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Nits de Circ 2023
www.nitsdecirc.com ; 210 Showfotos

Roses, 16./17. August 2023: Es passt einfach alles und es passt alles wunderbar zusammen. Ein starkes Programm, bei dem die einzelnen Nummern bestens aufeinander abgestimmt sind. Eine wunderbare Regie, die daraus eine flüssige, sehr flott ablaufende Show macht. Dazu ein traumhaftes Lichtdesign und ein grandioses Orchester. Als Clou werden die „Nits de Circ“ Open Air an zwei ganz besonderen Orten gespielt. Wir erleben das Programm in der Zitadelle von Roses. Eine weitläufige Festungsanlage im Zentrum der Urlaubsstadt an der Costa Brava.

Erste Station ist Besalu, ein mittelalterliches Städtchen in der Provinz Girona. Dort steht das Material auf einer Wiese direkt hinter dem Circusland. Das Circusmuseum erfährt gerade eine Erweiterung und soll im Laufe des kommenden Jahres auf einer noch viel größeren Fläche den Besuchern Geschichte und Zukunft des Circus vermitteln. Museum und Nits de Circ sind nur zwei der Projekte von Genis Matabosch und Joan Mompart sowie ihrer Circus Arts Foundation. Hinzu kommen derzeit das Festival und der Circ de Nadal in Girona. Zuvor gab es weitere Produktionen.


Nits de Circ in der Zitadelle von Roses

Im Kern dient ein ganz normaler Circus als Spielstätte für die Nits de Circ, bei dem einfach die Zeltplane sowie die Rundleinwand weggelassen werden. So stehen da ein Gradin, Manege, Artisteneingang, vier Masten und die Kuppel. Von jedem Masten gehen zwei Lichterketten zum Ende des Gradins mit seinen Schalensitzen. Während der Vorstellung blendet man das fehlende Chapiteau vollkommen aus. Vielmehr genießt man die frische Luft, die man unter einem Zeltdach bei Temperaturen von um die 30 Grad sonst nicht hätte. Wenn man etwas Glück hat, entdeckt man beim Blick nach oben ein paar Sterne. 90 Minuten vor Beginn der Vorstellung wird das Gelände geöffnet. Foodtrucks verkaufen kulinarische Genüsse, Getränke bietet der Veranstalter in Eigenregie an. Bänke, Stühle und Tische laden ein, diese zu genießen. Dazu spielt das siebenköpfige Paris Circus Orchestra unter der Leitung von Pierre Pichaud.


Matute, Marin Family, Jimmy Saylon

Den Musikern gehört auch der Auftakt der Vorstellung. Mit ihrem fantastischen Spiel begleiten sie die Show live. Das eben, wie der Name der Formation verspricht, in einem grandiosem Circussound. Freuen wir uns darauf, Orchesterchef sowie Trompeter Pierre Pichaud und seine Instrumentalisten im kommenden Winter im Pariser Cirque d'Hiver erleben zu dürfen. Clown Matute macht erste Bekanntschaft mit dem Publikum und umgekehrt. Dann geht es Schlag auf Schlag. In einem fulminanten Opening zeigen die Mitwirkenden erste Kostproben ihrer Kunst. Dann teilt sich das Ensemble in zwei Gruppen, jede zeigt auf eines der beiden Schrägseile. Darauf balancieren zwei Mitglieder der Marin Family zu den beiden Plattformen, zwischen denen das Hochseil gespannt ist. Komplettiert wird das Trio durch Alexandra Sazonova. In schicken weißen Kostümen erleben wir sie mit einem äußerst umfangreichen Repertoire, das gleich zu Beginn für ordentlich Nervenkitzel sorgt: Überspringen von zwei Partnern, Zwei-Mann-Hoch und Seilspringen sind nur drei der Tricks. Originell gestaltet ist die Pyramide mit drei Personen, bei der Alexandra Sazonova in der oberen Etage einen Handstand drückt. Mit einem nostalgischen Dreirad kommt Jimmy Saylon hereingefahren. Sprich, es ist Zeit für Großillusionen im Steampunk-Look. In kunstvoll gestalteten Behältnissen verschwinden Jimmy und seine Magic Girls, tauchen an unvermuteten Orten wieder auf oder tauschen auf wundersame Weise den Platz.


Duo Acero, Genis Matabosch, Alexandra Sazonova

Giselle Souza und Edison Felipe Acero sehen nicht nur beneidenswert aus. Sie wissen auch, ihre traumhaften Körper geschickt einzusetzen. Als Duo Acero arbeiten die beiden eine starke Akrobatik am Mast. Insbesondere die Haltefiguren mit Edison in der tragenden Funktion lassen Staunen. So erleben wir etwa ein Hand-auf-Hand, während sich Edison mit den Oberschenkeln am Mast festhält oder einen freistehenden Spagat von Giselle auf den Füßen ihres Partners, welcher sich kopfüber mit den Händen am Pole hält. Als Schlusstrick sehen wir den Handstand von Giselle auf dem Oberkörper von Edison, der sich im rechten Winkel von der Stange abdrückt. Während die Requisiteure flott und unauffällig – wie sie es den ganzen Abend über tun - für den nächsten Umbau sorgen, begrüßt Genis Matabosch das Publikum und stellt die bisherigen sowie die folgenden Darbietungen vor. Das gewohnt sympathisch, eloquent und mehrsprachig, sind doch auch Feriengäste aus dem nahegelegenen Frankreich unter den Zuschauern. Noch einmal gehört das Scheinwerferlicht Alexandra Sazonova. Diesmal mit einer Kür am Luftring, die sie zum Song „Je suis malade“ zelebriert. Äußerst gewinnend vollführt die sympathische Artistin mit den langen blonden Haaren ihre oftmals nicht ungefährlichen, aber doch so leicht aussehenden Kunststücke.


