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Die großen, beleuchteten
Showtreppen sind verschwunden. Sie haben den Artisteneingang
seit der vierten Saison optisch geprägt. Stattdessen prangen
über den beiden seitlichen Vorhängen links und rechts nun flache
Projektionsflächen, auf denen im Verlauf der Show immer wieder
passende Motive zum jeweiligen Act zu sehen sind, beispielsweise
eine Herde von Pferden bei der Freiheitsdressur.

Opening mit Showballett
„Fehlt nicht etwas?“, ruft
Moderator Giovanni Biasini im Opening. Was er hier meint, sehen
wir, als sich nun der mittlere der roten Vorhänge erstmals
öffnet: die schon legendäre Eisenbahn, die hier fast in jeder
Saison durch die Eröffnungsszene fährt, besetzt mit einem großen
Teil des Ensembles. Vom Dach winkt ein prächtiger Weihnachtsmann
im Rentierschlitten. Kleine Geweihe tragen auch die sechs
Tänzerinnen des Balletts, Solo-Violinistin Evelin Podolianchuk
spielt inmitten der Manege, und auf dem Orchesterpodium
begleiten sie die bewährten Musiker von Misha Kohoklov aus der
Ukraine. Natürlich singt wieder Karen McDawn aus Österreich. Wie
gewohnt überzeugt sie nicht nur mit ihrer starken Stimme,
sondern auch mit ihrer temperamentvoll-extrovertierten Art.
 
Dezhou Acrobatic Troupe,
Ballett
In die Kategorie „bestens
vertraut“ passt auch die Dezhou Acrobatic Troupe – dies
allerdings nicht aus dem Karlsruher Weihnachtscircus, sondern
aus dem Tourneeprogramm und den beiden Weihnachtsproduktionen
des Zirkus Charles Knie. Die chinesischen Damen bewegen zum
Auftakt Fischfiguren an langen Stäben, ihre Landsmänner tragen
Kostüme mit Schuppenmuster. Neben diesem maritimen Thema widmen
die Akrobaten sich aber vorwiegend ihren hervorragenden
Leistungen beim Reifenspringen, mal in dichter Abfolge
nacheinander, mal in entgegengesetzter Richtung durch
aufeinander stehende Reifen und schließlich in immer größere
Höhen. Ein eindrucksvoller Start in die Spielfolge. Immer wieder
gerne erfreuen wir uns an den humorvollen und mit hervorragender
Mimik, aber stumm gespielten Szenen von Clown André (Broger),
der erstmals von der Direktionsfamilie Joachim und Rosemarie
Sperlich engagiert wurde. Zunächst geht er auf die Jagd nach
einer imaginären Fliege, die hier zuletzt und somit bekanntlich
am besten lacht. Mystisch wird es, wenn das Ballett in
orientalischen Kostümen und, in der abgedunkelten Manege, mit
leuchtenden Kugeln in den Händen die nächste Darbietung
einleitet.
 
Giovanni Kaselowsky, Miss
Dorothea
Nach vier Jahren zurück beim
Karlsruher Weihnachtscircus ist Giovanni Kaselowsky, der
wiederum eine hervorragend laufende Freiheitsdressur mit drei
Schimmeln und drei Braunen vorstellt. Die Variante des
Gegenlaufs in zwei Gruppen mit jeweils drei Pferden
nebeneinander, gleichzeitiges Drehen aller Tiere in gegenläufige
Richtungen, Flechten zu dritt oder der Rückwärtsgang zweier
Rösser gehören zum Repertoire. Besonders eindrucksvoll wirkt
natürlich der Gruppensteiger des gesamten Sechserzuges. Die
nächste Tiernummer folgt direkt im Anschluss. Aus der im
Programmheft genannten Schafherde wird hier ein Solo-Schaf. Für
diese kleine Dressur wählt Miss Dorothea – alias Barbara Schnegg
– auf ironische Weise den ganz großen Auftritt, dies im
zweifarbigen Revue-Kleid und mit einem gewaltigen Federschmuck
auf dem Kopf. Einen Teppich ausrollen, Futter vom Mund der
Vorführerin abnehmen, mit solcherlei Kunststücken unterhält uns
das brave Schaf.
 
