|
Geblieben
ist das Material. Das Ambiente beim diesjährigen Besuch war so,
wie ich es in Erinnerung hatte. Ein wunderschöner historischer
Circus mit nostalgisch anmutendem Chapiteau, Vorzelt und vielen
liebevoll restaurierten Circuswagen.

Entree
des Circ Historic Raluy
Hervorgehoben seien hier der Kassen- sowie der
Restaurationswagen, ganz besonders aber das rollende Café. Es
lädt, wie das gesamte Unternehmen, ein zu einer Reise zurück in
der Zeit. Natürlich lädt es auch ein, um sich vor der
Vorstellung, in der Pause oder nach der Show mit einem Getränk
verwöhnen zu lassen. Direktor William Giribaldi – er ist ein
Bruder der Leiter-Artistin Steacy Giribaldi – lässt es sich
nicht nehmen, uns ein Glas Cava einzuschenken und über den
Circus zu erzählen.

Familie
Giribaldi Raluy
Die
gesamte Direktionsfamilie ist auch in der Show sehr präsent.
Dies auf eine wohltuende, sehr sympathische Weise. Das
gemütliche Innere des Chapiteau mit historischem
Artisteneingang, einer originellen Anordnung der Sitzplätze
(Logen mit Kästen, eine Sitzreihe mit Stühlen und dann nach
einer Abtrennung Bankreihen) und dem beeindruckenden
Deckengemälde gibt den einzigartigen Rahmen für die Show. Das
Konzept der Vorstellung hat sich allerdings seit meinem ersten
Besuch grundlegend verändert. Wurde 2019 im Wesentlich ein schön
gestaltetes Nummernprogramm gespielt, erleben wir jetzt eine
durchinszenierte Show. Tragende Säule ist, neben der Direktion,
Clown Davide Vassallo. Er ist es auch, der auf den Werbemedien
zum Besuch einlädt.
  
Davide
Vassallo, William Giribaldi, Aleix Gomez
Zu Beginn
des Abends sitzt Vassallo an einem antiken Schreibtisch aus Holz
und schreibt mit Federkiel in ein großes Buch. Aleix Gomez, der
elegante Ringmaster im edlen Zwirn, gesellt sich hinzu. Immer
mehr der Mitwirkenden kommen herein, bis das gesamte Ensemble in
der mit einem Holzboden ausgelegten Manege ist. Viele der
Artisten geben Kostproben ihres Könnens. Da fliegt eine
Akrobatin an Strapaten über der Szene, da wird jongliert und
getanzt. Auf dem inzwischen in der Mitte der Spielfläche
stehenden Schreibtisch hat William Giribaldi im noblen Kostüm
sein Solo. Davide Vassallo reicht ihm zunächst drei weiße Bälle,
mit denen er virtuos jongliert. Nachdem der Tisch wieder in den
Hintergrund gebracht wurde, arbeitet William Giribaldi rasante
Touren mit drei Zigarrenkistchen. Mehrere Pirouetten gehören
natürlich dazu. Mit rhythmischem Klopfen auf den Tisch animieren
die Tänzerinnen Jelena und Grace das Publikum erfolgreich, durch
Klatschen eine Zugabe zu erwirken. Auch bei der nächsten Nummer
hat der Schreibtisch eine Rolle. Auf ihm zeigt Aleix Gomez
Zaubereien, bei denen immer mehr Flaschen aus zwei gelben Röhren
erscheinen. Kritisch beäugt werden die Tricks von Herrn
Direktor.
 
