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Auch nach
einer locker vierstelligen Zahl von Liveshows, die wir bisher
insgesamt besucht
haben, bleibt als Fazit: So etwas haben wir noch nicht gesehen.
"Alizé" könnte eine neue Ära für Bühnenproduktionen einleiten,
ein Trendsetter für futuristische Showkonzepte sein. Die
innovativen Effekte werden von den Produzenten als “Acromagic”
beschrieben, einer Mischung aus Akrobatik und Illusionen. Das
Prinzip wurde in mehr als 20 Jahren von Valentine Losseau und
Raphael Navarro entwickelt. Darüber hinaus steht Émilie
Émiroglou an der Spitze des gut 20-köpfigen Kreativteams,
welches diese Produktion entwickelt hat. Benannt werden unter
anderem Verantwortliche für Choreographie, Bühnenbild,
Requisiten-, Puppen- und Kostümdesign, Make-up, Licht, Sound und
Videoprojektionen. Herausgreifen möchten wir noch die
Komponisten Philippe Brault und Raphael Reed, deren wunderbare
Kreationen in erstklassiger Weise eingespielt werden und
besonders zum Zauber der Show beitragen. Auf eine Liveband wird
verzichtet. Der Theatersaal wurde
mit einem aufwendigen Bühnenportal ausgestattet, das verwitterte
Säulen, verdrehte Äste und fremdartige Bäume zeigt.

Das Theater am
Potsdamer Platz ist nun Soleils erste feste Spielstätte in
Europa
Für den
Cirque du Soleil gab es auch allen Anlass, mit dieser Produktion
etwas ganz Besonderes zu kreieren, denn mit der ersten Show an
einem festen Standort in Europa - der 22. weltweit - wurde ein
ganz neues Kapitel der Unternehmensgeschichte aufgeschlagen.
Dafür hat man sich mit dem global agierenden Veranstalter Live
Nation zusammengetan, der die Aufführung im 1800 Besucher
fassenden Theater am Potsdamer Platz in Berlin präsentiert und
produziert. Seit dem Markteintritt mit “Saltimbanco” vor 31
Jahren war der Cirque du Soleil bereits mit 16
Tourneeprogrammen in Deutschland zu Gast.

Alizé in seinem Schlafzimmer
Noch
während des Einlasses läuft der Prolog. Der introvertierte Félix
(Pierric Tenthorey) sucht im Theater seinen Platz und betritt
schließlich die Bühne. Es entspinnen sich heitere Situationen,
auch im Zusammenspiel mit einzelnen Gästen. So darf einer die
Harfe von Aigrette, der Pusteblumen-Lady (Eve Martin) zupfen.
Éole (Lotta Hagfors), die die Stimme des Windes verkörpert,
singt und erläutert die Regeln fürs Publikum. Félix gerät
zwischen Sitzfläche und Lehne seines Klappstuhls. Und wenn sich
der große Vorhang für die eigentliche Vorstellung öffnet,
enthüllt sie den Blick ins Schlafzimmer von Alizé, dem
Namensgeber des Programms, gespielt von Saffi Watson. Die
gemütliche Stube ist etwa auf halber Höhe des Bühnenportals
eingerichtet, mitten im Raum. Alizé beweist seine Beweglichkeit
bei fließenden, kontorsionistischen Aktionen in seinem Bett.
Durch einen Windstoß, den wir selbst auf der Haut spüren, reißt
das Schlafzimmerfenster auf. Erst wird der von Alizé gehütete,
kostbare Löwenzahn-Samen
und dann er selbst hinausgezogen in unbekannte Welten. Während
Tücher von der Bühne zum Balkon davonfliegen, wechselt
schlagartig die Szenerie, und Alizé findet sich in einem Park
wieder. Dessen Zentrum bildet ein wunderschöner Baum. Links
sehen wir einen Masten, der von einem Paar für akrobatische
Übungen genutzt wird, rechts eine Bank. Ein buntes Völkchen ist
hier unterwegs. Auch ein BMX-Fahrer (Nao Yoshida) dreht seine
Runden und zeigt dabei verschiedenste Tricks, zudem erleben wir
Partner- und Wurf-Akrobatik. Auf einer rasant rotierenden
Plattform hält Niclas Montes de Oca in Handständen die Balance.
Das Programmheft stellt die verschiedenen Akteure vor und
beschreibt auch knapp, wie die Handlung und ihre einzelnen
Szenen zu verstehen sind - eine gute Stütze, wenn man sich nicht
nur an der Schönheit der Bilder erfreuen möchte.
 
