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Bei einem Treffen der
Familien Schneider-Brumbach und Alexis beim Circusfestival von
Monte Carlo Anfang dieses Jahres ließ sich der Spaßmacher erst
von der Begeisterung der Produzentin anstecken und dann für das
Projekt in München engagieren. Sylvia Schneider-Brumbach war
unter anderem als Mitglied der Messerwerfer-Darbietung „Los
Alamos“ und mit ihren Säbelbalancen international erfolgreich.
  
Cirque du Fleur unter dem Riesenrad im Münchner
Werksviertel-Mitte
Der Cirque du Fleur, der „Circus der Blumen“, macht im
Werksviertel-Mitte Station, einem ehemaligen Industriegebiet
beim Ostbahnhof, das heute unter anderem Loft-Büros,
Event-Locations und viele Restaurants und Kneipen beherbergt.
Zahllose Vergnügungswillige sind hier Abend für Abend unterwegs.
Auf der Freifläche unter dem dauerhaft stationierten Riesenrad „Umadum“
hat zwei Mal der Circus Roncalli erfolgreich gastiert. Nun wurde
dort ein Zwei-Masten-Chapiteau für den Cirque du Fleur mit
passendem Vorzelt aufgeschlagen. Einladend wirkt das
Eingangsportal in Form eines bunten Regenbogens mit Peace-Symbol
darauf. Liebevoll gestaltet sind der Kassenwagen, die farbigen
Tafeln im Front-Zaun und selbst das große Banner vor der
Sanitäranlage, auch wenn leider nur Baustellentoiletten zur
Verfügung stehen. Die Verkaufsstationen im Vorzelt und im Freien
– ebenfalls im Flower-Power-Stil gestaltet – bieten ein
umfangreiches Angebot an Speisen, Getränken und Souvenirs.
Bezahlt wird „card only“. Im Chapiteau umgibt eine Tribüne mit
Schalensitzen vorne und Bänken hinten die rechteckige
Spielfläche. Blumen und Blüten schmücken deren Umrandung, die
Rundleinwand und das Zeltdach. Der Artisteneingang aus einer
hufeisenförmigen Metalltraversen-Konstruktion trägt auch einen
großen Teil der umfangreichen, gut eingesetzten Lichtanlage.
  
Artem Lyubanevych, Totti Alexis, Mykola Borbelyuk
Mit einer Ansage aus dem Off wird zum Beginn der Show an das
legendäre Woodstock-Festival 1969 im US-Bundesstaat New York
erinnert, bei dem eine halbe Million Menschen auf verschlammtem
Gelände friedlich mit damaligen Musikstars wie Jimi Hendrix,
Santana und Joe Cocker feierten. Auf der Bühne wird dies durch
die Party versinnbildlicht, die das zwölfköpfige Ensemble rund
um ein symbolisches Lagerfeuer feiert. Jeweils mit anderer, zum
Motto passender Musik versehen wurden die artistischen
Darbietungen. Den Beginn macht Artem Lyubanevych, den wir vor
allem als Teil des kraftstrotzenden Strapaten-Duos „Just Two
Men“ kennen. Erlebten wir ihn dabei eher streng, zuletzt im
Winter im Europa-Park, strahlt er beim Solo im Cirque du Fleur
über das ganze Gesicht. An den Strapaten wirbelt er im Kreis,
wickelt sich auf und ab, schwebt in kraftraubenden Posen. Dass
das Musizieren auch im friedlichen Blumen-Circus verboten ist,
muss Totti Alexis in seinem ersten Auftritt erfahren. Singen,
Tanzen und einen kecken Striptease lässt Juniorchefin Chantal
Schneider ihm zunächst ebenfalls nicht durchgehen – bis er dann
doch den „Old Time Rock’n’Roll“ interpretieren darf, weil er die
Herzen des Publikums erobert hat. Dem Cyrrad hat sich Mykola
Borbelyuk verschrieben. In einem diskussionswürdigen Kostüm,
einem Mittelding zwischen Rock und Hose ganz in weiß, dreht er
seine Runden, beeindruckt beispielsweise bei den Passagen, bei
denen das Requisit fast schon horizontal über dem Boden rotiert.
  
