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Erste
Station ist Besalu, ein mittelalterliches Städtchen in der
Provinz Girona. Dort steht das Material auf einer Wiese direkt
hinter dem Circusland. Das Circusmuseum erfährt gerade eine
Erweiterung und soll im Laufe des kommenden Jahres auf einer
noch viel größeren Fläche den Besuchern Geschichte und Zukunft
des Circus vermitteln. Museum und Nits de Circ sind nur zwei der
Projekte von Genis Matabosch und Joan Mompart sowie ihrer Circus
Arts Foundation. Hinzu kommen derzeit das Festival und der Circ
de Nadal in Girona. Zuvor gab es weitere Produktionen.

Nits de
Circ in der Zitadelle von Roses
Im Kern
dient ein ganz normaler Circus als Spielstätte für die Nits de
Circ, bei dem einfach die Zeltplane sowie die Rundleinwand
weggelassen werden. So stehen da ein Gradin, Manege,
Artisteneingang, vier Masten und die Kuppel. Von jedem Masten
gehen zwei Lichterketten zum Ende des Gradins mit seinen
Schalensitzen. Während der Vorstellung blendet man das fehlende
Chapiteau vollkommen aus. Vielmehr genießt man die frische Luft,
die man unter einem Zeltdach bei Temperaturen von um die 30 Grad
sonst nicht hätte. Wenn man etwas Glück hat, entdeckt man beim
Blick nach oben ein paar Sterne. 90 Minuten vor Beginn der
Vorstellung wird das Gelände geöffnet. Foodtrucks verkaufen
kulinarische Genüsse, Getränke bietet der Veranstalter in
Eigenregie an. Bänke, Stühle und Tische laden ein, diese zu
genießen. Dazu spielt das siebenköpfige Paris Circus Orchestra
unter der Leitung von Pierre Pichaud.
  
Matute,
Marin Family, Jimmy Saylon
Den
Musikern gehört auch der Auftakt der Vorstellung. Mit ihrem
fantastischen Spiel begleiten sie die Show live. Das eben, wie
der Name der Formation verspricht, in einem grandiosem
Circussound. Freuen wir uns darauf, Orchesterchef sowie
Trompeter Pierre Pichaud und seine Instrumentalisten im
kommenden Winter im Pariser Cirque d'Hiver erleben zu dürfen.
Clown Matute macht erste Bekanntschaft mit dem Publikum und
umgekehrt. Dann geht es Schlag auf Schlag. In einem fulminanten
Opening zeigen die Mitwirkenden erste Kostproben ihrer Kunst.
Dann teilt sich das Ensemble in zwei Gruppen, jede zeigt auf
eines der beiden Schrägseile. Darauf balancieren zwei Mitglieder
der Marin Family zu den beiden Plattformen, zwischen denen das
Hochseil gespannt ist. Komplettiert wird das Trio durch
Alexandra Sazonova. In schicken weißen Kostümen erleben wir sie
mit einem äußerst umfangreichen Repertoire, das gleich zu Beginn
für ordentlich Nervenkitzel sorgt: Überspringen von zwei
Partnern, Zwei-Mann-Hoch und Seilspringen sind nur drei der
Tricks. Originell gestaltet ist die Pyramide mit drei Personen,
bei der Alexandra Sazonova in der oberen Etage einen Handstand
drückt. Mit einem nostalgischen Dreirad kommt Jimmy Saylon
hereingefahren. Sprich, es ist Zeit für Großillusionen im
Steampunk-Look. In kunstvoll gestalteten Behältnissen
verschwinden Jimmy und seine Magic Girls, tauchen an
unvermuteten Orten wieder auf oder tauschen auf wundersame Weise
den Platz.
  
Duo
Acero, Genis Matabosch, Alexandra Sazonova
Giselle
Souza und Edison Felipe Acero sehen nicht nur beneidenswert aus.
Sie wissen auch, ihre traumhaften Körper geschickt einzusetzen.
Als Duo Acero arbeiten die beiden eine starke Akrobatik am Mast.
Insbesondere die Haltefiguren mit Edison in der tragenden
Funktion lassen Staunen. So erleben wir etwa ein Hand-auf-Hand,
während sich Edison mit den Oberschenkeln am Mast festhält oder
einen freistehenden Spagat von Giselle auf den Füßen ihres
Partners, welcher sich kopfüber mit den Händen am Pole hält. Als
Schlusstrick sehen wir den Handstand von Giselle auf dem
Oberkörper von Edison, der sich im rechten Winkel von der Stange
abdrückt. Während die Requisiteure flott und unauffällig – wie
sie es den ganzen Abend über tun - für den nächsten Umbau
sorgen, begrüßt Genis Matabosch das Publikum und stellt die
bisherigen sowie die folgenden Darbietungen vor. Das gewohnt
sympathisch, eloquent und mehrsprachig, sind doch auch
Feriengäste aus dem nahegelegenen Frankreich unter den
Zuschauern. Noch einmal gehört das Scheinwerferlicht Alexandra
Sazonova. Diesmal mit einer Kür am Luftring, die sie zum Song
„Je suis malade“ zelebriert. Äußerst gewinnend vollführt die
sympathische Artistin mit den langen blonden Haaren ihre oftmals
nicht ungefährlichen, aber doch so leicht aussehenden
Kunststücke.
  
