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Sie krönen ihre
Darbietung mit der Passage, dem dreifachen sowie dem vierfachen
Salto. Alle genannten Tricks werden doppelt ausgeführt. Und das
traumhaft sicher. Damit setzt die zehnköpfige Formation direkt
nach der Pause den Höhepunkt einer gewohnt starken
Weihnachtscircus-Produktion.

Finale
Für die 39.
Ausgabe haben die Produzenten, allen voran Urgestein Henk van
der Meijden, wieder einige der stärksten Acts unserer Tage nach
Amsterdam geholt. Dazu kommen kleinere, charmante aber nicht
minder hochwertige Darbietungen. Auch Pferde sind dabei und
natürlich Spaßmacher. Joseph Bouglione hat Regie geführt und Wim
Dresens das Licht designed. Dank Andrii Kakapych und seines
Orchesters kommen wir in den Genuss von Livemusik.
 
Koninklijk Theater
Carré
Das erste
Highlight des Vorstellungsbesuchs setzt das Koninklijk Theater
Carré. 1887 wurde es als Circusbau des deutschen Direktors Oscar
Carré eröffnet. Alljährlich im Dezember wird im inzwischen als
Theater genutzten Haus das Parkett durch eine Manege ersetzt und
der Innenraum somit wieder seiner ursprünglichen Bestimmung
zugeführt. Von außen wie innen ist das Gebäude ein Genuss. Je
näher man ihm kommt, desto mehr steigt die Vorfreude. Das Portal
erstrahlt im Glanz der Beleuchtung und ist weihnachtlich sowie
circensisch dekoriert. Der Zuschauerraum ist ebenfalls eine
Augenweide, die steilen Ränge erlauben beste Sicht auf das
Geschehen.
 
Alex
Michael, Revolution the Art of Dance
Und das startet
mit einer Manege voller Menschen in prächtigen Kostümen. Zum
Opening erscheint das gesamte Ensemble, um das Publikum zu
begrüßen. In der Mitte stehen die Clowns und Rudy Hellewegen.
Der Sprechstallmeister führt in seiner zweiten Saison im
Wereldkerstcircus durch das Programm. Das macht er formvollendet
im edlen Zwirn und auf eine rundum sympathische Art. Kurz bevor
die anderen Mitwirkenden wieder herausgehen, macht sich Alex
Michael an einem Seil auf den Weg Richtung Kuppel zu seinem
Requisit. Das besteht aus zwei Trapezen, zwischen denen mehrere
Schlaufen hängen. Letztere nutzt der Artist jeweils für den
Hinweg. Zunächst verwendet er dafür die Hände, dann zeigt er
daran den Deckenlauf. Noch spektakulärer geht es zurück. Ohne
jegliche Sicherung springt Alex Michael von einem Trapez zum
anderen. Beim ersten Mal fängt er sich mit den Händen, beim
zweiten Mal mit den Füßen. Neun attraktive und sehr
temperamentvolle Damen bringen das Feuer ihrer argentinischen
Heimat in die niederländische Metropole. Revolution the Art of
Dance nennt sich das Ensemble, das Bolaspiele und das Schlagen
von Trommeln grandios beherrscht. In immer neuen Formationen
präsentieren die Artistinnen voller Energie ihre Kunst. Das
Publikum wird unweigerlich mitgerissen.
  
