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Von außen hat sich
wenig verändert: Erneut wurde das 65 Meter lange, schwarz-gelbe
Zelt mit den vier außen liegenden Rundbögen auf dem Geländes des
zentral gelegenen, ehemaligen Güterbahnhofs aufgebaut, von der
Autobahn aus perfekt zu sehen, nur einen Steinwurf vom
Hauptbahnhof entfernt. Festlich wirkt die Beleuchtung, mit denen
die Bögen nun in Szene gesetzt sind. In der umfangreichen
Restauration im Vorzelt werden Speisen und Getränke an neuen Verkaufsständen
angeboten.
Doch im Chapiteau selbst finden wir nicht mehr die lang
gestreckte Tribüne links und rechts einer rechteckigen
Spielfläche vor. Stattdessen gruppiert sich ein rundes,
spektakulär steil aufragendes Gradin um eine runde Manege. Im
vorderen Teil des Zeltes bleibt somit genügend Platz für die
beiden Toilettenwagen. Sie bieten komfortable, große
Einzelkabinen jeweils mit eigenem Handwaschbecken.
 
Patrick
Hufen, RCZ
Zu Beginn der
Vorstellung empfängt uns zunächst Patrick Hufen. Der 55-Jährige
in Jeans und Lederjacke wurde unter anderem durch das
Realityformat „Die Versicherungsdetektive“ auf RTL einem
Millionenpublikum bekannt. Der Schadensregulierer ist in
Duisburg geboren und aufgewachsen, lebt bis heute in der Stadt.
Da liegt der Gedanke wohl nahe, den „Lokalmatador“ zum Gesicht
der Show zu machen. Doch seine Plaudereien, an mehreren Stellen
des Programms eingesetzt, sind weder richtige Comedy, noch
erfahren wir beispielsweise Lehrreich-Unterhaltsames aus der
Versicherungswirtschaft. Eine recht klassische Moderation wie
seine, bei der er auch mal mit einem Senior im Publikum über
dessen Alter spricht, ist
für Flic Flac ungewohnt und steht im Kontrast zum hier üblichen
Ablauf einer Show mit fließenden Übergängen zwischen den
Nummern. Nach der Begrüßung zieht ein Mann mit Fackel in der
Hand und Helm auf dem Kopf über die Fronttreppe zum
Artisteneingang. Dort spielt auf einem Podium, das sich heben
und senken kann, die Rammstein-Tribute-Band „RCZ“ aus
Tschechien. „Hier kommt die Sonne“ ist der erste Song, den die
Männer interpretieren. Wuchtige Gitarrenriffs und der markante,
stampfende Rhythmus füllen das Zelt mit brachialer Energie. Dazu
schießen Feuersäulen in die Höhe.
 
René
Casselly und Kathrin Menzinger, The Triplets
Noch zwei weitere
Fernsehstars geben der X-Mas Show Personality: Spitzenartist und
„Ninja Warrior“ René Casselly gemeinsam mit Profitänzerin
Kathrin Menzinger, mit der er auch das TV-Format „Let’s Dance“
gewonnen hat. Er mit offenem, transparenten Hemd und sie im
schwarzen Kleid zeigen auf dem schwarz-gelben Bühnenboden
zunächst eine Choreographie mit Elementen aus klassischem Wiener
Walzer und modernem Freestyle. Ergänzt wird diese um
akrobatische Tricks wie seinen Salto über die Partnerin hinweg.
Drei richtige Wirbelwinde sind „The Triplets“. In einem
dynamischen Ablauf springen die drei Artisten aus Fernost
mal nacheinander durch aufeinander gestapelte Reifen, mal durch-
und überqueren sie die Hürden auf interaktive Weise.
 
Peter Shub,
Exit 15
Auch vier
Jahrzehnte nach seinem Durchbruch beim Circus Roncalli ist der
in Deutschland lebende, amerikanische Komiker Peter Shub immer
noch erfolgreich. Bei seinem ersten Auftritt in dieser
Vorstellung zeigt er auf der Tribünentreppe unter anderem, wie
man an einem Kleiderständer mal so richtig abhängen kann. Danach
ist alles gerichtet für den Auftritt des Duos „Exit 15“ am
Fangstuhl. Die Partnerin zeigt diverse Hand-und-Fußwechsel sowie
spektakuläre Sprünge und Salti und wird anschließend jeweils
wieder sicher in den starken Armen des Porteurs gefangen.
  
Juma, Ess
Hödlmoser, Peter Shub
Zwei Männer in
Arzt-Kostümen bringen nun ihren vermeintlichen Patienten auf die
Bühne. Orthopädische Hilfsmittel wie Halskrause,
Oberkörperbandage und Entlastungsstiefel könnten vermuten
lassen, dass wir hier ein körperliches Wrack zu Gesicht
bekommen. Doch weit gefehlt. Schnell legt der scheinbar
Verletzte die Utensilien ab und zeigt nun sein Können als
Kontorsionist. Und das ist bei Juma vom afrikanischen Kontinent
grandios. Mit sympathischem Lächeln werden die schwierigsten
Tricks präsentiert. Noch vom „Cirque de Demain“ 2025 in Paris in
Erinnerung haben wir die Darbietung von Ess Hödlmoser – eine
Reminiszenz an den Travestiekünstler Barbette, der zu Anfang des
20. Jahrhunderts große Erfolge feierte. Hödlmoser erscheint in
einem weiten, an ein Brautkleid erinnernden Reifrock, schwingt
sich damit an den Strapaten in die Luft. Erst gegen Ende wird
klar, dass es sich hier nicht um eine Dame, sondern um einen
muskulösen Mann handelt, der am Ende mit freiem Oberkörper
dasteht. Der Rammstein-Song „Mutter“ liefert die musikalische
Begleitung. Riesenapplaus ist der Lohn. Mit seinen ganz großen
Klassikern – dem imaginären Hund an der Leine und dem
Miniatur-Fotoapparat – unterhält uns nochmals Peter Shub.
  
