|
Zum Finale
gib es Standing Ovations vom Premierenpublikum. Doch der
Enthusiasmus, den wir nach dem ersten Teil verspürt haben, mag
sich am Ende nicht mehr einstellen. Die zweite Hälfte packt
uns nicht mehr so, obwohl auch sie sehenswerte Darbietungen
hat und mit einer schönen Inszenierung aufwartet. Aber
beginnen wir vorne.
 
Joana
Lokaichuk, Lukas Köster
Den
artistischen Auftakt macht Joana Lokaichuk. Auf einem hohen,
schön gestalteten Podest zeigt sie variantenreiche Handstände.
Da sich die Plattform mit den Handstäben dreht, dürfen wir
ihre Kunst von allen Seiten genießen. Die sympathische
Künstlerin verwöhnt uns genauso mit bekannten wie innovativen
Tricks. Die bekannten Pfade seines Genres verlässt
Bouncing-Jongleur Lukas Köster. Er wirft die Bälle nicht nur
gerade zum Boden, sondern schafft mithilfe von zwei Dreiecken
neue Flächen, von denen seine orangenen Requisiten
zurückspringen. Die Dreiecke werden immer wieder neu
angeordnet, sodass sich stets andere Flugbahnen ergeben. Diese
starke und kreative Darbietung präsentiert Lukas
jugendlich-lässig.
 
Shu
Takada, Darren Burrell
Gleiches
lässt sich auch über Shu Takada sagen, wenngleich beide
Artisten natürlich ihren ganz individuellen Stil haben. Der
Japaner hat sich der Jonglage mit Jojos verschrieben und ist
sechsfacher Weltmeister in dieser Disziplin. Wie ein
Wirbelwind fegt er über die Bühne und lässt die Doppelkegel an
Schüren auf abgefahrenen Touren über die Bühne fliegen. Zu
Beginn „spielt“ er mit einem Jojo, später mit zwei. Es ist
wirklich grandios, mit welcher Präzision er seine Kunst
beherrscht und wie unbekümmert er dabei wirkt. Eine flotte
Version von „Hit The Road Jack“ liefert den Soundtrack.
Ruhiger aber nicht weniger faszinierend ist der Auftritt, mit
dem Darren Burrell das Publikum fesselt. Vor etlichen Jahren
war der Seifenblasen-Künstler bei Roncalli im Programm,
seitdem hatte ich nicht mehr von ihm gehört. Nun steht er im
feinen Zwirn auf der Bühne des Neuen Theaters. Das Gesicht
ziert ein gepflegter Bart. Er wirkt ein wenig, als käme er aus
der „guten alten Zeit“. Seine Tricks sind aber alles andere
als von gestern. Die fragilen Kunstwerke aus Seifenlauge formt
er zumeist mit den Händen. Nur für einige der Bubbles nimmt er
eine Kette zu Hilfe. Spielend erzeugt er kleine und große
Seifenblasen oder lässt viele kleine in einer großen
entstehen. Sogar ein Clownfisch darf in einer der Blasen
schwimmen. Zudem versetzt er seine Seifenblasen mit Rauch, was
für zusätzliche Effekte sorgt und ihnen mehr Stabilität zu
geben scheint. Sogar die Jonglage mit drei derartigen Bubbles
ist möglich.
  