Pierric Tenthorey vor dem
Tornado, Leela Masuret und Benji Courtenay
Und so
wird auch der Handlungsstrang des pragmatischen Ariel und der
verträumten Céleste beschrieben, die ein Tornado
auseinanderreißt. Tatsächlich wird hierzu eine Windhose aus
weißem Rauch auf der Bühne geschaffen. Vom Balkon des Theaters
aus starten Zéphyr und Éole (Benji Courtenay und Leela Masuret)
zu ihrer Luftnummer an Strapaten. Direkt über den Köpfen des
Publikums im vorderen Teil des Zuschauerraumes umkreisen sie
sich, von Live-Gesang begleitet. Damit wird Windgeist Éole
besänftigt. Zu der schönen Szene gehören auch zwei Artistinnen,
die links und rechts über der Bühne an Bungee-Seilen auf- und
niederschweben, natürlich um akrobatische Tricks ergänzt und
dabei den Wind verkörpernd (u.a. Silvia Vrskova). Drei Türen
erscheinen auf der Bühne - zunächst offenbar nur aus Licht
gebildet, kurz darauf in reale Requisiten verwandelt und später
wieder zurück in Licht. Eine
neuartige Illusion. Die Protagonisten wählen ihre Wege durch die
Türen: Hauptfigur Aliźé, die von Ariel getrennte Céleste, der
zögerliche Félix. Wie von Zauberhand geleitet, tragen drei
Puppen nun große Boxen auf die Bühne, welche die Welt hinter den
Türen verkörpern. Sie liefern sich einen amüsanten Wettstreit.

Mongolische
Kontorsionistinen
Zu einem
der faszinierendsten Elemente der Show gehört der Act der vier
mongolischen Kontorsionistinnen, die nicht nur ihre Körper in
allen erdenklichen Weisen verbiegen und dabei miteinander
menschliche Skulpturen formen. Nein, sie verschwinden dabei
scheinbar mehrfach von der Bühne und tauchen an anderer Stelle
wieder auf. Mal sehen wir ihre Hologramme, mal die realen
Künstlerinnen. Hier verschmelzen die Grenzen zwischen Schein und
Sein, zwischen Illusion und Realität auf unerklärliche Weise.
Alizé lässt sich in diesen Tanz hineinziehen und schlägt Salti
über die Bühne. Faszinierend auch die folgenden Momente. Im
Mittelpunkt steht Delaney Bayles, jene Jongleurin aus den USA,
die 2025 gemeinsam mit Danyl Lysenko Silber beim Cirque de
Demain in Paris gewann. Hier hat sie die Rolle von Asterios, der
Wächterin der Glühwürmchen. Der Flug ihrer Keulen, Ringe und
Bälle scheint schimmernde Lichtspuren zu hinterlassen. Schnell
bewegt sie die Requisiten, wirkt dabei charmant und freundlich.
Zwei sich gegenüberliegende Felsvorsprünge werden sichtbar,
während unzählige Lichter - die Glühwürmchen symbolisieren -
eine imaginäre Brücke bilden. Sowohl mit LED-Leinwänden, die
während der Show stets wechselnde, aufwendige Bildwelten
kreieren, als auch mit von der Decke schwebenden Kinetic Balls
wird diese Illusion unterstützt. Da in Alizé Reales und bloß
Vorgestelltes kaum unterscheidbar sind, kann Alizé die Brücke
aus funkelnden Lichtpunkten überschreiten. Ein weiterer Magic
Moment.

