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Es feiert in
diesem Jahr bereits seine 22. Auflage und hat nichts von seiner
Anziehungskraft verloren. Lange im Voraus ausverkaufte Vorstellungen und
frenetische Standing Ovations zum Finale zeugen davon. Auch 2026 dürfen
wir uns wieder dreieinhalb Stunden lang von Top-Acts aus den
verschiedenen Nationen aufs Beste unterhalten lassen. Laut Programmheft
wird die aktuelle Show von 40 Artisten aus zwölf Ländern bestritten.
 
Duo Sonambul
Zwei davon
begleiten uns durch den ganzen Abend. Das Duo Sonambul hat uns hier
bereits 2018 mit seiner Mentalmagie begeistert. Das tun Vivian Sommer
und Roman Maria von Thurau auch jetzt wieder. Zusätzlich stellen sie uns
ihre Künstlerkolleginnen und -kollegen vor, bereiten ihnen sehr charmant
die Bühne. In ihren eigenen Auftritten sorgen sie wiederum für
ungläubiges Staunen. Vivian Sommer etwa erahnt Erlebnisse aus dem Leben
einzelner Zuschauer, die diese auf kleine Kärtchen geschrieben haben.
Die prominente Person, an die eine Zuschauerin denkt, erkennt se nicht
nur, sondern mal deren Konterfei auch gleich auf einen große Bogen
Papier. Verblüffend ebenso die magischen Fähigkeiten rund um ein Buch.
Ein wahllos daraus ausgewähltes Wort schreibt sich Vivian Sommer auf den
Unterarm, ohne es jemals gesehen oder gehört zu haben. Roman Maria von
Thurau ist immer mit von der Partie und beweist zudem sein Geschick im
Lösen des Zauberwürfels. Scheinbar blind bringt er das Drehpuzzle aus
jedem beliebigen Zustand blitzschnell wieder in die Grundposition.
  
Face Team, Khan Kentii Dance Group, Valerie Inertie
Auch der
artistische Auftakt gehört einer in Bad Nauheim bekannten Formation. Das
Face Team kombiniert Sport und Show. Die acht Jungs aus Budapest sind
wahre Meister des Basketballs. Genial werfen sie höchst akrobatisch die
Bälle in zwei Körbe. Mithilfe von Trampolinen bekommen die Sprünge noch
mehr Dynamik. Hinzu kommen originelle Einlagen und Jonglagen mit
Basketbällen. Das Oktett ist einfach extrem gut drauf und sorgt von
Anfang an für mitreißende Action. Dann folgt der erste von vier
Auftritten der Khan Kentii Dance Group. Dahinter verbergen sich sechs
Tänzerinnen aus der Mongolei. Ihre ersten beiden Choreographien sind im
asiatischen Stil gehalten, dazu gibt es die passenden Kostüme. Somit ist
Authentizität gegeben. Anders sieht es aus, wenn sie in Paradeuniform
und als Showgirls tanzen. Hier wirken sie etwas zu zurückhaltend. Die
große Bühne kommt Valerie Inertie und ihrer Kür am Roue Cyr natürlich
entgegen. Wenngleich die Kanadierin auch schon im Tigerpalast
aufgetreten ist, kann sie hier ihre Kunst voll entfalten. Es ist
traumhaft, wenn sie im roten Kleid unermüdlich ihre weiten Runden dreht
und dabei immer wieder neue Tricks zeigt. Diese Eleganz, diese
Ausstrahlung, dieses Können – einfach einzigartig.
  
