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Circ Historic Raluy - Tour 2023
www.raluy.com ; 116 Showfotos

Paraflugell, 15. August 2023: Im Oktober 2019 hatte ich den Circ Historic Raluy bei einem Gastspiel auf Mallorca schon einmal gesehen. Seitdem haben sich einschneidende Veränderungen ergeben. Ende November 2019 verstarb Patron Carlos Raluy. Anfang 2020 verkündete Tochter Rosa Raluy, das Unternehmen zu übernehmen und es mit ihrem Teatre Circ Rosa Raluy zu fusionieren. Nach der Pandemie-bedingten Pause reist sie nun mit Ehemann William Giribaldi und den Kindern unter dem Namen Circ Historic Raluy.

Geblieben ist das Material. Das Ambiente beim diesjährigen Besuch war so, wie ich es in Erinnerung hatte. Ein wunderschöner historischer Circus mit nostalgisch anmutendem Chapiteau, Vorzelt und vielen liebevoll restaurierten Circuswagen.


Entree des Circ Historic Raluy

Hervorgehoben seien hier der Kassen- sowie der Restaurationswagen, ganz besonders aber das rollende Café. Es lädt, wie das gesamte Unternehmen, ein zu einer Reise zurück in der Zeit. Natürlich lädt es auch ein, um sich vor der Vorstellung, in der Pause oder nach der Show mit einem Getränk verwöhnen zu lassen. Direktor William Giribaldi – er ist ein Bruder der Leiter-Artistin Steacy Giribaldi – lässt es sich nicht nehmen, uns ein Glas Cava einzuschenken und über den Circus zu erzählen.


Familie Giribaldi Raluy

Die gesamte Direktionsfamilie ist auch in der Show sehr präsent. Dies auf eine wohltuende, sehr sympathische Weise. Das gemütliche Innere des Chapiteau mit historischem Artisteneingang, einer originellen Anordnung der Sitzplätze (Logen mit Kästen, eine Sitzreihe mit Stühlen und dann nach einer Abtrennung Bankreihen) und dem beeindruckenden Deckengemälde gibt den einzigartigen Rahmen für die Show. Das Konzept der Vorstellung hat sich allerdings seit meinem ersten Besuch grundlegend verändert. Wurde 2019 im Wesentlich ein schön gestaltetes Nummernprogramm gespielt, erleben wir jetzt eine durchinszenierte Show. Tragende Säule ist, neben der Direktion, Clown Davide Vassallo. Er ist es auch, der auf den Werbemedien zum Besuch einlädt.


Davide Vassallo, William Giribaldi, Aleix Gomez

Zu Beginn des Abends sitzt Vassallo an einem antiken Schreibtisch aus Holz und schreibt mit Federkiel in ein großes Buch. Aleix Gomez, der elegante Ringmaster im edlen Zwirn, gesellt sich hinzu. Immer mehr der Mitwirkenden kommen herein, bis das gesamte Ensemble in der mit einem Holzboden ausgelegten Manege ist. Viele der Artisten geben Kostproben ihres Könnens. Da fliegt eine Akrobatin an Strapaten über der Szene, da wird jongliert und getanzt. Auf dem inzwischen in der Mitte der Spielfläche stehenden Schreibtisch hat William Giribaldi im noblen Kostüm sein Solo. Davide Vassallo reicht ihm zunächst drei weiße Bälle, mit denen er virtuos jongliert. Nachdem der Tisch wieder in den Hintergrund gebracht wurde, arbeitet William Giribaldi rasante Touren mit drei Zigarrenkistchen. Mehrere Pirouetten gehören natürlich dazu. Mit rhythmischem Klopfen auf den Tisch animieren die Tänzerinnen Jelena und Grace das Publikum erfolgreich, durch Klatschen eine Zugabe zu erwirken. Auch bei der nächsten Nummer hat der Schreibtisch eine Rolle. Auf ihm zeigt Aleix Gomez Zaubereien, bei denen immer mehr Flaschen aus zwei gelben Röhren erscheinen. Kritisch beäugt werden die Tricks von Herrn Direktor.