Trampolinnummer im
Spiegelpalast
Auch
Laurence Tremblay-Vu haben wir schon als Silber-Gewinner in
Paris erlebt, in diesem Fall bereits 2019. Sein Hochseil ist zu
Beginn des zweiten Programmteils quer über die Bühne gespannt,
zudem führt ein Schrägseil über die Köpfe des Publikums zu einer
hoch gelegenen Loge. Dort oben überreicht er Alizé nach seinem
Aufgang ein Amulett in Form eines Fächers. Zuvor präsentiert er
sein breites Trickrepertoire, beispielsweise den Hang unter dem
Seil in Spagatposition oder das Gleiten in den Spagat auf dem
Seil. Wieder bringen die Clowns die Kisten auf die Bühne, und
einer von ihnen entsteigt Félix alias der Schweizer Komiker
Pierric Tenthorey, der auch schon mit dem Circus Knie im
französischsprachigen Teil der Schweiz auf Tournee war. In einer
ausführlichen, vielleicht etwas zu ausführlichen Nummer kämpft
er vor dem geschlossenen Vorhang gegen seine sich selbstständig
machenden Extremitäten. Mal klappt ein Bein scheinbar
unkontrolliert immer wieder nach oben, mal hüpft er auf dem
rechten Bein, während er das linke mit den Händen hält, mal
erscheint einer seiner Füße um 360 Grad drehbar. Nachdem die Gardine
sich wieder öffnet, hat sich die Bühne in einen “Spiegelpalast”
verwandelt. Ein großes Trampolin ist an drei Seiten von
Spiegelwänden umgeben, auf die gesprungen oder von denen man
sich auf das Trampolin stürzen kann. In dieser großen
Truppennummer zeigen acht Frauen und Männer eine äußerst rasante
Choreographie. Jeder von ihnen verkörpert einen Doppelgänger von Félix, der jede Version seiner selbst umarmen möchte. Nachdem
die Wand sich wieder geschlossen hat, steht noch einmal Félix im
Mittelpunkt, der scheinbar seine Arme spontan verlängern kann
und einen Apfel aus einer dem Anschein nach zuvor leeren Tüte
herbeizaubert.
  
Slava Pereviazko, Harley
McLeish und Amber van Wijk
Slava
Pereviazko alias “Der Flüsterer” zeigt seine Kunst auf der
freistehenden Leiter und pflückt dabei ein Glühwürmchen vom
Himmel, das er dem andächtig beobachtenden Alizé reicht. Tricks
wie der Handstand auf der Leiter werden vom Publikum bejubelt.
Alizé gelingt es nun, Ariel und Céleste alias Harley McLeish und
Amber van Wijk wieder zu vereinigen. Zunächst sehen wir in einem
magischen Schauspiel jeweils einen von beiden in einem anders
gestalteten Raum auf der Bühne, die beiden Szenerien wechseln
mehrfach und blitzschnell hin und her, ohne dass in irgendeiner Weise ersichtlich
wäre, wie das funktionieren mag. Gemeinsam erscheinen sie in
einer Kugel aus Pusteblumen-Samen. Danach zeigen beide gemeinsam
Figuren, wie man sie aus der Partner-Akrobatik kennt - doch
jenseits des physisch Möglichen, denn sie wechseln ihre
Positionen mit freien Flügen in der Luft, drehen und wenden sich
dabei. Auch hier bleibt nur Staunen, wie dies technisch
realisiert wird, erklärlich ist es nicht. Freilich liegt hier
der Fokus auf der Illusion und weniger auf der akrobatischen
Leistung. Verblüffend auch die Pusteblumen, die zunächst über
der Bühne fliegen und dann in Lichtpunkte verwandelt
verschwinden.

"Planquine" -
Schleuderbrett und Handvoltigen
Ganz real
ist dann wieder die Tücherakrobatik von Leela Masuret, die sich
durch extrem schnelle und damit riskante Abfaller auszeichnet.
Bravo! Alizé kommt hinzu, und gemeinsam tanzen beide ein
Luftballett. Auf dieses kammerspiel-artige Bild folgt zum
Abschluss nochmal ein ganz Großes bei der Gruppennummer "Planquine"
mit rund 15 Personen auf dem Schleuderbrett und mit
Handvoltige-Elementen. Zum Absprung werden statt der üblichen
Türme große Kisten-Elemente verwendet; der Schlusstrick ist ein
Salto zum Vier-Personen-Hoch. Alizé hat nun seine eigene Magie
akzeptiert und seine wertvollen Pusteblumen-Samen zurückerlangt; die
magische Reise ist vollendet. |