Alan Silva,
Ramó y Alegria, Fabien Kachev
Alan Silva stammt
aus Brasilien. Seine Familie hat sich schon seit Generationen der
Artistik verschrieben. So ist es nicht verwunderlich, dass er
verschiedene Disziplinen trainierte. Letztendlich hat er sich für
Luftakrobatik an Tüchern entschieden. Damit wurde er bereits an
verschiedenen Festivals prämiert und damit begeistert er auch die
Zuschauer in Bad Nauheim. So etwa mit schönen Flugsequenzen und dem
Spagat ohne Zuhilfenahme der Hände. Wohlbekannte Großillusionen
verpacken Ramó y Alegria neu und präsentieren diese äußerst originell.
Zunächst steht eine Art selbstgebaute Telefonzelle auf der Bühne.
Mittels dicker Schläuche füllt Ramó diese mit Nebel. Darin erscheint
quasi aus dem Nichts Partnerin Alegia. Und darin bleibt sie auch, denn
beim Versuch, sie herauszulassen, bricht Ramó die Türklinke ab. Trotz
dieser natürlich beabsichtigten Panne schafft sie es heraus. Das
Durchbohren der Dame in einem Karton wird hier mittels Regenschirmen
gemacht. Wenn der Magier sich auf dem Deckel des Würfels selbst
aufspießt, befreit ihn Alegria mithilfe einer Säge. Den Platzwechsel mit
einer Truhe – einer befindet sich darin, der andere steht darauf -
schaffen die beiden auch locker ohne Truhe, nachdem sie diese zerstört
haben. Geniale Ideen werden von den beiden Spaniern hinreißend kreativ
und urkomisch umgesetzt. Um eine Spritztour mit einem Auto zu
unternehmen, braucht Fabien Kachev nichts mehr als einen Stuhl. Dank
Mimik, Gestik und mit dem Mund erzeugten Geräuschen macht der Franzose
in Anzug und Krawatte die imaginäre Ausfahrt perfekt. Wir erleben einige
witzige Situationen, die Fabien Kachev hinreißend spielt.
  
Shak, Victor
Moiseev, Jean Garin
Für einen
Verbiegungskünstler ungewöhnlich muskulös ist Shak. Der aus London
stammende Tänzer, Artist und Calisthenics-Athlet mit dem tätowierten
Oberkörper betritt die Bühne mit schwarz verhülltem Gesicht. Das Tuch
vor Mund und Nase nimmt er bald ab und verblüfft uns dann mit seiner
eindrucksvollen Beweglichkeit. Einen Fuß hinter den Kopf zu stecken oder
die Arme auf ungewöhnliche Weise hinter der Schulter zu verschränken,
für Shak kein Problem. Wie Planeten, die er auf ihre Umlaufbahn schießt,
lässt Victor Moiseev seine fluoreszierenden Bälle durch die Dunkelheit
fliegen. Der Sternenhintergrund, den ihm das Technikteam zaubert, macht
diese Atmosphäre für seine Horizontaljonglagen perfekt. Statt seine
Requisiten in die Höhe zu werfen, wirft er sie nach vorne und zur Seite.
Nach ihren Flügen kehren sie stets zu Victor Moiseev zurück, um von ihm
auf die nächste Runde geschickt zu werden. Auf einen kurzen Auftritt des
Duo Sonambul folgt die Pause. Der zweite Teil wird vom Ballett eröffnet.
Nach Zaubereien mit einem Zauberwürfel von Roman Maria von Thurau gehört
das Scheinwerferlicht Jean Garin. Der Illusionskünstler interagiert mit
sich selbst. Möglich wird das durch einen Videoscreen, auf dem eine
zweite Ausgabe seiner selbst in Lebensgröße sowie gezeichnete
Gegenstände zu sehen sind. Letztere wandern auch schon einmal vom
virtuellen in den realen Raum. Das ganze ist durchaus originell, der
ganz große Überraschungseffekt bleibt aber aus.
  
Kristina
Bautina, Fly Diggerz, Charli-Rose Costello und Eva Halliwell
Mit einer
wunderbaren klassischen Darbietung am Trapez verwöhnt uns Kristina
Bautina. Während des größten Teils ihrer Kür befindet sich die
Trapezstange in Ruhe. Gleich zu Beginn vollführt sie daran den
Fersenhang. Später hält sie sich nur mit dem Spann eines Fußes an ihrem
Requisit fest. Die Arme verschränkt sie dabei ganz locker vor der Brust.
Ausdrucksstark fasziniert sie mit weiteren höchst sehenswerten Tricks
bis hin zur Pirouette am statischen Trapez. So schön kann Varieté, so
schön kann Circus sein. Kristina Bautina lässt uns wahrhaft träumen.
Zurück ins hier und heute holen uns die Fly Diggerz. Double Dutch nennt
sich die Variante des Seilspringens, mit dem das Quintett aus Japan für
mächtig Wirbel sorgt. In silbernen Outfits erwischen die Artisten immer
genau den richtigen Zeitpunkt, um zwischen den zumeist zwei gleichzeitig
rotierenden Seile hindurch zu springen und dabei akrobatische Figuren zu
zeigen. Es sieht aus wie ein Kinderspiel und muss doch so anspruchsvoll
sein. Die Fly Diggerz jedenfalls haben dabei extrem viel Spaß - und der
ist ansteckend. Charli-Rose Costello und Eva Halliwell stammen aus
Australien und zeigen ihre Kunst erstmals außerhalb ihrer Heimat. Das
Duo verbindet Tanz mit Akrobatik zu einem ganz eigenen Stil,
ausdrucksstark und neuartig.
  
