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Nachdem 2021/22 ein ganzes Jahr lang auf einem Platz an der Donaumarina
in der Hauptstadt
gespielt wurde, hat sich der Circus Louis Knie 2023 im Stadtteil
Neumarx an der Marxhalle niedergelassen. Das Gelände wurde zuvor
unter anderem durch den Cirque du Soleil genutzt. Äußerst
einladend wirken der Vorplatz hinter der bunten Circusfront wie
auch das aufwendig dekorierte Vorzelt. So lässt sich die
Gastronomie im Freien wie auch unter dem Zeltdach genießen. Im
weißen Chapiteau erwartet uns die bekannt schöne Atmosphäre mit
Polsterstühlen in den Logen und Klappsitztribüne. Atmosphäre
schaffen auch das aufwendige Lichtdesign sowie die musikalische
Begleitung. Dabei akzentuieren Tino Aeby an Trompete, Gitarre
und Percussion und ein Schlagzeuger die ansonsten vom Band
eingespielte Musik und geben ihr einen Live-Charakter.
Hervorzuheben sind – neben bekannten Louis-Knie-Mitarbeitern wie
Alfred und Gerta Toth oder Manfred Huber – noch Jolanda Hofmann
und Patrick Schneider, die für einen sehr professionellen
Auftritt in den sozialen Medien sorgen.
  
Dolly Power Dancers,
dekorativer Eingang ins Hauptzelt, Robert Stipka jun.
Nach der Ouvertüre heizt
zunächst Clown Jimmy Folco im pinken Frack die Stimmung mit
einem Klatschspiel an. Dann sorgen die vier Damen der „Dolly
Power Dancers“ für ein schwungvolles Opening, bei dem sich Tanz
und Artistik verbinden. Wir erleben Tuchakrobatik, Jonglagen mit
Scheiben und Keulen sowie als „Special Guests“ vier Jungs, die
sich zur Pyramide formieren. Stil und Aufmachung erinnern an die
Truppe Bingo. Dass Esel gar nicht störrisch sein müssen, sondern
sich vielmehr sehr gelehrig zeigen können, beweisen uns die
sechs Tiere, die von Robert Stipka jun. vorgeführt werden. Er
leitet sie durch typische Figuren einer Freiheitsdressur, wie
wir sie mit Pferden kennen, beispielsweise den Gegenlauf. Jimmy
Folco duelliert sich im Anschluss mit einem Kind aus dem
Publikum beim amüsanten Wasserspucken.
  
Liudmyla Ryhzkova,
Jimmy Folco,
Vioris Zoppis
Nachdem Ludmilla Luraschi
Valla mit ihren Antipodenspielen vorzeitig aus dem Programm
ausgeschieden ist, wurde ihr Auftritt durch die Tuchakrobatik
von Liudmyla Ryhzkova ersetzt. Im strahlenden Gegenlicht beweist
sie Kraft und Beweglichkeit; zudem schafft die junge, hübsche
Frau mit den langen, gelockten Haaren und ihrem mit glitzernden
Pailletten besetzten Kostüm einfach schöne Bilder. Gleich
doppelt geht es nun ums nasse Element: Zunächst ficht Jimmy
Folco seinen amüsanten Kampf gegen den Haifisch im Planschbecken
aus. Dann beeindruckt der jugendliche Vioris Zoppis mit Boden-
und Handstandakrobatik im flachen Wasser, das durch einen wenige
Zentimeter hohen Ring am Boden am Wegfließen gehindert wird.
Diese erhöht zum einen den Schwierigkeitsgrad der gezeigten
Übungen; zum anderen schaffen die sprühenden Tropfen auch
sinnliche Momente.

Louis Knie jun.
und Nicole Berousek
Den großen Pferdeblock vor
der Pause leitet Nicole Berousek ein. Zwischen zwei Tänzerinnen
erleben wir sie als elegante Reiterin. Dann gehört die Manege
dem Direktor – Louis Knie jun. stellt sechs braune Pferde in
einer Freiheitsdressur vor, dirigiert sie elegant und mit
leichter Hand durch anspruchsvolle Lauffiguren. Im Rückwärtsgang
gehen die Tiere durch die Manege und nehmen rundherum
Aufstellung, um sich dann auf den Tierlehrer in der Mitte
zuzubewegen. Ein schönes Bild. Ungewöhnlich auch, wie drei
Pferde nebeneinander im Rückwärtsgang die Manege verlassen,
während ihnen die drei anderen vorwärts folgen – und mittendrin
Louis Knie jun. Mit einem Potpourri an temperamentvollen Steigern findet die Nummer
ihren idealen Abschluss.