Kimberley Giribaldi Raluy, Trio Barbara

Dessen Tochter Kimberley Giribaldi Raluy erfreut mit einer herrlichen in Szene gesetzten Kür am Flying Pole. Kunstnebel und ein stimmungsvolles Licht setzen die optischen Effekte. Akustisch wird die Artistik durch den wunderbaren Gesang von Ashley Vargas aufgewertet. Kimberley zelebriert verschiedene Haltefiguren, bei den sie eine ausgeprägte Körperbeherrschung sowie eine große Prise Wagemut beweist. Während sie hinter dem Vorhang verschwindet, signalisiert Davide Vassallo sein Interesse an Sängerin Ashley. Die dargebotene Blume jedenfalls nimmt sie gerne entgegen. Rosa Raluy malt mit einem Pinsel ein zunächst nicht sichtbares Gemälde auf eine schwarze Leinwand. Erst als feine glitzernde Körnchen darauf geworfen werden, wird das Konterfei ihres verstorbenen Vaters Carlos sichtbar. Die beiden Tänzerinnen präsentieren das Werk dem Publikum. Nachdem Davide Vassallo mit Unterstützung aus dem Publikum einen imaginären Ball mit einer Papiertüte aufgefangen hat, geht das Trio Barbara auf Reisen. Zumindest kann man aufgrund des Koffers, den das weibliche Mitglied dabei hat, zu diesem Schluss kommen. Aber das Gepäckstück wird schnell am Rand der Manege abgestellt. Stattdessen geht es für die Dame in die Luft. Mithilfe eines Russischen Barrens katapultieren ihre beiden männlichen Partner sie nach oben. Unter der Kuppel zeigt die Fliegerin gewagte Sprungkombinationen. Das Trio Barbara hat ein umfangreiches Repertoire. So erleben wir variantenreiche Flüge, die sehr wirksam verkauft werden. Bevor es in die Pause geht, verknotet der große Magier Davide Vassallo noch vier Herren aus den Reihen der Zuschauer.


Ashley Vargas und Davide Vassallo, Duo Marton

Zu Beginn des zweiten Teils ist das Sprungseil aufgebaut. Ashley Vargas, William Giribaldi und Aleix Gomez suchen den passenden Artisten dafür. Sie finden ihn in Davide Vassallo, der nach Trockenübungen auf dem Boden tatsächlich das Requisit erklimmt. Gekonnt tollpatschig und gleichzeitig artistisch versiert balanciert der Clown über das Seil. Auch rasante Sprünge gehören zu seinem turbulenten Auftritt. Aleix Gomez steht gemeinsam mit William Giribaldi an der Gardine und kommentiert das Geschehen. „Seriöser“ geht es beim Duo Marton zu, das in blütenweißen Hosen gekonnte Hand-auf-Hand-Akrobatik präsentiert. In ihrer abwechslungsreichen Trickfolge beweisen die Herren Kraft, Gleichgewichtssinn und Präzision. Gekrönt wird ihr Auftritt vom Hand-auf-Hand, bei dem der Untermann zunächst auf einem Stuhl steht und sich dann gemeinsam mit dem Partner nach hinten beugt, bis seine Schultern auf dem Boden ruhen. Anschließend geht es retour.


Duo Giribaldi Raluy, Tänzerinnen Jelena und Grace im Finale

Ein rein weibliches Ikarier-Duo ist eine echte Rarität, wenn nicht gar einzigartig. So war das Duo Giribaldi Raluy etwa schon im Pariser Cirque d'Hiver engagiert. Kimberley und Jilian sind die Töchter der Direktion. Elegant jongliert die eine ihre Schwester mit den Füßen durch die Luft. Zudem beherrschen die blendend aussehenden jungen Damen das Spiel mit dem Publikum ganz exzellent. Zum Grande Finale gibt es ein Stakkato von Überschlägen. Sein Orchester bestückt Davide Vassallo mit Gastmusikern aus dem Publikum. Einen Herrn trifft es besonders hart. Wann immer der Clown nach „Ashley“ ruft, wird die nächste Verschärfung umgesetzt. Immer mehr Glocken bekommt der Gast an den Körper gebunden. Er muss sie in vorgegebener Reihenfolge klingen lassen. Nachdem das Konzert gespielt ist, geht es zum ausgiebig gefeierten Finale. Den Auftakt macht das Direktions-Quartett. Dann kommen die weiteren Ensemblemitglieder hinzu. In verschiedenen Choreographien bedanken sich die Mitwirkenden bei den Zuschauern, welche die Akteure mit frenetischen Standing Ovations feiern. Die Stimmung ist grandios. Aleix Gomez spricht die Abschiedsworte. Das letzte Auf Wiedersehen wird ganz persönlich. Direktion und Artisten stehen in einer langen Reihe im Vorzelt. Es werden viele Fotos geschossen und kurze Gespräche geführt. Das schafft Nähe und Wertschätzung.

Zwei Stunden lang – Pause inklusive – hat uns die Familie Giribaldi Raluy gemeinsam mit den engagierten Artisten in ihre Welt des Circus entführt. Wir haben eine ungemein stimmungsvolle, kompakte Show erlebt, in der alles wunderbar zusammenpasst. Die Atmosphäre ist einmalig, die Flucht aus dem Alltag gelingt innerhalb der ersten Sekunden. Das Licht ist wunderbar, die Bandmusik stimmig, eine Schlagzeuger sorgt für Akzente. Die Direktion hat mit dem Circ Historic Raluy nicht nur ein Schmuckkästchen, sie versteht es auch, dieses mit Leben zu füllen. Auf ihre ganz persönliche, liebevolle Weise. Chapeau!

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Text und Fotos: Stefan Gierisch