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Zirkus Nemo - Tour 2023
www.zirkus-nemo.dk ; 102 Showfotos

Koege, 29. Juli 2023: Es ist das erste Mal, dass der Zirkus Nemo in Koege gastiert. Doch wenn Soren Ostergaard zu Beginn der Vorstellung auf einer Treppe des Gradins im Zuschauerraum steht, brandet spontan frenetischer Beifall auf. Auch hier, südwestlich der Hauptstadt Kopenhagen, kennt man den dänischen Comedian und Circusdirektor. Es gelingt ihm im Handumdrehen, das Publikum für sich zu gewinnen und den ganzen Abend über in bester Stimmung zu halten. Dazu hat er wieder ein wunderbares artistisches Ensemble zusammengestellt. Einen Sketchpartner für Ostergaard gibt es in diesem Jahr nicht.

Aber einige Mitglieder aus dem Team unterstützen wie gewohnt. Stimmungsfördernd ist die kompakte Atmosphäre im ausverkauften Chapiteau. Auch wenn es an diesem Tag unter dem Zeltdach sehr warm ist, genießen die Gäste die Show voll und ganz. Erfrischungen hält das Vorzelt mit Restauration und Souvenirstand bereit. Zum Konsum von Getränken und Snacks laden Tische sowie Bänke auf dem Rasenplatz. Nostalgisch angehauchte Fahrzeuge warten darauf, entdeckt zu werden.


Zirkus Nemo in Koege

Wortreich erklärt Soren Ostergaard, aus welchen Elementen der Circus besteht. Natürlich sind die ausführlichen Erläuterungen auf Dänisch. Wenn man dieser Sprache nicht mächtig ist, dann erkennt man nur einzelne Begriffe wie „Canobbio“. Die besorgte Nachfrage meiner Sitznachbarn, ob ich denn als Besucher aus Deutschland zu meinen Spaß käme, kann ich entspannt bejahen. Kostüme, Perücken, Gestik, Mimik und die Sprechweise von Ostergaard bringen mich bestens zum Lachen, obwohl ich quasi nichts verstehe. Wenn ein Musiker das Becken mit einem Winkelschleifer bedient, wenn ein hochgewachsener Mann (Christian Mosbaek) im Paradekostüm mit Minirock auftritt, dann „spricht“ das einfach für sich. Den ersten Kostümwechsel des Direktors überbrückt sein Team mit einem Zaubertrick. Laura Kvist Poulsen hat den Zettel mit der Anleitung, der Rest – darunter Ingo Stiebner und Hector Yzquierdo – darf sich darin versuchen, einen Kollegen mit Röhren zu durchbohren. Die vierköpfige Band spielt dazu. Danach nimmt das Quartett für die weitere musikalische Begleitung neben dem Artisteneingang Platz. Es folgt das nächste Solo von Soren Ostergaard in einem an Abba angelehnten Kostüm.


Zore Espana, Soren Ostergaard, Hector Yzquierdo

Zore Espana ist mit ihrem Roue Cyr im Gepäck nach Dänemark gereist. Damit zeigt sie auf der erhöhten Rundbühne eine wunderschöne Kür. Verschiedene Tricks des Genres reiht sie in einer fließenden Choreographie aneinander. Dann schaut kurz Soren Ostergaard als Mann mit dem längsten Arm vorbei, Hector Yzquierdo spielt beide Parts eines Tanzpaares aus dem Wilden Westen und Christian Mosbaek beweist, dass der Zaubertrick mit Röhren und Weinflaschen auch mit Quadern und Stühlen funktioniert. Eines der Sitzmöbel dient Ostergaard als Requisit, wenn er den tschechischen Puppenspieler Oleg Olansky gibt, der am Flughafen bei der Sicherheitskontrolle vergessen hat, seinen Gürtel wieder anzuziehen. Die rutschende Hose ist aber nur einer von etlichen Gags, die er bei der Interaktion mit der sich in Einzelteile auflösenden Puppe abfeuert. Aus dem feinfühligen Künstler wird im Laufe der Nummer ein verzweifelt fluchender Mann. Dankenswerterweise wird dieser Sketch auf Englisch gespielt. In verschiedenen Abwandlungen war er bereits in früheren Programmen des Zirkus Nemo zu sehen. Christian Mosbaek führt unter den Augen von Ingo Stiebner einen imaginären Hund aus, Hector Yzquierdo tanzt als kleinwüchsiger Fischer über die Bühne und schon steht der Direktor in neuer Aufmachung im Spotlight. Der schwadronierende Fußballfans erfüllt auch alle hiesigen Klischees eines eingefleischten, in die Jahre gekommenen Vereinsanhängers.


