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ALIZÉ by Cirque du Soleil - Berlin 2026
https://alize.show

Berlin, 4. Juni 2026: Diese Show ist eine Revolution in Sachen Bühnentechnik und Spezialeffekte. Rotierende Bühnen, aus dem Boden fahrende Kulissenteile, vom Schnürboden an Seilen schwebende Akteure - all das ist andernorts "state of the art". Aufwendig, effektvoll, aber auch nachvollziehbar, wie es im Grundsatz funktioniert. "Alizé" aus dem Hause Cirque du Soleil hingegen durchbricht alle Sehgewohnheiten. Auf offener Szene verwandeln sich Hologramme scheinbar in reale Akteure oder Gegenstände und auch wieder zurück, dies jeweils in einem Wimpernschlag.

Auch nach einer locker vierstelligen Zahl von Liveshows, die wir bisher insgesamt besucht haben, bleibt als Fazit: So etwas haben wir noch nicht gesehen. "Alizé" könnte eine neue Ära für Bühnenproduktionen einleiten, ein Trendsetter für futuristische Showkonzepte sein. Die innovativen Effekte werden von den Produzenten als “Acromagic” beschrieben, einer Mischung aus Akrobatik und Illusionen. Das Prinzip wurde in mehr als 20 Jahren von Valentine Losseau und Raphael Navarro entwickelt. Darüber hinaus steht Émilie Émiroglou an der Spitze des gut 20-köpfigen Kreativteams, welches diese Produktion entwickelt hat. Benannt werden unter anderem Verantwortliche für Choreographie, Bühnenbild, Requisiten-, Puppen- und Kostümdesign, Make-up, Licht, Sound und Videoprojektionen. Herausgreifen möchten wir noch die Komponisten Philippe Brault und Raphael Reed, deren wunderbare Kreationen in erstklassiger Weise eingespielt werden und besonders zum Zauber der Show beitragen. Auf eine Liveband wird verzichtet. Der Theatersaal wurde mit einem aufwendigen Bühnenportal ausgestattet, das verwitterte Säulen, verdrehte Äste und fremdartige Bäume zeigt.


Das Theater am Potsdamer Platz ist nun Soleils erste feste Spielstätte in Europa

Für den Cirque du Soleil gab es auch allen Anlass, mit dieser Produktion etwas ganz Besonderes zu kreieren, denn mit der ersten Show an einem festen Standort in Europa - der 22. weltweit - wurde ein ganz neues Kapitel der Unternehmensgeschichte aufgeschlagen. Dafür hat man sich mit dem global agierenden Veranstalter Live Nation zusammengetan, der die Aufführung im 1800 Besucher fassenden Theater am Potsdamer Platz in Berlin präsentiert und produziert. Seit dem Markteintritt mit “Saltimbanco” vor 31 Jahren war der Cirque du Soleil bereits mit 16 Tourneeprogrammen in Deutschland zu Gast.


Alizé in seinem Schlafzimmer

Noch während des Einlasses läuft der Prolog. Der introvertierte Félix (Pierric Tenthorey) sucht im Theater seinen Platz und betritt schließlich die Bühne. Es entspinnen sich heitere Situationen, auch im Zusammenspiel mit einzelnen Gästen. So darf einer die Harfe von Aigrette, der Pusteblumen-Lady (Eve Martin) zupfen. Éole (Lotta Hagfors), die die Stimme des Windes verkörpert, singt und erläutert die Regeln fürs Publikum. Félix gerät zwischen Sitzfläche und Lehne seines Klappstuhls. Und wenn sich der große Vorhang für die eigentliche Vorstellung öffnet, enthüllt sie den Blick ins Schlafzimmer von Alizé, dem Namensgeber des Programms, gespielt von Saffi Watson. Die gemütliche Stube ist etwa auf halber Höhe des Bühnenportals eingerichtet, mitten im Raum. Alizé beweist seine Beweglichkeit bei fließenden, kontorsionistischen Aktionen in seinem Bett. Durch einen Windstoß, den wir selbst auf der Haut spüren, reißt das Schlafzimmerfenster auf. Erst wird der von Alizé gehütete, kostbare Löwenzahn-Samen und dann er selbst hinausgezogen in unbekannte Welten. Während Tücher von der Bühne zum Balkon davonfliegen, wechselt schlagartig die Szenerie, und Alizé findet sich in einem Park wieder. Dessen Zentrum bildet ein wunderschöner Baum. Links sehen wir einen Masten, der von einem Paar für akrobatische Übungen genutzt wird, rechts eine Bank. Ein buntes Völkchen ist hier unterwegs. Auch ein BMX-Fahrer (Nao Yoshida) dreht seine Runden und zeigt dabei verschiedenste Tricks, zudem erleben wir Partner- und Wurf-Akrobatik. Auf einer rasant rotierenden Plattform hält Niclas Montes de Oca in Handständen die Balance. Das Programmheft stellt die verschiedenen Akteure vor und beschreibt auch knapp, wie die Handlung und ihre einzelnen Szenen zu verstehen sind - eine gute Stütze, wenn man sich nicht nur an der Schönheit der Bilder erfreuen möchte.