Duo Vanegas,
Elena Drogaleva, Leosvel und Diosmani
Mit drei
Darbietungen, die hier bereits zu sehen waren und die jedem
Circusliebhaber ohnehin bestens bekannt sind, geht es Richtung Finale.
Zudem sind es drei meiner persönlichen Lieblingsnummern, womit für
höchste Freude gesorgt ist. Den Start macht das Duo Vanegas. Sein
Todesrad ist so groß, dass es auf dem vorderen Teil der Bühne aufgebaut
werden muss. Für diese vergleichsweise große logistische Leistung sorgt,
genauso wie für alle anderen Umbauten, in gewohnter Weise die bestens
eingespielte Bühnencrew. Dann laufen die beiden Kolumbianer auf dem sich
immer schneller drehenden Rad ihre waghalsigen Runden. Beim Seilspringen
befinden sogar beide gleichzeitig außen. Höhepunkt ist der Salto von
Alejandro auf der Außenseite des rotierenden Rades. Sehr stilvoll ist
schon der Auftakt zur Gruppenjonglage von Elena Drogaleva und ihren drei
Gentlemen. Da steht die Hauptfigur im Stil von Marlene Dietrich im
Spotglight und raucht eine Zigarette. Gleich darauf fliegen die Keulen.
In immer neuen Konstellationen wirft sich das Quartett seine Requisiten
zu. Bald kommen zwei Plattformen hinzu, auf denen jeweils ein Artist
steht. Unablässig fliegen die Keulen so präzise durch die Luft, dass man
kaum für möglich hält, was man da sieht. Ständig nehmen sie ihre Bahnen
von einem Akteur zum anderen. Es ist ein einziger Rausch. Keine
Kollision, nichts. Alles ist perfekt einstudiert. Das herrliche
Interagieren von Elena Drogaleva und ihren Herren bei den
Zwischenspielen macht den Genuss perfekt. Pure Muskelkraft ermöglicht
die Akrobatik am Mast von Leosvel und Diosmani. Das könnte man meinen,
wenn man die trainierten Körper der Kubaner sieht. Doch es gehört noch
so viel mehr dazu, ein bestens ausgebildeter Gleichgewichtssinn und
blindes gegenseitiges Vertrauen etwa. Anders wäre es wohl nicht möglich,
dass Diosmani einen einarmigen Handstand auf dem Oberkörper von Leosvel
zelebriert, den dieser im rechten Winkel mit den Händen an der Stange
festhält. Neben seinem Spitzentrick hat das Duo viele weitere
Kunststücke im Repertoire. Schon alleine, wie die beiden den Chinese
Pole herauf- und herunterklettern, lässt den untrainierten Zuschauer in
seinem bequemen Sessel staunen.

Finale
„Jump“ von Van
Halen bildet wie immer den ikonischen Song des Finales. Wechseln die
Programme auch jedes Jahr, hier wird auf einen Klassiker gesetzt.
Kontinuität gibt es ebenfalls bei der Choreographie der Abschiedsszenen.
So sind auch die großen Bälle wieder dabei. Das Lichtdesign ist, wie
schon den ganzen Abend, traumhaft. Auch die Crew am Ton versteht ihr
Handwerk bestens. Alle Fäden laufen letztendlich bei Andreas Matlé und
Anne Naumann von der OVAG zusammen. Ihnen obliegt die künstlerische
Leitung der Produktion. |