Claudius Specht, Soren Ostergaard

Nicht mit Bällen, dafür mit Bechern, vor allen Dingen aber mit Keulen jongliert Claudius Specht. Das macht der Schweizer im schwarzen Anzug gewohnt virtuos. Eine jener Darbietungen, die immer wieder neu fasziniert. In den unterschiedlichsten Touren schickt er seine silbernen Keulen auf ihre Umlaufbahnen durch die Luft. Auf das Spiel mit Bechern, die er hochwirft und dann im untersten davon wieder auffängt, folgt die schnelle Jonglage von drei Keulen. Zum Grande Finale entfacht der sympathische Artist einen Wirbel mit sieben Keulen. Den zusätzlichen Kick gibt der vollautomatische Requisitenspender. Für die Pausennummer sorgt Marianne, selbstredend dargestellt von Soren Ostergaard. Die eigenwillige Dame präsentiert uns eine Rattendressur, die ursprünglich von Gunter Sacckman stammt. Nur gut, dass Ingo Stiebner dabei ist. Das Programmheft weist ihn als Stallmeister aus. Bei Nemo und in vielen anderen Unternehmen ist er mit seinen Seelöwen aufgetreten. An ihm liegt es, die Nager zu bändigen und zu ihren Kunststücken zu animieren. Marianne sorgt für das Chaos, das diese Darbietung zu einem herrlich witzigen Erlebnis macht. Mit dem Hereinbringen eines extrem langen Beins endet der erste Teil. Zu Beginn des zweiten bekommt der Smadremanden Gelegenheit, ausführlich seine Sicht der Dinge darzustellen. Mit Netzhemd, schmierigen, langen Haaren und bunten Tattoos auf den Oberarmen tut er das sehr lautstark. Der ausgestreckte Mittelfinger kommt des Öfteren zum Einsatz. Als visueller Effekt bleibt das Zerdrücken von Schaumküssen in Erinnerung.


Hector Yzquierdo, Duo Flash, Soren Ostergaard

Das Duo Solys ist seit 2018 beim Zirkus Nemo. Damals zeigten die beiden Artisten ihre Partner-Equilibristik mit einem Mini-Eiffelturm. In diesem Jahr erleben wir Hector Yzquierdo mit einer kraftvollen Handstandakrobatik. Der Klötzchentrick bildet den effektvollen Schlusspunkt. Den Malermanden mit seinem Maßband kennen wir natürlich schon seit vielen Jahren. Worin es bei seinen Wortkaskaden geht, können wir nur erahnen. Worte wie „Hitler“ und „Lufthansa“ geben Hinweise. Mit großer Trommel vor dem Bauch führt „Paradegirl“ Christian Mosbaek das Defilee der Requisiteure an, die verschiedenste Zauberutensilien auf Tischen hereinbringen. Per Ole Hanemann Goelsen heißt der schon etwas angestaubte Magier, der eher lustlos als lustvoll die verschiedensten Wunder vor unseren Augen geschehen lässt. Während bei Hand-auf-Hand-Nummern gelegentlich Sprünge eingebaut werden, stellen sie beim Duo Flash den Kern des Auftritts dar. Mit viel Witz fliegen Yefrem Bitkin und Yefgeniy Daschkivski in unzähligen Salti durch die Luft. Das in einem perfekt durchgestylten Ablauf. Damit sorgen sie für Lachen, vor allen Dingen aber Staunen. In diesem Jahr ziemlich gesittet, zumindest visuell, gerät der Auftritt von Bager Jorgen. Der Bäcker produziert vergleichsweise wenig Brösel, wenn er am Ende seiner Ausführungen mit Gebäck alles andere als zimperlich umgeht. Das Publikum liebt auch diese Figur von Soren Ostergaard, wie die Lachsalven verraten.


Finale

Fast schon Millimeterarbeit ist gefragt, wenn sich das Duo Stauberti mit seiner Percheakrobatik nur bis knapp unter das Dach des Chapiteaus bewegt. Aber es passt alles, die gesamte Trickfolge wird gezeigt. Wie etwa die Fahrt auf dem Einrad von Dimitri, bei der er seine Nichte Nancy am oberen Ende einer Stirnperche auf dem Kopf balanciert und dazu noch mit Keulen jongliert. 2018 erhielten die beiden für ihre Darbietung einen Silbernen Clown in Monte Carlo. Als fast schon poetischer Clown leitet Soren Ostergaard das Finale mit Seifenblasen ein. Doch zunächst bringen zwei kopflose Herren einen überdimensionalen Kopf des Nemo-Direktors. Dieser steht auf zwei Füßen und erinnert so an den von Roncalli bekannten „Kopffüßler“. Dann erscheinen noch einmal alle Mitwirkenden, um sich ausführlich vom Publikum zu verabschieden. Die Zuschauer feiern das Ensemble mit frenetischen Standing Ovations.

Das Konzept des Zirkus Nemo, Comedy mit traditionellem Circus zu verbinden, funktioniert auch 2023 wieder ganz fantastisch. Insbesondere deswegen, weil Soren Ostergaard nicht nur ein feines Gespür für Komik hat, sondern ebenfalls den Circus mit all seinen Facetten liebt. So entsteht eine Show, die durch und durch überzeugt, ja begeistert. Das Ambiente, die Livemusik und die stimmungsvolle Beleuchtung runden den Genuss ab.

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Text und Fotos: Stefan Gierisch