Pierric Tenthorey vor dem Tornado, Leela Masuret und Benji Courtenay

Und so wird auch der Handlungsstrang des pragmatischen Ariel und der verträumten Céleste beschrieben, die ein Tornado auseinanderreißt. Tatsächlich wird hierzu eine Windhose aus weißem Rauch auf der Bühne geschaffen. Vom Balkon des Theaters aus starten Zéphyr und Éole (Benji Courtenay und Leela Masuret) zu ihrer Luftnummer an Strapaten. Direkt über den Köpfen des Publikums im vorderen Teil des Zuschauerraumes umkreisen sie sich, von Live-Gesang begleitet. Damit wird Windgeist Éole besänftigt. Zu der schönen Szene gehören auch zwei Artistinnen, die links und rechts über der Bühne an Bungee-Seilen auf- und niederschweben, natürlich um akrobatische Tricks ergänzt und dabei den Wind verkörpernd (u.a. Silvia Vrskova). Drei Türen erscheinen auf der Bühne - zunächst offenbar nur aus Licht gebildet, kurz darauf in reale Requisiten verwandelt und später wieder zurück in Licht. Eine neuartige Illusion. Die Protagonisten wählen ihre Wege durch die Türen: Hauptfigur Aliźé, die von Ariel getrennte Céleste, der zögerliche Félix. Wie von Zauberhand geleitet, tragen drei Puppen nun große Boxen auf die Bühne, welche die Welt hinter den Türen verkörpern. Sie liefern sich einen amüsanten Wettstreit.


Mongolische Kontorsionistinen

Zu einem der faszinierendsten Elemente der Show gehört der Act der vier mongolischen Kontorsionistinnen, die nicht nur ihre Körper in allen erdenklichen Weisen verbiegen und dabei miteinander menschliche Skulpturen formen. Nein, sie verschwinden dabei scheinbar mehrfach von der Bühne und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Mal sehen wir ihre Hologramme, mal die realen Künstlerinnen. Hier verschmelzen die Grenzen zwischen Schein und Sein, zwischen Illusion und Realität auf unerklärliche Weise. Alizé lässt sich in diesen Tanz hineinziehen und schlägt Salti über die Bühne. Faszinierend auch die folgenden Momente. Im Mittelpunkt steht Delaney Bayles, jene Jongleurin aus den USA, die 2025 gemeinsam mit Danyl Lysenko Silber beim Cirque de Demain in Paris gewann. Hier hat sie die Rolle von Asterios, der Wächterin der Glühwürmchen. Der Flug ihrer Keulen, Ringe und Bälle scheint schimmernde Lichtspuren zu hinterlassen. Schnell bewegt sie die Requisiten, wirkt dabei charmant und freundlich. Zwei sich gegenüberliegende Felsvorsprünge werden sichtbar, während unzählige Lichter - die Glühwürmchen symbolisieren - eine imaginäre Brücke bilden. Sowohl mit LED-Leinwänden, die während der Show stets wechselnde, aufwendige Bildwelten kreieren, als auch mit von der Decke schwebenden Kinetic Balls wird diese Illusion unterstützt. Da in Alizé Reales und bloß Vorgestelltes kaum unterscheidbar sind, kann Alizé die Brücke aus funkelnden Lichtpunkten überschreiten. Ein weiterer Magic Moment.