Matute,
Sergio Paolo, Giselle Souza
Dann
gehört der Ring Matute. Wobei Ring hier in doppelter Bedeutung
des Wortes richtig ist, denn es wird geboxt. Ein bestens
ausgewählter Gegner aus dem Publikum liefert sich mit dem Clown
einen herrlich amüsanten Kampf, bei dem es im Zeitlupentempo zur
Sache geht und Matute schlussendlich auf den Brettern landet.
Zuvor heißt es Aufwärmen. Der Novize muss dem Champion Übungen
nachmachen. Dank mit dem Mund produzierter Sounds vom Spaßmacher
ist auch hier die Stimmung auf den Rängen bestens. Sergio Paolo
konnten wir hierzulande schon bei den Weihnachtscircussen in
Heilbronn und Offenburg erleben. Der Bouncing-Jongleur aus Chile
beherrscht nicht nur exzellent das Spiel mit seinen weißen
Bällen, sondern ist dazu ein herrlicher Showman. Er beginnt auf
einer Plattform und nimmt kurz darauf eine Treppe, dabei
natürlich immer die Bälle in Bewegung haltend. Die Plattform
wird sodann genutzt, um die Requisiten darunter durchzujagen und
am Ende in einem Basketballkorb landen zu lassen. Furioser
Abschluss sind zwei Rückwärtssprünge, während die Bälle
kurzzeitig alleine hüpfen. Giselle Souza nimmt uns noch einmal
mit in luftige Höhen. An den Strapaten beweist sie Kraft,
Gleichgewichtssinn und Anmut. Es ist ein in jeder Hinsicht
starker Auftritt. Alleine die zig Umschwünge müssen enormer
Anstrengungen bedürfen. Bei Giselle wirken sie fast schon
spielerisch. Charmant lächelnd verwirklicht sie den Traum vom
Fliegen.
  
Matute,
Blade 2 Blade, Duo Vitalys
Relativ
einfach aufgebaut ist die letzte Nummer von Matute. Doch mit
seinem Spiel macht er daraus einen Hochgenuss. Mit der großen
Trommel auf dem Rücken und zwei Stöcken gibt er den Rhythmus
vor. Das Publikum soll klatschend mitmachen. Zwei der drei
Abschnitte des Gradins machen das ganz famos, „no problem“. Doch
der dritte ist auch beim x-ten Versuch ein „problem“. Lachsalven
schallen von den Rängen durch das Rund. Spektakulär verkauft das
Duo Blade 2 Blade seine Künste als Messerwerfer. Tyrone Laner
wirft die scharfen Gegenstände, Partnerin Margo Tsarova sorgt
dafür, dass sie nicht getroffen wird. Dabei steht sie nicht
immer statisch am Brett, sondern bewegt sich schnell hin und
her, während rechts und links die Messer im Holz landen. Beim
Werfen mit brennenden Messern hat Tyrone Laner die Augen
verbunden und bekommt lautstarke Anweisungen von seiner
Partnerin. Auch ein sich drehendes Gestell in der Manegenmitte
mit zwei runden Trefferflächen kommt zum Einsatz. Margo Tsarova
zeigt daran währenddessen eine akrobatische Figur. Am Ende gibt
es Würfe auf eine sich drehende Scheibe. Das Duo Vitalys ist
schon im Kopf-auf-Kopf die zig Treppenstufen zur Kathedrale von
Girona hinaufgelaufen, wie Genis Matabosch in seiner Moderation
bemerkt. Bei den Nits de Circ sind es zwar nur fünf Stufen, die
sie für diesen Trick zur Verfügung haben, dafür drehen sie noch
eine Runde über den Holzboden. Zuvor sorgen sie mit
eindrucksvollen Figuren der Partner-Equilibristik für
Bewunderung. Ihre muskulösen Bodys sind sicherlich eine wichtige
Grundvoraussetzung, jahrelanges Training und ein besonderer Sinn
für das Gleichgewicht machen diese Spitzendarbietung aber erst
möglich. Das anschließende Finale wird groß zelebriert und läuft
so mitreißend ab wie die gesamte Show. Nach rund 105 Minuten
(gespielt wird ohne Pause) reißt es die Zuschauer von den
Sitzen. Sie feiern die Akteure im Stehen. Vollkommen verdient! |