CHPITEAU.DE

Festival der Artisten Kassel 2025/26
www.flicflac.de ; 110 Showfotos

Kassel, 4. Januar 2026: Die erste Überraschung gibt es schon, wenn man sich dem Friedrichsplatz nähert. Die Masten sind zurück. Das für dieses 16. Festival der Artisten eingesetzte Chapiteau aus dem Bestand von Flic Flac hat vier Hauptmasten. Auf den Komfort der außenliegenden Rundbögen mit freier Sicht im Inneren müssen wir in diesem Winter verzichten. Auch das in der letzen Spielzeit erstmalig eingesetzte 360-Grad-Gradin hat jetzt wieder eine „Lücke“ für den Artisteneingang. Somit ist es möglich, etwa eine Motorradkugel oder eine Halfpipe zu zeigen, die man, wie die größeren Requisiten vor einem Jahr, nicht mal eben unter die Kuppel ziehen kann. Das Programm ist sehr „spannend“ zusammengestellt und sogar für Flic Flac außergewöhnlich.

Wir erleben einige Acts, die in Deutschland weitgehend unbekannt sind. Teilweise neue Genres, aber auch grundsätzlich bekannte Disziplinen, die hier auf ein anderes Level gehoben werden. Präsentiert von spannenden, originellen Artisten. Dazu gibt es bekannte Darbietungen. Einen Monat nach dem Besuch der Show bin ich mir nach wie vor unschlüssig, ob mir die Show „gefallen“ hat. Helle Begeisterung will sich nicht einstellen, zumal die Inszenierung hier schon stärker war. Andererseits ist diese Produktion eine enorme Horizonterweiterung mit vielen aufregenden Neuigkeiten.


Ordonez, Cheryl Birch, Pierre Marchand

Witzig umgesetzt sind die Sicherheitshinweise. Unter anderem mit überdimensionaler Fluppe auf der schwarz-gelb gemusterten Bühne und fotografierendem Artisten auf dem Gradin. Für den Sound sorgt DJane Michelle, die mit ihrer Technik über dem Artisteneingang thront. In das Opening integriert ist der Aufbau der riesigen Bahnen für die Formation Ordonez. Zu fünft jagen sie auf ihren BMX-Rädern durch die beiden hintereinander installierten Halfpipes. Viel Tempo und abgefahrene Sprünge sorgen gleich zu Beginn für ordentlich Action und beste Stimmung. Danach richten sich die Blicke des Publikums auf die mittlere Treppe der Sitzeinrichtung. Dort hat der bestens bekannte Frank Fabry seinen ersten Auftritt. In düsterer Aufmachung und mit rauchiger Stimmung singt er sein erstes Lied. Auf einer Decke liegend wird Cheryl Birch an den Haaren über die Bühne gezogen. Dann geht es für die in Las Vegas lebende Künstlerin in die Luft. Dies im Zopfhang. Mit schwarz umrandeten Augen und einem sehr skurrilen Spiel schließt man die Artistin nicht spontan ins Herz. Das ist natürlich so gewollt und irgendwie wird Cheyl Birch einem im Laufe ihrer Nummer dann doch noch sympathisch. Ein Publikumsliebling ohne Umschweife ist Pierre Marchand. Der Diabolo-Star aus Frankreich hat die Zuschauer im Handumdrehen für sich gewonnen. Voller Energie fegt er über die Bühne und schickt seine Doppelkegel auf immer neue Bahnen. Bis zu drei davon jongliert er gleichzeitig. Zum Abschluss lässt er sich Richtung Kuppel ziehen, während er zwei Diabolos tanzen lässt.


Shak, Sos & Victoria, Duo Marly

Und schon verlassen wir die klassischen Circuspfade wieder. Shak nennt sich der muskulöse Herr, dessen beeindruckenden Oberkörper mehrere Tattoos zieren. Er trägt eine lange schwarze Hose und sein Gesicht ist bis auf die Augen mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Nach der ersten Sequenz dürfen wir dann sein ganzes Gesicht sehen. Vor allem aber dürfen wir verfolgen, wie Shak seinen Körper auf extreme Weise verbiegt. Er gewinnt der Disziplin Klischnigg ganz neue Aspekte ab. Die Quick-Change-Illusionen von Sos & Victoria zu sehen, stand schon länger auf meiner Wunschliste. Ihre Kostümwechsel in atemberaubendem Tempo sind wirklich grandios und werden in schneller Abfolge präsentiert. Eine kleine Zauberei mit Feuer ist integriert, der letzte Tausch des Kleides durch Victoria findet im Glitterregen statt. Zu sehr in die Länge gezogen wird allerdings ihre anschließende Illusion mit einem Zuschauer. Das fällt gerade in einer ansonsten sehr flott gestalteten Show auf und nimmt Tempo heraus. In die Pause geht es mit den Siegerinnen des Festivals. Das Duo Marly konnte die meisten der Stimmen auf sich ziehen, die wiederum zufällig ausgewählte Zuschauer vergeben durften. Ausgezeichnet wurden Charlotte Fischer und Marlene Ziechmann für ihre Kür am Luftring. Wir erleben schöne Figuren, die die beiden synchron arbeiten, vor allen Dingen aber Kunststücke, bei denen Charlotte den tragenden Part übernimmt. Etwa wenn sie mit ihrem im rechten Winkel gebeugten Körper am Ring hängt und Marlene an einem Bein festhält. Für die besonderen Effekte sorgt eine Waterbowl, in die die Artistinnen immer wieder eintauchen und eine Runde schwimmen. Wenn es dann in die Höhe gehen, fliegen die Wassertropfen.


