst mit einem an den Enden brennenden Stab,
dann mit zweien davon. Besonders eindrucksvoll, wie er sich auf
den Rücken legt und die brennenden Stäbe auf seinen Füßen
platziert. Ein hohes Risiko herrscht auch bei der nachfolgenden
Szene von David Eriksson – aber weniger für ihn selbst als
vielmehr für seinen Mitspieler aus dem Publikum, den er zunächst
mit einem Beilwurf-Trick droht („Wenn you move, you will die!“).
Tatsächlich zur Ausführung kommt eine Bouncing-Jonglage von
Pingpong-Bällen mit dem Mund gegen die Taucherbrille, die der
Zuschauer aufsetzen muss. Als Auseinandersetzung zweier Gruppen
in Schwarz und Weiß ist die Arbeit der Truppe Hassak am
doppelten Pole gestaltet. Immer wieder erklimmen die sechs
Herren und ihre Partnerin den Mast, zeigen oben Positionen, ohne
sich mit den Händen festzuhalten, und sausen wieder hinunter. So
rutschen drei von ihnen an einem Partner vorbei, der die Stange
für einen kurzen Moment loslässt. Bemerkenswert auch die Flagge,
die einer der Akrobaten drückt, während Mann und Frau im
Zwei-Personen-Hoch auf ihm stehen. Salti von Mast zu Mast werden
ebenso geboten. Neben David Eriksson ist noch ein zweiter
Komiker im Programm vertreten: Der Brite Johnny Armstrong mit
dem langen Vollbart serviert herrlich schräge Standup-Comedy
(„Ich lebe in Deutschland wegen einer Frau – sie wurde in
England schwanger und Deutschland ist der letzte Ort, wo sie
suchen würde“). Jeder der frechen Sprüche sitzt. Lachsalven
unterm Chapiteau!
 
Catwall
Acrobats, Flying Tuniziani
Drei Herren und
zwei Damen der Catwall Acrobats bringen vor der Pause nochmal
mächtig Schwung ins Programm. Dank der Drehbühne rotieren ihre
beiden Trampoline mit großem Plexisglas-Haus dazwischen, während
das Quintett die ersten Tricks zeigt. Sprünge aus den
Fensteröffnungen und wieder hinein gehören genauso zum
Repertoire wie Aktionen vom Trampolin direkt aufs Hausdach und
zurück. Komplexe Moves führen sie im akkurat getakteten Ablauf
von der einen auf die andere Seite der Trampolin-Wall und wieder
zurück. War die erste Programmhälfte stark, wird der zweite Teil
grandios. Zunächst richtet unsere Protagonistin ihren Blick
sehnsuchtsvoll Richtung Zeltkuppel. Dort ist schon der Apparat
der Flying Tuniziani aufgebaut. Zwei Fänger, sechs männliche
Flieger absolvieren auf zwei Bahnen präzise wie ein Schweizer
Uhrwerk die Elemente eines hervorragenden Flugtrapez-Acts.
Während andere Darbietungen mit zwei oder drei Flugbahnen oft
wie ein zufällig zusammengewürfeltes Kaleidoskop von Tricks
wirken, werden hier in dichter Abfolge, vollkommen sicher und
äußerst elegant, die Elemente der jeweils anderen Bahn
wiederholt: gestreckter Doppelsalto, Salti mit Pirouetten,
Dreifacher und Passage. Das ist Fliegendes Trapez auf höchstem
Niveau.
  
Selyna
Bogino, David Eriksson, Truppe Hassak
Wunderbar in Szene
gesetzt ist die Antipoden-Nummer von Selyna Bogino. Sie wird
hier von fünf Männern in blauen Latzhosen und weißen T-Shirts
umworben. Unter ihren bewundernden Blicken jongliert sie mit den
Füßen erst zwei Walzen, dann vier Teppiche. Der
Schwierigkeitsgrad steigert sich weiter, wenn sie mit den Händen
drei kleine Bälle in der Luft hält und gleichzeitig einen Ring
und einen Fußball mit den Füßen bewegt. Phänomenal ihre
abschließende Arbeit mit fünf Fußbällen gleichzeitig. Mit
weiblichen Reizen geht es weiter beim Body Trapez. Eine Nummer,
die wir in anderer Besetzung besonders mit Flic Flac verbinden.
Nun sind es Betti und Krisztina, die bei ihrer Luftakrobatik an
zwei Seilen mit Schlaufen-Enden quasi die Trapezstange durch den
Körper der Partnerin ersetzen. Ein äußerst sinnliches
Zusammenspiel der beiden schönen Damen mit den offen getragenen,
langen Haaren, das in einem doppelten Fußwirbel zwischen
Nebelschwaden gipfelt. Die Truppe Hassak setzt für ihre zweite
Darbietung ein Requisit ein, das aus zwei Leitern besteht,
verbunden durch eine Plattform in der Mitte. Auf der einen Seite
geht es hinauf, auf der anderen hinunter. Dies mit allen
möglichen Handicaps. Herausragend die Passage, bei der Tamila
Tikanova mit der rechten Fußspitzen auf dem Kopf ihres Mannes,
Truppenchef Adlet Tikanov, balanciert, während auf der anderen
Seite der Leiter ein Artistenpaar im Kopf auf Kopf
entgegenkommt. Oben geht es aneinander vorbei und auf der
jeweils anderen Seite wieder hinunter. Später wird auf dem Kopf
ein zusätzliches Zwei-Personen-Hoch getragen, oder eine Stirnperche, auf der zwei weitere Akteure Platz finden. Eine
wirklich starke Leistung. Nochmals sorgt David Eriksson für
Heiterkeit. Wiederum darf ein Zuschauer mitmachen. Diesmal gilt
es Äpfel zu werfen, die Eriksson fängt – auf einer Gabel, mit
einem Stachelhut und mit Metall-Stacheln dort, wo sich der
Hosenladen befindet.
 
Deadly
Games, Truppe Nomuna
„Deadly Games“ ist
der treffende Titel für eine der spektakulärsten Messerwurf- und
Kunstschützennummern. Alfredo Silva, mit Irokesenschnitt und
zahlreichen Tattoos, verfehlt seine Partnerin Coral Gonzalez
Cabañas bewusst nur haarscharf. Wirft mit verbundenen Augen
Beile knapp an ihr vorbei, von ihrer Stimme gelenkt. Zielt mit
der Armbrust über die eigene Schulter, eine Smartphone-Kamera
aus dem Publikum als Spiegel nutzend. Und wirft Messer auf einen
rasant kreisenden Türrahmen, in dessen Mitte sie steht.
Schleuderbrettakrobatik auf ein neues Level hebt die Truppe
Nomuna, denn bei einigen der Tricks balancieren die Untermänner
zusätzlich auf Kugeln – beispielsweise beim Sprung zum
Drei-Mann-Hoch und beim Satz in einen Sessel. Es folgen weitere Highlights wie
Salti auf einer Stelze oder der Sprung zu einer noch höheren
Sessel-Konstruktion.

Das Herz
wieder gefunden
Music Director Tom
Kastein legt über alle Nummern des Programms einen modernen,
elektronischen Klangteppich aus einem Guss, der aber keineswegs
monoton daherkommt. Dazu gibt es fantastisches Licht, LED-Bilder
auf den Leinwänden im Hintergrund und sorgfältig gestaltete
Übergänge zwischen den Darbietungen, womit jeglicher Leerlauf
vermieden wird. Ein hochmodernes Circusspektakel vom Feinsten. |