Chistirrin,
Duo Minasov, Ursula Rossi und Carlo Triberti
Jonglagen
verschiedener Art stehen beim ersten Auftritt von Chistirrin im
Mittelpunkt. Los geht es im Zuschauerraum, wo der Clown einen
blauen Ball auf den Fingern von Gästen rotieren lässt. Ein Herr
darf ihm sodann einen Ring zuwerfen, den Chistirrin mit dem Kopf
fängt. Rudy Hellewegen überreicht dem Spaßmacher weitere
Requisiten. Und so erleben wir bald eine Fahrt auf dem Einrad,
bei der sich Teller auf einem Mundstab drehen und bei der mit
den Händen jongliert wird. Nebenbei bleibt Zeit für Albernheiten
mit einer Keule. Staunen dürfen wir hingegen beim Duo Minasov.
Elena und Victor wechseln so schnell ihre Kleider, dass das Auge
nicht folgen kann. Es scheint, als sei tatsächlich Magie im
Spiel. Als besonderen Clou haben die beiden ein stylishes
motorisiertes Dreirad dabei, mit dem sie in die Manege fahren
und auf dem sie einen Teil ihrer Quick Change-Illusionen zeigen.
Etwa wenn Victor die auf dem Gefährt stehende Elena in eine
Nebelwolke hüllt, worin diese ihr modisches Outfit wechselt.
David und Richard Wolf kennen wir etwa vom Circus Probst noch
als „seriöse“ Artisten. Vor einigen Jahren sind sie in das
komische Fach gewechselt, ohne dabei ihre akrobatischen
Fähigkeiten komplett abzulegen. In schottischem Karo dürfen sie
in einem kurzen Zwischenspiel ihre Visitenkarte abgeben. Auf
einer ungewöhnlich hohen Plattform wagen Ursula Rossi und Carlo
Triberti riskante Touren auf Rollschuhen. Im Stil von Joker und
Harley Quinn fegen sie über den runden Untergrund und agieren im
Habitus der Filmhelden. Ihre Nummer gipfelt im Genickhangwirbel.
 
Yann Rossi,
Secrets of my Soul
Dass Yann Rossi
ein hervorragender Musiker ist, durfte er schon in vielen
namhaften Manegen beweisen. Dies zumeist gemeinsam mit Bruder
Hector. Hier ist Chistirrin der Mitspieler des edlen Weißclowns.
Von ihm bekommt er nach und nach die verschiedensten Instrumente
gereicht, auf denen er wunderbare Musik spielt. Unter anderem
erklingen Saxofone verschiedener Größen, eine Trompete und sogar
eine singende Säge. „Secrets of my Soul“ lautet der poetische
Künstlername des von Oleksii Grigorov und seine Frau Marina
gebildeten Duos. Am Luftring füllen sie den großen Raum über der
Manege aus. Ihre Kür endet mit weihnachtlichem Glitterregen, in
dem Oleksii, mit den Zähnen am Ring hängend, seine Partnerin mit
den Füßen festhält. Damit krönen sie eine wunderschöne
Darbietung voller starker Tricks, bei denen sie ein hohes Risiko
in Kauf nehmen.

Hebei
Acrobatic Troupe
Mit großen,
eindrucksvollen Bildern geht es in die Pause. Zwölf Artisten der
Hebei Acrobatic Troupe jonglieren, begleitet von ihrem
Zeremonienmeister, mit Vasen. Dies in traditionellen Kostümen
ihrer chinesischen Heimat und zur passenden Musik. Virtuos
lassen sie in immer wieder neuen Choreographien Porzellanvasen
durch die Luft fliegen. Mal ist das gesamte Ensemble beteiligt,
ein anderes Mal nur einzelne Akteure. Die Requisiten
unterschiedlicher Größe werden mit Händen, Kopf und Nacken
gefangen. Auch Handvoltigen werden in die Darbietung integriert.
Dass gleichzeitig mit den Menschen auch Vasen in die Höhe
geworfen und wieder aufgefangen werden, versteht sich hier fast
von selbst. Keine Übung ist zu schwierig, um sie nicht
meisterhaft umzusetzen. Damit endet nach rund einer Stunde der
erste Teil. Der zweite startet mit den Flying Caballeros.
  
