|
Wir erleben einige
Acts, die in Deutschland weitgehend unbekannt sind. Teilweise
neue Genres, aber auch grundsätzlich bekannte Disziplinen, die
hier auf ein anderes Level gehoben werden. Präsentiert von
spannenden, originellen Artisten. Dazu gibt es bekannte
Darbietungen. Einen Monat nach dem Besuch der Show bin ich mir
nach wie vor unschlüssig, ob mir die Show „gefallen“ hat. Helle
Begeisterung will sich nicht einstellen, zumal die Inszenierung
hier schon stärker war. Andererseits ist diese Produktion eine
enorme Horizonterweiterung mit vielen aufregenden Neuigkeiten.
  
Ordonez,
Cheryl Birch, Pierre Marchand
Witzig umgesetzt
sind die Sicherheitshinweise. Unter anderem mit
überdimensionaler Fluppe auf der schwarz-gelb gemusterten Bühne
und fotografierendem Artisten auf dem Gradin. Für den Sound
sorgt DJane Michelle, die mit ihrer Technik über dem
Artisteneingang thront. In das Opening integriert ist der Aufbau
der riesigen Bahnen für die Formation Ordonez. Zu fünft jagen
sie auf ihren BMX-Rädern durch die beiden hintereinander
installierten Halfpipes. Viel Tempo und abgefahrene Sprünge
sorgen gleich zu Beginn für ordentlich Action und beste
Stimmung. Danach richten sich die Blicke des Publikums auf die
mittlere Treppe der Sitzeinrichtung. Dort hat der bestens
bekannte Frank Fabry seinen ersten Auftritt. In düsterer
Aufmachung und mit rauchiger Stimmung singt er sein erstes Lied.
Auf einer Decke liegend wird Cheryl Birch an den Haaren über die
Bühne gezogen. Dann geht es für die in Las Vegas lebende
Künstlerin in die Luft. Dies im Zopfhang. Mit schwarz umrandeten
Augen und einem sehr skurrilen Spiel schließt man die Artistin
nicht spontan ins Herz. Das ist natürlich so gewollt und
irgendwie wird Cheyl Birch einem im Laufe ihrer Nummer dann doch
noch sympathisch. Ein Publikumsliebling ohne Umschweife ist
Pierre Marchand. Der Diabolo-Star aus Frankreich hat die
Zuschauer im Handumdrehen für sich gewonnen. Voller Energie fegt
er über die Bühne und schickt seine Doppelkegel auf immer neue
Bahnen. Bis zu drei davon jongliert er gleichzeitig. Zum
Abschluss lässt er sich Richtung Kuppel ziehen, während er zwei
Diabolos tanzen lässt.
  
Shak, Sos &
Victoria, Duo Marly
Und schon
verlassen wir die klassischen Circuspfade wieder. Shak nennt
sich der muskulöse Herr, dessen beeindruckenden Oberkörper
mehrere Tattoos zieren. Er trägt eine lange schwarze Hose und
sein Gesicht ist bis auf die Augen mit einem schwarzen Tuch
bedeckt. Nach der ersten Sequenz dürfen wir dann sein ganzes
Gesicht sehen. Vor allem aber dürfen wir verfolgen, wie Shak
seinen Körper auf extreme Weise verbiegt. Er gewinnt der
Disziplin Klischnigg ganz neue Aspekte ab. Die
Quick-Change-Illusionen von Sos & Victoria zu sehen, stand schon
länger auf meiner Wunschliste. Ihre Kostümwechsel in
atemberaubendem Tempo sind wirklich grandios und werden in
schneller Abfolge präsentiert. Eine kleine Zauberei mit Feuer
ist integriert, der letzte Tausch des Kleides durch Victoria
findet im Glitterregen statt. Zu sehr in die Länge gezogen wird
allerdings ihre anschließende Illusion mit einem Zuschauer. Das
fällt gerade in einer ansonsten sehr flott gestalteten Show auf
und nimmt Tempo heraus. In die Pause geht es mit den Siegerinnen
des Festivals. Das Duo Marly konnte die meisten der Stimmen auf
sich ziehen, die wiederum zufällig ausgewählte Zuschauer
vergeben durften. Ausgezeichnet wurden Charlotte Fischer und
Marlene Ziechmann für ihre Kür am Luftring. Wir erleben schöne
Figuren, die die beiden synchron arbeiten, vor allen Dingen aber
Kunststücke, bei denen Charlotte den tragenden Part übernimmt.
Etwa wenn sie mit ihrem im rechten Winkel gebeugten Körper am
Ring hängt und Marlene an einem Bein festhält. Für die
besonderen Effekte sorgt eine Waterbowl, in die die Artistinnen
immer wieder eintauchen und eine Runde schwimmen. Wenn es dann
in die Höhe gehen, fliegen die Wassertropfen.
  