Kimberley Giribaldi Raluy, Trio Barbara
Dessen
Tochter Kimberley Giribaldi Raluy erfreut mit einer herrlichen
in Szene gesetzten Kür am Flying Pole. Kunstnebel und ein
stimmungsvolles Licht setzen die optischen Effekte. Akustisch
wird die Artistik durch den wunderbaren Gesang von Ashley Vargas
aufgewertet. Kimberley zelebriert verschiedene Haltefiguren, bei
den sie eine ausgeprägte Körperbeherrschung sowie eine große
Prise Wagemut beweist. Während sie hinter dem Vorhang
verschwindet, signalisiert Davide Vassallo sein Interesse an
Sängerin Ashley. Die dargebotene Blume jedenfalls nimmt sie
gerne entgegen. Rosa Raluy malt mit einem Pinsel ein zunächst
nicht sichtbares Gemälde auf eine schwarze Leinwand. Erst als
feine glitzernde Körnchen darauf geworfen werden, wird das
Konterfei ihres verstorbenen Vaters Carlos sichtbar. Die beiden
Tänzerinnen präsentieren das Werk dem Publikum. Nachdem Davide
Vassallo mit Unterstützung aus dem Publikum einen imaginären
Ball mit einer Papiertüte aufgefangen hat, geht das Trio Barbara
auf Reisen. Zumindest kann man aufgrund des Koffers, den das
weibliche Mitglied dabei hat, zu diesem Schluss kommen. Aber das
Gepäckstück wird schnell am Rand der Manege abgestellt.
Stattdessen geht es für die Dame in die Luft. Mithilfe eines
Russischen Barrens katapultieren ihre beiden männlichen Partner
sie nach oben. Unter der Kuppel zeigt die Fliegerin gewagte
Sprungkombinationen. Das Trio Barbara hat ein umfangreiches
Repertoire. So erleben wir variantenreiche Flüge, die sehr
wirksam verkauft werden. Bevor es in die Pause geht, verknotet
der große Magier Davide Vassallo noch vier Herren aus den Reihen
der Zuschauer.
 
Ashley
Vargas und Davide Vassallo, Duo Marton
Zu Beginn
des zweiten Teils ist das Sprungseil aufgebaut. Ashley Vargas,
William Giribaldi und Aleix Gomez suchen den passenden Artisten
dafür. Sie finden ihn in Davide Vassallo, der nach
Trockenübungen auf dem Boden tatsächlich das Requisit erklimmt.
Gekonnt tollpatschig und gleichzeitig artistisch versiert
balanciert der Clown über das Seil. Auch rasante Sprünge gehören
zu seinem turbulenten Auftritt. Aleix Gomez steht gemeinsam mit
William Giribaldi an der Gardine und kommentiert das Geschehen.
„Seriöser“ geht es beim Duo Marton zu, das in blütenweißen Hosen
gekonnte Hand-auf-Hand-Akrobatik präsentiert. In ihrer
abwechslungsreichen Trickfolge beweisen die Herren Kraft,
Gleichgewichtssinn und Präzision. Gekrönt wird ihr Auftritt vom
Hand-auf-Hand, bei dem der Untermann zunächst auf einem Stuhl
steht und sich dann gemeinsam mit dem Partner nach hinten beugt,
bis seine Schultern auf dem Boden ruhen. Anschließend geht es
retour.
 
Duo
Giribaldi Raluy, Tänzerinnen Jelena und Grace im Finale
Ein rein
weibliches Ikarier-Duo ist eine echte Rarität, wenn nicht gar
einzigartig. So war das Duo Giribaldi Raluy etwa schon im
Pariser Cirque d'Hiver engagiert. Kimberley und Jilian sind die
Töchter der Direktion. Elegant jongliert die eine ihre Schwester
mit den Füßen durch die Luft. Zudem beherrschen die blendend
aussehenden jungen Damen das Spiel mit dem Publikum ganz
exzellent. Zum Grande Finale gibt es ein Stakkato von
Überschlägen. Sein Orchester bestückt Davide Vassallo mit
Gastmusikern aus dem Publikum. Einen Herrn trifft es besonders
hart. Wann immer der Clown nach „Ashley“ ruft, wird die nächste
Verschärfung umgesetzt. Immer mehr Glocken bekommt der Gast an
den Körper gebunden. Er muss sie in vorgegebener Reihenfolge
klingen lassen. Nachdem das Konzert gespielt ist, geht es zum
ausgiebig gefeierten Finale. Den Auftakt macht das
Direktions-Quartett. Dann kommen die weiteren Ensemblemitglieder
hinzu. In verschiedenen Choreographien bedanken sich die
Mitwirkenden bei den Zuschauern, welche die Akteure mit
frenetischen Standing Ovations feiern. Die Stimmung ist
grandios. Aleix Gomez spricht die Abschiedsworte. Das letzte Auf
Wiedersehen wird ganz persönlich. Direktion und Artisten stehen
in einer langen Reihe im Vorzelt. Es werden viele Fotos
geschossen und kurze Gespräche geführt. Das schafft Nähe und
Wertschätzung. |