Trio Auria, Flying
Henriqez
Wenn Clown André zwei
Brotscheiben aus einem Toaster springen lassen und in einem
silbernen Korb auf seinem Kopf fangen will, dann findet auch
diese amüsante Geschichte – wie schon zuvor bei der
Fliegen-Reprise – einen etwas anderen Abschluss als erwartet.
Den bezaubernden jungen Frauen des Trios Auria hätte man ein
erhöhtes Podium gegönnt, denn aufgrund der Arbeit direkt am
Boden sind ihre lebenden Statuen nicht optimal zu sehen. In
kunstvoller Weise türmen die drei Damen ihre Körper aufeinander.
Schwierige Tricks, bis hin zum Spagat auf jeweils einem nach
oben ausgestreckten Arm der Unterfrauen, werden stets mit einem
Lächeln präsentiert. Alles, was uns in diesem schönen Programm
gezeigt wird, hat Qualität, nur fällt es nicht ganz leicht, mit
den zur Verfügung stehenden Darbietungen den ganzen Abend zu
füllen. So ist offenbar eine gewisse Streckung erforderlich, um
den ersten Programmteil auf eine volle Stunde zu bringen. Erst
eine Licht- und Lasershow, dann ein Auftritt des von der
Violinistin begleiteten Balletts auf den Tribünentreppen, dann
schließlich ein Einsatz des Balletts in der Manege mitsamt der
singenden Karen McDawn („Lets get loud“) sind dem Netzaufbau und
der großen Trapeznummer der „Flying Henriquez“ vorangestellt.
Truppenchef Patricio Alexis Henriquez Rojas aus Chile
beeindruckt mit seinem Rückwärtssalto mit Piroutte. Zu den
Besonderheiten dieser Nummer gehören darüber hinaus die beiden
äußeren Bahnen auf denen – hier ohne Fänger – eingangs von
Schaukel zu Schaukel gesprungen wird. Der Dreifache mag einem
jüngeren Flieger in dieser Vorstellung auch beim dritten Versuch
nicht gelingen. Dafür wird die nachfolgende Passage sicher
beherrscht. Mit einem Transparent mit Schriftzug „Pause“, das
die Tänzerinnen des Balletts ausrollen, werden wir in die
Unterbrechung verabschiedet.
 
Familie Kaselowsky, Face
Team
Zum Auftakt der zweiten Hälfte
bringt die Familie Kaselowsky – die Eltern Giovanni und Angela
mit einem ihrer Söhne – begleitet von schwungvoller Livemusik
ihre Haustierrevue in den roten Ring. Schwarz-weiß sind sowohl
die Ziegen als auch die Hunde. Erstere beweisen ihre
Geschicklichkeit beim Balkenlauf, beide Tierarten üben sich im
Reifenspringen. Nach dem „Ententanz“ watscheln tatsächlich aus
einem kleinen Circuswagen Enten heraus und sausen unter anderem
eine Rutschbahn hinunter. Die Laune bleibt gut, wenn André
Broger anschließend sein Wischmopp-Duett mit sich selbst
performt. Allein die unzähligen Kopien dieser Nummer durch
andere Clowns beweisen, dass sie ein echter Klassiker ist. Doch
Andrés Variante ist unverwechselbar und unerreicht. Die immer
weiter steigende Zahl an Weihnachtscircussen bringt es mit sich,
dass auch Circustruppen offensichtlich beliebig geklont werden
können und letztendlich müssen, um die ganzen Shows zu füllen.
Und so gibt es in diesem Winter die Basketball-Akrobatik des
Face Teams aus Ungarn außer im knapp 90 Kilometer entfernten
Heilbronn auch in Karlsruhe. Das Erfolgsrezept ist das gleiche:
Die sportlichen Jungs, hier sechs an der Zahl, korben ihre Bälle
nach Sprüngen über ein kleines Trampolin auf alle möglichen,
spektakulären Weisen ein, auch in Kombination mit Pirouetten,
Salti und der Überquerung von Partnern. Dazu gibt es ein
mitreißendes musikalisches Medley mit unter anderem „YMCA“,
Tanzeinlagen und Jonglagen, die einer der Artisten mit den
großen Bällen beherrscht. Mal lässt er sie, auch zwei
aufeinander, auf einem Finger rotieren, mal schickt er sie zu
diversen Wurfmustern in die Luft. Insgesamt ein großer Spaß!
 
Rocio Henriquez, Evelin
Podolianchuk
Mit einem stimmungsvollen Tanz in
beleuchteten Kostümen zu „Carol of the Bells“ von Lindsey
Stirling – hier auf der Violine gespielt von Evelin Podolianchuk
– leitet das Ballett über zur Darbietung von Rocio Henriquez am
Flying Pole. Mit strahlendem Lächeln kreist sie in schnellen
Wirbeln ums Requisit. Freilich ist der Auftritt auch schnell
wieder vorüber. Sehr gut kommt beim Publikum die Szene an, die
sich am stärksten mit dem Namen von André Broger verbunden hat,
sein Kampf gegen einen „Haifisch“ in einer großen, blauen
Badewanne.
 
Skating Rebels, Dezhou Acrobatic Troupe
Bei verschiedenen Engagements
erlebten wir in der Vergangenheit das junge Duo „The Skating
Rebels“. Gergö Török ist geblieben, doch inzwischen arbeitet er
mit Vivien Lauri als neuer Partnerin. Auch mit ihr bringt er in
hohem Tempo alle Facetten einer klassischen Rollschuhnummer auf
die kleine, runde Fläche, bis hin zu ihrem Genickhangwirbel.
Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, bei denen Vivien
Lauri an nur einem Fuß gehalten fliegt und dem Podium mit dem
Kopf immer wieder bedrohlich nahe kommt. Noch einmal begeistert
uns die Dezhou Acrobatic Troupe, nunmehr mit Diabolospielen in
einer ganz großen Choreographie mit allen 14 Personen – mal
stehen fünf Jungs nebeneinander und geben ein Diabolo von Schnur
zu Schnur weiter; mal lässt ein Damen-Quartett vier der
Doppelkegel synchron tanzen, mal gibt es Passagen für Solisten,
dies in Kombination mit Salti und Pirouetten. Gewohnt
ausführlich zelebriert wird das anschließende Finale mit dem
gesamten Ensemble. Das Publikum spendet tosenden Applaus.
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