Alan
Portugal, Alex Magala, Duo Kvas
Michelle eröffnet
den zweiten Teil an ihrem DJ-Pult musikalisch. Dann folgt wieder
eine Nummer, wie ich sie so im Circus noch nie gesehen haben.
Alan Portugal springt von einer Plattform, die an einer Leiter
befestigt ist, kopfüber in die Tiefe und schließt mehrere
Überschläge auf dem Boden an. Der Absprungpunkt wird immer
weiter nach oben versetzt. Was der Mexikaner zeigt, ist absolut
spektakulär und sicher nicht risikolos. Seine Nummer erinnert
ein wenig an die aus Freizeitparks bekannten Acapulco-Todesspringer.
Nur dass eben unten kein Wasserbecken, sondern die harte Bühne
wartet. Und es geht spektakulär weiter. Zunächst fliegt Alex
Magala durch die Luft und versprüht ein Feuerwerk aus einer
großen Maschinenpistole. Dann erleben wir ihn in seiner
eigentlichen Profession, dem Schwertschlucken. Zunächst lässt er
ein Leuchtschwert in seinem Rachen verschwinden. Danach ein sehr
langes aus Metall. Damit klettert er einen Mast hinauf. Hinunter
rutscht er kopfüber – das Schwert nach wie vor in seinem Körper.
Nervenkitzel pur. Nach dem nächsten musikalischen Auftritt von
Frank Fabry steht mit der Motorradkugel ein Flic-Flac-Klassiker
auf dem Programm. Bis zu acht Fahrer aus dem Hause Gerling jagen
gleichzeitig durch durch den großen stählernen Globus. Damit
landen sie im Zuschauervoting auf dem zweiten Rang. Platz drei
geht an das Duo Kvas. Bei ihrer Partner-Equilibristik sehen wir
die Artisten im Hand-auf-Hand, Hand-auf-Kopf und Kopf-auf-Kopf.
Alle Tricks werden ohne Hilfsmittel gezeigt. Vladimir Kostenko
und Anton Savchenko scheinen sich blind zu verstehen, so
harmonisch werden hier starke Tricks präsentiert.
 
Johan
Halvarson, Alexa Rizaeva, Auswahl der Jurymitglieder
Auf Ablenkung
basiert die Kunst von Johan Halvarson. Er ist Taschendieb und
Comedian. Als Opfer wählt er einen nicht mehr ganz jungen Herrn
aus dem Publikum, der plötzlich vor vollbesetzten Rängen im
Scheinwerferlicht steht. Schon das ist eine nicht eben
behagliche Situation. Dazu gibt es Spielchen mit einem gelben
Ball sowie verbale Interaktionen. All das nutzt Johan Halvarson,
um seinen Gast um Geldbörse, Uhr, Krawatte und weitere
Gegenstände zu erleichtern. Dies freilich nur temporär. Alexa
Rizaeva zieht die Blicke der Zuschauer noch einmal Richtung
Kuppel. Ihre sinnliche Darbietung am Flying Pole arbeitet sie
zeitweilig in beachtlicher Höhe. Rotes Licht, Glühbirnen und
Nebel auf der Bühne bilden den Rahmen für anspruchsvolle Tricks,
die nicht nur wunderschön aussehen, sondern auch großes Können
erfordern. Die Auswahl der Jurymitglieder übernimmt sodann ein
Hund. Mit Unterstützung seiner menschlichen Partnerin bedient er
eine Ballmaschine. Wer einen der Bälle fängt, darf nach der Show
im Vorzelt seine Stimme abgeben. Etwa für die FMX Jumper, die
mit Sprüngen auf Motorrädern für die Schlussnummer sorgen. Von
einer Rampe auf der mittleren Treppe des Gradins geht es in
abgefahrenen Sätzen hinüber zu einer erhöhten Plattform. Bei
jeder Runde strapazieren die Biker mit neuen spektakulären Moves
unsere Nerven. Zum Finale begeben sich alle Mitwirkenden über
den Zuschauerraum auf die Bühne, wo sie den frenetischen Applaus
entgegennehmen. |