René Casselly,
Truppe Didyk, Duo Requiem
Eine unglaubliche
Konzentrationsleistung vollbringt René Casselly: Von seinem
anspruchsvollen Langsamen Walzer mit Kathrin Menzinger auf dem
Bühnenboden wechselt er direkt in große Höhe. Von
James-Bond-Filmmusik begleitet, hangelt er sich mit bloßen
Händen von einem Ring zum anderen. Die Ringe sind unterhalb
einer Metalltraverse aufgehängt. Von dieser Position aus, in der
er sich mit den Händen an zwei Ringen hält, wagt Casselly den
Sprung auf die Oberseite seines Todesrades. Das ist schlicht
atemberaubend. Seilspringen, hohe Sprünge, ein Sprung im
Seitspagat und zwei Rückwärtssalti in Folge sind wesentliche
Elemente dieser starken Pausennummer. Zu Beginn der zweiten
Hälfte ist das Requisit der Truppe Didyk bereits aufgebaut. Zu
den Rammstein-Songs „Engel“ und „Du hasst mich“ springen die
Dame und ihre männlichen Partner in spektakulärer Weise von
einer russischen Schaukel zur anderen, teils auch zu einer Matte
– dies natürlich jeweils in Kombination mit Salti, Pirouetten
und einer Passage. Für Nervenkitzel sorgt die Landung der Frau
und eines Mannes auf einer in großer Höhe aufgehängten
Querstange. Aus dieser Standposition stürzen sie sich jeweils
rückwärts wieder in die Tiefe. Auch komplette Überschläge mit
der gesamten Schaukel gehören zum Repertoire der Truppe. Sehr
beeindruckend ist die Luftnummer des Duos Requiem. Am Beginn
zeigt er den Genickhang und trägt gleichzeitig die Partnerin,
die verschiedene akrobatische Figuren absolviert. Noch
spektakulärer wird es in den Passagen mit doppeltem Zahnhang,
bei dem sie als Oberfrau agiert. Am Ende entschwebt er nach oben
in die Dunkelheit – da ist der Name Requiem letztendlich
Programm.
  
The Twins, Laura
Miller, Mad Flying Bikes
Als „The Twins“
treten zwei junge Asiatinnen auf, die zunächst in hohen Schuhen und auf
sinnliche Weise Elemente der Partnerakrobatik präsentieren. Ein
Handstand auf dem Becken der Partnerin, die in einer kontorsionistischen Pose steht oder ein Einarmer auf dem Kopf
der Unterfrau: Die gezeigten Tricks erfordern Kraft, Balance und
Beweglichkeit gleichermaßen. Es gibt wenige Artistinnen und Artisten, deren
Namen wir so sehr mit Flic Flac verbinden wie den von Laura
Miller. Ihr temperamentvoller Act am Luftring, praktisch direkt
unter dem Zeltdach, ist geradezu ein Klassiker. Mehrmals jedoch
geht es Richtung Boden. Und zwar immer dann, wenn Laura Miller
in ein großes, gläsernes Wasserbassin eintaucht und bald
Tröpfchen sprühend wieder in die Höhe steigt. Ein beherzter
Sprung ins Becken, aus dessen Umrandung Feuersäulen aufsteigen,
liefert den effektvollen Abschluss. In seinem letzten Auftritt,
nunmehr auf der anderen Seite der Tribüne, spielt Peter Shub den
Tanz der Motte um die Kerze – mit letalem Ausgang für die
imaginäre Protagonistin – wie auch die eigene Geburt. Dass Benno
Kastein die Zügel in Duisburg nun wieder selbst in der Hand
hält, manifestiert sich auch bei der Schlussnummer. Denn er war
es, der mit der Tourneeproduktion „No Limits“ im Jahr 2007
erstmals fliegende Motorräder in ein Circuszelt brachte. In den
vergangenen knapp zwei Jahrzehnten wurde dieses Genre, das
vorher speziellen Shows in großen Stadien vorbehalten war, zu
einem triumphalen Publikumserfolg auch in vielen anderen
Circussen. Noch immer sind die waghalsigen Flugmanöver,
gestartet von einer Schanze auf der frontalen Tribünentreppe und
gelandet auf einer breiten Rampe im Artisteneingang, besondere
Highlights. Hier in Duisburg sehen wir nun etwas, was wir vorher
noch nicht erleben durften: den Backflip, den Rückwärtssalto
samt Maschine, von allen vier Fahrern in dichter Abfolge
gesprungen! |