Yann Rossi
und Chistirrin, Marie Barcelo Chastang, Wolf Brothers
Danach gehört das
Rund noch einmal den Clowns. Diesmal steht Chistirrin im
Vordergrund. Er tanzt, schlägt Salti, markiert den starken Mann
und spielt verschiedene Instrumente. Er gibt das aufgeweckte
Kind, dessen Kopf voller Flausen steckt. Alle verrückten Ideen
werden ausgelassen mit viel Lebensfreude umgesetzt. Yann Rossi
gibt den strengen Gegenpart. Auf dem Saxofon darf er auch hier
sein musikalisches Talent einbringen. Reitkunst und Akrobatik an
den Strapaten bilden die beiden Elemente des Auftritts von Marie
Barcelo Chastang und Pierre Antoine Chastang. Die Kunststücke zu
Pferd arbeiten sie zumeist im Solo, in die Luft geht es
gemeinsam. Wir erleben in beiden Genres anspruchsvolle Tricks,
die das Duo gekonnt präsentiert. Als Kaskadeure auf Schottisch
haben die Wolf Brothers die Möglichkeit, ihr artistisches Können
beweisen zu dürfen. Das gelingt nur bedingt, was natürlich genau
so gewollt ist. Artistik und Comedy verschmelzen hier zu einer
herrlichen Einheit. Wir erleben den Salto genauso wie das
staubige Spiel mit einem Pudersäckchen.
 
Michael
Ferreri, Duo Soma
Mit der Jonglage
von weißen Bällen zieht Michael Ferreri die Aufmerksamkeit des
Auditoriums auf sich. Der neben Alex Michael einzige Solist im
Programm ist trotz seiner Jugend bereits ein versierter
Entertainer. Schon die Touren mit wenigen Bällen sind absolut
faszinierend. In immer neuen Varianten lässt er sie durch die
Luft fliegen. Als Höhepunkt jongliert er mit zehn seiner
Requisiten. Bei der Zugabe schickt er fluoreszierende Bälle auf
die Reise durch den dunklen Raum. Neun Kontorsionistinnen aus
der Mongolei verbiegen nicht nur auf grazile Weise ihre
geschmeidigen Körper, sondern zielen zudem mit Pfeil und Bogen
auf Luftballons. Für letzteres benutzen sie einzig ihre Füße. Es
ergeben sich wunderschöne lebende Kunstwerke, wenn sich die
Damen immer wieder neu gruppieren. Dabei haben sie stets ein
Lächeln auf den Lippen. Insbesondere der Schlusstrick des Duo
Soma bleibt in Erinnerung. Dabei schleudert Tobias Pessanah
seine Partnerin Vanessa Martinez mit der Perche herum. Doch sie
hält sich am oberen Ende nicht mit den Händen fest, sondern hat
sich dort mit ihren Haaren fixiert. Auf einem Arm hält sich
Vanessa im Gleichgewicht, während Tobias die Perchstange auf
einer Hand balanciert. Mit der Kopfperche geht es ein Gestell
mit zwei Treppen und einer Plattform dazwischen hinauf und
hinunter. Insgesamt eine sehr attraktive Nummer, die rundum
sympathisch verkauft wird.

Diego Giona
Diego Giona und
seinen Pferden gehört der prestigeträchtige Programmplatz vor
dem Finale. Seine Nummer mit insgesamt acht Tieren ist alles
andere als gewöhnlich – auf jeden Fall für eine Circusmanege.
Zunächst reitet er stehend auf zwei Pferden und hat zwei weitere
vor sich an langen Zügeln. Mit dieser Variante der Ungarischen
Post geht es über ein Hindernis. Nun kommen die vier weiteren
Tiere hinzu, die paarweise hinter der Post laufen. Auch so geht
es über eine Hürde. Sechs Pferde laufen nebeneinander durch die
Manege, wobei Diego Giona auf den mittleren beiden steht. Vom
Boden aus dirigiert er vier Pferde. Allerdings wirkt die
Vorführung eher wie ein vertrautes, harmonisches Spiel. Es
folgende weitere, alles andere als alltägliche Tricks. Zur
folgenden Verabschiedung strömen alle Mitwirkenden herein. Wenn
sie im roten Ring Aufstellung genommen haben, ergibt sich ein
eindrucksvolles Bild. |