Flying Henriquez
Nach einer kompakten ersten
Hälfte geht es in die Pause; der zweite Programmteil ist dann
deutlich länger. Er beginnt mit den „Flying Henriquez“ am
Flugtrapez. Truppenchef Patricio Alexis Henriquez Rojas ist uns
als hervorragender Flieger bei den „Wulbers“ in bester
Erinnerung. Nach der Auflösung dieser Truppe hat er nun seine
eigene Formation gegründet. Eine Dame und zwei weitere Herren
gehören außer ihm dazu. Das Repertoire ist wirklich stark und
umfasst beispielsweise auch einen Rückwärtssalto mit Pirouette
sowie einen gestreckten Doppelsalto mit Pirouette. Dreifacher,
Passage und Sturz aus der Kuppel dürfen natürlich nicht fehlen.
Jimmy Folco und Louis Knie jun. überbrücken den Abbau des großen
Requisits mit einem munteren Dialog im Zuschauereingang. Dabei
wird das Publikum animiert, „Bella Ciao“ mitzusingen, denn „die
Leute in Vienna können alle Italienisch“.
  
Nicole Berousek, BMX Riders
Rasant geht es weiter mit der
Hundedressur, die Nicole Berousek zu fröhlicher Musik in die
Manege bringt. Die sechs Vierbeiner wirken sehr gelehrig, egal
ob bei diversen Sprüngen oder der Pyramide zum Abschluss.
Jugendlichkeit und Modernität bringen die beiden „BMX Riders“
aus der Ukraine in die Show. Auf ihren Rädern strampeln sie
eine Art Schanze hinauf und landen nach diversen Sprüngen – bis
hin zum Salto auf dem Rad – auf einer schrägen Rampe, die wieder
zum Manegenboden hinunterführt. Links und rechts der
Konstruktion befinden sich zwei Postamente, zwischen denen mit
den Rädern hin- und hergesprungen wird. Auch legt sich einer der
beiden oben aufs Requisit, während der andere mit dem Rad über
ihn hin- und herspringt, dicht an seinem Körper vorbei. Auch auf
einem schmalen Brett, das oberhalb der Rampe angebracht ist,
wird wagemutig gelandet. Nach so viel Adrenalin ist Heiterkeit
und Entspannung angesagt, wenn Jimmy Folco mit drei Herren und
einer Dame aus dem Publikum – letztere dargestellt von seiner
Ehefrau – einen Film dreht und dabei die Lacher auf seiner Seite
hat. Die Qualität seiner Mitspieler erscheint dem Clown dabei so
indiskutabel, dass er sich, nur zum Schein natürlich, „die Kugel
gibt“. In ihrer temporeichen Hula Hoop-Nummer lässt Nicole
Berousek weniger die Reifen um Körper, Arme und Beine rotieren,
sondern zeigt vor allem einen wild-dynamischen Tanz, in dem sie
auch mit den Reifen jongliert.
 
The White Angels, Vioris
Zoppis
Nochmal einen ganz starken
Auftritt hat Vioris Zoppis bei seinen Strapaten-Flügen. Spagat
in allen Variationen ist seine Spezialität. Beeindruckend, wie
er im Seitspagat den Oberkörper nach vorne neigt und sich wieder
aufrichtet. Temperamentvoll seine Abfaller und Überschläge. Für
ein ganz großes Bild zum Abschluss sorgen „The White Angels“.
Die jungen Artisten aus der Ukraine begeistern auf dem
Fasttrack-Trampolin mit Salti und Flic Flacs am laufenden Band,
unter anderem durch einen Feuerreifen, und werden dabei von den
Dolly Power Dancers mit Engelsflügeln wirkungsvoll unterstützt.
Ihr Auftritt geht direkt ins große Finale über, in dem Louis
Knie jun. das Publikum nach einem wunderbaren Nachmittag
verabschiedet. Das ist großer Circus zwischen Klassik und
Moderne, voller Tempo und Dynamik, mit schwungvoller Musik und
aufwendigem Licht in edlem Ambiente. |