JES Dancers, Dylan Pardo, Chantal Schneider
Vier bildhübsche Damen der Formation JES Dancers, die
beispielsweise auch für das Apollo-Varieté oder den Paderborner
Weihnachtscircus tätig ist, bilden das sehr gute Ballett. In
ihrem ersten größeren Auftritt liefern „Aquarius“ aus dem
Musical Hair und „California Dreaming“ die musikalische Begleitung zu den wunderbaren
Choreographien, die Julia Eseeva geschaffen hat.
Blumenmotive prägen die Kostüme. Zwei der Tänzerinnen werden zum
Ziel von Tottis Flirt-Bemühungen, der kurz darauf auch im
Publikum nach der Liebe sucht. Zum Amüsement der Besucher ist es
letztlich nicht eine Zuschauerin in der ersten Reihe, sondern
deren Mann, der einen Kuss auf die Stirn bekommt. Zu groovigen
Klängen beweist Dylan Pardo sein Können als Bouncing-Jongleur.
Erst drei, dann vier und schließlich fünf Bälle lässt er in den
unterschiedlichsten Mustern gegen sein Podium fliegen und fängt
sie wieder, auch in Kombination mit Pirouetten und dem Wechsel
in kniende Position. Ein junger Mann assistiert ihm auf
Rollschuhen. Mit neuen Outfits und neuen, raumgreifenden
Bewegungen kehren die JES Dancers . Durch einen Kopfhörer,
der verschiedenste Hits abspielt, lassen sie sich dazu
inspirieren. In seinem kunterbunten Hemd möchte Totti eigentlich
auf wassergefüllten Bechern musizieren, doch sie stürzen alle
um. Trost spendet Chantal Schneider. Man müsse nur an seine
Träume glauben, damit sie wahr werden, erklärt sie dem traurigen
Clown. Die äußerst sympathische junge Frau gefällt nicht nur mit
ihrer charmanten Sprechrolle, sondern auch mit ihren kunstvollen
Seifenblasen. Diese seien wie Träume. Sie formt Bubbles aus
bloßen Händen, schafft einzelne Gebilde in Riesengröße und
unzählige kleine. Mit einem Blasrohr wird eine mit Rauch
gefüllt, die sich in einer größeren befindet – und aus dieser
herausgegriffen. Vollkommen erstaunlich dann der Trick, bei dem
Totti zwei Seifenblasen, die Chantal in Händen hält, entzündet
und in Flammen aufgehen lässt. Mit Tottis „Glockenspiel“ auf
rauchgefüllten Laugen-Gebilden geht es in die Pause.
  
Artem Lyubanevych, Totti, Alba Pardo
„Wir haben die Schlaghosen gebügelt und sind offiziell in den
70ern gelandet“, hören wir zum Beginn des zweiten Programmteils,
zu dem uns das Ballett mit einer weiteren Tanznummer empfängt. „Gimme
Gimme“ und „Waterloo“ von Abba sind die musikalischen Belege; im
Anschluss singt Totti. Eine Überraschung für uns ist, dass Artem Lyubanevych
sich nun auch an das Genre Stuhlbalancen wagt. Nach dem Seitspagat
zwischen zwei Sitzmöbeln beginnt er den Aufbau der Pyramide;
charmant reichen ihm die Tänzerinnen die Requisiten an. Schwarze
Hose, Hosenträger und Hut sind sein Kostüm, ansonsten dürfen wir
– wie schon an den Strapaten – den enorm muskelbepackten
Oberkörper bewundern. Zum Staunen ist auch der Schlusstrick, ein
Handstand auf vier teils über Kopf, teils aufrecht, jeweils schräg
stehenden Stühlen. Wenn Totti „Hello Dolly“ interpretiert,
kämpft er mit dem sich selbständig machenden Mikrofon. Die
Episode bringt ihm zum Erklimmen einer Leiter, mit der er
schließlich umstürzt. Zunächst will er sich mit dem als
Verantwortlichen ausgemachten Requisiteur ein Duell liefern –
doch sind wir im Circus von Liebe und Frieden, so dass das
versöhnliche Ende folgt. Zu einem rasanten Rocksong arbeitet
Alba Pardo. Sie beginnt mit dem Spiel mit einem Hula-Hoop-Reifen
und erhöht deren Zahl, bis schließlich sechs davon um Arme,
Beine und Körper kreisen. Sie setzt schließlich ein ganzes
Bündel in Bewegung und fängt zum Abschluss zahlreiche Reifen,
die ihr von dem jungen Assistenten auf Rollschuhen zugeworfen
werden.
  
Artem Lyubanevych, Dylan und Adara Pardo, JES Dancers
Dass er einfach ein toller Entertainer ist, der jedes Publikum
für sich einnehmen kann, beweist Totti, wenn er die Gäste beim
„Tanz des glücklichen Tigers“ einbindet. Die Mitmach-Aktionen
lassen sich vom Platz aus bewältigen. Eine Handlung im engeren
Sinne hat die Show des Cirque du Fleur nicht, aber doch ein
Leitmotiv. „Stell dir vor, wenn die ganze Welt 24/7 so gut
miteinander auskommen würde wie wir“, heißt es im Dialog von
Totti und Chantal. Und so ist „Imagine“ von John Lennon die
Untermalung zum Auftritt von Artem Lyubanevych am Flying Pole.
Mit drei kraftraubenden Nummern in der Show und zwei
Vorstellungen am Tag ist er besonders gefordert. Bäuchlings
Kreisen auf der Stange, gewagte Posen, bei denen er sich nur mit
einem Arm oder den Beinen hält, Absteher oder der Sprung vom
Boden ans Requisit: Es ist ein starkes Repertoire, das hier
geboten wird. Ein Aufzug des gesamten Ensembles mit Herzballons
zum Song „All you need is love“ greift nochmal das Motiv der
Show auf und leitet über zur Schlussnummer – dem sinnlichen
Zusammenspiel von Mann und Frau bei den Rollschuh-Rotationen von
Dylan und Adara Pardo. Erstmals sehen wir diesen Act und erleben
eine überaus positive Überraschung: Kerzengerade kopfüber, in
einer kontorsionistischen Pose, sich mit nur einem Bein am Partner
haltend oder abschließend im Genickhangwirbel – in vielfältiger,
hervorragender Weise lässt sich die Dame im Kreise drehen. „Here comes the sun“ ist das
musikalische Thema des Finales, in dem das Ensemble eine
ausgelassene Party feiert und die Damen des Balletts nochmal in
wunderbaren Kostümen erscheinen, zu dem ein Gestell mit langstieligen, gelb
leuchtenden Sonnenblumen am Rücken gehört. |