Matute, Sergio Paolo, Giselle Souza

Dann gehört der Ring Matute. Wobei Ring hier in doppelter Bedeutung des Wortes richtig ist, denn es wird geboxt. Ein bestens ausgewählter Gegner aus dem Publikum liefert sich mit dem Clown einen herrlich amüsanten Kampf, bei dem es im Zeitlupentempo zur Sache geht und Matute schlussendlich auf den Brettern landet. Zuvor heißt es Aufwärmen. Der Novize muss dem Champion Übungen nachmachen. Dank mit dem Mund produzierter Sounds vom Spaßmacher ist auch hier die Stimmung auf den Rängen bestens. Sergio Paolo konnten wir hierzulande schon bei den Weihnachtscircussen in Heilbronn und Offenburg erleben. Der Bouncing-Jongleur aus Chile beherrscht nicht nur exzellent das Spiel mit seinen weißen Bällen, sondern ist dazu ein herrlicher Showman. Er beginnt auf einer Plattform und nimmt kurz darauf eine Treppe, dabei natürlich immer die Bälle in Bewegung haltend. Die Plattform wird sodann genutzt, um die Requisiten darunter durchzujagen und am Ende in einem Basketballkorb landen zu lassen. Furioser Abschluss sind zwei Rückwärtssprünge, während die Bälle kurzzeitig alleine hüpfen. Giselle Souza nimmt uns noch einmal mit in luftige Höhen. An den Strapaten beweist sie Kraft, Gleichgewichtssinn und Anmut. Es ist ein in jeder Hinsicht starker Auftritt. Alleine die zig Umschwünge müssen enormer Anstrengungen bedürfen. Bei Giselle wirken sie fast schon spielerisch. Charmant lächelnd verwirklicht sie den Traum vom Fliegen.


Matute, Blade 2 Blade, Duo Vitalys

Relativ einfach aufgebaut ist die letzte Nummer von Matute. Doch mit seinem Spiel macht er daraus einen Hochgenuss. Mit der großen Trommel auf dem Rücken und zwei Stöcken gibt er den Rhythmus vor. Das Publikum soll klatschend mitmachen. Zwei der drei Abschnitte des Gradins machen das ganz famos, „no problem“. Doch der dritte ist auch beim x-ten Versuch ein „problem“. Lachsalven schallen von den Rängen durch das Rund. Spektakulär verkauft das Duo Blade 2 Blade seine Künste als Messerwerfer. Tyrone Laner wirft die scharfen Gegenstände, Partnerin Margo Tsarova sorgt dafür, dass sie nicht getroffen wird. Dabei steht sie nicht immer statisch am Brett, sondern bewegt sich schnell hin und her, während rechts und links die Messer im Holz landen. Beim Werfen mit brennenden Messern hat Tyrone Laner die Augen verbunden und bekommt lautstarke Anweisungen von seiner Partnerin. Auch ein sich drehendes Gestell in der Manegenmitte mit zwei runden Trefferflächen kommt zum Einsatz. Margo Tsarova zeigt daran währenddessen eine akrobatische Figur. Am Ende gibt es Würfe auf eine sich drehende Scheibe. Das Duo Vitalys ist schon im Kopf-auf-Kopf die zig Treppenstufen zur Kathedrale von Girona hinaufgelaufen, wie Genis Matabosch in seiner Moderation bemerkt. Bei den Nits de Circ sind es zwar nur fünf Stufen, die sie für diesen Trick zur Verfügung haben, dafür drehen sie noch eine Runde über den Holzboden. Zuvor sorgen sie mit eindrucksvollen Figuren der Partner-Equilibristik für Bewunderung. Ihre muskulösen Bodys sind sicherlich eine wichtige Grundvoraussetzung, jahrelanges Training und ein besonderer Sinn für das Gleichgewicht machen diese Spitzendarbietung aber erst möglich. Das anschließende Finale wird groß zelebriert und läuft so mitreißend ab wie die gesamte Show. Nach rund 105 Minuten (gespielt wird ohne Pause) reißt es die Zuschauer von den Sitzen. Sie feiern die Akteure im Stehen. Vollkommen verdient!

Diese Circusnächte von Besalu und Roses sind etwas ganz Besonderes. Wer sie erlebt hat, wird sie immer in Erinnerung behalten. Ein Fest des klassischen Circus in Bestform an ganz speziellen Orten und unter freiem Himmel. Starke Artistik und Clownerie, ein traumhaftes Licht und ein fulminant spielendes Orchester. Als Regisseur hat Patrick Rosseel daraus eine in jeder Hinsicht faszinierende Show kreiert. Ihm gebührt der Dank genauso wie den Mitwirkenden in der Manege, den Musikern, der Ton- und Lichtregie, aber auch den vielen fleißigen Freiwilligen, ohne die es einfach nicht geht. Der größte Dank aber gilt den Produzenten, die das alles möglich gemacht haben, Genis Matabosch und Joan Mompart. Danke!!!

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Text und Fotos: Stefan Gierisch