Leonardo Togni, Julia Grote, Duo Fabulous
Der zweite
Teil beginnt mit einer großen, äußerst positiven Überraschung.
Angekündigt wird Leonardo Togni im Programmheft mit
„Trampolin“. Die Erwartungen schwanken zwischen einem kleinen
runden Trampolin aus dem Sportfachhandel und einem in den
Dimensionen von Don Martinez. Doch der 20-jährige Italiener
macht sein ganz eigenes Ding und das macht er grandios. Als
sich der Vorhang öffnet, blicken wir auf ein großes Bett. Sein
Besitzer schläft noch, erkennt aber anhand der auf ihn
gerichteten Blicke schnell, dass es Zeit ist, aufzustehen.
Dann geht es richtig rund, Leonardo Togni begeistert mit
herrlichem Spiel und tollen Sprüngen, in die er auch das
Gestell am Kopfende als eine Art Barrenstange einbezieht.
Sogar Kostümwechsel – Nachthemd aus und wieder an - vollführt
er im Flug, um am Ende wieder müde unter seiner Bettdecke zu
liegen. Naturgemäß ruhiger geht es bei der Darbietung am
Luftring von Julia Grote zu. Mit ihrem beweglichen Körper
lässt sie uns bei akrobatischen Posen träumen. Übungen, die
schon am Boden ein großes Können erfordern, werden ein paar
Meter über der Bühne ganz sicher nicht einfacher. Mit einem
sympathischen Lächeln findet sie spielend den Kontakt zum
Publikum. Rasant wird es wieder bei der Schlussnummer. Das Duo
Fabulous präsentiert Ikarische Spiele, sprich Mikhail und
Dimitro jonglieren sich gegenseitig mit den Füßen. Das tun sie
trickreich und flott. Auch die Ansprache der Zuschauer
vergessen sie nicht. Allerdings fehlt ihrer Nummer ein wenig
der Spannungsbogen. Die anspruchsvollen Überschläge wirken so
zu selbstverständlich. Gerade an dieser prominenten Stelle im
Programm wäre ein Mehr an Verkauf wünschenswert. So fehlt eben
dem zweiten Teil der Wow-Effekt, den es im ersten gab.

Die
Lonely Husband
Die
Varieté-Produktionen in Höchst sind natürlich alles andere als
eine Abfolge von Nummern. Dafür sorgen einmal mehr Produzent
Maik M. Paulsen und Karl-Heinz Helmschrot, die gemeinsam Regie
geführt haben. Wunderbar eingesetzt ist wieder die Band Neelah,
die längst keine Begleitung der Show ist, sondern ein nicht
mehr wegzudenkender Bestandteil. Sängerin Nicole Siegel
erleben wir dabei auch auf de Hauptbühne. Das Spiel des
Quartetts wertet die Vorstellung ungemein auf. Ein großes Lob
wie immer auch an die Ton- und Lichtregie. Und dann sind da
noch zwei Herren im besten Alter, die uns den ganzen Abend
über begleiten. „Die Lonely Husband“ nennt sich das Duo, das
moderiert, musiziert und einen herrlichen Humor hat. Rick van
Nöten ist der Mann von Welt in weißem Anzug und geblümtem
Hemd, Ferdinand Fachblatt eher der Typ braver Buchhalter mit
braunem Zweiteiler aus dem Kaufhaus „Sale“. Ihre Nummern sind
nicht von der Stange, sondern höchst originell und
eigenständig. So lernen wir dank einer Architekturführung von
Rick endlich mal das Neue Theater so richtig kennen und
erfahren, was sich dessen Designer Jacques Decor bei der
Einrichtung alles gedacht hat. Höchst bekommt seine eigene
Hymne auf die Melodie von „New York New York“ gesungen. Für
die Interpretation von „In the Air Tonight“ spielt Rick zwei
Blockflöten gleichzeitig mit der Nase, Ferdi nutzt einen
Plastikbecher ohne Boden als Instrument. Auch ihre Schuhe
verwenden sie zum Musik machen. Zumeist spielen sie aber auf
ihren Gitarren. So auch bei der lange angekündigten
Cowboynummer vor dem Finale. Dank umwerfenden Wortwitzes,
bekannten Songs mit eigenen Texten sowie neuen
Interpretationen und genialem Spiel können wir jeden ihrer
Auftritte genießen. Für mich persönlich ist „Die Lonely
Husband“ eine rundum erfreuliche Neuentdeckung. Die letzten
Szenen des Abends gehören dem ganzen Ensemble, das sich in
schönen Choreographien vom Publikum verabschiedet.
|