Alan Portugal, Alex Magala, Duo Kvas

Michelle eröffnet den zweiten Teil an ihrem DJ-Pult musikalisch. Dann folgt wieder eine Nummer, wie ich sie so im Circus noch nie gesehen haben. Alan Portugal springt von einer Plattform, die an einer Leiter befestigt ist, kopfüber in die Tiefe und schließt mehrere Überschläge auf dem Boden an. Der Absprungpunkt wird immer weiter nach oben versetzt. Was der Mexikaner zeigt, ist absolut spektakulär und sicher nicht risikolos. Seine Nummer erinnert ein wenig an die aus Freizeitparks bekannten Acapulco-Todesspringer. Nur dass eben unten kein Wasserbecken, sondern die harte Bühne wartet. Und es geht spektakulär weiter. Zunächst fliegt Alex Magala durch die Luft und versprüht ein Feuerwerk aus einer großen Maschinenpistole. Dann erleben wir ihn in seiner eigentlichen Profession, dem Schwertschlucken. Zunächst lässt er ein Leuchtschwert in seinem Rachen verschwinden. Danach ein sehr langes aus Metall. Damit klettert er einen Mast hinauf. Hinunter rutscht er kopfüber – das Schwert nach wie vor in seinem Körper. Nervenkitzel pur. Nach dem nächsten musikalischen Auftritt von Frank Fabry steht mit der Motorradkugel ein Flic-Flac-Klassiker auf dem Programm. Bis zu acht Fahrer aus dem Hause Gerling jagen gleichzeitig durch durch den großen stählernen Globus. Damit landen sie im Zuschauervoting auf dem zweiten Rang. Platz drei geht an das Duo Kvas. Bei ihrer Partner-Equilibristik sehen wir die Artisten im Hand-auf-Hand, Hand-auf-Kopf und Kopf-auf-Kopf. Alle Tricks werden ohne Hilfsmittel gezeigt. Vladimir Kostenko und Anton Savchenko scheinen sich blind zu verstehen, so harmonisch werden hier starke Tricks präsentiert.


Johan Halvarson, Alexa Rizaeva, Auswahl der Jurymitglieder

Auf Ablenkung basiert die Kunst von Johan Halvarson. Er ist Taschendieb und Comedian. Als Opfer wählt er einen nicht mehr ganz jungen Herrn aus dem Publikum, der plötzlich vor vollbesetzten Rängen im Scheinwerferlicht steht. Schon das ist eine nicht eben behagliche Situation. Dazu gibt es Spielchen mit einem gelben Ball sowie verbale Interaktionen. All das nutzt Johan Halvarson, um seinen Gast um Geldbörse, Uhr, Krawatte und weitere Gegenstände zu erleichtern. Dies freilich nur temporär. Alexa Rizaeva zieht die Blicke der Zuschauer noch einmal Richtung Kuppel. Ihre sinnliche Darbietung am Flying Pole arbeitet sie zeitweilig in beachtlicher Höhe. Rotes Licht, Glühbirnen und Nebel auf der Bühne bilden den Rahmen für anspruchsvolle Tricks, die nicht nur wunderschön aussehen, sondern auch großes Können erfordern. Die Auswahl der Jurymitglieder übernimmt sodann ein Hund. Mit Unterstützung seiner menschlichen Partnerin bedient er eine Ballmaschine. Wer einen der Bälle fängt, darf nach der Show im Vorzelt seine Stimme abgeben. Etwa für die FMX Jumper, die mit Sprüngen auf Motorrädern für die Schlussnummer sorgen. Von einer Rampe auf der mittleren Treppe des Gradins geht es in abgefahrenen Sätzen hinüber zu einer erhöhten Plattform. Bei jeder Runde strapazieren die Biker mit neuen spektakulären Moves unsere Nerven. Zum Finale begeben sich alle Mitwirkenden über den Zuschauerraum auf die Bühne, wo sie den frenetischen Applaus entgegennehmen.

Bei diesem 16. Festival der Artisten überrascht uns Flic Flac mit vielen spannenden Neuentdeckungen. Insbesondere für die zahlreichen Stammbesucher der Vorstellungen in Kassel wichtig, wollen sie doch Jahr für Jahr mit anderen Attraktionen begeistert werden. Genauso bekommen sogar passionierte Circusfans neuartige Acts zu sehen. Freuen dürfen wir uns definitiv schon auf den kommenden Winter. Denn dann wird Rene Casselly diese Produktion übernehmen.

________________________________________________________________________
Text und Fotos: Stefan Gierisch