Trampolinnummer im Spiegelpalast

Auch Laurence Tremblay-Vu haben wir schon als Silber-Gewinner in Paris erlebt, in diesem Fall bereits 2019. Sein Hochseil ist zu Beginn des zweiten Programmteils quer über die Bühne gespannt, zudem führt ein Schrägseil über die Köpfe des Publikums zu einer hoch gelegenen Loge. Dort oben überreicht er Alizé nach seinem Aufgang ein Amulett in Form eines Fächers. Zuvor präsentiert er sein breites Trickrepertoire, beispielsweise den Hang unter dem Seil in Spagatposition oder das Gleiten in den Spagat auf dem Seil. Wieder bringen die Clowns die Kisten auf die Bühne, und einer von ihnen entsteigt Félix alias der Schweizer Komiker Pierric Tenthorey, der auch schon mit dem Circus Knie im französischsprachigen Teil der Schweiz auf Tournee war. In einer ausführlichen, vielleicht etwas zu ausführlichen Nummer kämpft er vor dem geschlossenen Vorhang gegen seine sich selbstständig machenden Extremitäten. Mal klappt ein Bein scheinbar unkontrolliert immer wieder nach oben, mal hüpft er auf dem rechten Bein, während er das linke mit den Händen hält, mal erscheint einer seiner Füße um 360 Grad drehbar. Nachdem die Gardine sich wieder öffnet, hat sich die Bühne in einen “Spiegelpalast” verwandelt. Ein großes Trampolin ist an drei Seiten von Spiegelwänden umgeben, auf die gesprungen oder von denen man sich auf das Trampolin stürzen kann. In dieser großen Truppennummer zeigen acht Frauen und Männer eine äußerst rasante Choreographie. Jeder von ihnen verkörpert einen Doppelgänger von Félix, der jede Version seiner selbst umarmen möchte. Nachdem die Wand sich wieder geschlossen hat, steht noch einmal Félix im Mittelpunkt, der scheinbar seine Arme spontan verlängern kann und einen Apfel aus einer dem Anschein nach zuvor leeren Tüte herbeizaubert.


Slava Pereviazko, Harley McLeish und Amber van Wijk

Slava Pereviazko alias “Der Flüsterer” zeigt seine Kunst auf der freistehenden Leiter und pflückt dabei ein Glühwürmchen vom Himmel, das er dem andächtig beobachtenden Alizé reicht. Tricks wie der Handstand auf der Leiter werden vom Publikum bejubelt. Alizé gelingt es nun, Ariel und Céleste alias Harley McLeish und Amber van Wijk wieder zu vereinigen. Zunächst sehen wir in einem magischen Schauspiel jeweils einen von beiden in einem anders gestalteten Raum auf der Bühne, die beiden Szenerien wechseln mehrfach und blitzschnell hin und her, ohne dass in irgendeiner Weise ersichtlich wäre, wie das funktionieren mag. Gemeinsam erscheinen sie in einer Kugel aus Pusteblumen-Samen. Danach zeigen beide gemeinsam Figuren, wie man sie aus der Partner-Akrobatik kennt - doch jenseits des physisch Möglichen, denn sie wechseln ihre Positionen mit freien Flügen in der Luft, drehen und wenden sich dabei. Auch hier bleibt nur Staunen, wie dies technisch realisiert wird, erklärlich ist es nicht. Freilich liegt hier der Fokus auf der Illusion und weniger auf der akrobatischen Leistung. Verblüffend auch die Pusteblumen, die zunächst über der Bühne fliegen und dann in Lichtpunkte verwandelt verschwinden.


"Planquine" - Schleuderbrett und Handvoltigen

Ganz real ist dann wieder die Tücherakrobatik von Leela Masuret, die sich durch extrem schnelle und damit riskante Abfaller auszeichnet. Bravo! Alizé kommt hinzu, und gemeinsam tanzen beide ein Luftballett. Auf dieses kammerspiel-artige Bild folgt zum Abschluss nochmal ein ganz Großes bei der Gruppennummer "Planquine" mit rund 15 Personen auf dem Schleuderbrett und mit Handvoltige-Elementen. Zum Absprung werden statt der üblichen Türme große Kisten-Elemente verwendet; der Schlusstrick ist ein Salto zum Vier-Personen-Hoch. Alizé hat nun seine eigene Magie akzeptiert und seine wertvollen Pusteblumen-Samen zurückerlangt; die magische Reise ist vollendet.

Die artistisch-akrobatischen Elemente in dieser Show bewegen sich auf hohem Niveau, doch das Rad neu erfunden wird bei der Art der Präsentation, die herkömmliche Bühnentechnik teils durch innovative Arten von Illusionen ersetzt - überraschend, unerklärlich und auf wunderbare Weise berührend. Ein “Must see” im modernen Circus, das vom Publikum letztendlich mit Standing Ovations gefeiert wird. Ob es nun gelingen wird, die Hauptstadt Berlin dauerhaft als Soleil-Standort im festen Haus zu etablieren, wird die Zukunft zeigen. Wünschenswert wäre es auf jeden Fall.

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Text: Markus Moll; Showfotos: Anne-Marie Forker, Gebäudefoto: Cirque du Soleil ALIZÉ